Donnerstag, 23. Juni 2016

Und täglich grüsst das Update




Es gab Zeiten, in denen man irgendein Gerät kaufte, seine Software aufspielte und arbeiten konnte. Ich will ja nicht behaupten, dass früher alles besser war, aber: Doch. Wenn ich morgens meinen Computer starte, wobei morgens ein sehr dehnbarer Begriff ist, blinkt mich jeden Tag rechts unten ein blaues Fenster an. Leider wünscht mir da weder jemand einen schönen Tag, noch wird mir mitgeteilt, dass ich in den Genuss einer Gehaltserhöhung bei gleichzeitiger Arbeitszeitreduzierung komme. 

Im Gegenteil: Ich werde auf-ge-fordert. Erhalte quasi einen schriftlichen Befehl. Zwar freundlich, trotzdem bestimmt: Your PC is ready for Windows 10 upgrade. Soll heissen: Jetzt lad Dir verdammt nochmal Windows 10 auf Deinen Rechner, sonst lassen wir ihn in Kürze implodieren. Da erdreistet sich also ein imaginärer Aktualisierer auf penetrante Weise (steter Tropfen höhlt das Sein) mir mitzuteilen, was meine innersten Bedürfnisse sind. Windows 10 sicher nicht, das wüsste ich.

Während ich besagtes Fensterchen routiniert wegklicke und sich irgendetwas anderes selbsttätig auf den neusten Stand bringt, schalte ich mein Smartphone an, das mir zur Begrüssung mitteilt, dass14 Updates genehmigt werden müssen. Ich muss gar nichts. Vor allem nicht, wenn es sich mehrheitlich um Apps handelt, die ich gar nicht selbst heruntergeladen habe. Nein, die schummeln mir Samsung, Google & Co. bei jedem Software-Update heimlich und ungefragt unter. Egal, ob ich sie benötige. Entwickler sind oft weit weg von dem, was Benutzer eigentlich wollen. 

Mit jeder neuen Software-Version wird mir quasi ein „Weihgeschenk“ geliefert. In Form eines trojanischen Pferdes, in dessen Bauch Apps versteckt sind. Nachts öffnen diese Androiden von innen die Tore und lassen sich selbst ein. Hinter die Mauern meines Nervenkostüms. Ich bin Troja und werde fallen. Hinterlistig installieren sie sich auf der Suche nach der Fragmentierung unwiderruflich, also meist un-deinstallierbar, in meinem Smartphone und verstopfen die Leitungen für Sinnvolles. Irgendwann ist der Speicherplatz voll und ich muss mir ein neues Gerät zulegen. Dann wäre das Ziel erreicht. 

Oft bin ich auch verwirrt: Ist das neue Update jetzt sicherheitsrelevant? Werde ich bei Verweigerung von Viren, Würmern, Trojanern und Hackern heimgesucht oder von meinen Freunden ausgelacht? Ich habe schon Albträume, in denen ich neben einem veralteten Smartphone aufwache, dass das letzte Update verpasst hat und mir deshalb mit Selbstmord droht. Ich date also up. Mitunter ein fataler Fehler, nach dem nicht selten erstmal gar nichts mehr geht. 

Oh! Gerade blitzt eine Nachricht auf: Dieses Update lässt sich leider nicht verhindern! Na sei’s drum. Hin und wieder bin ich grosszügig und lass den Systemen ihren Spass.

Allerdings sind Smartphone-Apps oder Windows nicht die einzigen, die nach täglichen Neufassungen hecheln. Adobe Acrobat, Java, DivX, OpenOffice, irgendein Programm schreit immer nach einer Aktualisierung – um sich zu verbessern (hysterisches Lachen aus dem Off), gerne auch im Namen der Sicherheit. Man könnte meinen, wir seien in Fort Knox tätig. In der Redaktion begrüssen wir uns schon lange nicht mehr mit Guten Morgen, sondern mit Du musst neu starten.  

Selbst mein Sexspielzeig verlangt heutzutage nach einem Update. Auf Version 6.0.8.1.5.6 Da stellt man doch freiwillig wieder auf Handbetrieb um, schlimmer können die hausgemachten Upload-Probleme auch nicht sein.

Was soll das alles? Wenn ich ein Auto kaufe, dann ist das in der Regel fertig und muss nicht alle zwei Wochen nachgerüstet werden. Ausgenommen natürlich es handelt sich um einen VW-Diesel, dessen Manipulations-Software zur Drosselung von Abgasen, durch eine Manipulations-Software zur Verschleierung der Software zur Drosselung von Abgasen verbessert werden muss, klar. Aber normalerweise läuft der Wagen wie geschmiert, wenn er die Fabrik verlassen hat. 

Nicht auszudenken, lägen überall abgestürzte Fahrzeuge in der Gegend herum, die sich nicht mehr starten lassen, weil die neue Software-Version plötzlich mit dem Fahrer inkompatibel ist. Kürzlich hörte ich allerdings von jemanden, der am Strassenrand anhalten musste und nicht mehr weiterfahren konnte, weil der Bordcomputer des Navigationssystems auf einem Update bestand. Schlechte Aussichten für Fahrer von Fluchtwagen.

Natürlich, Sicherheitslücken, Bugs oder sonstige Fehler müssen ausgeräumt und beseitigt werden. Aber was wäre, wenn die Hersteller das Zeug von Anfang an sicher, fehlerlos und einigermassen funktionierend liefern würden, statt uns Delta-, Gamma- oder Beta-Versionen unterzujubeln? Und ja, wir beschleunigen mit unserer Schneller-höher-weiter-Mentalität das Tempo auch selbst. Ein mehrere Minuten veraltetes System können wir kaum ertragen. All die Energie, die dabei für immer in den Weiten des Darknet verschwindet!

Forscher müssten mal ergründen, wie viel Lebenszeit allein durch das ständige Updaten und Herumgebastele an all unseren Geräten unwiderruflich verbraten wird. Man könnte in dieser Zeit gediegen in die Karibik reisen oder Winterschlaf halten. Zum Beispiel, um die eigenen Systeme auf Vordermann zu bringen, also upzudaten. Allerdings auf bedeutend lustvollere Art und Weise.

(Erstveröffentlichung in gekürzter Version in Computerworld 6 vom 20. Mai 2016)

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