Dienstag, 7. Juli 2026

Danke, wir können nicht klagen

 

DANKE, WIR KÖNNEN NICHT KLAGEN

Es gibt Sätze, die sagt man so selbstverständlich dahin wie: »Muss ja.« – »Wird schon.« – »Kann schlimmer sein.« Oder eben: »Danke, wir können nicht klagen.« 

Ein Satz, hinter dem sich ungefähr alles verstecken kann. Vom Bandscheibenvorfall bis zur Ehekrise. Von der Sinnsuche bis zur Frage, ob man den Joghurtbecher jetzt in den Plastik-, den Restmüll oder aus schlechtem Gewissen gleich in den Biomüll werfen müsste. In der olympischen Disziplin der heruntergedimmten Zufriedenheit sind wir Weltmeister.

Genau dort beginnt Ruth Wittigs wunderbarer Roman. Eigentlich passiert gar nichts. Also nichts, was heutzutage noch als »etwas« gilt. Keine Leichen. Keine Geheimagenten. Keine psychopathischen Mörder. Niemand rettet die Welt, niemand wird Milliardär, niemand gründet eine Achtsamkeits-App für vegan lebende Hamster. Stattdessen passiert etwas viel Gefährlicheres: Das Leben. Die einzigen wirklichen Killer sind hier die Zeit, der Alltag und die kleinen, kaum sichtbaren Risse, die sich über Jahrzehnte durch Beziehungen ziehen. Das Buch beschreibt jenen merkwürdigen Lebensabschnitt, in dem man plötzlich merkt, dass die Zukunft zwar noch existiert, aber nicht mehr unendlich viele Kapitel hat. Gleichzeitig verlangt die Gegenwart Dinge von einem, bei denen man sich fragt, wer sich diesen Irrsinn eigentlich ausgedacht hat.

Lene und Enzo sind Ende fünfzig. Alt genug, um zu wissen, dass man nicht mehr alles werden kann. Jung genug, um sich einzureden, es vielleicht doch noch zu schaffen. Zwei Menschen, die sich lieben, sich manchmal auf die Nerven gehen, sich Freiräume lassen, sich verlieren könnten und trotzdem immer wieder umeinander kreisen wie zwei Planeten, die ihre Umlaufbahn längst kennen, aber trotzdem hoffen, unterwegs noch einen Kometen mitzunehmen.

Sie gehören zu jener Generation, die plötzlich gleichzeitig nachhaltig leben, woke sprechen, Elternhäuser entrümpeln, Kinder loslassen, Berufskarrieren verabschieden, erotische Restwärme verwalten und nebenbei möglichst entspannt altern soll. Mit Wärmepumpe und unter dem neuen Credo, dass Sechzig heute das neue Vierzig ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Viel Vergnügen.

Ruth Wittig erzählt all das mit einer Leichtigkeit, die trügerisch ist. Denn unter der Oberfläche passiert unglaublich viel. Wer nun behauptet, dieses Buch bestehe nur aus einzelnen Episoden ohne roten Faden, hat vermutlich auch schon einmal ein Puzzle nach dem ersten Teilchen enttäuscht wieder eingepackt. Denn gerade die scheinbaren Nebensächlichkeiten ergeben das eigentliche Bild. Das junge Nachbarspaar: Als Spiegel, als Erinnerung daran, wie man einmal war. Oder hätte sein können. Die Räumung des Elternhauses, weit mehr als Entrümpelung. Die Begegnungen mit früheren Lieben. Familiengeschichten. Sehnsüchte. Kleine Lügen. Unausgesprochene Wünsche. Selbst Gespräche über Heizsysteme, Wohnformen oder nachhaltiges Leben sind eben keine Abschweifungen, sondern Symptome unserer Zeit. Alles fügt sich langsam, fast unmerklich, zu einem erstaunlich präzisen Porträt einer Generation zusammen, die plötzlich merkt, dass die zweite Lebenshälfte längst begonnen hat, ohne vorher höflich anzuklopfen.

Was Ruth Wittig grossartig beherrscht, ist die Kunst, das scheinbar Banale ernst zu nehmen. Nicht bedeutungsschwanger. Nicht pathetisch. Aber mit Präzision. Ihre Figuren sind fein gezeichnet. Niemand wird vorgeführt. Niemand ist Karikatur. Die Protagonisten bestehen aus Fleisch und Blut und gelegentlichen Selbsttäuschungen. Gerade deshalb funktionieren sie so gut. Die kleinsten Dialoge besitzen eine psychologische Genauigkeit, bei der man sich mehr als einmal ertappt fühlt. Leider. Oder glücklicherweise. Denn ständig denkt man: Ach herrje... das bin ja ich. Oder meine Freunde. Oder dieses Paar zwei Häuser weiter. Wir alle.

Wittigs Pointen kommen dabei nicht mit der Brechstange daher, sondern über diese wunderbare, fast britische Form der Alltagskomik. Über Situationen, die deshalb so komisch sind, weil sie erschreckend wahr sind. Weil das Leben inzwischen tatsächlich aus Diskussionen über ökologische Heizsysteme, nachhaltiges Sterben und der permanenten Angst besteht, irgendwo wieder in ein gesellschaftliches Fettnäpfchen zu treten, das gestern noch gar keines war.

Alle kämpfen sich irgendwie durch dieses seltsame Lebensalter, in dem man plötzlich merkt, dass man statistisch näher an der Rente als an der Pubertät lebt, innerlich aber immer noch glaubt, spätestens nächstes Jahr werde alles ganz anders. Spoiler: Wird es vermutlich nicht. Aber genau darin liegt die Schönheit dieses Romans. Er erzählt nicht vom grossen Ausnahmezustand. Er erzählt vom ganz normalen Wahnsinn. Von den tausend kleinen Verschiebungen einer langen Beziehung. Von Familiengeschichten, die noch Jahrzehnte später nachwirken. Von erotischen Restbeständen, Zukunftsplänen, Zweifeln, Erinnerungen, Hoffnungen und der Erkenntnis, dass Liebe manchmal weniger ein Feuerwerk als eine erstaunlich langlebige Glut ist.

Dabei schwingt stets eine sanfte Melancholie mit. Denn hinter aller Ironie geht es um ziemlich grosse Fragen: Wer bin ich eigentlich noch, wenn der Beruf langsam verschwindet? Was bleibt von einer Liebe, wenn sie sich in jahrzehntelanger Verlässlichkeit eingerichtet hat? Wie viel Vergangenheit trägt man mit sich herum, ohne es zu merken? Und wie viele Geschichten der Eltern leben unbemerkt im eigenen Leben weiter?

Das alles erzählt Wittig nicht schwerblütig, sondern mit einer angenehm unaufgeregten Eleganz. Die sechs »Bilder«, aus denen der Roman besteht, wirken fast wie die Folgen einer klugen Fernsehserie. Jede Episode erweitert den Blick, jede bringt eine neue Facette hinzu, bis sich am Ende ganz selbstverständlich die eigentliche Geschichte offenbart.

Und plötzlich versteht man auch den Titel. »Danke, wir können nicht klagen.« Das ist kein Ausdruck von Zufriedenheit. Es ist einfach der Satz einer Generation, die gelernt hat, mit den Brüchen des Lebens zu leben, ohne aus jedem davon gleich einen Podcast zu machen.

Für mich ist dieses Buch eine wunderbar kluge Realsatire über das Älterwerden. Über Partnerschaft. Über den Irrsinn unserer Gegenwart. Und über die leise Erkenntnis, dass das Leben auch im reiferen Alter keineswegs fertig erzählt ist. Ein grosses Vergnügen. Warmherzig. Witzig. Lebensklug. Psychologisch fein beobachtet. Und mit einem Humor ausgestattet, der nie laut werden muss, um ins Schwarze zu treffen. Ein Buch für Boomer, die Generation X und alle anderen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass auch jenseits der Fünfzig noch etwas passieren darf. Vielleicht sogar das Leben.



Danke, wir können nicht klagen

Paarporträt in sechs Bildern

Ruth Wittig

edition bücherlese

206 Seiten, Hardcover

ISBN: 978-3-03981-027-7


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen