Donnerstag, 21. März 2013

Auf Escobars Spuren, Teil VII



Fortsetzung vom 14.3.2013
Tage später schliessen wir uns Angela und Jamie, einem hier ansässigen ecuadorianisch-kanadischem Pärchen, an. Gemeinsam fahren wir in die Nebelwälder von Mindo in der Provinz Pichincha. Das über 19'000 Hektar grosse Naturschutzgebiet liegt auf Äquatorhöhe zwischen 1400 und 4780 Metern Höhe und umfasst auch tropischen Regenwald. Auf dem Weg nach Mindo passierten wir übrigens die Mitte der Welt: Latitude 0°- 0'- 0" Die Mitad del Mundo markiert den Ort, an dem Charles Marie de La Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer die genaue Position des Äquators bestimmte. Heute steht dort ein riesiger, ausgesprochen hässlicher Monolith, vor den sich alle Leute mit gespreizten Beinen über eine gelbe Linie stellen, um auf beiden Hälften der Erde zu stehen. Aber Pustekuchen! Inzwischen hat sich nämlich herausgestellt, dass sich der wahre Äquator etwa 240 Meter nördlich des Monuments befindet. Auf nichts ist mehr Verlass. Mit Angela und Jamie diskutieren wir die existenziellen Fragen der Menschheit, wie die Steuersätze in unseren Ländern, die Zukunft der Europäischen Union und die Rolle der Schweiz dabei und was einen wirklich guten Espresso ausmacht: Der Kaffee, die Maschine, das Wasser und die Art, wie selbiger kredenzt wird. Ein perfekter Einklang all dieser Komponenten ist praktisch nur in Italien zu finden. Wenn sie auch sonst nichts Vernünftiges zustande bringen, Kaffee kochen können sie. Unterwegs begegnen uns Tausende von Kolibris. Nur ein Prozent kommt uns maximal vor die Foto-Linse, weil sie so schnell flattern, dass man mit dem blossen Auge gar nicht nachkommt. Dabei machen sie Geräusche wie kleine Helikopter oder Riesenhummeln mit Propellerantrieb. Brillenbär und Puma kriegen wir nicht zu Gesicht. Denen hat man wahrscheinlich eingebläut, dass ihnen hinterm Busch der böse Tourist auflauert. Vielleicht haben sie sich aber auch verpisst, weil durch ihren Wald die grösste Erdöl-Pipeline Ecuadors verläuft.
Der Samstagabend in Quito eignet sich am Plaza el Quindo, oder auch Plaza Foch, im Viertel Mariscal durchaus für Exzesse. Auch wenn der Taxifahrer und der Gatte fürs Erste behaupten, der Platz existiere nicht oder ich würde irgendetwas falsch aussprechen. Hätte Mann gleich auf mich gehört, wäre uns die "Pita Arabe", die so viel mit Arabien wie der Pabst mit Empfängnisverhütung zu tun hat, erspart geblieben. Zudem war die Musik in dem Laden von der Sorte allerschlechtester Latino-Pop. Hörschaden gratis zum Menü. Der Tisch zwischen dem Gatten und mir war dermassen gross, dass er fast in einem anderen Land sass und ich ihn kaum mehr erkennen konnte. Schuld daran waren womöglich auch die Mojitos, die wohl irgendwie mit Fremdsubstanzen versetz worden waren. Ich hörte den Gatten nur noch aus der Ferne zum Kennedy-Mord referieren. Der einzige Satz, der vollständig bei mir ankam, lautete: "Oswalds Schamhaare hin oder her!" Danach verfiel ich in einen Lachkrampf. Später legte ich mit Blueberry Cosmopolitan nach. Der Rest der Nacht verschwamm im Nichts.

Ich habe einen leichten Kater. Zumindest hat mein Körper einen Rechtsdrall. Ganz im Gegensatz zu meiner politischen Gesinnung. Pedro, unser Fahrer vom Thermalquellen-Trip, läutet en punto die Glocke, um uns nach Otavalo zu fahren. Pedro gibt sich grosse Mühe, es seinen westlichen Gästen so komfortabel wie möglich zu machen. Seine alte Karre steht ihm dabei etwas im Wege. Ihr fehlt die Klimaanlage und die Fenster muss man noch runterkurbeln, was man aber tunlichst lasse, in Anbetracht des Staubes draussen. Irgendwie ist alles sandig und mit schwarzem Russ überzogen. Fast wie in den Gegenden der Braunkohletagebaue zu DDR-Zeiten. Den Gatten erinnert es an Prag im Winter 86. Auch schön. Dafür hat sich Pedro musikalisch unserem Geschmack angepasst, wie er meint, und hat die CDs mit den schönen südamerikanischen traditionellen Liedern durch eine selbst zusammengestellte CD "für unsere Generation" ausgetauscht. So werden wir, während wir durch die Anden rollen, mit Queens "I want to breake free", "Hotel California" von den Eagles und Ähnlichem beschallt. So lange er keine deutschen Schlager der Neuzeit abspielt, soll mir alles recht sein. Die Stimmung kippt allerdings fast ein wenig, als er Pink Floyd "The Wall" auflegt. Glücklicherweise sind wir gerade nicht suizidal und Pedro lächelt uns im Rückspiegel so siegessicher an, dass wir auch another brick in the wall stoisch überstehen.

Otavalo liegt auf 2556 Metern am Lago San Pablo. Der Ort gilt als das grösste Handelszentrum für südamerikanische Kunstwerke und ist ausschliesslich von echten Indianern besiedelt. Ein bisschen fühlt man sich in eine der Geschichten von Karl May hinein katapultiert, mit dem Unterschied, dass der nie vor Ort war. Überall laufen Männer mit langem, geflochtenem, schwarzem Haar herum. Kein Einziger, dessen Haarpracht nicht mindestens bis zur Schulter reicht. Es gibt auch keine Geheimratsecken oder Glatzköpfe. Nur langes, wallendes, seidig glänzendes, kohlrabenschwarzes Indianerhaar. Ach! Für einen kurzen Moment erwäge ich, den Gatten einzutauschen. Schon im Kindergarten habe ich als Frau des Häuptlings ausschliesslich auf indianischer Seite gekämpft. Wurde allerdings auch jedes Mal vom Weissen Mann ermordet und musste gerächt werden. Vielleicht sperren sie ihre Glatzköpfe aber auch einfach weg, damit sie nicht das Geschäft schädigen und die Mär vom schönen Indianer nicht zerstören? Ab in den Wigmam und erst wieder rauskommen, wenn die Touristen nach Hause gegangen sind! Am Samstag findet hier auf dem Poncho-Platz der grosse, berüchtigte Samstagsmarkt, oder auch Touristen-übers-Ohr-haun-Markt statt. Er wird von einigen mächtigen Familien kontrolliert und gerne auch als Mafiawerk bezeichnet. Der Indianer an sich ist eben auch kein besserer Mensch. Wir sind in weiser Voraussicht am Sonntag gekommen, wo es bessere Qualität zu niedrigeren Preisen geben soll. Aber wahrscheinlich ist das Teil der Gesamtstrategie.
Ich haue 150 Dollar auf den Kopf, erstehe wunderschönen, indianischen Silberschmuck, Cocabonbons, die tatsächlich stimulierend und stimmungsaufhellend wirken, drei echte Alpaca-Schals, ein auf Leder statt Leinwand gemaltes Ölbild, eine bunte Tischdecke, für einen Tisch, den ich nicht besitze (geht aber auch als Bettüberwurf durch), eine handbestickte Bluse für Tage, an denen ich auf dem Ethnotrip bin und ein grasgrünes, langes, besticktes Indianerkleid, das ich voraussichtlich nie anziehen werde. Ich könnte darin höchstens, mit geflochtenen Zöpfen, und nix drunter, meinen Liebhaber empfangen und ihm die devote Squaw geben. Wer weiss, vielleicht törnt es ihn ja an? Auf dem Rückweg legt Pedro einen Zahn zu und rast wie ein Bekloppter durchs weite Land der Indianer. Man könnte meinen, eine Horde Cowboys sei hinter ihm her. Während er uns Riki Masorati mit dem Bleifuss gibt, versucht er uns noch zu weiteren Touren mit ihm zu animieren. Einmal ein Paket Dollar bekommen und schon hat er Lunte gerochen. Aber er ist ausgesprochen nett und man neigt fast dazu, noch einen weiteren Ausflug mit ihm einzuplanen. Am Ende siegt aber doch unsere Leidenschaft für die Dauersiesta.
Tage später fahre ich mit dem Taxi zum Einkaufen. Das Verkehrschaos in Quito sucht Seinesgleichen. Als sich mein Taxi in einer scharfen Linkskurve in den von rechts kommenden Verkehr reindrängelt, sehe ich wie sich ein roter Bus langsam und schnurgerade auf mein Taxi zubewegt. Es ist wie eine Zeitlupensequenz in einem schlechten Film, wie der alte, stinkende, klappernde Koloss auf mich zurollt und sanft in die rechte Seite des Taxis reinschlittert. Zwei runde Scheinwerfer gucken mich wie zwei grosse, traurige Augen an. Die Tür, hinter der ich sitze, ist blockiert, vom Linienbus No. 059 gerammt. Das hatte ich auch noch nie. Ein vom Gatten in Auftrag gegebenes Attentat, der heute privatisiert und in seiner neuen Alpacafelljacke vor dem Ofen hockt? Da die Polizei hier überpräsent ist und sich in der Regel langweilt, sind auch gleich mehrere Beamte in Sekundenschnelle am Unfallort. Ebenfalls die Hälfte der Buspassagiere, die jetzt alle durcheinander mit den Polizisten diskutieren. Der Verkehr an der Kreuzung kommt endgültig zum Stillstand. Mein Fahrer sitzt noch immer hinterm Lenkrad und kann es kaum fassen, dass sein Taxi im Arsch ist. Der Buschauffeur reisst die Tür auf und zieht ihn raus. Mich scheint niemand zu beachten. Es interessiert auch keinen, ob ich mir etwas getan habe. Also steige ich aus der linken Hintertür aus und beobachte die Szenerie eine Weile. Dann winke ich mir ein Taxi aus der Gegenrichtung ran, steige ein und verschwinde. Auf einen Nachmittag auf einer ecuadorianischen Polizeistation kann ich gut verzichten. Auf dem Plaza Grande spricht mich später ein Typ auf Deutsch an, der sich als Marcos vorstellt.

"Woher kommst Du?"

"Schweiz"

Ich kann mir gerade noch ein "Und Du?" verkneifen. Normalerweise stellt der gemeine Tourist immer diese Gegenfrage. Seit jeher war es mir ein Rätsel, wieso Leute diese Frage stellen, kommt doch der Gesprächspartner in der Regel aus dem Land, in dem man sich gerade befindet. Und meistens ist er auch noch nicht über die Grenzen seines Kaffes hinausgekommen. Also ist die Frage sogar irgendwie anmassend, obschon sie natürlich aus Unsicherheit gestellt wird, weil den Leuten sonst nichts einfällt, was sie fragen könnten. Marcos ist sehr gesprächig. Sein Deutsch ist ausgezeichnet, weil er mal eine Freundin aus Freiburg hatte. Jetzt habe er eine Ecuardoriana, die sei verrückt. Für sie müsse er immer nur Geld ranschaffen. Tja Marcos, mit deiner Deutschen war's wahrscheinlich umgekehrt. Auch die Schweizer haben ihm ein paar Brocken Mundart beigebracht. Natürlich nur den Mist, den alle Ausländer, auch ich damals, als erstes lernen müssen: Chuchichäschtli. Fluchen kann er auch: Gopferdelli nomohl! Bravo! Da hat er ja alles, was er für die Konversation mit einer Schweizerin benötigt. "Gopferdelli nomohl, das schiess Chuchichäschtli gaht nöd uf!" Nur brauchbar, wenn in selbigem die Kondome aufbewahrt werden. Marcos will am Abend mit mir ausgehen. So weit reicht mein neues Freundschaftsgefühl dann jedoch doch nicht aus.
 
Stattdessen genehmige ich mir mit dem Gatten eine Flasche Chardonnay vor der Hütte. Als diese leer ist, es geht sehr schnell, nehmen wir uns die 5-köpfige Ami-Familie zur Brust. Nora, die Mutter, kommt ursprünglich aus San Francisco und ist ihrem Alten zuliebe in ein Nest nach Pennsylvania gezogen, das sie wie die Pest hasst. Die besten Voraussetzungen für eine harmonische Ehe. Mein Gatte seinerseits stürzt sich in einen weitschweifigen Monolog zum Kennedy-Mordkomplott. Nora und ihre Tochter machen einen Gesichtsausdruck wie ein Schwein das in ein Uhrwerk schaut. Dazwischen stossen sie das eine oder andere "Really?!" oder entsetzte "Oh my gosh!" aus, scheinen im Grossen und Ganzen aber keinen blassen Schimmer zu haben, worüber der Gatte da referiert. Immerhin will sie Obama wählen. Das macht sie sympathisch. Das muss an ihren italienisch-irischen Wurzeln liegen. Ihre beiden halbstarken Söhne - sie haben etwas dumpfbackiges - recherchieren später sogar noch auf Youtube im Fall Kennedy. Allerdings ergebnislos. Ihr Gemahl jedoch, Typ Redneck und Waffenliebhaber aus Passion, hat sich schon lange in seine Hütte verzogen und wartet grimmig darauf, dass sie endlich anfängt zu kochen. Mein Gatte verschüttet im Eifer des Gefechtes sein letztes Glas Wein, während Redneck-Daddy seine Mauser 98K (5 Schuss) lädt. Zeit, um ins Bett zu gehen.
 
Fortsetzung folgt am Donnerstag, 28.3.2013 

 

Dienstag, 19. März 2013

Schubladen

 
 
Das Wetter und die Wirtschaftslage sind beschissen, die Laune nicht viel besser. Kürzlich wurde ich aufgrund meiner Texte in die Schublade: deprimierte Frau mit Männerproblemen gesteckt, obwohl ich weder das eine bin, noch das andere habe. Zweite Schublade: Mit Deinen rotgefärbten Haaren biste sicher so ne Esotante. Und: Du hast Trecking in Tibet gemacht? Hätte ich Dir gar nicht zugetraut (Subtext: bei Deiner Figur!)
 
Ich mach da jetzt nicht mehr mit. Steckt Euch in Eure eigenen Schubladen, schliesst von innen ab, verschluckt den Schlüssel und gut is. Ich habe mich jetzt in der Seniorenresidenz angemeldet, in die ich in Kürze einziehen und nur noch Spass haben werde. Mein Freund, der Schwarze Afghane, wird mein Mitbewohner. Have a rotten life....
 
 
 
 

 

Samstag, 16. März 2013

Gestrandet


Sie war gestrandet
In jeder Hinsicht
Verloren im atlantischen Ozean
Starrte sie auf die silbernen Wellen
Und eine seltsame Ruhe überkam sie
 
Am grossen Los war sie immer
Knapp aber bestimmt
Vorbeigeschrammt
Und auch die Muse wollte sie
Nicht mehr küssen
Die Leidenschaft verlor an Kraft
Jenseits der Vierzig
Wurde ihr plötzlich klar
Dass das Leben ganz leicht sein kann
Man muss sich nur
Nicht immer
Gegen den Wind stellen
 
Vila Franca do Campo, Azoren
 

 

Donnerstag, 14. März 2013

Auf Escobars Spuren, Teil VI



Fortsetzung vom 7.3.2012
Im Vergleich zu Bogotá sieht Quito auf den ersten Blick schöner, sauberer, gepflegter, strukturierter und bunter aus. Es wird sich zeigen, ob es wirklich so ist oder uns die dünne Luft auf 2850 Metern das Hirn vernebelt. Wir haben einen kleinen Bungalow inmitten der Altstadt mit Gartenanlage und Blick auf den Vulkan Rucu Pichincha angemietet. Geführt wird die Oase von Wolfgang, einem lange im Ruhrpott ansässigen Ostfriesen, Sozialpädagoge, Handwerker, Tourismusunternehmer in Personalunion und seiner Frau Andi, Psychotherapeutin, Gartenarchitektin, selfmade woman. Lebenskünstler der 68er Generation, die aber über ihre linken Flower-Power-Flausen hinausgekommen sind und ein funktionierendes Business in Ecuador aufgebaut haben. Ecuadorianische Gelassenheit gepaart mit deutscher Gründlichkeit, Ordnung und westlichem Standard. Kurz: Auch der Holzofen, in Ecuador in der Regel nur ein Dekorationsstück, ist echt und funktioniert und die Betten sind so ausgestattet, dass man gerne in ihnen verweilt. Auch gern einmal ausserhalb der Schlafenzeiten. Ausserdem wohnen hier Cordula, eine etwas biedere Lehrerin aus Chur, die Spanisch lernen, den Cotopaxi besteigen und Ferien vom Ehemann machen will, eine bolivianische Umweltaktivistin und ein deutsches Trio (zwei Frauen, ein Mann), deren Beweggründe für ihre Anwesenheit im Dunkeln bleiben. Später wird sich noch eine fünfköpfige amerikanische Familie einnisten, doch dazu später. Als Journalistin müsste ich theoretisch mit allen reden, die Story hinter der Story ausgraben, aber eigentlich will ich mit all dem nichts zu tun haben. Im Grunde genommen bin ich also generell fehl am Platze. Man könnte es sogar als meine eigentliche Profession betrachten.
Quito ist auch auf den zweiten Blick schöner als Bogotá. Und auch auf den dritten. Aber machen Vergleiche überhaupt Sinn? Hartmuth aus Dortmund schreibt mir, dass Libertad y Orden der Wahlspruch Kolumbiens sei und fragt, was der Mensch mit der Ordnung anfangen wolle und ob sich die Begriffe nicht widersprechen. Kann es Freiheit UND Ordnung geben?, fragt Malorny. Unbedingt, antworte ich. Wahre Freiheit, soweit es diese überhaupt gibt, kann ohne ein gewisses Mass an Ordnung gar nicht existieren. Das totale Chaos endet im Nichts. Obwohl natürlich nichts nichts ist. Dem dreifarbigen Kater auf dem Dach gegenüber ist das scheissegal. Er tigert ruhelos umher und jault seit Stunden ohrenbetäubend den Nachthimmel von Quito an. Ist er heiss auf eine Mieze? Ruft er eine verlorene Geliebte? Will er nur fressen? Jedenfalls klingt es herzzerreissend und man neigt dazu, ihm auf der Stelle was zum bespringen zu besorgen. Jetzt markiert er mit aufgestelltem Schwanz den Schornstein. Dann leckt er sich die Eier. Ich wünschte, auch mich würde mal wieder ein wilder Kater markieren. Dabei kommt mir mein Liebster in Zürich in den Sinn. Das zweite Mal heute bereits. Vor dem rolligen Kater dachte ich heute morgen in der Iglesia de San Francisco (den Spaniern fallen auch keine anderen Namen für ihre Kirchen ein) bereits an ihn. Ich werde drei Rosenkränze beten müssen.

Auf 3220 Metern Höhe inmitten der Anden liegen die Thermalbäder von Papallacta, die als Tor zum ecuadorianischen Amazonasgebiet gelten. Zwei davon gibt es: die Volksvariante und jene für den gehobenen Stand. Wir entscheiden uns natürlich für Letztere, die sich aber wahrscheinlich nur durch die 11 Dollar, die sie mehr kostet, von der einfachen Version unterscheidet. Zudem wird sie weniger belagert, sodass wir am Vormittag fast alleine hier oben sind. Die Fahrt von Quito auf breiten, ausgebauten Strassen dauerte eineinhalb Stunden. Vorbei an der grossen Baustelle für den neuen Flughafen. Mitte Oktober soll er eröffnet werden. Sieht so aus, als seien da die Bauherren aus Berlin dran, bis jetzt sieht man jedenfalls nur eine riesige Staubpiste. Ansonsten nahezu zen-mässige Leere. Pedro, der Fahrer, den wir angeheuert haben, ist gut drauf. Er hat mit unserer Bezahlung wahrscheinlich den Lohn für einen Monat drin. Geduldig wartet er vor der Tür, bis sich die Herrschaften genügend gewässert haben. Gegen Mittag füllt sich das Bad mit eher alten Patrons und ihren jungen Frauen. Man könnte sich vermutlich genau jetzt perfekt in der ecuadorianischen Oberschicht einschleimen. Doch die atemberaubende Natur, dieses dem Himmel ein Stück näher sein, diese wunderbare Stille laden ein zum Nichtstun. Oder allenfalls dazu, ein bisschen über das Leben zu philosophieren. Allerdings sollte man sich diese Aktivität zweimal überlegen, wenn man sich nicht den Tag mit trüben Gedanken versauen will. Es macht keiner der Anwesenden den Eindruck, als würde er auch nur ansatzweise mit Denken beschäftigt sein. Zudem brennt die Sonne hier oben selbst durch die Wolkendecke dermassen heiss, dass die Synapsen gern einmal auf Error schalten. Ein paar Kinder beginnen zu lärmen, sodass man sie am liebsten in einer der heissen Quellen ertränken möchte. Aber man ist ja kein Unmensch und lächelt die kleinen Racker stattdessen dummdreist an, was sie allerdings nur noch mehr motiviert, den Lärmpegel noch ein bisschen raufzuschrauben.
Am Himmel führen Sonne und Wolken unterdessen einen erbitterten Kampf. Am Ende setzt sich der glühende Feuerball durch. Der Müll wird hier oben übrigens akribisch getrennt, die Mülleimer sind in die Kategorien Plastik, Papier und Organisches eingeteilt. Zählen niños traviesos, freche Kinder, in letztere Kategorie? Am Pool der diskrete Hinweis doch bitte nicht vom Beckenrand zu springen. Bei einer knappen Tiefe von einem Meter selbst den Knirpsen nicht zu empfehlen. Von ebendiesem Rand äugt ein alter "General" wie ein lauerndes Nilpferd auf meine Oberweite. Hoffentlich hält sein Herz der Kombination aus heissem Quellwasser und drallen Tittel stand! Keiner möchte ein verendetes Savannentier aus dem Sprudelbad ziehen müssen. Ich träume unterdessen ein bisschen von meinem Geliebten zu Hause, seinen heissen Küssen, innigen Umarmungen und seiner Kunst, stundenlang, scheinbar interessiert meinen Elaboraten, die ich so absondere, zu lauschen. Gern möchte man sich einreden, dass eine Affäre komplett ohne emotionale Komponente auskommt. Aber im Grunde war es beim ersten Kuss bereits um mich geschehen. Ich darf jetzt nur nicht den Fehler begehen, ihm meine Angst, ihn zu verlieren, zu zeigen. Im selben Augenblick hätte ich für immer verspielt. Seine Angst wäre damit, insofern sie überhaupt existiert, ein für alle Mal verpufft. Der Respekt mir gegenüber und das Interesse an mir wären unwiederbringlich verloren und er würde sich einem anderen Objekt der Begierde widmen. Angst macht alles schwer. Angst macht schwach. Männer wollen, auch wenn sie das Gegenteil behaupten, keine schwache Frau. Ich weiss, Geliebte kommen und gehen. Und trotzdem will ich jeden Neuen wieder festhalten, das Gefühl in ein Einweckglas stecken und im Keller konservieren. Für später, wenn ich wieder allein bin, weil ich wieder nicht loslassen konnte und somit alles verloren habe. Vielleicht sollte man sich generell nur mit Menschen einlassen, von denen man sich ohne Schmerz wieder trennen kann. Die meisten scheuen ja das Risiko mehr, als dass sie das Glück, auch wenn es von kurzer Dauer sein mag, wagen. Verluste schmerzen nun einmal mehr, als Gewinne erfreuen. Und wie steht es beim 75-jährigen Ölbaron und seiner etwa 45 Jahre jüngeren, russischen Gespielin, die jetzt im Becken dümpeln? Alles Berechnung? Auf beiden Seiten? Oder doch Gefühle? Wenn ja, bei wem? Jedenfalls küsst er inbrünstig ihre Füsse, während sie ihm zärtlich über den Kopf streicht. In der Liebe ist schliesslich alles möglich. Möchte man sich zumindest einreden. Mit Sicherheit liebt sie. Sein Geld. Und er ihre Jugend. Auf der Rückfahrt nach Quito mahnen zig Schilder mit der Aufschrift reduzcar velicodad - drossle die Geschwindigkeit. Eignet sich auch sehr gut als generelles Lebensmotto.
In der La Ronda, der ältesten Strasse Quitos, geht am Freitagabend um Acht die Post ab. Selbstverständlich in für Unsereins noch immer strukturierten, gesitteten Bahnen. Also die stille Post, wenn man so will. 80-jährige Indiopaare, Familien mit mindestens fünf Kleinkindern und frisch Verliebte flanieren auf und ab. Wir sind zwar nichts von alledem, flanieren aber trotzdem mal mit. Alkohol und Drogen scheinen keine grosse Rolle zu spielen. Schade eigentlich. Wahrscheinlich fehlt das Geld dazu. Dafür veranstalten ausgefuchste Strassenkünstler kleine Lotterien: Wessen 1-Dollar-Los die Zahl trifft, die gezogen wird, kann sich ein Bild aussuchen. So verdient sich leicht das Doppelte bis Dreifache, als würden sie darauf warten, dass irgendein dahergelaufener Tourist sich durchringt, eines der Kunstwerke zu erstehen. La Ronda ist im Gesicht eine Kreuzung aus Spanien des 18. Jahrhunderts und dem heutigen Engadin. Mit hübschen kleinen Balkonen, von denen Begonien herabhängen und vor denen früher die Barden - oder wie immer das spanische Pendent heissen mag - ihrer Auserwählten von der Liebe sangen. Als ich dreimal kurz mit den Hüften wackle, schaut der Gatte mich an und mahnt: "Keine Exzesse!" Dann eben nicht. Im Inneren der la Ronda machen sich Südamerika, Asien, New Age und indianische Tradition breit, durchbrochen von ein paar abgefuckten Kaschemmen, in denen Karaoke zelebriert wird. Das Auswärtige Amt, der Reiseführer, Wolfgang und andere Besserwisser - alle warnten uns vor Ecuador. In den dunklen Gassen warten die bösen Jungs, heisst es.

Auch wir warten unsererseits auf die Verbrecher. Uns kommt allerdings nur ein Vegetarier unter, der vor fleischlichen Opfern eher zurückschrecken dürfte. Andererseits waren schon ganz andere Bestien Vegetarier...aber das ist eine andere Geschichte. Der ecuadorianische Kriminelle und wir: Irgendwie scheinen wir uns gegenseitig nicht zu finden. Denn wieder gehen wir nicht überfallen, nicht mit k.o.-Tropfen ausser Gefecht gesetzt, nicht ausgeraubt und nicht vergewaltigt unbehelligt und fröhlich zurück in unsere behagliche Klause. Sicherlich hat in Ecuador die Kriminalität zugenommen. Das hat sie allerdings in Zürich auch. Und sicherlich ist auch die Gewaltbereitschaft gestiegen. Kann ich sehr gut nachvollziehen, wenn ich beispielsweise morgens mit dem Zug zur Arbeit fahre und mir die dummen Gesichter der Mitreisenden angucken muss. Wenn man allerdings diesen ewigen Angstschürern immer auf den Leim gehen und permanent mit latenter Angstfresse herumlaufen würde, könnte man auch gleich zu Hause bleiben. Vermutlich würde man dort dann von einem zugekoksten Investmentbanker versehentlich in der Zürcher Langstrasse von dessen Jaguar überrollt. Leben heisst, sich in ständiger Gefahr zu befinden. Andernfalls kann man schon mal die Abmessungen seiner künftigen Grabstätte abstecken. Kolumbien soll später übrigens seinem Ruf als Mekka der Kriminalität viel besser gerecht werden.
Fortsetzung folgt am Donnerstags, 21.3.2013

Mittwoch, 13. März 2013

Jetzt geht's los



Nachdem sich auch der letzte meiner Freunde eine Eigentumswohnung zugelegt hat, habe ich beschlossen, mal so richtig loszulegen und meine Karriere selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde also in Kürze eine GmbH gründen.

Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung

Montag, 11. März 2013

"Der letzte grosse Bluff" - ab heute im Handel



Es liegt ganz sicher nicht an der Frauenquote, dass ich mich ausserordentlich freue, Susann Klossek als neues Mitglied im Gonzoversum begrüßen zu dürfen. Das überzeugt einfach, was man da liest. Authentische Desillusionierung trifft auf passioniertes Zetern und das Hadern wird zur Profession.

Miriam Spiess, Verlegerin gONZoverlag, Mainz

DER LETZTE GROSSE BLUFF

51 Kurze
ISBN: 978-3-9814439-9-8
80 Seiten

Preis: 10,00 € (D/A) / 14,90 Franken (CH)
www.gonzoverlag.de

Ab 11. März 2013 überall im Buchhandel (in jedem Laden oder im Online-Handel) in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie direkt über den Verlag - gonzoverlag@googlemail.com - erhältlich.

Susann Klossek haut mit der Faust auf den Tisch, wo andere Autorinnen nur zaghaft und verspielt am Spitzendeckchen zupfen.

Florian Günther

Ihre Lyrik ist ehrlich, obszön und selbstironisch – der Duktus einer neuzeitlichen Kaschemmen-Lilly, die das (Über)leben trotzdem mit Stil zeichnet.
Hartmuth Malorny


Leseprobe: http://gonzoverlag.wordpress.com/2013/01/15/leseprobe-aus-der-letzte-grose-bluff/

Und hier noch einige Vor- und Erstleser-Reaktionen:

Hey, das ist herzerfrischend gut. Ein guter Sound, geboren aus einem wummernden Blues auf Mikrowelle. Geht mir unter die Gänsehaut!

Das ist echt stark. Habe gerade die Leseprobe gesehen. Gänsehautpoesie! Ehrlich, knallhart, ohne dämliches Geschwurbel. Das macht die echte Literatur aus. Die für Menschen.

Endlich wieder sinnvolle Texte!

Der Penis, neidlos anerkannt, sitzt nicht immer in der Hose, sondern im Gehirn. Ohne Hollywood. Respekt! Das will ich haben.

Göttlicher Stoff!

10 Euro für das Buch, ein Schnäppchen, die Freude, die es den Lesern bringt: unbezahlbar!              

Verschollen


Dieses Nest
In das es Robert verschlagen hatte
War an Unattraktivität
Kaum zu überbieten
Seine Bewohner standen auf der
Hässlichkeitsskala ganz oben
Immerhin in dieser Disziplin
Hatten sie es zu Höchstleistungen gebracht
Das Ganze sah aus
Als sei es von einem Monster
Mit Verdauungsproblemen erst kürzlich
Ausgekotzt worden
Um ihn nichts als Beton und Dreck und Staub
 
Kakerlaken in der Grösse von Kurzschwanz-Beutelratten
Liefen kichernd an ihm vorbei
Ihre Panzer glänzten golden
Robert hob die Faust zum Gruss
Und murmelte so etwas wie „Rotfront“
Der Job den er die nächsten zwei Jahre
In der Goldmine hatte
War genauso wie der Ort: kaum zum aushalten
 
Robert zündete sich eine Zigarette an
Und lehnte sich zufrieden in seinem
Kaputten Plastikstuhl zurück
Es würden die zwei glücklichsten Jahre
Seines Lebens werden
Keiner wusste wo er war
 
Kumtor, Kirgisistan

Sonntag, 10. März 2013

Geruch der Erwartung

Die Zeiger der Uhr weisen auf gestern
Streuselkuchen mit Sahne
Es hieß der Wind drehe sich
Doch ich habe nichts gespürt
 
Ich kenne diesen Geruch
Es ist der Geruch der Erwartung
Die Hoffnung fegt durchs Haus wie ein Orkan
 
Straßenzüge konfettibestreut
Fließen endlos durch die Welt
Ich tanze meinen Teufelsblues
In meinem Bett liegt dein Double
Schmolllippig spreiz ich die Beine
Ich bin ein feiger Mensch

Freitag, 8. März 2013

Tradition des Heuchelns



 
Bild: Kopf-Skulptur vom Tempel von Chavín de Huántar, Museo Nacional Chavín
 
Gestern war ich im Museum Rietberg in der Ausstellung Chavín - Perus geheimnisvoller Anden-Tempel. Ich hatte mir die Ausstellung spektakulärer vorgestellt. Vor allem war sie für meinen Geschmack etwas vasenlastig. Immerhin Vasen, die zum Teil knapp 3000 Jahre alt waren. Ikea-Gefässe hätten das zum Beispiel nicht überlebt. Nichts desto trotz lernte ich nicht viel Neues, mir wurde aber mein Verdacht bestätigt, dass es sich bei der Heuchelei um eine seit Jahrtausenden bestehende Tradition unserer Urahnen handelt.
 
So haben sich so genannte Auserwählte, Geweihte und Hohepriester (Frauen waren natürlich nicht darunter) auf dem Versammlungsplatz des Anden-Tempels zünftig mit Mescalin zugedröhnt, um sich einer religiösen Initialisierung zu unterziehen. Ich würde das mal ganz keck Drogenmissbrauch nennen. In geistiger Umnachtung haben sie dann Opferblut über einen Obelisk gegossen und daraus Botschaften der Götter gelesen und dem gemeinen Volk im Zustand persistierender Wahrnehmungsstörungen irgendwelchen Schwachsinn verklickert.
 
Irgendwie kann ich sie verstehen: Als ich inmitten des Zürcher Bildungsbürgertums der indianischen Klanginstallation beiwohnte, hätte die Darreichung eines Becherchen Mescalins über so manches hinweggeholfen.

Donnerstag, 7. März 2013

Auf Escobars Spuren, Teil V



Fortsetzung vom 28.2.2013
 
Wir sitzen auf unserer Terrasse unter dem Glasdach, durch das sich die Sonne schwach hindurchquetscht. Unten auf der Strasse macht sich der Müllwagen mit dem Wiegenlied von Johannes Brahms "Guten Abend, gut Nacht...." bemerkbar. So lieblich wie diese Melodie ist auch die Wesensart der meisten Kolumbianer. Kaum zu glauben, dass Kolumbien weltweit Drogenproduzent Nummer 1 ist und in seiner Geschichte einen Gewaltexzess nach dem anderen hervorbrachte. Auch der Teufel kann ein schönes Lächeln haben. Allerdings hat die Gewalt in Zusammenhang mit Kokain in den letzten Jahren abgenommen, weil Mexico nun mehrheitlich für den Vertrieb zuständig ist. Mehr als 55'000 Menschen sind dem Drogenkrieg in Mexico bislang zum Opfer gefallen. Als gemeiner Konsument gerät man da besser nicht zwischen die Fronten. Im August ging nun auch Eliot Alberto Radillo, genannt "El Pancho", den Fahndern bei einer Razzia in Zapopan im Staat Jalisco ins Netz. Er galt als einer der Drahtzieher des so genannten New Generation Jalisco-Kartells. Viel nützen wird seine Festnahme nicht, eine neuer Pancho steht sicher schon in den Startlöchern.
Knapp vier Stunden von Medellín, der zweitgrössten Stadt Kolumbiens und ehemaliger Sitz des von Pablo Escobar (El Doctor, El Patrón, Don Pablo) geführten Medellín-Kartells, geht es über staubige, langweilige Strassen auf die Farm von Juan Camilo. Ihr Name La Esperanza - die Hoffnung - mutet fast ein wenig höhnisch an. Hoffnung braucht es hier fürwahr und selbige kann man hier auch schnell verlieren. Das Gut ist eine Furie, die aus dem Hinterhalt angreift. Gerade mit der Sense bearbeitetes Gestrüpp, stellt sich, hat man ihm den Rücken gekehrt, höhnisch lachend wieder auf. Bewohner und Schlangen führen einen erbitterten Kampf, den nicht selten die Schlange gewinnt. Es geht um die Frage, wer zuerst den Kopf verliert. Auf Maultieren durchrütteln wir mehr als dass wir reiten das ungestüme Land und bieten dabei ein Bild des Jammers. Glücklicherweise wissen wenigstens die schlauen Viecher was sie tun. Ohne die genügsamen Tiere wären wir restlos aufgeschmissen. Ein Maultier zu reiten ist übrigens bedeutend bequemer als sich auf einem Elefanten oder einem Kamel fortzubewegen. Immer wieder muss ich die bedauernswerten Touristen belächeln, die sich voller Tatendrang das erste Mal auf einen grauen Koloss oder ein Wüstenschiff setzen. Jeder Beduine verkneift sich tunlichst auf einem Dromedar oder Trampeltier zu reisen. Nicht umsonst sieht man sie neben den Tieren herlaufen. Der Arsch wird gehörig in Mitleidenschaft gezogen und man muss sich krampfhaft festhalten, um nicht bei der kleinsten Steigung oder beim darauffolgenden Abhang vorn oder hinten überzukippen. Nichts für Leute, die zur Seekrankheit neigen. Bequem ist anders. Ein Maultier hingegen trottet genügsam durch die Ödnis und umläuft von selbst unwegsames Gelände. Allerdings habe ich auch ein bisschen schlechtes Gewissen, wenn ich bedenke, was die arme Kreatur mit meiner Wenigkeit da durch die Gegend schleppen muss. "No problem!", sagt es und grinst mich an.

Das Gut selbst ist gut in Schuss. Jedenfalls erscheint es uns so nach diversen Gläsern selbstgebrannten Fusels, den uns der Gutsverwalter einflösst. Kann aber auch sein, dass wir schon erste Anzeichen von schleichender Blindheit vorweisen. Sie nennen mich Patrona, was mir gewissen Respekt und Wichtigkeit vorgaukelt. Das Problem, neben der unwirtlichen Gegend, sind die Bewohner von La Esperanza. Sie vermehren sich wie die Eintagsfliegen, nur dass sie länger leben. Irgendwie scheinen alle miteinander verwandt zu sein. Hier und da zeichnet sich in einem Gesicht auch das eine oder andere Maultiergen ab. Später erfahre ich, dass ich mir auf die Anrede Patrona nichts einbilden musste. So hat doch das schlaue Bauernpack, der Tross aus Vettern, Cousins und Brüdern selbst einen Patron, dem das Land gehört und den sie, mafiös organisiert, übers Ohr hauen, so gut es geht. Und es geht gut. Alles, wofür er zahlt, gehört im Grunde ihnen. Als Lohn dafür, dass sie sein Gut bis zum letzten Tropfen aussaugen und zugrunde wirtschaften. Mit Bauernschläue leben sie wie die Maden im Speck, den ihnen der Patron jeden Monat aus Medellín zukommen lässt. In Kolumbien bedient man sich übrigens, wenn man einen Feind loswerden will, der Hexerei eines Zauberers, der dem potentiellen Kandidaten Wasser, Kaffee oder Bier kredenzt, in dem die Eier eines Käfers sind, die dann im Magen des Feindes wachsen. Dieser bekommt Kopfschmerzen, ein fieses Krabbeln am ganzen Körper und in drei Monaten ist er hinüber. Rettung gibt's nur durch einen anderen Zauberer, der ein Gegenmittel braut. Glaub es oder glaub es nicht. Wir jedenfalls verlassen, noch unter dem Einfluss des feuerbrünstigen Branntweines, La Esperanza im gestreckten Galopp, bevor wir noch auf der Inventarliste landen oder Kaffee mit Einlage serviert bekommen.

Um nochmal zu Escobar zurückzukommen: Später, zu Hause in der Schweiz, lerne ich Balázs, einen vor 31 Jahren nach Helvetien ausgewanderten Ungarn kennen, der Escobars Errungenschaften für das gemeine Volk in den höchsten Tönen lobt. Leider hätten die Amis alles versaut. Aber ein Escobar wachse glücklicherweise immer wieder nach, sagt er in väterlichem Ton. Er selbst sei im Ruhestand, mit 1500 Franken Rente im Monat sei allerdings ans sich-zur-Ruhe-setzen nicht zu denken. "Deutscher Fleischer müsste man sein, die schaffen es überall", sagt Balázs und beginnt von deutscher Wurst- und Fleischware zu schwärmen. Lange schwelgen wir in Gedanken über die Kunst der alemannischen Metzgerszunft: Leberwurst, fein und grob, mit Kräutern, mit Zwiebel, mit Apfel, Thüringer Rostbratwurst, Blutwurst, Mettwurst, Weisswurst, Zungenwurst, Leberkäse, Zervelatwurst, Presskopf, Landjäger, Saumagen, Hühnchen in Aspik, Schnitzel, Rippchen, Lende... Vielfalt und Tradition. Wurst für die Welt. Fleischwirtschaft im Dialog. Ich warte auf die nächste Postwurstsendung. Wir haben beide die Schnauze voll von Trutenbrust, Bündnerfleisch, Mostbrökkli und Rohschinken. Balázs will nach Paraguay auswandern. Da hätte es genug Deutsche, dass für ihn ein bisschen Wurst abfalle. Dann sag ich nur Heil dir mein Metzgermeister. Aber ich schweife ab.

Bogotá kann einem auf Dauer eine kleine Depression bescheren. Bevor es soweit ist, buchen wir ein Ticket nach Quito, Ecuador, und schauen, dass wir Land gewinnen. Als ich mein Gepäck aus dem 4. Stock die gewendelte Hühnerleiter herunterbugsiere, schauen mir drei blutjunge Polizisten dabei zu und grinsen. Alles, was ihnen dazu einfällt: "Multa muscolusa!" Das hat man nun von der Scheiss Gleichberechtigung! Auf dem Weg zum Flughafen zeigt uns Bogotá doch noch seine grossstädtische Grimasse: Die Umgehungsstrasse ist gesperrt und der gesamte Verkehr quetscht sich durch die Innenstadt. Da die Farben der Verkehrsampeln und die Zeichen der hilflos auf den Kreuzungen herumhampelnden Polizisten lediglich als Empfehlung betrachtet, allerdings überhaupt nicht beachtet werden, steht der gesamte Verkehr einfach still und hupt fröhlich vor sich hin. Der Kolumbianer hat Zeit. Ich habe auf der ganzen Reise keinen einzigen Einwohner rennen oder hetzen gesehen. Mit gemächlich federnden Schritten bewegen sie sich fort und erwecken den Eindruck, als würden sie von der Mittagspause direkt in den Feierabend schlendern. Da der Taxifahrer Benzin sparen will, stellt er die Klimaanlage ab und lässt stattdessen die Fenster sperrangelweit auf, sodass uns der Exitus durch Abgase droht. Katalysator - ein Begriff, der im kolumbianischen Sprachgebrauch nicht existiert. In letzter Sekunde erreichen wir den Flughafen.

Das Flugzeug der Linie AeroGal (Galapagos Airline) erreichte seinerseits dann fast nicht das Ziel. Als wir auf Höhe der Häuser sind und ich schon die kurze, sehr kurze, Landebahn sehe, ja fast anfassen kann, denke ich noch: 'Meine Fresse hat der aber Speed drauf, das wird jetzt aber 'ne harte Landung'. Just in diesem Moment scheint das auch dem Piloten aufgefallen zu sein. Jedenfalls zieht er die alte Schüttel hoch, startet wie ein Bekloppter durch, schrammt in einer scharfen Linkskurve knapp an den Bergen vorbei und fliegt nochmal 'ne Runde über die Anden. Klingt jetzt wahrscheinlich dramatischer, als es war. Wenn man aber drin sitzt, in der allerletzten Reihe, eingequetscht zwischen einem dicken Kolumbianer, der das ganze Desaster nonstop fotografiert, und einem noch dickeren, Nase bohrenden, Fingernägel kauenden blassen (ja! auch das gibt es) Brasilianer, gerät man schon mal in den Panikmodus und der Arsch geht einem auf Grundeis. Apropos Speed: Zwei der Stuarts haben blutunterlaufene Augen, als hätten sie drei Tage lang durchgekokst. Auch nicht gerade vertrauensfördernd die Burschen. Jedenfalls wollte ich nicht in den Anden zerschellen. Womöglich gäbe es Überlebende, die dann zuerst mich fressen würden, weil an mir für alle was dran ist. Kennt man ja aus der Geschichte von 1972. Gut, ich bin kein Rugby-Spieler. Auch wenn es in der Breite hinkommt. Aber ich bin dann trotzdem froh, als ich ecuadorianischen Boden betrete.

Fortsetzung folgt am Donnerstag, 14.3.2013

Mittwoch, 6. März 2013

Central Park




„Sind Sie glücklich?“
Der Mensch der neben Pia
Auf der Bank im Central Park sass
Und ihr dummdreist in der Sonne hockte
Starrte auf seine Füsse
Was für eine ketzerische Frage
Du Wichser dachte sie
Und versuchte sich an einem Ansatz von
Lächeln
 
Der Typ war von bemerkenswerter Hässlichkeit
Und sie? Sie hätte gern auf Tischen getanzt
Doch meistens stand sie neben sich
Irgendeine Unpässlichkeit pflegend
 
Dann drehte sie sich langsam
Zu ihm rüber und sagte
„Ja“
Weil sie froh war
Nicht seine Frau zu sein

Dienstag, 5. März 2013

Gesehen



Man beachte den gelben Zettel:
 
SUBVERSION DER SUBVERSION
 
(Und wer hat eigentlich den Baum gefragt?)

Montag, 4. März 2013

Spruch für den Montag



UNSERE TATEN HABEN FOLGEN ÜBER
DEN MOMENT HINAUS.
 
ALSO BITTE AUCH SCHON MONTAGS DAS HIRN ANSCHALTEN. DANKE.

Freitag, 1. März 2013

Badewannen-Lyrik

 
 
Heute mal das gesprochene Wort: 

Zitat des Tages, von: карл лагерфельд


 
"ICH HABE KEIN VERLANGEN NACH NORMALITÄT"
 
Karl Lagerfeld
 
"Da geht es mir nicht anders"
 
Susann Klossek
 
/Foto im Web gefunden und kopiert, Karl wird's mir nicht übelnehmen/