Donnerstag, 4. April 2019

Kaffeeklatsch

Im Café im Park am Nebentisch unterhalten sich zwei ältere Schweizer Damen. Die Braunhaarige erzählt der Blonden, dass sie gestern mit Susi im Kino war. Als mein Name fällt und auch aufgrund ihrer Lautstärke, komme ich nicht umhin zuzuhören:

Blond: Und wars gut?
Braun: Was?
Blond: Der Film.
Braun: Ach so. Ja. Fantastisch. The Wife.
Blond: Ach?!
Braun: Kennste?
Blond: Nein.
Braun: Mit Glenn Gross.
Blond: Close.
Braun: Kennst Du die? Ich nicht.
Blond: Ja. Nein. Also hab schon Fotos gesehn. Eine super Schauspielerin. Engländerin.
Braun: Ah was! Ja der ihr Mann hat den Nobeldings für Litera...also das sind die, die Bücher schreiben.
Blond: Mhh...
Braun: Na jedenfalls hat die Frau in Wirklichkeit alle Bücher geschrieben.
Blond: Ja die Männer. Aber ist es rausgekommen?
Braun: Was?
Blond: Dass sie die Bücher ...
Braun: Nein sie ist gestorben.
Blond: Läck ist die Wiese grün. 
Braun: Leuchtend.
Blond: Welche Farbe hatte eigentlich dein Kleid an deiner zweiten Hochzeit?
Braun: Rot.
Blond: Ja du, jetzt wirds schon drei Jahre, dass er tot ist. 
Braun: Der Brigitt gefällts in der Wohnung.
Blond: Ja, ne schöne Wohnung. 
Braun: Ist die Glenn Close nicht Amerikanerin?
Blond: Nein.

Mittwoch, 3. April 2019

Varanasi - Reaktionen

Erste Reaktionen von bekannten und unbekannten Varanasi-Lesern, per Mail und sogar per Briefpost:

Sehr herzlichen Dank für Ihr Buch. Ich lese es mit grossem Vergnügen und liebe die direkte Art, mit der Sie die Welt dort beobachten. Es werden Erinnerungen wach an meinen Aufenthalt dort in den 70-er Jahren. Viel scheint sich dort noch nicht geändert zu haben.

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Schon bei den ersten Seiten musste ich feststellen, dass ich die Beschreibung der Umstände und des Ortes ziemlich süffig fand. Ich meine, es ging runter wie ein kühles Bier. Keine Verklärung, keine Schönzeichnung. Wunderbar! 



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Ich bin sehr angetan, das geht runter wie nichts, ist spannend und klug, hat einen tollen Ton.

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Ein gut geschriebener Reisebericht, ein gut geschriebenes Buch, ungeschönt und so ganz anders, als die Aussteiger-Hippie-Kommunen-Berichte aus Indien. Das was sie am Anfang schreibt, halte ich ebenfalls für wichtig – es ist ihre Sicht, ihre Erfahrung, die in diesem Buch niedergelegt ist und die keine Allgemeingültigkeit besitzt.

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Ich beglückwünsche Euch zu Eurer Tochter. Ich habe das Buch gelesen und es ist fantastisch.

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Das Varanasi-Cover ist ja der Hammer. Sehr gelungen mit der Ratte und der Katze im Rastanest! Ich finde das Buch super und sehr witzig. Natürlich für Indien-Fans ganz schön hart, aber das tut denen gut, sowas mal zu lesen. Auch sprachlich ist es super. Man merkt schon eine Entwicklung. Sehr lesenswert.

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Ein grossartiges Buch! Ich habe es gelesen und bin schwer begeistert! Leute, kauft Bücher von Susann Klossek.

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Dein Buch gefällt mir gut. Du hast Dir etwas einfallen lassen. Ich lese mit Vergnügen über Dein Varanasi.

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Das war mir vielleicht ne Ehre, der großartigen und weithin unterschätzten Autorin Susann Klossek in Leipzig n kleinen verstohlenen Kuß auf die Backe zu drücken. Ich weiß nicht, wie oft ich es noch sagen und schreiben soll: MACHT EUCH SCHLAU, KAUFT IHRE BÜCHER - IHR WERDET ES NICHT BEREUEN! Und ihr, die ihr nicht das Wasser reichen könnt: haltet die Fresse!

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Das Buch ist sooo gut! Ich kann gar nicht aufhören zu lesen... schicke doch meiner Mutter bitte auch eins.

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Erinnert mich an Célines Reise, klasse geschrieben, und trotz der Hölle auch sehr komisch. Gratulation, da ist dir was gelungen!

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Dein Buch ein Gedicht. Herzlichen Dank!

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Es ist dir ein ausserordentliches, literarisches Buch gelungen, welches bis auf wenige Ausnahmen allen gefallen dürfte. Die Ausnahmen sind Inder, Varanasiliebhaber, Varanasibewohner, Institutsangehörige und Menschen mit angeborenem Nörgelsyndrom.



Varanasi - Endstation Ganges
ISBN: 978-3962750107
Erhältlich bei mir, im Freiraum-Verlag und überall im Buchhandel.
CHF 18.95 / Euro 14.95


Montag, 1. April 2019

Frühling


FRÜHLING

Der betörende Duft von süßem Wind
in dem rosa Kirschblüten zu Boden torkeln
ein Rotkehlchenmann sitzt im Mandelbaum
noch ungeschützt vor Räubern
pfeift er ungeduldig die Liebste herbei
frischer Rasen verdrängt braune Erde
und eine Ameisenkolonie trägt die Reste eines Apfels
in den Sonnenuntergang
an der Kreuzung surrt ein Tesla
und der Italiener gegenüber poliert seine Corvette
in deren Postautogelb sich ein Rabe spiegelt
der Winter hat ausgespielt
unwiderruflich
selbst die Gedanken werden lieblich
Goethes blaues Band flattert durch die Lüfte
Möglichkeiten tun sich auf
werden wir sie wahrnehmen?

Donnerstag, 28. März 2019

Arbeitslos

ARBEITSLOSENODE RELOADED

Morgens stehe ich auf
was mir nicht mal sonderlich schwerfällt
obwohl ich im Grunde liegenbleiben könnte
denn ich habe nichts zu tun
ich habe keinen Job
was mich aufregen, deprimieren oder in Panik versetzen sollte
aber es ist mir egal
im Gegenteil: ich bin froh, aus allem raus zu sein
ab und an schreibe ich IT-Artikel oder Rezensionen zu Büchern
die ich freiwillig nie lesen würde
nicht, weil’s mich interessiert
sondern weil ich’s kann
ich warte auf meine Tage
ich bin über  fällig
wahrscheinlich sind's die Wechseljahre
Wechseljahre -
dämlicher Begriff
ich wechsle nichts
weder Geld noch die Wäsche und auch nicht meine Identität

manchmal formuliere ich im Kopf ein Gedicht
aber bis ich mich aufraffe
es aufzuschreiben
ist's mir meistens entfallen

um 5 nach 3 gucke ich Bares für Rares
für gewöhnlich der Höhepunkt des Tages
die Händler sind Gentleman alter Schule
sie begrüßen die Frauen mit gnädige Frau
und verabschieden sie mit auf Wiedersehen die Dame
simple Anstandsformeln, die ich schon länger vermisse
ich überlege, was ich veräussern könnte
aber ich kann mich von nichts trennen
und müsste für die Sendung nach Köln fahren
also lass ich's bleiben
auch wenn dort mein erster Freund lebt
und ich mir denke, dass es schön wäre
ihn mal wiederzutreffen
aber er hat eine Frau und keine Haare mehr
also kann ich mir das auch sparen
gegen halb 5 mache ich einen späten Nachmittagsschlaf
ich bin immer müde
das liegt wohl an der Lungenentzündung
die ich mir in Guatemala zuzog
vielleicht bin ich aber auch nur einfach so träge
weil ich alt werde
oder endlich mal Zeit habe
und dreißig Jahre Schlafmangel kompensieren muss
morgen muss ich aufs RAV
wenn man das laut ausspricht
klingt das wie eine Terrorgruppe aus den 70-ern
und irgendwie trifft das auch zu
ich mag keinen sehen
und nirgendwo hingehn
oder Rechenschaft ablegen

alle zwei Tage kaufe ich Lebensmittel ein
damit ich mal rauskomme
oder nicht verhungere
obwohl Letzteres vermutlich Monate dauern würde
ich gieße regelmäßig die Pflanzen
und wasche mir die Haare
manchmal rasiere ich mich auch
obwohl nicht davon auszugehen ist
dass sich ein Beischläfer bei mir verirrt
im Internet könnte ich nach einem Partner suchen
das Problem beim Paarshippen ist
dass sich alle 19 Minuten immer nur ein Single verliebt
das ist meines Erachtens nicht zielführend
ich gucke dann doch lieber einen Porno
da muss nach dem Kommen keiner gehen

gestern habe ich Wer weiß denn sowas? verpasst
dabei kann man da lernen
wie man unnützes Wissen schnell wieder vergisst
meist halte ich mich zwischen
Tagesschau, Two and a half men und
Medical Detectives nur schwer wach
aber die Hintergrundberieselung gefällt mir
es ist fast so, als wäre man nicht alleine

es erfüllt mich mit Freude und Erleichterung
dass ich morgen nicht uns Büro muss
die Kasse zahlt
wenn auch nicht Ewigkeiten
und nicht zu müssen ist ein bisschen langweilig
aber ungemein befreiend

für die Jobs, für die ich mich bewerbe
passe ich immer knapp nicht ins Profil
obwohl ich die geforderten Skills mehr als erfülle
die soften und erst recht die harten
ich vermute, das liegt am Alter
wenn sie einen in der Anzeige schon mit Du ansprechen 
ein Du, dass unter 35 
und Teil eines urbanen Lebensgefühls ist
ist für dich Hopfen und Malz verloren
diese HR-Schlampen halten sich für den Mittelpunkt der Welt
aber mit Journalismus gegen Wasserstoffbomben von Kim Jong-un ankämpfen
ist eh ein bisschen lächerlich
Hopfen und Malz sind da sehr hilfreich
bei jeder Absage atme ich erleichtert auf

vielleicht werde ich Influencer
Influencer, das kommt gleich nach Bedenkenträger
oder Globuli-Vertreter
wo keine Wirkung, da auch keine Nebenwirkung
Influencer!
Nichtsnutze der Gesellschaft
die sich über die Anzahl ihrer Vollid..Follower definieren
und Einfluss auf nichts und niemanden haben
einem aber trotzdem pausenlos auf die Eier gehen
es soll ja Leute geben
die meinen
das sei ein Beruf
In flu enza!
ich hoffe mal, Ihr seid geimpft!

wegen der political correctness 
nennt man Unsereinen heute Arbeitssuchende
dabei suche ich gar nicht
oder nur in den seltensten Fällen
seit ich nicht mehr rumstressen muss
bin ich tiefenentspannt
und habe auch keine Probleme mehr mit dem Stuhlgang
ich scheisse alles zu

ich öffne meine Agenda
und die ist fast leer
ist das etwa das Glück
von dem immer alle reden
das dir aber kaum jemand erklären kann?
letzte Woche haben sie Ovomaltine-Proben verteilt
aber es ist eine Lüge
dass man damit länger kann
ich bin schlapp wie immer
und das erste Mal im Leben
tue ich nichts gegen diesen Zustand
das Recht auf Schlappheit
sollte in der Verfassung verankert sein
ich simuliere ein bisschen das Leben
wie Tänzer kurz vor der Premiere
um ihre Kräfte zu sparen
und sich nicht für eine Hauptprobe ohne Zuschauer zu verausgaben
der Winter ist komplett an mir vorbeigegangen
und schon wird es Zeit
sich auf die Frühjahrsmüdigkeit vorzubereiten
das Einzige, worauf ich warte
ist eine neue Staffel von House of Cards
in der Kevin Spacey endlich wieder durch-greift

Der neue DreckSack ist da

Und schon gibt es wieder einen neuen DreckSack. Mit von der Partie sind: Majd Abboud, Franziska Appel, Michael Arenz, Jerk Götterwind, Annett Gröschner, Florian Günther, Johannes Hülstrung, Christoph Kleinhubbert, Susann Klossek, Gerhard Köpf, Matthias Merkelbach, Thomas Meyer-Falk, Anna Maria Pawlicki, Katharina Rios, Rüdiger Saß, Gerd Schönfeld, Michael Schweßinger, Tobias Siebert, Erik Steffen, Silke Vogten, Lars Weylthaar, Salah Yousif, Fernando Zamora, Daniela M. Ziegler und der Fotograf Rolf Zöllner.
Allet andere wie imma: Erhältlich ist der DreckSack hier:
www.edition-luekk-noesens.de/shop/drecksack/
Die Release-Lesung findet am Donnerstag, den 11. April 2019 um 19 Uhr im Baiz (Prenzlauer Berg) statt. Wie immer werden großartige Autoren lesen. Welche das sind, ist noch offen.
Das Inhaltsverzeichnis findet ihr hier:
www.edition-luekk-noesens.de/drecksack/aktuelle-ausgabe

Donnerstag, 14. März 2019

WESTSLAM

livelyriX präsentiert WestSlam

Wann: Donnerstag, 21. März 2019 - 20 Uhr
Wo: Neues Schauspiel Leipzig
https://www.neues-schauspiel-leipzig.de/
Wer: Poeten und Lyrikfreaks aus Leipzig
Moderation Bleu Broode
Special Guest aus Zürich: Susann Klossek

Montag, 11. März 2019

Varanasi

Jippie, es ist endlich da! 
Und jetzt, Ihr lieben Murkelmäuse,
 bestellt mal schön,
 sonst muss ich mir damit
 mein Schlafzimmer tapezieren,
 was nun wirklich den letzten Beischläfer
 vertreiben dürfte. 

Varanasi - Endstation Ganges
Freiraum-Verlag
CHF 18.95
Euro 14.95
(bei mir, im Verlag, überall im Buchhandel)



Donnerstag, 7. März 2019

Lesung in der KUAPO Leipzig

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2019 
lese ich in der inzwischen legendären, wunderschönen Kulturapotheke

Mittwoch, 20. März 2019
19:30 Uhr
KUAPO
 - Bistro-Buchhandlung-Bühne - 
Eisenbahnstrasse 99 Leipzig

Sonntag, 3. März 2019

Literaturausschreibungen


Heute dachte ich, ich mache mich frei von der alltäglichen Schreibarbeit und nehme, aus reinem Vergnügen an der Sache, an einem Schreibwettbewerb teil. Ich durchstöberte also das Web nach geeigneten Wettbewerben und Ausschreibungen. Und wurde sogleich mehrfach fündig, weil mir Thema, Genre und/oder die auszuschreibende Institution/Zeitung/Verlag zusagten. Leider scheint alles im Leben an irgendwelche dämlichen Bedingungen geknüpft, die im Falle der Wettbewerbe wie folgt lauten:

das Werk ist bereits veröffentlicht und nicht älter als 1 Jahr

das Werk ist noch nicht veröffentlicht

biographischer Bezug zu Westphalen-Lippe / Landkreis Ebersberg / Landkreis Wesermarsch / Hamburg / Düsseldorf / Aargau etc.pp

Sie sind Katholik

Altersbeschränkung bis 25 Jahre / 13-18 / 14-20 / unter 27 / bis max. 40

das Werk muss auf Französisch oder ins Französische übersetzt sein

Sie kommen aus einer anderen Kultur und Erstsprache

Sie leben mindestens seit einem halben Jahr in Österreich

Keine Qual der Wahl, denn ich bin keine aargauische, französisch schreibende 21-jährige Katholikin aus Ebersberg-Wesersmarsch-Westphalen-Lippe, kurz: auf mich trifft NICHTS zu. Ich mache dann also heute frei.

Mittwoch, 27. Februar 2019

DAS LOS DES KÜNSTLERS




Wenn man kreativ tätig ist, ob nun als Autor, Drehbuchschreiber, Maler, Musiker, Schauspieler, Fotograf, Illustrator, Theatermensch und was es sonst so alles gibt, wird man von den anderen, ausserhalb dieser Branchen, manchmal ein bisschen beneidet. Das kommt in der Regel aber eher selten vor, zumindest so lange man nicht den grossen Durchbruch geschafft hat, der nur Wenigen zuteilwird. Meist wird man allerdings belächelt und nicht wirklich ernst genommen.

Oft wird jedoch vergessen, dass es sich eben nicht, wie gerne behauptet, um ein Hobby handelt, sondern um den Beruf, mit dem man sein Geld verdient, ja meist gar um die Berufung, weil man nicht anders kann. Weil es das Einzige ist, was für einen selbst Sinn ergibt.

Wer nicht kreativ tätig ist meint in der Regel, das alles sei keine richtige Arbeit und das macht sich so nebenbei. Oft sogar mit der unverschämten Annahme, das müsse auch nicht entlohnt werden.

«Sei doch froh, dass Du bei uns auftreten darfst, das ist doch gratis Werbung für Dich.»

«Kannst Du nicht mal schnell einen Text liefern, das ist für Dich doch kein Problem. Ach so, zahlen können wir leider nichts. Danke für Deine Mitwirkung.»

«Wir suchen für einen Film Darsteller, leider lässt unser Budget keine Gage zu, aber es gibt Verköstigung und eine Umarmung.»

Jeder, der aber schon einmal unter Schweiss, Herzblut und Tränen ein Buch geschrieben, auf eine Vernissage hingearbeitet oder sich auf eine Rolle vorbereitet hat oder darauf, eine Rolle zu ergattern, weiss, das ist harte Knochenarbeit, die viel Zeit, Energie, Disziplin, Geduld und Selbstvertrauen benötigt. Es bedeutet viel Vorfinanzierung, Monate, in denen man sich abrackert für das jeweilige Projekt, das dann irgendwann einmal, wenn es zustande kommt und Erfolg hat, Geld einspielt. Oft ist selbst das nicht einmal der Fall. Es bedeutet Mut und den Willen, Risiken einzugehen. Wer vielleicht noch Verantwortung für Kinder hat, wagt sich noch weiter vor.

Und: Auch wenn man gerade keine Rolle hat oder kein Buch draussen ist, keine Ausstellung ansteht usw. man ARBEITET. Immer. Jeden Tag. Klinkenputzen ist zeitaufwendig und anstrengend. Das läuft nebenher zur eigentlichen künstlerischen Tätigkeit. Oft laufen verschiedene Projekte parallel, man schreibt an verschiedenen Büchern, muss dort einen Text bis zu einer bestimmten Deadline abgeben, da an einem Drehbuch schreiben, zwischendurch ein paar Bilder malen, bezahlbare Räume suchen, Termine koordinieren, Lesereisen organisieren, Messen oder Workshops besuchen, sich mit administrativer Scheisse herumschlagen. Überall muss man sich vorstellen, sich erniedrigen und anbiedern, im Gespräch bleiben, Vorschläge machen, nachhaken und Absagen am laufenden Band einstecken. Dort dann diplomatisch zu bleiben, ist nicht immer einfach.

Und meist ist man mit all dem allein, im stillen Kämmerlein. Manchmal hat man tagelang keine Sozialkontakte, zumindest nicht persönlich. Zuspruch erhält man, wenn man Glück hat, von einigen wenigen Freunden oder der Familie, wenn die einem wohlgesinnt ist. Manchmal spricht man mit sich selbst, um überhaupt mal mit jemandem geredet zu haben. Kunst machen bedeutet oft auch Einsamkeit und Verzicht.

Und zwischendurch muss man immer schauen, dass Geld für die Miete, die Krankenkasse, die Versicherungen, das Fressen aufn Tisch usw. reinkommt. Ganz zu schweigen von der Altersvorsorge. Man muss sich also auch noch um sogenannte Brotjobs kümmern, die bekanntlich nicht auf der Strasse liegen und auch nicht von selbst zum Fenster reingeflogen kommen. Um dann zwischendurch zu hören: "Mach doch mal was richtiges." Man zweifelt an seinem Talent und Können. Das ist Gift. Natürlich darf man der Realität nicht blind gegenüberstehen. Manches Talent reicht vielleicht nicht. Manches Talent ist vielleicht nur Naivität. Trotzdem, wer ein Künstler ist und wer nicht daran festzumachen, wer davon leben kann, ist falsch. Die Mehrheit muss mehrgleisig fahren, um Leerlauf zu überbrücken und über die Runden zu kommen.

Ja, wir haben uns das so ausgesucht, oder ES hat uns ausgesucht, ja wir haben das so gewollt. Das ist auch gut so. Wir wollen uns nicht beklagen. Und nein, es ist nicht nur Spass, es ist echte Arbeit. Immer mit der Angst im Nacken, dass es diesen Monat nicht reicht. Das geht natürlich allen Freischaffenden/Selbstständigen so. Man muss sich täglich selbst motivieren und aufraffen. Auf der Suche nach Perfektion geisselt man sich mitunter selbst. Man versucht sich zu verbessern, weiterzuentwickeln und sich gleichzeitig treu zu bleiben.

Kunst zu machen, welche Art auch immer, ist kein Hobby und kein Seich, es ist nicht etwas Unanständiges oder Falsches. Künstlerisch und kreativ tätig zu sein benötigt unglaublich viel Kraft und Biss. Denn vor allem heisst es mit ständiger Ablehnung oder im schlimmeren Falle Ignoranz umzugehen. Man strampelt sich ab, man bewirbt sich, man spricht vor, man schreibt Texte für Wettbewerbe, man bewirbt sich für Stipendien... Am Ende bekommt aber immer nur einer oder eine den Zuschlag. Und auch wenn man knapp vorbeischrammt, knapp vorbei ist eben auch daneben. Man muss es schlucken und weitermachen.

Oft kommen, wie im Literatur-, Bildende-Kunst- oder Filmbusiness der Fall, erschwerend noch mafiöse Strukturen und Vetternwirtschaft zum Zug, was die Sache nicht einfacher macht. Wer nicht mehr jung und frisch und unverbraucht ist oder sich selbst treu bleibt und keinem dämlichen Trend hinterherjagt, unangepasst ist und sich nicht für das, was gerade angesagt ist, verbiegt, hat meist schon verloren. Die Arroganz von Literaturkritikern oder Kunst-Kuratoren beispielsweise ist meist kaum zu überbieten. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden. Oft wird Geschmack aber auch von den sogenannten Experten gemacht und das Publikum folgt. Leider folgen auch immer mehr Leute sogenannten Influencern, die in der Regel (mit Ausnahmen) als einzige Argumente Schönheit und Jugend vorweisen können. Zu influencen ist sicherlich auch mit Arbeit verbunden, ein Beruf ist es deshalb noch lange nicht. 

Es gibt Millionen von uns und nur ganz wenige kommen zum Zug. Das heisst aber nicht, dass mindestens die Hälfte jener, die immer knapp vorbeirauschen, nicht talentiert, nicht gut, nicht spannend sind und wert veröffentlicht, verfilmt, auf die Bühne oder vor die Kamera gelassen zu werden. Sie passen vielleicht gerade nicht zu diesem Projekt. Sie entsprechen möglicherweise nicht den Befindlichkeiten der jeweiligen Jury oder dem jeweiligen Hype um eine Kunstrichtung. Auch, weil viele Lektoren, Produzenten, Juroren selbst nicht mutig sind und lieber auf Nummer sicher gehen. Was natürlich letztlich immer mit Geld zu tun hat. Doch wer Mut zur Nische hat, wird mitunter auch mit phänomenalem Erfolg im Mainstream belohnt. 

Mit all diesen Ablehnungen, Selbstzweifeln und Enttäuschungen umzugehen, das alles nicht immer persönlich zu nehmen, aufzustehen und weiterzumachen, weiterhin an sich und das, was man tut zu glauben, bedarf eines starken Charakters. Viele geben auf, viele kommen unter die Räder. Ich will hiermit eine Lanze für alle Kreativen brechen und dafür, dass sie in Zukunft mit mehr Respekt behandelt, ernst genommen und weniger belächelt werden. 

AUFGEBEN IST KEINE OPTION!