NACHLASSPLANUNG
«Bestellen Sie den Testamente-Ratgeber
und geben Sie Ihre Werte weiter»
Meine Werte können’se gerne haben
Mein Geld werde ich verprassen
Das wird mir nicht schwerfallen
Wo wenig ist
wird noch weniger zu vererben sein
Und für den unwahrscheinlichen Fall
Dass am Ende doch noch etwas übrig ist
Wird das sicher keine Partei
Kein Staatsorgan
Oder sonst eine Institution bekommen
Die mit ernster Stimme behauptet
Sie kümmere sich um meine Zukunft
Ende ist das Stichwort
Man könnte meinen meines naht
Seit Wochen flattert Post ins Haus
Als säße irgendwo ein Kalenderbeamter
Der heimlich Kreuze hinter meinen Tagen macht
Regeln
Sie Ihren Nachlass
Denken Sie an später
Sichern Sie Ihre Angehörigen ab
Als wäre das Leben
ein Formblatt mit Ablaufdatum
Dabei werde ich sechzig
Nicht eingesargt
Ich wollte eigentlich noch
ein paar schlechte Entscheidungen treffen
Zu lange wach bleiben
mich verlieben vielleicht
oder wenigstens weiter trotzig Kaffee trinken
ohne Renditegedanken
Doch dauernd ruft jemand an
mit einer Stimme
freundlich wie ein Wartezimmer
und fragt
wie ich meine zweite Säule beziehen wolle
Als gäbe es dort etwas zu holen
außer der Erinnerung
an meinen grandiosen Entschluss
selbstständig zu werden
Selbstständig
dieses Wort klingt am Telefon
immer wie ein kleiner Systemfehler
Man hört förmlich
wie im Großraumbüro jemand innehält
eine Stirnfalte produziert
und in einer Tabelle nachschaut
ob Freiheit vorgesehen ist
Ich besitze nichts
worauf eine Hypothek lasten könnte
Nicht einmal die Sorgen
der Banken gehören mir
Aber Besitzlosigkeit gilt nicht als Konzept
nur als Mangel
den man therapeutisch beraten muss
Auch Kinder habe ich keine
was regelmäßig
zu kleinen Schweigeminuten in der Leitung führt
Dann rauscht es kurz
als müsse man erst die zuständige Abteilung finden
wo Menschen einsortiert werden
die niemanden hinterlassen
außer sich selbst
Früher starb man einfach
Heute stirbt man offenbar erst
wenn alle Kästchen angekreuzt sind
Vielleicht schicken sie einen sonst zurück
mit der Bitte
noch eine Patientenverfügung nachzureichen
zweifach unterschrieben
und möglichst gut lesbar
Je älter ich werde
desto weniger glaube ich
dass Ordnung ein Naturgesetz ist
Sie beruhigt die Hinterbliebenen
Mich beruhigt eher
dass manches offen bleibt
Ein ungeklärter Schrank
ein halb voller Notizblock
eine Tasse in der Spüle
das sind vielleicht
die letzten Beweise dafür
dass jemand gelebt hat
statt bloß verwaltet zu werden
Die Zukunft
scheint heute vor allem daraus zu bestehen
den eigenen Abgang sauber vorzubereiten
Vorsorge
Nachlass
Exitstrategie
Man verabschiedet uns vorsorglich
lange bevor wir verschwunden sind
Aber ich bin noch da
mitten im Durcheinander
und habe vorerst nicht vor
mich ordentlich zusammenzufalten
wie ein Schreiben
das archiviert werden soll
Die Würde liegt gerade darin
dem Ende nicht ständig entgegenzurennen
Nicht alles einzutüten
nicht jede Spur zu glätten
nicht jede Möglichkeit
vorsorglich totzurechnen
Und sollte am Ende
doch noch etwas von mir übrig bleiben
Dann hoffentlich
kein ordentlich beschrifteter Ordner
Sondern höchstens
ein schlechter Eindruck
eine offene Rechnung
ein hartnäckiges Lachen
oder der leise Verdacht
dass man auch ungeplant
ein ganzes Leben lang existieren kann

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