DANKE, WIR KÖNNEN NICHT KLAGEN
Es gibt Sätze, die sagt man so selbstverständlich dahin wie:
»Muss ja.« – »Wird schon.« – »Kann schlimmer sein.« Oder eben: »Danke, wir
können nicht klagen.«
Ein Satz, hinter dem sich ungefähr alles verstecken kann.
Vom Bandscheibenvorfall bis zur Ehekrise. Von der Sinnsuche bis zur Frage, ob
man den Joghurtbecher jetzt in den Plastik-, den Restmüll oder aus schlechtem
Gewissen gleich in den Biomüll werfen müsste. In der olympischen Disziplin der
heruntergedimmten Zufriedenheit sind wir Weltmeister.
Genau dort beginnt Ruth Wittigs wunderbarer Roman.
Eigentlich passiert gar nichts. Also nichts, was heutzutage noch als »etwas«
gilt. Keine Leichen. Keine Geheimagenten. Keine psychopathischen Mörder.
Niemand rettet die Welt, niemand wird Milliardär, niemand gründet eine
Achtsamkeits-App für vegan lebende Hamster. Stattdessen passiert etwas viel
Gefährlicheres: Das Leben. Die einzigen wirklichen Killer sind hier die Zeit,
der Alltag und die kleinen, kaum sichtbaren Risse, die sich über Jahrzehnte durch
Beziehungen ziehen. Das Buch beschreibt jenen merkwürdigen Lebensabschnitt, in
dem man plötzlich merkt, dass die Zukunft zwar noch existiert, aber nicht mehr
unendlich viele Kapitel hat. Gleichzeitig verlangt die Gegenwart Dinge von
einem, bei denen man sich fragt, wer sich diesen Irrsinn eigentlich ausgedacht
hat.
Lene und Enzo sind Ende fünfzig. Alt genug, um zu wissen,
dass man nicht mehr alles werden kann. Jung genug, um sich einzureden, es
vielleicht doch noch zu schaffen. Zwei Menschen, die sich lieben, sich manchmal
auf die Nerven gehen, sich Freiräume lassen, sich verlieren könnten und
trotzdem immer wieder umeinander kreisen wie zwei Planeten, die ihre Umlaufbahn
längst kennen, aber trotzdem hoffen, unterwegs noch einen Kometen mitzunehmen.
Sie gehören zu jener Generation, die plötzlich gleichzeitig
nachhaltig leben, woke sprechen, Elternhäuser entrümpeln, Kinder loslassen,
Berufskarrieren verabschieden, erotische Restwärme verwalten und nebenbei
möglichst entspannt altern soll. Mit Wärmepumpe und unter dem neuen Credo, dass
Sechzig heute das neue Vierzig ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Viel
Vergnügen.
Ruth Wittig erzählt all das mit einer Leichtigkeit, die
trügerisch ist. Denn unter der Oberfläche passiert unglaublich viel. Wer nun
behauptet, dieses Buch bestehe nur aus einzelnen Episoden ohne roten Faden, hat
vermutlich auch schon einmal ein Puzzle nach dem ersten Teilchen enttäuscht
wieder eingepackt. Denn gerade die scheinbaren Nebensächlichkeiten ergeben das
eigentliche Bild. Das junge Nachbarspaar: Als Spiegel, als Erinnerung daran,
wie man einmal war. Oder hätte sein können. Die Räumung des Elternhauses, weit
mehr als Entrümpelung. Die Begegnungen mit früheren Lieben.
Familiengeschichten. Sehnsüchte. Kleine Lügen. Unausgesprochene Wünsche. Selbst
Gespräche über Heizsysteme, Wohnformen oder nachhaltiges Leben sind eben keine
Abschweifungen, sondern Symptome unserer Zeit. Alles fügt sich langsam, fast
unmerklich, zu einem erstaunlich präzisen Porträt einer Generation zusammen,
die plötzlich merkt, dass die zweite Lebenshälfte längst begonnen hat, ohne
vorher höflich anzuklopfen.
Was Ruth Wittig grossartig beherrscht, ist die Kunst, das
scheinbar Banale ernst zu nehmen. Nicht bedeutungsschwanger. Nicht pathetisch.
Aber mit Präzision. Ihre Figuren sind fein gezeichnet. Niemand wird vorgeführt.
Niemand ist Karikatur. Die Protagonisten bestehen aus Fleisch und Blut und
gelegentlichen Selbsttäuschungen. Gerade deshalb funktionieren sie so gut. Die
kleinsten Dialoge besitzen eine psychologische Genauigkeit, bei der man sich
mehr als einmal ertappt fühlt. Leider. Oder glücklicherweise. Denn ständig
denkt man: Ach herrje... das bin ja ich. Oder meine Freunde. Oder dieses Paar
zwei Häuser weiter. Wir alle.
Wittigs Pointen kommen dabei nicht mit der Brechstange
daher, sondern über diese wunderbare, fast britische Form der Alltagskomik.
Über Situationen, die deshalb so komisch sind, weil sie erschreckend wahr sind.
Weil das Leben inzwischen tatsächlich aus Diskussionen über ökologische
Heizsysteme, nachhaltiges Sterben und der permanenten Angst besteht, irgendwo
wieder in ein gesellschaftliches Fettnäpfchen zu treten, das gestern noch gar
keines war.
Alle kämpfen sich irgendwie durch dieses seltsame
Lebensalter, in dem man plötzlich merkt, dass man statistisch näher an der
Rente als an der Pubertät lebt, innerlich aber immer noch glaubt, spätestens
nächstes Jahr werde alles ganz anders. Spoiler: Wird es vermutlich nicht. Aber
genau darin liegt die Schönheit dieses Romans. Er erzählt nicht vom grossen
Ausnahmezustand. Er erzählt vom ganz normalen Wahnsinn. Von den tausend kleinen
Verschiebungen einer langen Beziehung. Von Familiengeschichten, die noch Jahrzehnte
später nachwirken. Von erotischen Restbeständen, Zukunftsplänen, Zweifeln,
Erinnerungen, Hoffnungen und der Erkenntnis, dass Liebe manchmal weniger ein
Feuerwerk als eine erstaunlich langlebige Glut ist.
Dabei schwingt stets eine sanfte Melancholie mit. Denn
hinter aller Ironie geht es um ziemlich grosse Fragen: Wer bin ich eigentlich
noch, wenn der Beruf langsam verschwindet? Was bleibt von einer Liebe, wenn sie
sich in jahrzehntelanger Verlässlichkeit eingerichtet hat? Wie viel
Vergangenheit trägt man mit sich herum, ohne es zu merken? Und wie viele
Geschichten der Eltern leben unbemerkt im eigenen Leben weiter?
Das alles erzählt Wittig nicht schwerblütig, sondern mit
einer angenehm unaufgeregten Eleganz. Die sechs »Bilder«, aus denen der Roman
besteht, wirken fast wie die Folgen einer klugen Fernsehserie. Jede Episode
erweitert den Blick, jede bringt eine neue Facette hinzu, bis sich am Ende ganz
selbstverständlich die eigentliche Geschichte offenbart.
Und plötzlich versteht man auch den Titel. »Danke, wir
können nicht klagen.« Das ist kein Ausdruck von Zufriedenheit. Es ist einfach
der Satz einer Generation, die gelernt hat, mit den Brüchen des Lebens zu
leben, ohne aus jedem davon gleich einen Podcast zu machen.
Für mich ist dieses Buch eine wunderbar kluge Realsatire
über das Älterwerden. Über Partnerschaft. Über den Irrsinn unserer Gegenwart.
Und über die leise Erkenntnis, dass das Leben auch im reiferen Alter keineswegs
fertig erzählt ist. Ein grosses Vergnügen. Warmherzig. Witzig. Lebensklug.
Psychologisch fein beobachtet. Und mit einem Humor ausgestattet, der nie laut
werden muss, um ins Schwarze zu treffen. Ein Buch für Boomer, die Generation X
und alle anderen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass auch
jenseits der Fünfzig noch etwas passieren darf. Vielleicht sogar das Leben.
Danke, wir können nicht klagen
Paarporträt in sechs Bildern
Ruth Wittig
edition bücherlese
206 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-03981-027-7












