Samstag, 20. April 2013

PFERDE WETTEN NICHT AUF MENSCHEN



Erste Fragmente eines Gedichtes, das noch lange nicht enden wird.


PFERDE WETTEN NICHT AUF MENSCHEN

 

                                                                                                                                                                                            I

 

Wieder Flughafen

 

e n d l i c h

 

raus aus der Arschfaltenbequemlichkeit

hier alles wie immer:    

                                                               überteuerter Kaffee

                                                               blankgeputzte Scheiben

 

draussen Schweinewetter

will heissen: wolkenverhangener, grauer Schweizer Himmel, aus dem irgendwas Nasses heraustropft

höchste Zeit, der Sonne entgegenzufliegen

immer *SÜDWESTWÄRTS*, wie in Pablo H.'s Buch

das das Beste ist, was mir seit langem unterkam

auch wenn ich mich frage, was ein Mittzwanziger von ausgemergelten Crackhuren zu schreiben weiss

und

beim Satz

*& Houllebecq, der seinen Hund auf ausgezehrte Schafe hetzt*

 

müssen nicht nur die Schafe lachen: Clément, der alte Kurzbeinrüde, dackelte zuletzt mit seinen krummen Arthritisbeinchen höchstens eine Runde mit Michel ums Haus

(einer lädierter als der andere)

wenn ich mit ihm spielte, pfiff nach 30 Sekunden seine alte Hundelunge aus dem letzten Loch und seine lange Zunge klatschte ermattet auf den Fliesenboden der spanischen Terrasse

mir ging es ähnlich und

Michel wollte gar nicht spielen,

war aber noch der Fitteste von uns dreien

obwohl auch er kurz vor dem Gnadenschuss zu stehen schien

damals, im

 

TAL                    WÖLFE

DER

 

als wir nackt am Pool lagen und Rotwein aus Zahnputzbechern tranken und so viel Knoblauch assen, dass uns alle freiwillig in Ruhe liessen und uns Clément wohlwollend zulächelte

 

Jetzt liegt er in Paris unter der Erde

mit einem prächtigen Grabstein

einem Hundekönig gleich

Michel trauert um ihn wie um eine verlorene Geliebte und ich

ich starre in den Regen und denke

wäre ich doch nur noch so jung wie dieser Pablo

der noch verklärt von Mädchenmündern und Muschis träumt

der den Alkohol auch noch verträgt,

den er sich schon morgens um zehn

unter gleissender, marokkanischer Sonne einverleibt

der noch nichts weiss von den Plänen und Träumen,

die zu Illusionen werden

von den Ideen, die platzen wie fette, aufgeblasene Frösche

von den Kompromissen,

von denen man sich geschworen hatte,

sie niemals einzugehen.

 

Manchmal denke ich, wir haben dieses Wetter verdient

es nieselt wie das Leben dahin r

                                                         i

                                                          e

                                                            s

                                                              e

                                                                 l

                                                                   t

so gemässigt und nichtssagend

geduldet wie die Steuerbehörde

aber niemals geliebt

verdient wegen all der Chancen

die wir verstreichen liessen

wegen der Dinge, die wir nicht getan haben

während wir es uns in unserer Gewöhnlichkeit bequem gemacht haben

und fetter und angepasster wurden

 

worauf haben wir gewartet?

darauf, dass die Dinge besser werden?

vielleicht sind sie besser als je zuvor und

von jetzt an geht's nur noch

 

B

E

R

G

A

B

 

kalkulierte Risiken

vertane Zeit

uneingelöste Versprechen an uns selbst

falsche Treue für ein wohltemperiertes Leben

 

Eigentlich habe ich alles, was ich will

vielleicht will ich aber zu wenig

oder das Falsche

immer fehlt was

explodierende Sonnen im Kopf

und zerberstende Herzen

die es wieder zusammenzupuzzeln gilt

 

und Pablo fragt, ob es irgendwo da draussen einen Gott gibt

und er besser mit dem Gedanken lebe, wenn da einer wäre

und ich muss lächeln und denke witzig! bei mir ist's genau umgekehrt

und dass er weiter ist, als er je wollte, schreibt er

und ich denke: toll! ich für meinen Teil komm irgendwie nie an

 

n i r g e n d s

 

hab wohl zu wenige Grenzen überschritten

als der Körper noch konnte und wollte

da war der Kopf noch zu feige

jetzt wäre er

R E A D Y

 

und der träge Körper sagt:

 

FICK DICH

 

nicht mit mir

das hätte Dir früher einfallen müssen

Schluss mit lustig

jetzt ist Sofa angesagt

 

..und in der WOZ steht zum Tod der Thatcher: *Möge die eiserne Lady in Frieden rosten*

mitunter haben sogar Linke Humor

noch scheint nicht alles verloren

auch wenn sie mit der Zeit immer dogmatischer und spiessiger werden

hin und wieder sogar zu Denunzianten

allzu oft zelebriert man irgendwann das

was man früher mit allen Mitteln zu verhindern suchte...

 

ZEREBRALE DIVERGENZ

               

...Alle machen verkrampft auf Nachhaltigkeit

sie fegen fein säuberlich im eigenen Haus

scheissen dem Nachbarn aber in den Garten...

 

An seinem 22. Geburtstag schreibt P.: MEINE ZEIT LÄUFT AB

 

Mann, Junge! Wenn Du wüsstest!

 

                                                                                                                                                                                            II

 

Und dann das                                     

                                     

                            M     E      E      R

 

glitzernd, verheissungsvoll

in Symbiose mit einer weissen Sonne

Füsse, die aus Schuhen rausgucken

halb- und offenherzige Décollettés

 

ich  e r w a c h e

 

da heisst es immer

alles ist in uns und

kommt aus uns und

nur durch uns

aber manchmal liegt's vielleicht wirklich nur

an der beschissenen, mitteleuropäischen Wetterlage,

dass man monatelang in einer Art Wachkoma dahindümpelt

auf Eis gelegt

vergessen aufzutaun

 

Ich frage mich, wie lange Buddha unter dem Bodhi Baum meditiert hätte

wenn der in der Aarauer Agglomeration gestanden hätte?

und Jesus hätte sich - in den Alpen ansässig - wahrscheinlich viel früher ans Kreuz nageln lassen

das Grundklima ist hier irgendwie

 

suizidal

 

temporarily interrupted von 3 Tagen Sommer

jeder Winter ist saisonbedingt

Scheisse nur, wenn die Saison acht Monate dauert

 

Philosophischer Leitspruch nach Klossek:

 

DAS WETTER IST DAS MASS ALLER DINGE

 

Dann das erste Auto, was mir auf dem Parkplatz ins Auge sticht

mit Aargauer Kennzeichen (kein Scherz!)

wie ist das denn ans Mittelmeer gekommen?

es bleibt einem auch nix erspart!

das wirft mich kurz zurück

aber nur kurz

ich wische den taubengrauen Gedanken weg

wie eine lästige Schmeissfliege, die einem um den Kopf surrt

 

dieser Wind!

                der Duft!

                      Prinzip Hoffnung macht hier noch einen gewissen Sinn

 
es besteht durchaus die Möglichkeit, dass das Glas auch mal halb VOLL ist

 

*Tach auch!*, sagt die Libido

*Na, altes Haus, lebste doch noch?*, antworte ich

 

schon verzückt

                                       n            c

                                  e      t     ü

                                             r          t

 

selbst die Köter lächeln (breit)

ihre dicken Klöten wippen im lauen Sommerwind

der sich gerademal einbläst

und dieses Blau des Himmels

das mit dem Türkisblaugrünsilber des Wassers verschmilzt

mein Hippocampus hatte die Existenz dieser Farben schon

von seiner Festplatte gelöscht

 

alles erinnert sich

an sattes Leben

verglühende Zweifel

verdunstende Tränen

das Leben ergiesst sich über mich

ich trinke Sonne, die einen Flächenbrand auslösen wird

 

                                               wie kann man nur so bleich werden

                                                                                                                             auch innerlich

 

ich steig jetzt auf eines dieser Segelboote

und steche in See

Richtung Lustland

                                               oder nach Leckmichhausen

egal, Hauptsache weg

raus aus der Mittelmässigkeit

und Feigheit

die Tage des Zögerns sind ein für allemal vorbei

 

was ist an VERNUNFT BEGABT?

 

                            Pferde wetten nicht auf Menschen

 

Fragt Euch mal warum!

 

Manchmal muss man einfach abhaun

damit überhaupt was weitergeht

damit Stillstand nicht

plötzlich in's Rückwärtskriechen übergeht

es richtet sich gut ein

im eigenen Mief

am Anfang stinkt's noch ein bisschen

und am Ende denkst Du, Du badest in Rosenwasser

 

Die einzig richtige Richtung ist eine neue Richtung!

 

ANGST haben ist ab sofort eine STRAFTAT!

 

I take a picture of myself und denke: schön! einfach schön!

Ich würd' mich vögeln wollen, wenn ich mich fragen würde

 

Noch gegen Sechs brennt die Sonne unerbittlich

und schmilzt ein paar Hirnwindungen

zu träger Masse ein

wie Raclettekäse auf dem heissen Blechnapft

die Djarum Special schmeckt endlich wieder

verbreitet ihren süsslich-schweren Duft

 

Liebe und Tod auf Bali

 

Die EG-Gesundheitsminister:

 

Rauchen fügt Ihnen

und den Menschen

in Ihrer Umgebung

erheblichen Schaden zu!

 

Und?

Eure Anwesenheit auch, liebe Minister.

Wieso eigentlich EG und nicht EU?

Was heisst das? Eure Geni(t)alität?

 

I GIVE A FUCK

 

Mir schmeckt's

 

DAS LEBEN IST KEIN PONYHOF (Dieter Bohlen)

 

Ich rufe ein paar Leute an, um ihnen mitzuteilen, wie gut es mir geht - am anderen Ende der Leitung verstörte Gestalten, die sich nach den Namen meiner neuen Medikamente erkundigen.

 

ich bin nicht depressiv

 

nur wetterfühlig

 

Ich bestelle mir einen Wodka Tonic

ohne Tonic

Prioritäten setzen heisst die Devise

in die Jahre kommen ist nicht lustig

verdünnte Getränke helfen da nicht mehr weiter

 

vielleicht hat dieser Pablo mit allem Recht

so jung und schon so weise

vielleicht hat er auch mit allem Unrecht

Perspektiven verschieben sich

zwischen uns liegen zwei Jahrzehnte

der lange Weg der Ernüchterung

aber auch der Gelassenheit

 

Während sich die ausgemergelten Jogger am Maschendrahtzaun entlang

einen Wolf rennen

stossen die Yachtbesitzer auf der *Atlantic Lady* mit Schampus an

das Gebälk knarrt

auf den Booten

in den Sportiven

die Namen der Schiffe klingen nach sehnsuchtsvollen Verheissungen eines Lebens, das nicht an die Wand gefahren, sondern in die Welt hinausgetragen wurde:

 

PACIFIC BREEZE

FAIRLINE

TRADER

QUINTESSENCE

HEAT WAVE

HARMONY

TEMPTATION

GLORY DAYS

 

THINK BIG

 

 

                                                                                                                                                                                            III

 

 

Ich treffe einen Mann, er sagt von Beruf sei er Maler

bin ich auch, sag' ich, Schwarzmaler

Nee, sagt er, er sei eher Schönredner

Blaumacher sollte man sein (denke ich)

mach ich grad, sagt er

bin ich grad, antworte ich

unsere Wege trennen sich wieder

Dazudichter sind wir beide nicht

 

Warum treten Engländer immer nur in Horden auf?

                               meist im Zustand kompletter Volltrunkenheit?

und Italiener sind so laut

die Deutschen sind Deutsche

schon das reicht

                                                     

                               ich revidiere: DER MENSCH IST DAS MASS ALLER DINGE

 

und das ist ganz schlecht

wir werden uns niemals einig sein

nicht in Abermillionen Jahren

ich bin etwas flachatmig

ob unserer geistigen Todgeburten

 

vor der Tür der selbsternannte Securitymann

auf seinem Shirt steht CERBERUS

wahrscheinlich lässt uns der Höllenhund rein

aber nie wieder raus

Pech jetzt, wer keine Ahnung von griechischer Mythologie hat

(wie ich: gut geblufft ist halb gewonnen)

 

bloss nicht die Neugier verlieren!

das ist ALLES, was zählt

wenn die erstmal weg ist

wird's ENG

Ich schlage Frömmigs *Am Leben sein* auf Seite 38 auf,

Titel: *Neuschnee* - ich schlage es wieder zu

selbst in der Literatur ist ewiger Winter

Jahre in Gesichter geschrieben

Körper zu Eisskulpturen gemeisselt

wo soll das bloss alles hinführen?

Zeit für einen ersten Drink

der Pool gibt sich delfinig

dahinter öffnet das Meer seinen grossen, schwarzen Schlund

getarnt durch Millionen glitzernder Silberfischchen

die den Mit-den-Strom-Schwimmer anziehen

wie Motten das Licht

ein Bierbauch schiebt sich in mein Blickfeld

Walfang hat durchaus seine Berechtigung

 

*Ach wie gut, dass niemand weiss,

dass ich Kaffeebohnen scheiss*,

singt die Schleichkatze in der Mittagshitze

 

Fahnen flattern spöttisch im Wind

ein Rentner hat seine Hose auf Halbmast

 

 

KREISVERKEHR

 

aus dem wir nicht mehr rauskommen

jeder Tag mehr

ist auch ein Tag weniger

das vergessen wir viel zu gern

wenn wir meinen, es ginge ewig so weiter

und das ist sowohl positiv als auch negativ zu verstehen

für die einen kann die Reise nicht lang genug sein

während die anderen insgeheim hoffen,

sie möge doch um Himmels Willen ein Ende finden

 

auf den Himmel zu hoffen, bringt meines Erachtens eh nicht viel

wieso es doch so viele da draussen tun

wird mir immer ein Rätsel bleiben

das Leben - das grösste Rätsel aller Zeiten

 

UNLÖSBAR

 

(das hat uns nur keiner gesagt, als wir den Anmeldeschein ausgefüllt haben)

 

womöglich hat alles einen tiefen Sinn

auch die einfache Konzeption unserer Hirne, die,

könnten sie den Sinn, der allem zu Grunde liegt, fassen

in tausend Sonnen explodieren würden

 

Jasminduft

Laubengänge

Springbrunnen und

Kirschblüten

Frühlingserwachen und Sommernächte

betörend

Tage der Verliebtheit

Schaltjahre her

und trotzdem: der Schmerz in der Brust, als sei es gestern gewesen

süsser Schmerz der Liebe

Wehmut tropft aufs Kopfsteinpflaster

wir könnten es schlechter getroffen haben

und trotzdem blieb der grosse Wurf aus

was ist geblieben von damals?

                Ampelmännchen

                               Sandmännchen

                                               Spreewaldgurken

das infantile Erbe einer Diktatur

ach, war doch alles gar nicht so schlimm damals

das bisschen Mauer und Bautzanamo

was wollt Ihr denn, Ossis?

die Selbstschussanlagen sind doch weg

darauf ein Fläschchen Rotkäppchensekt

 

manchmal lebt man im Hier und Jetzt

und manchmal haut einen das Hier und Jetzt dann um

denn es geht nie ohne Gestern und Damals

ein Lied

ein Wort

ein Geruch

eine Geste

unsere Fehlschläge holen uns immer wieder ein

und schlimmer noch: auch unsere Triumphe

dann müssen wir uns am Wegesrand hinsetzen

und mal tief durchatmen

um nicht zu kollabieren

um nicht an der Last der eigenen Schwermut

zusammenzubrechen

und so flüchtig wie ein Augenaufschlag

sind die Gedanken wieder verflogen

man steht wieder auf - noch ein bisschen taumelnd -

und geht weiter                                           weiter                                                                               weiter

bis zur nächsten Niederlage

 

dann: ein kaltes Bier, Tapas, der Kellner flirtet

alles wieder gut, vergessen, als hätte ich das Ein-Sekunden-Gedächtnis eines Goldfisches

ich bin einfacher gestrickt, als ich dachte

Reisegruppen steigen in Busse

fahren an Dinner oder Folkloreabende

eine alte Frau im Rollstuhl

kaputt

gebrechlich

wahrscheinlich krank

für die ist wirklich alles gelaufen

und doch nichts vorbei

worüber beklage ich mich eigentlich?

das Fleisch war nicht medium

wie ich, mit der Zeit auch etwas zäh geworden

die Zeiten, in denen das Alter noch in Monaten angegeben wird

sind definitiv vorbei

trotz allem werde ich verköstigt

oder runtergwürgt

alles schmeckt immer irgendjemandem

 

 

                                                                                                                                                                                            IV

Und dann Abschied

vom Meer

einer fremden Stadt

langen oder kurzen Nächten

wie man's nimmt

im Taxi im Morgengrauen

werden Kurzzeitgeliebte zurückgelassen

Trauer oder Erleichterung

und zerfledderte Palmen ragen

wie lauernde Geier in den roten Himmel

ein letzter Blick zurück

 

Flugzeuge erheben sich behäbig wie Drohnen

um ihre Fracht an Orte der Langeweile zu transportieren

die Sprache wird wieder (schweizer)deutscher

man guckt sich um und denkt: mit denen will ich jetzt aber nicht abstürzen!

 

Im Flieger, 8:55 Uhr, isst einer Currywurst

die Perversitäten kennen keine Grenzen

 

*Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein*

 

Was hattest Du da genommen, Mey? Hab auch schon bessere Texte gehört

nichts ist beklemmender

als mit 200 anderen Individuen

in einer engen Boing 737 "mit fehlerhafter Prozedur beim Auftragen eines Anti-Korrosions-Anstrichs an einem Bauteil des Heckleitwerks" (NZZ 17.4.2013) eingesperrt zu sein.


KEIN ENTKOMMEN
 

die meisten Dinge sind nur halb so romantisch

wie man tut

und wenn man dann die Wahrheit sagt

ist's auch nicht recht

dabei beten immer alle das Mantra der Ehrlichkeit

 

be authentic!

 

und wenn man's dann ist

ist die Kacke am dampfen

und sie sagen: SO GENAU WOLLTE ICH'S JETZT AUCH NICHT WISSEN

dann wird das Buch zugeklappt

und sie dreh'n Dir den Rücken zu und

verdrehen die Augen

und widmen sich wieder ihrer eigenen Welt

 

ein bisschen Selbstbetrug und Scheinheiligkeit hat noch keinem geschadet

die Frau ist doch krank!

 

jeder hat seine Wahrheit

und vielleicht haben sie recht

aus ihrer Perspektive betrachtet

und ich hab auch recht

wir haben alle recht

recht haben ist ja noch lange nicht Recht kriegen

und erst recht nicht geben

das wäre dann doch zu viel verlang

 

das Flugzeug liegt ruhig in der Luft

und die Currywurst verwandelt sich gerade in das

wie sie schon auf dem Teller aussah

 

*on your right side you can see the Mount Blanc and the Mätterhourn too*

 

Zürich meldet einen wolkenverhangenen Himmel

ein Thor, wer anderes erwartet hat

auch wenn die Hoffnung zuletzt stirbt, sie stirbt

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 18. April 2013

Katzen haben's auch nicht leicht


Auf Escobars Spuren, Teil XI



Fortsetzung vom 11.4.2013

Wir sind von unserem Hausstrand geflüchtet, weil uns da die Schwarzafrika-Fraktion, vom Sänger über Händler für jede Menge Trödel bis zum Koksdealer, belagert hat. Wir waren den ganzen Tag nur damit beschäftigt, uns all die Leute vom Halse zu halten. Ich wurde schon in vielen Ländern auf die verschiedensten Arten belästigt, aber Kolumbien steht ab heute auf der Belagerungsskala ganz oben. Am anderen Strand sieht es allerdings auch nicht besser aus: Vier rappende 12-Jährige, die sich unter unserem Schirm gleich mal häuslich einrichten, Nein-resistente Masseurinnen, die einfach mal ungefragt Hand anlegen, Verkäufer und Musiker jeder Couleur und Sonnenschirm-Vermietungs-Abzockerbanden. Alles konzentriert sich auf uns beide, weil weit und breit nur kolumbianische Touristen zu sehen sind und wir die einzigen Europäer, von denen sie jetzt alle mal richtig was rausholen wollen. Nach dem zweiten Caipiroshka und einer saftig teuren Massage - "Madame ist verspannt, braucht dringend eine Massage. Auch gut für Abnehmen!" - erstehe ich ein Armband aus schwarzen Korallen (Antipatharia) für knapp 15 Dollar. Sollten die Perlen echt sein, ein Schnäppchen. Zwar haben sie den Feuerzeugtest überstanden, Plastik ist es also schon mal nicht, Keramik würde das aber auch. Aber 15 Dollar sind 15 Dollar sind 15 Dollar und für uns praktisch nicht der Rede wert. Später lese ich auf Wikipedia dass die Bestände so stark ausgebeutet wurden, dass die Korallen (235 Arten in sieben Familien mit über 40 Gattungen) vielerorts verschwunden und in einigen Ländern deswegen geschützt sind. Wahrscheinlich hängt jetzt also was Illegales an meinem Arm.

Mit berauschender Finsternis brechen die Nächte in den Tropen herein. Leichter, lauwarmer Regen plätschert auf die heisse Erde und verdunstet im Nu. Alvaro begrüsst mich mit einer fast feierlichen Zurückhaltung und verliert sich in Gedankengängen, deren Sinn mir zunehmend entgleitet. Unser zweites Treffen hatte sich um einen Tag verschoben. War er beleidigt, weil ich erst abends gegen halb Zehn anrief, obwohl wir mittags um Zwölf abgemacht hatten? Hat es ihn angeschissen, dass ich am ersten Abend nicht mit ihm ins Bett wollte? Obwohl das so auch nicht stimmt. Meine Verweigerung hatten wir eher den suboptimalen äusseren Umständen als einer schwachen Libido zu verdanken. Und meinem Alkoholpegel. Vielleicht war er auch wirklich kaputt vom Fussballspiel, wie er am Telefon sagte. Vielleicht hatte seine Mannschaft verloren, da hat selbst der wildeste Hengst keine Lust mehr auf Sex. Hat der Mann die Wahl zwischen Fussball und einer Frau, wird er sich im Zweifelsfalle meistens für den Fussball entscheiden. Ich bin ein bisschen frustriert. Zudem hat mir Michel Houellebecq gerade per Mail mitgeteilt, dass er neuerdings eine Freundin habe. Ich bin ein bisschen eifersüchtig. Obwohl ich es ihm wirklich gönne. Im Fernsehen läuft die Übertragung der Olympischen Spiele aus London. Die Chinesen räumen wieder tüchtig ab. Gedrilltes, gedoptes Kommunistenpack. Ich bin ein bisschen angepisst. Frustriert, eifersüchtig, angepisst. Not my day today. Alvaro und ich stehen etwas unschlüssig im Regen. Nach ein paar unendlichen Schweigeminuten machen wir uns auf die Suche nach einem Hostel. Allerdings finden wir keines, was Kreditkarten akzeptiert.
Also bleibt uns nichts anderes als unser Apartment, wo Alvaro auf keinen Fall hin will. Er hat schaurig Respekt, wenn nicht gar Angst, vor dem Gatten. Ich beruhige ihn, in der Schweiz würden Eifersuchtsdramen nicht mit der Machete ausgetragen. Im Taxi nennt er mich seine Königin. In der Kunst der theatralischen Übertreibung sind die Latinos zweifelsohne Weltmeister. Der Sex erweist sich insofern als etwas schwierig, da Alvaro erst nicht zu Potte und dann, als er in Fahrt ist, diese zu schnell beendet. Er ist zärtlich, er ist leidenschaftlich, er ist aufmerksam. Aber er hat auch einen Anderthalb-Tage-Bart, der nicht nur beim Küssen kratzt. Er leckt unsachgemäss. Aufgrund einiger Kommunikationsprobleme kann ich mich auch nur schwer bis unverständlich zur bei mir anzuwendenden Technik äussern. Zudem fallen ihm ein paar knifflige Stellungen ein, für die man gut und gern ein Intensivtraining beim chinesischen Staatszirkus absolviert haben muss. Er fragt zweimal, wieso ich nicht konzentriert sei. Ist es nicht Sinn und Zweck der geschlechtlichen Vereinigung sich fallen und gehen zu lassen? Konzentrieren muss ich mich schon bei der Arbeit und will das nicht auch noch auf der Ottomane müssen. Arbeit ist dann auch das Stichwort. Für ebendiese müsse er um Fünf raus, weshalb er gern schlafen wolle. Allein. Bei sich zu Hause. Besser hätte ich MEINE Bedürfnisse auch nicht formulieren können.
"Glaubst du an Gott", fragt er mich noch kurz vor seinem Abgang.

"Nein."

"Woher willst du wissen, dass er nicht existiert?"

"Woher willst du wissen, dass er existiert?"

"Ich weiss es."

"Da weisst du mehr als ich."

"Glaubst du an irgendetwas?"

"An mich.

"Ahhh!"

Ein bisschen hatte ich den Eindruck total versagt zu haben, obwohl man mir für gewöhnlich den Meisterbrief ausstellt. Aber er will mich morgen schon wiedersehen und dass, obwohl ich zwei Stellungen verweigert habe und nicht an Gott glaube. Ein erstaunlicher Mann, das muss man schon sagen. Trotz kolumbianischen Feuers, Leidenschaft und Wilderness kommt er an meinen Liebhaber in Zürich nicht heran. Manchmal ist eben doch Schweizer Wertarbeit vorzuziehen. Alvaros Mannschaft hat übrigens 4:0 verloren. Das erklärt einiges. Haben also auch der Alkoholverzicht und die Sexentsagung nichts genutzt.

Postkoitale Tage sind immer ein bisschen lasch. Wie das Wetter, das sich auch für keine eindeutige Lage entscheiden kann. Man ist körperlich und psychisch leicht angeschlagen und schwankt zwischen nachorgastischer Euphorie und der Gewissheit, dass das eh alles keinen grossen Sinn macht. Ich dümple am Pool von Las tres Carabelas, bis es zu regnen beginnt. Dann dümpeln wir im Apartment. Später dümpeln wir in einem Strandrestaurant. Mit uns dümpeln Masseurinnen, Tourenverkäufer, Ketten- und Koksdealer und ein Mann, der auf Essensreste von uns wartet. Wir kaufen ihm etwas Ordentliches. Der Fisch ist wie immer überteuert aber frisch und köstlich. Ein Koks-Deal geht in die Hose, weil uns der Rastamann irgendwelches Schmerzmittel andrehen wollte. Wir geben die Ware, ohne vorher bezahlt zu haben, zurück. Da muss der gute Afrikaner schon früher aufstehen. Ibuprofen erkenne ich im Schlaf. Auch der Gatte ist im Erkennen diverser Substanzen unschlagbar. Wir erwägen eine Wette für "Wetten, dass..?" einzureichen, bei der wir 10 Drogen aus 100 nur per Zungentest erkennen. Am Nachmittag ist ganz was Neues, nämlich dümpeln angesagt. Ich überlege, ob ich Alvaro anrufen soll oder nicht. Ich lass es fürs Erste.
Während wir rumhängen wird ausgerechnet vor unserem Badfenster in schwindelerregender Höhe (25. Etage!) unkoordiniert ein bisschen weisse Farbe an die Aussenwand gespachtelt. Die Sache ist schon sehr verdächtig, denn das ganze Hochhaus trägt Falten und Risse. Spanner? Einbrecher? Oder wie darf man die seltsame Tätigkeit der beiden Pseudohandwerker verstehen? Wird uns demnächst die Bude ausgeräumt oder gibt es bald einen Youtube-Clip wie ich mich dusche? Am Innenspiegel sind kalkige Fingerabdrücke zu sehen, also muss doch bereits jemand versucht haben einzusteigen. Ich mache ein Beweisfoto. Später werde ich ein paar Ohrringe vermissen, die auch nie wieder auftauchen. Auch ein Penthouse in den Wolken schützt einen nicht vor Eindringlingen. Ist die Tür verrammelt kommen sie notfalls mit dem Kran zum Fenster rein. Am frühen Abend bemühen wir uns noch ins Modern Art Museum von Cartagena und in eine Galerie, in der wir um ein Haar eine Skulptur von Niki de Saint Phalle für 120'000 Dollar erstehen. Danach speisen wird standesgemäss bei einem Edelitaliener. Am Nebentisch eine dreizehnköpfige Exilkubaner-Familie.
Am Morgen soll es früh rausgehen auf eine Inseltour mit dem Schiff, wie es sich für Kunstliebhaber in gesetzterem Alter ziemt. Ich verzichte also auf ein Treffen mit Alvaro, während der Gatte noch rasch eine Prise ersteht. Vor den Augen - allerdings nicht sehr wachsamen - von sechs Polizisten. Konsument und Zigarrenverkäufer, nachfolgend Dealer genannt, versichern sich gegenseitig, dass sie sich vom gestrigen Geschäft her bereits kennen. Später bemerken beide, dass an dem nicht so ist, als nämlich der eigentliche Dealer auf der Bildfläche erscheint und zu Recht genervt ist, weil ihm die kleine Ratte ins Geschäft pfuscht. Der Gatte kann sich einfach keine Gesichter merken. Gerade als wir ins Taxi gen Heimatfront steigen wollen, kommen dem Gatten zwei Frettchen in die Quere. Sie stellen sich als Georgio und Fernando vor - zwei Namen wie aus einem Abba-Song. Zwischen Agnetha und Anni-Frid sehe ich ihn von Dannen ziehen. Er dreht sich nicht mehr um. Ich bin gespannt, ob er die morgige Schiffspassage antreten wird.
Fortsetzung folgt am Donnerstag, 25.4.2013

 

Mittwoch, 17. April 2013

Liebesgedicht



Als ich auf deinem hellbraunen Sofa lag
Erahnte ich noch nicht die Dimensionen
Mit denen dieser Abend über den Rest meines Daseins
Hereinbrechen sollte
Dieser Abend an dem du meine Henkersmahlzeit kochtest
Und mir mein altes Leben entglitt
 
Als deine Zunge für Bruchteile von Sekunden
Meinen Hals berührte
Wusste ich: Du warst der Bote des Schmerzes
Des süßen Schmerzes der die Liebe bringt
Und den Tod
 
Die Einzelteile meines Herzens
Zersprangen auf dem Parkett
Und zwischen meinen Schenkeln
Riebst du dir die Seele wund

Samstag, 13. April 2013

Vom Zoll durchgewunken


Endlich auch bei der Autorin selbst angekommen, nachdem es vom Schweizer Zoll konfisziert, dann wegen angeblich unsachgemäss ausgefüllter Zolldeklaration an den Verlag zurückgeschickt wurde, die eh schon arme Verlegerin nochmals 28 Euro für Porto blechen musste, es der Zoll wieder einbehielt und ich dann nochmal 25 Franken Gebühren für Verzollung tucken musste. Man könnte meinen, es handele sich dabei um literarische Massenvernichtungswaffen oder Pornografie. Wer weiss das schon. Nur der, der's liest. Und hier kann man's bestellen

Donnerstag, 11. April 2013

Auf Escobars Spuren, Teil X



Fortsetzung vom 4.4.2013

Cartagena hat die grösste und schönste koloniale Altstadt, die ich je gesehen habe. Deshalb musste die Stadt wohl auch für Dreharbeiten von diversen Szenen in "Fluch der Karibik" herhalten, sagt der Gatte. Ich recherchier' das jetzt mal nicht nach. Wenn's nicht so ist, wurstegal. Der Rest, das neue Cartagena, liesse sich am besten mit Miami Beach für Arme umschreiben. Unser Apartment im Gebäude "Las tres carabelas", die drei Schiffe, liegt im 25. Stockwerk, also das Penthouse, mit Blick in allen vier Himmelsrichtungen aufs Meer. Die Wohnung hat, wie meistens, ein grosses, schönes Zimmer und ein Katzenzimmer. Wir werfen eine Münze, der Gatte hat das Nachsehen. Aber er hätte das grosse, schöne wahrscheinlich auch so mir überlassen. In diesen Dingen ist er grosszügig. Wir haben getrennte Zimmer, weil das für alle Beteiligten das Beste ist. Zum Beispiel weil ich schnarche und er gern zu nachtschlafender Zeit herumraschelt. Zudem habe ichs gern kühl und hell wie im Kühlhaus der Fleischerinnung, er lieber warm und finster wie im Führerbunker. Nach über zwanzig Jahren Fast-Ehe gesteht man sich gegenseitig gern einen Rückzugsort zu, an dem man treiben kann, was man will. Nur so funktionieren Beziehungen. Früher haben wir nächtelang Kämpfe um auf- oder zugezogene Vorhänge und an-oder ausgeschaltete Klimaanlagen ausgefochten. Diese Zeiten sind vorbei. Wir sind erwachsen geworden. Gemeinsame Zimmer (oder gar Betten!!!) haben wir nur noch im tibetischen Hochland in irgendwelchen trutzigen Steinbehausungen oder in kubanischen Kaschemmen, wo es sowieso weder Vorhang noch Klimaanlage gibt. Immer dann also, wenn es zu dekadent wäre, zwei Zimmer zu besiedeln, während sich das Zimmer nebenan die siebenköpfige Familie teilt und Opa auf der Militärpritsche unter der Spüle in der Küche nächtigen muss. Langfristig zusammensein durch Abstand halten, das ist unsere Devise. Und es funktioniert.
Deshalb haben wir jetzt auch zwei Schlüssel zum Apartment, denn während ich bereits im Bett bin, um die Nachwirkungen meiner Ohnmacht zu kurieren, arbeitet der Gatte in Cartagena vieja gerade daran, neue Zimmergenossen zu rekrutieren. Das Penthouse gehört einem gewissen Santiago, der für die Weltbank in Washington arbeitet. Neben diesem Luxushüttchen hat er noch eines in Bogotá. Sieht so aus, als lohne sich eine gehobene Bankkarriere überall auf der Welt. Allerdings entpuppt sich der Luxus bei näherer Betrachtung als leicht bröckelig und wackelig. Die Fenster sind eine Katastrophe, schliessen nicht richtig, was bei einer jährlichen Durchschnittstemperatur von 30 Grad zwar sekundär ist, allerdings entfleucht so auch ständig die kühle Luft der Klimaanlage. Ein Stromverbrauchsdesaster sondergleichen. Um Strom, oder besser die Kosten dafür zu sparen, schaltet uns Edgar, eine Art debiler Hausmeister und Mädchen für alles, regelmässig heimlich die Sicherungen für die Aircondition ab. Die Schalter sind versteckt hinter einer Zwischenwand im Küchenschrank. Ich habe sie in 18,5 Sekunden entdeckt und schalte sie regelmässig wieder an. Gelernt ist gelernt (Stasi, BND). Ohne Klimaanlage, auch wenn sie Töne wie ein Mittelstreckenflugzeug von sich gibt, ist ans Schlafen nicht zu denken. Der Mensch ist schon seltsam. Erst beklagten wir die Höhe, die Kälte und dass die Dusche nicht heiss genug ist, eine Woche später schnaufen wir ob der Hitze und jammern, dass die Dusche nicht kalt genug wird. Man will immer das, was man gerade nicht hat. Im Smartphone erreicht mich eine Nachricht mit dem Titel: Hitzewelle überrollt die Schweiz. Das, nachdem sie dort gerade einmal drei Tage 30 Grad hatten. Für Montag sind bereits wieder 19 Grad angesagt. Die Nachricht entpuppt sich als Werbung für Luftbefeuchter. Der Mensch ist bekloppt.
Es war zu erwarten, dass es an einem heissen Ort in der Karibik kubanische Ausmasse (Sodom und Gomorrha) annehmen wird: Wir sind schon tagsüber am Strand gut betrunken. Abends geht es in die einschlägigen Bars. Gestern, es war mal wieder Samstagnacht, suchte ich das Café Havana auf (oder heim), eine Bar, die einer Bar in Havanna originalgetreu nachempfunden wurde. Auch die Stimmung und das Publikum waren kubanisch. Hemmungslos, zügellos, morallos, fröhlich, als gäbe es kein Morgen, kurz: ausser Rand und Band. Eine Altherrenband von der Insel heizte der wilden Meute ein. Hinter der Bar stapelten sich Flaschen Havana Club Añejo 7 Años vom Boden bis zur Decke. Ein Verführer liess sich bereits nach fünf Minuten blicken. Ich liess mich nicht lange bitten. Den vier Mojitos sei Dank. Wir tanzten Salsa bravío die ganze Nacht. Es dauerte nicht lange und Alvaro, 40 - für einmal kein Frettchen, sondern ein Mann - gerade frisch geschieden von seiner chilenischen Ehefrau, schob mir seine wendige Zunge in den Mund. Ich denke, ein nächster Kubabesuch ist überfällig. Erinnerungen schwappten hoch, an irre Monate auf der verfluchten Insel. Diese rumselige, überspringende Lebensfreude, der Tanz auf dem Vulkan, der jeden Moment auszubrechen droht und alles unter sich begräbt, dieses von Tag zu Tag leben, weil eh alles am Arsch ist! Dem kann keiner entrinnen.

"Ich will mit dir schlafen", flüstert Alvaro mir nach knapp zwei Stunden ins Ohr (Orlando in Havanna hatte das schon nach 20 Minuten gefragt), während sich ein anderer zwischen uns schiebt und "Soy Cubano" - ich bin Kubaner - ruft. Als wäre das eine besondere Auszeichnung, die ihn prädestiniert mich meinem Kolumbianer auszuspannen. Zudem fehlte mir die kolumbianische Nation noch auf meiner internationalen Kopulationsliste. Sorry Mulato, Cubano, aber da ist nichts zu machen. Auch ich will mit Alvaro schlafen, habe aber keine Lust, ihn ins Apartment an der Security vorbei zu schleusen. Zu ihm können wir nicht, da er sich, nach seiner Scheidung und der Rückkehr aus Santiago de Chile, erstmal wieder bei Muttern einquartiert hat. Wir erwägen ein Stundenhotel zu nehmen, haben aber nicht genügend Geld dabei. Ich, versteht sich. Es war kaum anzunehmen, dass er etwas springen lassen würde. Obwohl er ja angeblich als Ingenieur bei Ecopetrol arbeitet. Ja, solche Ingenieure sind mir schon des Öfteren untergekommen! Zudem erinnere ich mich an desaströse Abenteuer in Stundenhotels in Bangkok und Tokyo. Es musste keines in Cartagena hinzukommen. Kurz versuchten wir uns in einem Hauseingang, der aber, wie wir feststellten, von anderen willigen Paaren bereits frequentiert war. Wahrscheinlich behielt die ganze Sache sowieso an Spannung, wenn wir den Vollzug auf den nächsten Abend verschoben. Oder wurde ich alt? War ich mir nicht sicher? Oder einfach zu besoffen? Es würde sich erweisen, ob ich genügend Biss hatte, ihn nochmal zu treffen und er sich noch erinnern würde, dass es für ihn "Liebe auf den ersten Blick" war. Wie oft hatte ich schon diesen Satz gehört. Gut, für die jeweilige Nacht traf er in den meisten Fällen auch zu.
Liebe ist eben vergänglich. Manchmal lässt sich die Liebe mit einem Leoparden vergleichen: Schnell und wild und nach kurzer Distanz ermattet. Und manchmal hält sie auch nur wie kolumbianischer Nagellack: genau eine Nacht lang. Und manchmal ist der Lack ab, bevor es überhaupt zur Sache geht. Was für Alvaro sprach, oder für mich, er ist komplett nüchtern, weil er am nächsten Morgen ein wichtiges Fussballspiel in irgendeiner Meisterschaft vor sich hatte. Wie sagte Berti Vogts schon immer: Kein Sex vor dem Spiel. Und so sollte es auch sein. Eigentlich sagte er "Sex vor einem Spiel? Das können meine Jungs halten, wie sie wollen. Nur in der Halbzeit, da geht nichts." Da war jetzt eben Halbzeit. Berti sagte aber auch: "Die Breite in der Spitze ist unglaublich gross". Durfte ich hoffen? Etwas widerwillig begleitete mich Alvaro zum Taxistand und liess mich fahren. Als ich gegen Zwei im Apartment ankam, stand der Gatte schon im Gang und bat mich mit aller Dringlichkeit eines angeschärften Liebhabers um ein Kondom. Musste sich Mutter eigentlich um alles kümmern? Auch Gleitgel forderte er ungeduldig ein. Da musste ich leider passen. Noch glitt bei mir alles ohne Problem. Als ich in mein Zimmer ging, wagte ich einen Blick in des Gatten Kammer. Unter dem weissen Laken lugte ein pralles, braunes Ärschlein hervor. Wie immer hatte er vor mir zugeschlagen.
Fortsetzung erfolgt am Donnerstag, 18.4.2013

 

 

Montag, 8. April 2013

Nackt und feucht



Ich hatte vergessen wie es ist
Einen Mann wirklich zu wollen
Nackt und feucht
Nackt und feucht
Sein heißer Atem dampft
Auf meiner Haut
Sanfte Küsse
Meine Lippen trinken
Ein gestrenger Biss in den Nacken
Te quiero Te quiero
Ein Windhauch streift unsere Körper
Die sich ineinanderkrallen
Als gelte es
Den Tod zu überlisten

Donnerstag, 4. April 2013

Auf Escobars Spuren, Teil IX



Fortsetzung vom 28.3.2013
Es ist für den ersten Moment schon etwas irritierend, wenn dein Name mit zehn anderen auf einem südamerikanischen Flughafen aufgerufen und man mit Polizei-Eskorte zur Gepäckkontrolle neben die Rollbahn beordert wird. So wie es mir in Quito vor der Abreise zurück nach Bogotá passiert. Mir kommt Andrea Mohr in den Sinn, mit der ich zusammen in einem Buch veröffentlicht habe. Auch sie wurde schon am Flughafen Quito gefilzt. Am Ende sass sie fünf Jahre im berüchtigsten Frauengefängnis von Australien. Gut, im Gegensatz zu ihr habe ich nicht jahrelang kiloweise Koks von Kolumbien nach Down Under geschmuggelt. Ich bin klein, mein Herz ist rein. Trotzdem ist mir leicht mulmig zumute. Ein neuer Versuch des Gatten mich loszuwerden? Hat er mir Kokain untergeschoben und hofft auf meine Verhaftung? Fünf grimmig dreinschauende Polizisten und zwei hechelnde Drogenspürhunde erwarten uns. Jeder von uns muss sein Gepäck identifizieren. Die Verdächtigen-Gruppe besteht neben mir aus einem jungen Holländerpaar (die sind offensichtlich per se verdächtig), einer älteren Dame, ein paar finster aussehenden einzelnen Herren und einer spärlich bekleideten Ecuadorianerin inklusive Kleinkind und Kinderwagen. In knappen, forschen Sätzen befragt mich der Beamte nach Aufenthaltsdauer in Ecuador, wohin ich wolle, für wie lange und wozu. Das ist eine gute Frage, möchte man antworten, aber natürlich beantworte ich brav und korrekt, was er wissen will. Die Staatsmacht reizt man besser nicht. Schon gar nicht in Ecuador.
Während der Beamte scheinbar unbeteiligt meinen Ausführungen lauscht, durchsucht er akribisch mein Gepäck. Als allererstes gerät ihm mein Minivibrator, der allerdings als solcher nicht erkennbar ist, zwischen die Finger. "Was ist das?", fragt er streng. Mir fällt vor Schreck weder die spanische noch die englische Bezeichnung für den kleinen Freudenspender ein. Ich stottere ein bisschen was von para el deleite de las mujeres - für die Lust der Frauen - aber er stellt sich blöd. Absichtlich, vermute ich. Er legt das Ding zur Seite auf den Tisch und packt den Inhalt meines Nécessaires und meiner Reiseapotheke aus. Er dreht ein paar Pillendosen in der Hand, tut, als würde er die Aufschriften lesen, dann steckt er alles gelangweilt wieder weg. Nebenan am Tisch packt die dralle Mutter ihr Zeug aus. Der Hund kläfft das Kind an, das Kind erschreckt sich und fällt samt Sportwagen um und unter den Untersuchungstisch. Es schreit. Ein einizges Chaos. Die ältere Lady beschwert sich und wird zurechtgewiesen. Koffertransporteure rennen schweissgebadet hektisch hin und her und schmeissen einzelne Gepäckstücke wahllos in irgendwelche Ecken. Wenn das mal gut geht! Wenn das überall so abgeht, wundert es mich nicht mehr, wenn so viel Gepäck nicht ankommt. Mein persönlicher Durchsuchungsbevollmächtigter erinnert sich dummerweise nochmal an das seltsame kleine schwarze Gerät, was er bei mir gefunden hat. Er drückt auf das rechte Knöpfchen, es vibriert. Spätestens jetzt dürfte auch ihm klar sein, dass es sich nicht um eine Waffe handelt. Jedenfalls keine der herkömmlichen Art. Natürlich kriegt der Cretin das Ding nicht wieder aus, denn jetzt kommen erst einmal die verschiedenen Vibrationsstufen. Langsam wird auch der Drogenhund auf das surrende Etwas aufmerksam. Mit heraushängender Zunge und gespitzen Ohren grinst mich der Schäferhund an, als verstünde er, worum es hier gerade geht. Ich sage "pfui!", obwohl er sicher nur Spanisch versteht, reisse dem verdatterten Beamtem meinen teuren Lelo aus der Hand und stelle ihn ab. Linkes Knöpfchen, du Trottel! Damit ist die Durchsuchung für mich beendet. Allerdings müssen wir, die Abgefertigten, uns in einer Reihe aufstellen und warten, bis alle Koffer und Taschen komplett durchsucht sind. Gefunden wird nichts. Weder bei der Terroristen-Oma, noch bei der Nutten-Mutter, noch beim Haschisch-Pärchen aus Rotterdam.
Leicht enttäuscht, möchte man meinen, wedelt ein Polizist mit der Hand und gibt uns zu verstehen, dass wir verschwinden sollen. Danach gehts im Gänsemarsch in einen separaten Raum zur Leibesvisitation, die allerdings für mein Empfinden ziemlich lasch durchgeführt wird. Die Sache geht ohne gummibehandschuhe Finger in Körperöffnungen über die Bühne. Danach müssen wir ein weiteres Mal durch die Sicherheitskontrolle. Auch das Handgepäck wird erneut inspiziert. Als ich endlich wieder zurück bin, ist boarding time. So kann man sich die Wartezeit bis zum Abflug auch vertreiben. Erstaunlich, dass sie meine Amphetamine nicht gefunden haben.  Apropos Amphetamine, Kokain und Ecstasy: Davon wird am meisten in Antwerpen und Amsterdam konsumiert, gefolgt von Valencia, Eindhoven, Barcelona und London. Das ergab eine grossangelegte Abwasseruntersuchung in 19 europäischen Grossstädten. Da war zumindest die Durchsuchung des Holländerpaares ja berechtigt. Was das Kokain betrifft, hatte ich eher auf Zürich getippt. Aber vielleicht hat die Schweiz in der EUROPÄISCHEN Statistik mal wieder nichts zu suchen. 350 Kilo Koks sind es europaweit täglich, die sich die Herrschaften so genehmigen und am Ende der Kanalisation übergeben. Nicht auszudenken wieviel es wäre, bei spottbilligen Preisen wie in Ecuador oder Kolumbien. Die Leute würden wahrscheinlich von Kaffee auf Koks umsteigen.
Eine Leibesvisitation konnte mir nichts anhaben und ein Sandsturm auf 5200 Metern auch nicht. Ebensowenig ein Bus, der sich mit meinem Taxi paart oder ein psychopatischer Taxifahrer. Und jetzt hätten mir bei 5 Meter Attitute und 34 Grad (auch nachts!) beinahe zwei Antidünnschisspillen meines Tropenarztes den Garaus gemacht. "Gegen den Durchfall hat es fantastsisch geholfen. Leider ist der Patient tot." Gegen drei Uhr morgens, als ich gerade vom Klo, dass ich die halbe Nacht frequentierte, aufstehen will, wird plötzlich alles schwarz um mich herum. In den Ohren rauschen die Niagarafälle, das Herz schlägt wild gegen den Hals, die Panik macht sich breit. Doch bevor ich richtig durchdrehen kann, wird alles sanft, wie in Watte gepackt, alles ist weit weg und Schluss. Später finde ich mich nackt - nackt war ich schon vorher! - auf dem weissen Fliessenboden meines Zimmer wieder. Zum Glück bin ich schon etwas braun! Das war also meine erste Ohnmacht. So ein kleiner Vorgeschmack auf den Tod, der uns alle ereilen wird. Ohne die paar Schrecksekunden zwischen dem Realisieren, jetzt passiert etwas, das du nicht mehr steuern kannst, und dem sanften Entgleiten ins schwarze Nichts, war's gar nichtmal so ein grosses Ding. Wenn man so abtreten kann, dann buche ich schon mal diesen Trip. Bei einem Error schaltet sich der Körper also einfach ab. Erstaunlich auch, wie er, vor allem wie schnell, das System wieder aufschaltet und sich selbst reguliert.

"Wollen Sie den letzten Zustand vor dem Brakedown wieder herstellen?"

"Ja"

"Nein"

"Später fragen"

"Systeme werden hochgefahren, drücken Sie auf re-start"
 
Fortsetzung folgt am Donnerstag, 11.4.2013

 

Dienstag, 2. April 2013

Am Leben bleiben



Diese Nacht hatte ich mir nicht ausgesucht
Sie brach über mich herein
Wie ein Todesurteil kurz vor der Vollstreckung
Ich schluckte diese hellgrüne Pille
Gleich einem Pfefferminzblättchen
Alles was ich wollte war loslassen
Vor allem von mir selbst
 
Als ich im blauen Licht durch den Raum schwebte
Meinte ich so etwas zu spüren wie Leben
Dann kam die Angst und versaute die Stimmung
 
Plötzlich war ich dem Ende näher als je zuvor
Und irgendwie schien ich am Leben zu hängen
Das überraschte mich dann doch
 
Ich redete mir gut zu
Und wartete auf einem wackligen Barhocker sitzend
Auf meine Begnadigung