Eine neue Rezension, ein neues Glück - oder auch nicht.
Samstag, 26. Mai 2018
Dienstag, 22. Mai 2018
Lesbar - Lesung auf der Dachterrasse
lesbar
Nicht vergessen: Diesen Freitag, 25.5.2018, Lesung im Kulturraum Thalwil auf der Dachterrasse. Start 20:15 Uhr.
Es lesen:
Susann Klossek
Emanuel Bundi
Sabine Meisel
Dorothe Zürcher
Eintritt 10 Franken, Bar ab 19:30 Uhr
Wir freuen uns auf Euch.
Mittwoch, 9. Mai 2018
lesbar - Lesung Kulturraum Thalwil
lesbar
Der spezielle Literaturabend auf dem Dach:
3 bis 5 etablierte und unbekannte Autoren und Schriftsteller lesen aus bisher unveröffentlichten Texten.
Nach der Literatur Diskussion zwischen Autoren und Publikum.
Freitag, 25. Mai 2018
20:15 Uhr
Kulturraum Thalwil
10 Franken
Bar ab 19:30 Uhr
Sonntag, 6. Mai 2018
Mittwoch, 25. April 2018
Journaille und andere Blindgänger
Kürzlich in der Apotheke fragte ich nach Tropfen für
trockenen Reizhusten und nach einem Prä-Biotika. Zu beidem hatte ich vorher
recherchiert, für die Tropfen auch noch meine Ärztin befragt. Die Tropfen
kannte ich bereits, sie sind bekannt für ihre gute Wirkung bei Entzündung der
Bronchien und Reizhusten. Der Mann in der Apotheke wollte sie mir nicht geben,
da sie für verschleimten Husten seien. Das ist klar falsch, aber er lieẞ sich
nicht eines Besseren belehren. Ich musste sie ihm fast aus den Händen reiẞen.
Bezüglich Prä-Biotika meinte er schlau dreinschauend: «Das
heiẞt Pro-Biotika!» «Ja», antwortete ich, «es gibt Pro-Biotika, aber ich hätte
trotzdem gerne ein Prä-Biotika.» Das sei dasselbe, lieẞ er mich dann wissen,
was es nicht ist. Ich musste ihm seinen Job und den Unterschied zwischen Pro-
und Prä-Biotika erklären. Er schien mir nicht zu glauben, kam aber schlieẞlich
mit einem Produkt an, dass er als Prä-Biotika vorstellte. «Lassen Sie sich
nicht davon verwirren, dass auf der Packung Pro steht, es handelt sich trotzdem
um Prä», sagte er selbstsicher und tippte schon den Betrag von über 50 Franken
ein. Ich las mal kurz den Beipacktzettel: Es war ein Pro-Biotika, speziell
gegen Blähungen. Hatte ich bis dato noch keine, bei so viel heiẞer Luft, kann
man schnell welche bekommen. Ich zahlte die Tropfen und lieẞ den Traumtänzer
mit seinen PropräBläh-Kapseln stehen.
Danach ging ich in die Migros und fragte nach Saft aus
normalen, gelben Grapefruits. «Frisch oder pasteurisiert?», fragte der
Verkäufer. «Egal, Hauptsache keinen aus pink Grapefruit», antwortete ich. Er
rannte eifrig durch die Gänge und brachte mir verschiedene Pink Grapefruit
Säfte. Ich fühlte mich ein wenig
missverstanden, um nicht zu sagen verkackeiert. Als er endlich kapierte, welche
Art von Saft ich meinte, sagte er: «Ach so, das gibt’s nicht.» Auf meinen
verständnislosen Blick hin erklärte er mir warum: «Das ist wie bei Bananen, man
kann auch keinen Bananensaft herstellen, beide würden braun werden und eklig
aussehen, deshalb gibt’s das nicht.» Ich zeigte auf die Regale und die Säfte
MIT Bananen. Ja, gemischt sei das kein Problem. Ich ging in den Coop und kaufte
einen Saft aus gelben Grapefruits.
Auf einem Werbeplakat stand, dass das Angebot bis am 5.3.
gültig sei. Mich ereilte ein kurzer innerer Tobsuchtsanfall. Wie oft muss ich
noch erwähnen, dass es bis ZUM 5.3. oder schlicht bis 5.3. heiẞt, aber sicher
nicht bis AM. Selbst Tages-Anzeiger und NZZ bedienen sich regelmäẞig dieses
Deutschfehlers.
Im Postfach hatte ich eine Mail von einer Ärztin, die mir schrieb,
sie könne die 10%-ige Hormoncreme nicht verantworten, ich hätte bisher immer
nur die 5%-ige gehabt. Ich machte ein Foto von der 10%-igen und schickte es
ihr. Lange kam keine Antwort, sie musste wohl überlegen, wem sie die Schuld in
die Schuhe schieben konnte. Schlieẞlich entschied sie sich für die Apotheke,
die die Creme herstellt. Was zu bezweifeln ist. Gut, bei einer falsch konzentrierten
Hormoncreme springt man nicht gleich über den Jordan, was aber, wenn einer nur
ein halb so hoch dosiertes Krebsmittel oder ein doppelt so hoch konzentriertes
Herzmedikament bekommt? Man mag es sich nicht vorstellen.
Im deutschen Fernsehen zeigten sie in einer Rankingshow
einen niedlichen Spot mit kleinen Kobolden. Das sei ein Filmchen einer
Hilfsorganisation. Kurz erwog ich beim Fernsehen anzurufen und sie darüber
aufzuklären, dass es sich um einen Werbespot der Migros handele. In der deutschen Tagesschau ging es dann auch
um die damals bevorstehende Abstimmung zu den Radio- und Fernsehgebühren. Sie
nannten einen völlig falschen Betrag der Gebühren. Ist es so schwierig, eine
simple Zahl korrekt zu recherchieren? Ist es, denn auch die Schweizer
Online-Zeitung Republik veröffentlichte in einem ihrer ersten groẞen Artikel
den falschen Billag-Betrag. In einem
Artikel, in dem es explizit um diese Gebühren ging! Genervt kontrollierte ich
ein paar Abrechnungen, drei von fünf davon waren fehlerhaft, natürlich zu
meinen Ungunsten.
Gerne wird sich über
Fake News, Unwissen und Inkompetenz aufgeregt, schaut man aber mal genau hin,
wird einem Tag für Tag überall Schmarrn erzählt, in der Hoffnung, man selbst
habe noch weniger Ahnung von der Materie. Die Leute erzählen einem
irgendwelchen Mist, um ihre Ruhe zu haben oder einem ein teures Produkt
anzudrehen. Redakteure recherchieren schlampig, schreiben über Dinge, von denen
sie nichts verstehen und der Konsument glaubt, was einem vorgesetzt wird. Ich
sage: Zweifelt und lasst Euch kein U für ein X vormachen, seid auf der Hxt!Mittwoch, 18. April 2018
Donnerstag, 12. April 2018
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Ein poetisches Buch über die Liebe und die Grundsatzfragen des Lebens, das ich wirklich empfehlen kann.
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Mittwoch, 11. April 2018
Die Kunst des ...
Die
Kunst des … ach leck mich doch am Arsch!
Verliebens
Krieges
Verlierens
Selbst
Kochens
Dessertschmiedens
klugen Essens
bewussten Essens
Abnehmens
Annehmens
Punchens
Möglichen
Arbeitens
Violinspiels
Orgelspiels
Dirigierens
Bauens
Seins
Glücklichseins
Ausführens
Müssiggangs
Gedankenlesens
Handlesens
Sehens
Schreibens
Erzählens
Romans
Sonetts
klugen Fragens
Smalltalks
Heilens
Gehens
Wissens
Elternenttäuschens
Wandels
Friedens
Führens
Wirtschaftens
Managements
Alleinseins
Erfolgreichen Tradens
Erfolges
Siegens
Sanften Siegens
Vorurteilslosen Beratens
Unglücklichen Lehrens
Pirschens
Hackings
Human Hackings
Zeichnens
Malens
Dekorierens
Lichtdrucks
Papierfaltens
Rahmens
Gestaltens
Game Designs
Wanderns
Pilgerns
Fälschens
entspannten Gärtners
Feuermachens
Tees
Ausklangs
Freiseins
Selbstrasierens
Raku
Klauens
Streitens
Diskutierens
Reitens
Schnurrens
Sprechens
Besprechens
Verstehens
Zuhörens
Würzens
Hoffens
Weglassens
Richtigen Weglassens
Loslassens
Alterns
Stilvoll Älterwerdens
Achtsamen Putzens
Verschiebens
Klangs
Fermentierens
Beginnens
Vertrauens
Ehebruchs
Staunens
Besenspiels
Reisens
Pendelns
Fechtens
Feldspiels
Angriffsfussballs
Torwartspiels
Skifahrens
Unterrichts
Wolkenschnitts
Lügens
Scheiterns
Spielerischen Scheiterns
Nichtscheiterns
Stilvollen Verarmens
Handelns
Klugen Handelns
Kooperativen Handelns
Erwachens
Anfangs
Innehaltens
Küssens
Geniessens
Schönen
Levitierens
Oralsex
Furzens
Schlafens
Überlebens
Verschwindens
Verrats
Mordens
Magischen Tötens
Schweigens
Sterbens
Grosser Gott, warum?! Warum werden diese Bücher geschrieben? Warum verlegt? Und warum gelesen und ernst genommen? Die Menschheit ist noch blöder, als ich bisher angenommen hatte. Kunst, Kunst, Kunst, Kunst, Kunst! Hier nicht komplett durchzudrehen, DAS ist die KUNST!
Sonntag, 8. April 2018
Flashback to the Eighties
Ich war auf einer Party
auf der sie 80-er-Jahre-Musik spielten
und nach dem vierten Glas Schampus
war ich zu allem bereit
Falco, Kraftwerk und Depeche Mode ermunterten mich
ich fühlte mich jung und willig
obwohl ich Letzteres eigentlich immer bin
die DJane war blond und süß
und lächelte unter ihrem Hütchen hervor
eine Kreuzung aus Lolita, Ingrid Steeger und Blondi
ich hätte sie so gern geküsst
doch der Schöne zu meiner Linken
rieb seinen Schenkel an meinen
was dem Alkohol geschuldigt war
denn er spielte in der liga of men
ich hoffte darauf
dass irgendwer ein bisschen bi sei
aber selbst der kurzatmige Mops
drehte mir sein fettes Hinterteil zu
und wackelte mit der Rosette
hätte ich keine Hundeallergie
ich wär draufeingegangen
Mittwoch, 4. April 2018
Warum ich diesen Film mache
Auf die Frage, warum ich ausgerechnet dieses Drehbuch
schreibe, kann ich nur eines antworten: Ich weiß, dass ich da eine ganz aktuelle, heiße Story habe, die
unbedingt verfilmt werden muss. Natürlich denkt das jeder Drehbuchschreiber von
seinem Werk, sonst könnte er es ja gleich bleibenlassen. Aber auf mich und mein
Buch trifft es auch zu. Die Geschichte ist am Puls der Zeit, und da, wo in
deutschen Landen momentan die größte Wunde klafft. Und genau dort stecke ich
meinen Finger rein. Ach was sage ich Finger, die Faust! Die große Fisting-Faust,
nicht so ein ängstlich zusammengeballtes Che-Guevara-Revolutionsfäustchen, wie
es die Salonlinken hochhalten, wenn sie mal wieder ihr schlechtes Gewissen
totdemonstrieren müssen. Zwischen Bio-Wein und Chinoa-Wirsinggemüse auf Geissenkäse
von glücklich besamten Ziegen, die der türkische Präsident höchstpersönlich bestiegen
hat. Es bleibt spannend, Leute!
Freitag, 30. März 2018
KLARTEXT
Tanz sei
Scheiße
und käme
gleich nach Operngesang, sagte er
und ich
dachte: wie schnell doch
meine
Faszination für jemanden
flöten gehen kann
wenn sich
jeder so ehrlich, klar und undifferenziert
ausdrücken
würde
müsste man
weniger Zeit damit verplempern
zu überlegen
wie man bei
jemandem landen könnte
Mittwoch, 28. März 2018
Wo bitte gehts zum Fuji?
Die beteiligten Autoren sind diesmal:
Gerd Adloff, Enno Ahrens, Eric Ahrens, Michael Arenz, Ronald Galenza, Florian Günther, Katja Horn, Johannes Hülstrung, Susann Klossek, Angelika Leitzke, Bas Lindgaard, Danny Lummert, Matthias Merkelbach, Thomas Meyer-Falk, Rüdiger Saß, Erik Steffen, Ulrike Steglich, Silke Vogten, Daniela Maria Ziegler.Fotografin dieser Ausgabe: Birgit Buchholz
Der DreckSack ist ab sofort hier bestellbar:
www.edition-luekk-noesens.de/shop/drecksack
www.edition-luekk-noesens.de/shop/drecksack
Und ausnahmsweise gibt es meine Geschichte - von einer Japanreise vor vielen Jahren - heute mal online gleich zu lesen:
Wo bitte gehts zum
Fuji?
Ashi-See, Japan
Japaner meinen, jeder Mensch sollte einmal im Leben den
Fuji, das Wahrzeichen Japans, besteigen. In erster Linie ist damit natürlich
jeder Japaner gemeint. Aber auch einem Gajin (Außer-Mensch)
kann ein Aufstieg nicht schaden. Der Fuji-San, nicht Fujiyama, wie er
fälschlicherweise von ausländischen Kretins bezeichnet wird, ist mit 3776
Metern der höchste Berg Japans. Und auch einer der schönsten Vulkane der Welt.
Zumindest aus der Ferne. Deshalb beschließe
ich, dem heiligen Berg einen Besuch abzustatten. Eine Besteigung ist nur
zwischen 1. Juli und 31. August möglich. Sie dauert im Schnitt zwischen sechs
und acht Stunden. Glücklicherweise haben wir April, ich kann also nicht, selbst
wenn ich wollte. Was ich natürlich nicht tue. Tim hat bereits letzte Nacht zwei
spitze Hügel in Form der Arschbacken eines strammen Japaners bestiegen. Er
erholt sich jetzt von seinem Vorstoß ins Tal
der Glückseligkeit. So muss ich mich allein auf meinen Abenteuertrip aufmachen.
Wie es in Japan bei Ausländern gute, alte Tradition ist,
mache ich von Anfang an alles falsch. Ich kaufe mir ein sehr teures Ticket für
den Superexpress Shinkansen nach Odawara. Aus Angst keinen Sitzplatz zu
bekommen, erstehe ich zusätzlich eine Platzreservierung. Wer ahnt auch schon,
dass die Platzkarten doppelt so teuer sind wie die eigentliche Fahrkarte! Mein
Tagesbudget ist bereits jetzt fast ausgereizt. Auf dem Perron ist genau
angezeichnet, welcher Waggon an welcher Stelle hält, wo sich die Türen
befinden, wo reservierte Wagen, wo Raucher- oder Nichtraucherabteile sind. Der
Shinkansen hält zentimetergenau an den markierten Stellen. Der Zug ist halb
leer. Alle Fahrgäste schlafen. Oder lesen pornografische Comics. Nach dreißig Minuten bin ich in Odawara. Gemäß Reiseführer sei es jetzt nur noch ein Katzensprung
bis zum Ashi-See, von dem man – an guten Tagen – einen atemberaubenden Blick
auf den Fuji-San habe. Der Tag ist nicht gut. Die Bergbahn, für die das Ticket,
wie nicht anders zu erwarten, ein Vermögen kostet, ist vollgestopft mit
japanischen Sonntagsausflüglern. Diese wiederum sind schwer beladen mit
Picknickkörben, Wolldecken und Wattejacken, als wären sie auf einer Mount
Everest-Expedition. Die Landschaft ist fantastisch.
Die Bergbahn kriecht eine geschlagene Stunde bis Gora,
die Endstation auf 800 Metern. Seltsamerweise bin ich die einzige Ausländerin
weit und breit und fühle mich leicht verloren. Ein älterer, netter Japaner hat
Mitleid und fragt mich auf Japanisch wo ich hinwolle. “Fuji-San“, antworte ich.
„Sugureta“, sagt er, was so viel wie exzellent heißt.
Er will meinen Namen wissen. „Watashi-wa muzigh Susann des“. Er sieht mich
etwas verwirrt an, verbeugt sich mit einem „high“ (ja) und dreht sich weg. Ich
habe da wohl etwas durcheinander gebracht und dem armen Mann gesagt, dass ich
unschuldig sei. Was ich ja auch bin, in gewisser Weise.
Nach einer ziemlich langen Wartezeit und gegen ein
beträchtliches Entgelt geht es mit der Zahnradbahn weiter den Berg hinauf nach
Souzan. Doch ein Ende der Reise ist noch lange nicht abzusehen. In Souzan
wartet bereits die Seilbahn, die uns über Owakudani, das „Tal des großen Knochens“, zur letzten Stelle bringen soll, an
der der Vulkanismus noch dampfend zu Tage tritt. Ich löse für mein letztes Geld
ein Ticket nach Togendai, die Endstation am Ashi-See. Es ist die höchste,
steilste und längste Seilbahnstrecke, über der ich je in meinem Leben hing. Und
ich hing schon über einigen Abgründen! Der Blick ins Tal ist atemberaubend. Wie
der Preis, den ich für den Platz in der Gondel berappen musste.
Mit mir in der Gondel hockt eine dreiköpfige japanische
Familie. Die Frau sitzt mit geradem Rücken wie eine gehorsame Geisha zwischen
ihrem Mann und ihrem etwa vierzehnjährigen Sohn. Sie lächelt mir zuversichtlich
zu. Der Sohn hat sich seinen Sonntag offensichtlich anders vorgestellt. Er
starrt mit dunklen Rändern unter den Augen leicht bockig in die Tiefe, in der
es raucht und dampft und nach Schwefel stinkt. Sein Haar steht wie bei einem
Punker dreifarbig von seinem Kopf ab. Der Vater versucht sich in Konversation
auf Englisch. Seine Aussprache ist dermaßen
verjapanisiert, dass ich kein Wort verstehe. Nur so viel, er fragt, ob ich eine
spanische Stewardess sei. Absurder geht es nicht mehr. Vielleicht wollte er
auch etwas ganz anderes fragen und hat die Worte verwechselt. Oder ich hatte
etwas verstanden, was er gar nicht gefragt hatte. Man weiß es nicht. Ich bejahe, er freut sich und spricht
weiter auf Japanisch auf mich ein. Die Frau kichert hinter vorgehaltener Hand.
Der Sohn verdreht die Augen und wirft seinem Vater ein paar forsche Wortfetzen
an den Kopf. Ich schwitze. Die Seilbahnfahrt ist unendlich. Irgendwie schämen
wir uns alle vier. Leider ist an ein Aussteigen in dieser schwindelerregenden
Höhe nicht zu denken. Kurz vor der Mittelstation zieht sich Familie Yamaguchi –
ich meine diesen Namen verstanden zu haben – ihre dicken Jacken, Mützen und
Handschuhe an. Mein Gott wie verweichlicht. Schließlich
hatten wir bei der Abreise in Tokyo frühlingshafte 18 Grad. Böser Fehler
meinerseits.
Als ich aussteige werde ich von der eisigen, steifen
Brise, die einem hier auf der Mittelstation um die Ohren fegt, fast weggeweht.
Eigentlich hätte ich mir ja denken können, dass es oben am Berg kalt wird. Doch
seit meinem Meditationsabstecher im Tempel von Kyoto habe ich mit Denken nicht
mehr so viel am Hut. Irgendwo da drüben im Gegenlicht muss er sein, der
schneebedeckte Gipfel des erhabenen Fuji-San. Versteckt hinter der großen Dunstglocke. Zum Glück habe ich ja mein Ticket
nach Togendai. Vom Nordufer des Ashi-Sees soll man dann aber wirklich einen
tollen Blick auf den Yama (Berg) haben. Ich frage einen Mitvierziger, wie weit
es denn bis zur Endstation sei. Mein Zug nach Tokyo, für den ich ebenfalls eine
übertrieben teure Platzkarte habe, geht gegen Acht zurück. „Ach, Sie wollen
heute noch zurück?“, fragt er verwundert. „Hier übernachtet jeder. Die letzte
Seilbahn nach Souzan geht um fünf.“ Davon stand aber nichts im Reiseführer. Da
war nur von einem leicht zu arangierenden Tagesausflug die Rede.
“Na da habe ich noch genug Zeit, es ist ja erst halb
vier“, antworte ich aufgekratzt. “Das schaffen Sie nicht. Es ist sehr weit nach
Togendai“, er wiegt seinen Kopf hin und her. “Was haben ein Koffer und eine
Frau gemeinsam?“, fragt er aus dem Zusammenhang gerissen und sieht mich
erwartungsvoll an. “Was weiß denn ich!“,
antworte ich leicht gereizt und schieße ein
Foto in die Richtung, wo in etwa der Fuji sein müsste. “Beide sind mottenai“,
er grinst.“Jaaa. Und?“ “Mottenai, verstehen Sie, schwer zu (er)tragen“, er
schüttet sich aus vor Lachen. Er ist wirklich lustig anzuschaun. Ich mache auch
von ihm ein Foto. Nun, der Japaner an sich und ich haben doch eine
unterschiedliche Art von Humor. Als er sich ausgelacht hat, verbeugt er sich
ganz leicht, kommt näher an mich heran und fragt leise und eindringlich:
„Sekkusu suru?“Wenn mich nicht alles täuscht, hat er mich gerade gefragt, ob
ich mit ihm schlafen will. Ich verbeuge mich, bedanke mich mit „arigatoh“ und
lass ihn stehen.
Verzweifelt versuche ich mein zur Endstation gelöstes
kippu (Ticket) zu tauschen oder zu canceln. Die Frau am Ticketschalter
schüttelt nur unentwegt den Kopf und stellt sich verständnislos, während sie
aus einer kleinen hellgrünen Schale Tee schlürft. Wir reden etwa eine halbe
Stunde aneinander vorbei. Es ist nichts zu machen. Ich habe keinen Yen mehr in
der Tasche und kann mir nicht einmal einen Grüntee oder einen Toilettengang
leisten. Ich suche relativ lange nach einem geeigneten Busch, um wenigstens
ungestört pinkeln zu können. Hier oben ist die Vegetation ziemlich karg. Als
ich mir gerade die Hosen wieder hochziehe, kommt mir ein Mann in
Eisenbahneruniform aufgeregt, Arme wedelnd entgegen. Er wird doch hoffentlich
nicht auch mit mir schlafen wollen?! Nein, die letzte Seilbahn gen Tal hebe
jeden Moment ab und ich sei die Letzte hier oben. Tatsächlich fahre ich als
einziger Fahrgast der gesamten Seilbahnkette in meiner „Privatgondel“ zurück
nach Souzan. Die Zahnradbahn sehe ich nur noch von hinten und die Bergbahn
verpasse ich um
zwei Minuten. Somit auch meinen außerordentlich teuren reservierten Sitzplatz im Shinkansen nach Tokyo. Gegen Zehn erreiche ich erfroren, abgebrannt, ausgehungert und völlig erschöpft das Hotel. Tim macht sich gerade für eine neue Frettchen-Expedition zurecht. „Und, wie war der Fuji?“ „Welcher Fuji?“, frag ich und geh ins Bett.
zwei Minuten. Somit auch meinen außerordentlich teuren reservierten Sitzplatz im Shinkansen nach Tokyo. Gegen Zehn erreiche ich erfroren, abgebrannt, ausgehungert und völlig erschöpft das Hotel. Tim macht sich gerade für eine neue Frettchen-Expedition zurecht. „Und, wie war der Fuji?“ „Welcher Fuji?“, frag ich und geh ins Bett.
Aus: Tropenfieber
Tropenfieber
Samstag, 24. März 2018
Montag, 12. März 2018
Ü50? - LEIDER NEIN
Arbeitsmarkt
Schweiz
Die
Mär von der Chancengleichheit – ein Experiment
Die
Behauptung, auf dem Schweizer Arbeitsmarkt bestünde Gleichheit und alle haben
dieselben Chancen, ist eine Lüge. Ab 50
ist man, vor allem als Frau, weg vom
Fenster.
Noch vor zehn Jahren war oft mit Mitte 50 Schluss im Job.
Das hat sich mittlerweile geändert. Heute sitzen auch über 60-Jährige noch fest
auf dem Bürostuhl. Werden Ältere (45+) aber arbeitslos, haben sie oft grosse
Probleme einen neuen Job zu finden. Wer sich neu bewerben muss, wird schnell
ernüchtert.
Seit August letzten Jahres bin ich
arbeitslos. Oder um es politisch korrekt auszudrücken: arbeitssuchend. Am Tag
meiner Rückkehr von einem Stipendienaufenthalt in Indien hat sich mein
Arbeitgeber aus wirtschaftlichen Gründen meiner entledigt. Vor etwa zehn Jahren
war ich schon einmal in ähnlicher Situation. Mit dem Unterschied, dass ich
damals eben zehn Jahre jünger war.
Gut ausgebildet bin ich noch immer. Ja
mittlerweile sogar weitergebildet. Und ich habe zehn Jahre an Erfahrung
hinzugewonnen und jede Menge Erfolgsbeispiele vorzuweisen. Die Arbeitgeber
sollten sich also die Finger nach mir lecken und sich um mich streiten.
Theoretisch. In der Praxis sieht das leider ganz anders aus. Da ist Jahrgang
1966 offensichtlich DAS Auslesekriterium. Potenzielle Arbeitgeber haben mir das
bei telefonischer Nachfrage nach den Gründen ihrer Absage bestätigt. Wenn auch
durch die Blume. Ich weiss aber durchaus zwischen den Zeilen zu lesen.
100
Bewerbungen – 100 Absagen
Seit dem Tag meiner Entlassung habe ich mich auf 100
offiziell ausgeschriebene Stellen als Journalistin und Produzentin beworben. Blindbewerbungen
nicht mit eingerechnet. Beworben habe ich mich praktisch bei allen
deutschsprachigen Schweizer Medien: bei Tageszeitungen, Regionalblättern, bei
(Fach)magazinen, Zeitschriften und beim Fernsehen. Für Print, für online,
Abend- und Wochenenddienste, Voll- und Teilzeit und als freie Mitarbeiterin.
Ich bin auch gerne bereit ins gegnerische Lage zu wechseln und als
Kommunikationsbeauftragte, Mediensprecherin, PR-, Presse und/oder
Social-Media-Beauftrage für ein Unternehmen ausserhalb der Medienbranche zu
arbeiten.
Auch bei den Sparten bin ich, aufgrund meiner bisherigen
vielseitigen Tätigkeit, mehr als flexibel. IT, Wirtschaft, Politik,
Gesellschaft? Kann ich. People, Kunst, Kultur? Mach ich. Auch die digitale
Transformation ist an mir weniger vorbeigegangen als an manchem Schweizer
Unternehmen. Und damit sich auch jede suchende Firma persönlich angesprochen
fühlt, habe ich meine Bewerbungen jeder Stelle, jedem Unternehmen in Form und
Inhalt individuell angepasst.
Das Ergebnis war trotzdem gleich Null: 100 Mal wurde ich nicht
zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. (Bei CEOs und Marketingchefs, die
mich aufgrund früherer Zusammenarbeit persönlich kennen und bei denen ich mich
vor Aufschaltung eines Stelleninserats bewarb, kam ich in die Endrunde.) Vor
zehn Jahren sah das alles ganz anders aus: Da durfte ich mich noch bei jeder
meiner Bewerbungen persönlich vorstellen, bei jedem zweiten Unternehmen kam ich
in die Endrunde. Heute kommen die Absagen prompt als vorgefasstes Schreiben mit
immer derselben, einzigen Begründung, dass man Kandidaten bevorzuge, die dem
geforderten Profil besser entsprächen. In über der Hälfte der Fälle hielt man
es nicht einmal für nötig, eine Absage zu schicken. Respekt sieht anders aus.
Im Telefonat liess man mich nicht selten wissen, dass man Mitarbeiter
bevorzuge, die sich weiterentwickeln können oder dass es sich eigentlich um
eine JUNIOR-Stelle handele. Wer sagt, dass ich mich mit 51 nicht
weiterentwickeln will? Ich bin über 50, nicht geisteskrank oder tot. Zudem ist
stark zu bezweifeln, dass ein Einsteiger die unendliche Liste an Anforderungen
nur ansatzweise erfüllen kann.
Mehrfach wurde in der Anzeige direkt schon Tacheles geredet
und Kandidaten zwischen 25 und 35 gefordert, als sei danach Schluss mit
Arbeitslust und Kompetenz. Wenn sie einen in der Stellenausschreibung schon mit
Du anreden und man «Teil eines urbanen Lebensgefühls» sein soll, weiss man, was
die Stunde geschlagen hat.
Das
Experiment
Ich startete also kurzerhand ein Experiment: Im
Selbstversuch bewarb ich mich gleichzeitig neben den offiziellen Bewerbungen
auch unter falschem Namen. Als zehn Jahre jüngere Frau mit nahezu demselben,
nur dem Alter angepassten Profil, mit abgeändertem Profil und weniger Erfahrung
sowie als etwa gleichaltriger und als jüngerer Mann. Ich schickte Bewerbungen
an einschlägige Medienunternehmen, an ein grosses Spital, eine Versicherung,
einen Industriekonzern und zwei KMU. Die Ergebnisse waren nicht erstaunlich,
trotzdem erschreckend.
Praktisch überall wollte man mich kennenlernen oder
forderte zumindest weitere Unterlagen an, da ich in meinen Fake-Profilen
natürlich weder ein Foto noch Zeugnisse mitgeliefert hatte. Je jünger ich als
Frau auftrat, umso interessierter schien man auf der anderen Seite an meiner
Person zu sein. Trat ich als Mann auf, lief es noch besser. Einzig als
gleichaltriger Mann harzte es ein wenig. Zudem erhielt ich als Vesna Milenković mit serbischem
Migrationshintergrund eine Absage.
Natürlich ist meine kleine Testreihe aus Mangel an
genügender Anzahl Bewerbungen statistisch nicht wirklich auswertbar und repräsentativ.
Eine Tendenz zeigen die Ergebnisse trotzdem auf: Für die Auslese spielen vor
allem das Alter, aber auch Geschlecht und Herkunft eine entscheidende Rolle.
Die Annahme, Ältere können mit den Jungen nicht mithalten, ist falsch.
Das wissen auch die Unternehmen. Trotzdem ist für viele von ihnen das Alter an sich
der Grund für die Absage. Erfahrungsberichte und Studien deuten klar darauf
hin, dass ältere Bewerber unter sonst gleichen Bedingungen bedeutend schlechtere
Einstellungschancen haben. Grosse Firmen scannen zudem die Bewerbungen nach
festen Rastern, Ü50 fällt da automatisch raus.
Mitarbeitende
einzustellen, heisst für Unternehmen natürlich Geld in die Hand zu nehmen.
Offensichtlich lohnt es sich mehr in Jüngere als Ältere zu investieren, da
diese noch mehr Arbeitsjahre vor sich haben. Fakt ist aber auch, dass Jüngere
viel schneller eine Stelle wechseln als ältere Arbeitnehmer. Zum Beispiel
wandern sie gerne ab, wenn sie die vom Unternehmen mitfinanzierte Aus- oder
Weiterbildung abgeschlossen haben. Unternehmen wollen am liebsten die junge,
formbare, eierlegende Wollmilchsau, die wenig kostet aber die Erfahrung von 30
Jahren mitbringt. Diese Mitarbeitergattung existiert aber nicht.
In Anbetracht der Tatsache, dass das Pensionseintrittsalter
mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter nach oben rutschen wird, wäre es an der
Zeit, dass Unternehmen umdenken und auch den Ü50-ern wieder reelle Chancen auf
dem Arbeitsmarkt zugestehen. Jede Mittdreissigerin in den Schweizer
HR-Abteilungen wird einmal zur Mittfünfzigerin. Über die lapidaren, arroganten Ablehnungsfloskeln,
die man heute von ihnen mehrheitlich hört, werden sie dann mit Sicherheit not
amused sein.
Donnerstag, 8. März 2018
Dienstag, 6. März 2018
Ist das Literatur oder kann das weg?
Soeben ist die neue Ausgabe des "literarischer monat" erschienen. Thema dieser Ausgabe: TRASH.
Hier ist der Intro-Text von mir:
Ist das Literatur – oder kann das weg?
Ein Intro
Von Susann Klossek
Wer den Trash nicht zu schätzen weiss, ist die anspruchsvolle Literatur nicht wert. Wer hat das gesagt? Ich. Trash hat ebenso eine Daseinsberechtigung wie jede andere Art von Literatur, ob sie sich nun Erotica oder Pulp nennt, Pop oder Beat – oder ihr hochkulturelle Weihen zuteilwerden, woraufhin sie dann unter «Kunst» firmiert – eben weil es jemand als solche bezeichnet hat. Die eindeutige Trennung von Unterhaltungs- und anspruchsvoller Literatur ist ein vor allem deutschsprachiges Phänomen, im angloamerikanischen Raum existiert sie praktisch nicht. Was unterhält und sich verkauft, hat dort seine Berechtigung, auch wenn es künstlerisch vielleicht als weniger wertvoll eingestuft wird. Wer hat recht?
Ich bin in der DDR aufgewachsen. Dort wurden ab den 1950er Jahren in den Schulen Belehrungen über das Verbot von Schmutz- und Schundliteratur, mit Androhung von Strafe für Zuwiderhandelnde, durchgeführt (in der Schweiz passierte Ähnliches). Für die sozialistische Obrigkeit gehörten zu dieser Literaturkategorie unter anderem verlogen-sentimentale Liebesromane sowie moralisch «gefährliche» Gangstergeschichten. Sogenannte «schlechte Hefte» wurden verbrannt oder vergraben. Doch Verbotenes ist bekanntlich doppelt begehrenswert, der Schwarzmarkt für Schundware blühte. Ich persönlich habe mir, träge auf der Hollywoodschaukel vor mich hindümpelnd, stapelweise Arztromane reingezogen, die meine Oma heimlich auf dem Dachboden hortete. Sehr zum Leidwesen meines Vaters, der davon überzeugt war, dass der Schund meiner Verblödung nur weiteren Vorschub leisten würde. Was so falsch nicht war.
Aber was gibt es Schöneres, als Geist und Verstand abzuschalten und nach ein, zwei Gin Tonics in einen Groschenroman einzutauchen? Schlecht geschrieben von einem Arzt, dem irgendwann die Patienten abhandengekommen sind. Ein Rollstuhlfahrer kurz vor der Spontanheilung sollte unbedingt dabei sein. Besser noch eine Rollstuhlfahrerin, die durch die Zauberhände des attraktiven Dr. Eckehart Meyer – der Arzt, dem die Frauen wirklich vertrauen – auf wundersame Weise geheilt wird. Nach Intrigen seitens ihrer Konkurrentinnen – Verführung des Doktors, ein missglückter Säureanschlag auf die Gelähmte – und noch mehr Leid aufgrund tragisch-blöder Fehltritte des Medizingenies – eine verfrühte Heirat mit einer Börsenmaklerin, eine wilde Affäre mit dem brasilianischen Anästhesisten und dessen minderjährigem Halbbruder; Pädophilie-Vorwurf! – endet der Roman vor dem Traualtar, wo der Pfarrer, statt sein «Sie dürfen die Braut jetzt küssen» aufzusagen, rührselig die Hände gen Himmel weist mit den Worten: «Ein Wunder, oh Herr, sie kann wieder gehen!» Halleluja, Ende, aus.
Nun, Schundverbote gibt es glücklicherweise nicht mehr. Die Definition von Trash hat sich ebenfalls geändert. Schund steht nun vor allem für literarisch minderwertige Qualität: simple Sprache, simple Geschichten. Trash, im Sinne von Abfall, das sind denn ja auch Reste, die bei der Zubereitung oder Herstellung von etwas entstehen. Diesem Begriff werden viele Bücher – als mentaler Restmüll – durchaus gerecht. Ja mehr noch: ein hoher Anteil der heute den Markt überschwemmenden Trivialliteratur müsste konsequenterweise als Trash bezeichnet werden. Böse Zungen behaupten gar, die Literatur passe sich – Paulo Coelho und Dan Brown winken beim Dreier mit E.L. James über den Gartenzaun – dem Niveau ihrer Leserschaft an. Ich selbst rezensiere für ein grosses Magazin Bücher, die auf der «Spiegel»-Bestsellerliste stehen, und kann durchaus verstehen, dass es Leser gibt, die die Liste anders verwenden als intendiert: Was draufsteht, kommt eben garantiert nicht ins Haus.
Hier und da mag man anlässlich der gebotenen Ware sogar wieder mit einem Verbot liebäugeln, vielleicht reichte es aber schon, viele zeitgenössische Kassenschlager öffentlich als das zu bezeichnen, was sie sind: Schund. Nur: wer darf das eigentlich? Wer masst sich an zu definieren, was wertvoll ist? Auch Werke von D.H. Lawrence («Lady Chatterley’s Liebhaber»), Vladimir Nabokov («Lolita») und Henry Miller («Wendekreis des Krebses») standen einst auf dem Schund-Index – heute zählen sie zur Weltliteratur. Georges Simenon wurde seine schmuddeligen Anfänge und den Ruf des Maigret-Massenproduzenten nie ganz los. Selbst Mark Twain wurde von Kritikern Primitivität vorgeworfen, und von dessen «Huckleberry Finn» stammt immerhin die gesamte moderne amerikanische Literatur ab, will man Hemingway Glauben schenken.
Und dann ist da noch der Trash zweiter Ordnung: Schund von Autoren, die sonst «bessere» Texte schreiben (wollen), sich aber, mal augenzwinkernd, mal durchaus ernsthaft, auch für weniger goutierte Genres und Formen interessieren und diese – z.T. ironisch gebrochen – durchaus mit einem sprachlichen Anspruch selbst herstellen. In der Schweiz erfreuten sich derartige Umtriebe jüngst auffälliger Beliebtheit: Sowohl der Verlag die brotsuppe als auch das Literaturmagazin «Das Narr» haben 2017 ganz ungeniert mehrteilige Schund-Hommagen auf den Markt gebracht, erstere übrigens verfasst von Absolventen des Schweizerischen Literaturinstituts. Ist das nun noch Schund oder doch – Literatur?
So oder so: die zwei elementarsten Fragen zur Schundliteratur lassen sich immerhin recht eindeutig beantworten: Wer druckt das Zeug? Und wer wird es lesen? Millionen, liebe Literaturfreunde, Millionen!!!
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