Mittwoch, 13. März 2013

Jetzt geht's los



Nachdem sich auch der letzte meiner Freunde eine Eigentumswohnung zugelegt hat, habe ich beschlossen, mal so richtig loszulegen und meine Karriere selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde also in Kürze eine GmbH gründen.

Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung

Montag, 11. März 2013

"Der letzte grosse Bluff" - ab heute im Handel



Es liegt ganz sicher nicht an der Frauenquote, dass ich mich ausserordentlich freue, Susann Klossek als neues Mitglied im Gonzoversum begrüßen zu dürfen. Das überzeugt einfach, was man da liest. Authentische Desillusionierung trifft auf passioniertes Zetern und das Hadern wird zur Profession.

Miriam Spiess, Verlegerin gONZoverlag, Mainz

DER LETZTE GROSSE BLUFF

51 Kurze
ISBN: 978-3-9814439-9-8
80 Seiten

Preis: 10,00 € (D/A) / 14,90 Franken (CH)
www.gonzoverlag.de

Ab 11. März 2013 überall im Buchhandel (in jedem Laden oder im Online-Handel) in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie direkt über den Verlag - gonzoverlag@googlemail.com - erhältlich.

Susann Klossek haut mit der Faust auf den Tisch, wo andere Autorinnen nur zaghaft und verspielt am Spitzendeckchen zupfen.

Florian Günther

Ihre Lyrik ist ehrlich, obszön und selbstironisch – der Duktus einer neuzeitlichen Kaschemmen-Lilly, die das (Über)leben trotzdem mit Stil zeichnet.
Hartmuth Malorny


Leseprobe: http://gonzoverlag.wordpress.com/2013/01/15/leseprobe-aus-der-letzte-grose-bluff/

Und hier noch einige Vor- und Erstleser-Reaktionen:

Hey, das ist herzerfrischend gut. Ein guter Sound, geboren aus einem wummernden Blues auf Mikrowelle. Geht mir unter die Gänsehaut!

Das ist echt stark. Habe gerade die Leseprobe gesehen. Gänsehautpoesie! Ehrlich, knallhart, ohne dämliches Geschwurbel. Das macht die echte Literatur aus. Die für Menschen.

Endlich wieder sinnvolle Texte!

Der Penis, neidlos anerkannt, sitzt nicht immer in der Hose, sondern im Gehirn. Ohne Hollywood. Respekt! Das will ich haben.

Göttlicher Stoff!

10 Euro für das Buch, ein Schnäppchen, die Freude, die es den Lesern bringt: unbezahlbar!              

Verschollen


Dieses Nest
In das es Robert verschlagen hatte
War an Unattraktivität
Kaum zu überbieten
Seine Bewohner standen auf der
Hässlichkeitsskala ganz oben
Immerhin in dieser Disziplin
Hatten sie es zu Höchstleistungen gebracht
Das Ganze sah aus
Als sei es von einem Monster
Mit Verdauungsproblemen erst kürzlich
Ausgekotzt worden
Um ihn nichts als Beton und Dreck und Staub
 
Kakerlaken in der Grösse von Kurzschwanz-Beutelratten
Liefen kichernd an ihm vorbei
Ihre Panzer glänzten golden
Robert hob die Faust zum Gruss
Und murmelte so etwas wie „Rotfront“
Der Job den er die nächsten zwei Jahre
In der Goldmine hatte
War genauso wie der Ort: kaum zum aushalten
 
Robert zündete sich eine Zigarette an
Und lehnte sich zufrieden in seinem
Kaputten Plastikstuhl zurück
Es würden die zwei glücklichsten Jahre
Seines Lebens werden
Keiner wusste wo er war
 
Kumtor, Kirgisistan

Sonntag, 10. März 2013

Geruch der Erwartung

Die Zeiger der Uhr weisen auf gestern
Streuselkuchen mit Sahne
Es hieß der Wind drehe sich
Doch ich habe nichts gespürt
 
Ich kenne diesen Geruch
Es ist der Geruch der Erwartung
Die Hoffnung fegt durchs Haus wie ein Orkan
 
Straßenzüge konfettibestreut
Fließen endlos durch die Welt
Ich tanze meinen Teufelsblues
In meinem Bett liegt dein Double
Schmolllippig spreiz ich die Beine
Ich bin ein feiger Mensch

Freitag, 8. März 2013

Tradition des Heuchelns



 
Bild: Kopf-Skulptur vom Tempel von Chavín de Huántar, Museo Nacional Chavín
 
Gestern war ich im Museum Rietberg in der Ausstellung Chavín - Perus geheimnisvoller Anden-Tempel. Ich hatte mir die Ausstellung spektakulärer vorgestellt. Vor allem war sie für meinen Geschmack etwas vasenlastig. Immerhin Vasen, die zum Teil knapp 3000 Jahre alt waren. Ikea-Gefässe hätten das zum Beispiel nicht überlebt. Nichts desto trotz lernte ich nicht viel Neues, mir wurde aber mein Verdacht bestätigt, dass es sich bei der Heuchelei um eine seit Jahrtausenden bestehende Tradition unserer Urahnen handelt.
 
So haben sich so genannte Auserwählte, Geweihte und Hohepriester (Frauen waren natürlich nicht darunter) auf dem Versammlungsplatz des Anden-Tempels zünftig mit Mescalin zugedröhnt, um sich einer religiösen Initialisierung zu unterziehen. Ich würde das mal ganz keck Drogenmissbrauch nennen. In geistiger Umnachtung haben sie dann Opferblut über einen Obelisk gegossen und daraus Botschaften der Götter gelesen und dem gemeinen Volk im Zustand persistierender Wahrnehmungsstörungen irgendwelchen Schwachsinn verklickert.
 
Irgendwie kann ich sie verstehen: Als ich inmitten des Zürcher Bildungsbürgertums der indianischen Klanginstallation beiwohnte, hätte die Darreichung eines Becherchen Mescalins über so manches hinweggeholfen.

Donnerstag, 7. März 2013

Auf Escobars Spuren, Teil V



Fortsetzung vom 28.2.2013
 
Wir sitzen auf unserer Terrasse unter dem Glasdach, durch das sich die Sonne schwach hindurchquetscht. Unten auf der Strasse macht sich der Müllwagen mit dem Wiegenlied von Johannes Brahms "Guten Abend, gut Nacht...." bemerkbar. So lieblich wie diese Melodie ist auch die Wesensart der meisten Kolumbianer. Kaum zu glauben, dass Kolumbien weltweit Drogenproduzent Nummer 1 ist und in seiner Geschichte einen Gewaltexzess nach dem anderen hervorbrachte. Auch der Teufel kann ein schönes Lächeln haben. Allerdings hat die Gewalt in Zusammenhang mit Kokain in den letzten Jahren abgenommen, weil Mexico nun mehrheitlich für den Vertrieb zuständig ist. Mehr als 55'000 Menschen sind dem Drogenkrieg in Mexico bislang zum Opfer gefallen. Als gemeiner Konsument gerät man da besser nicht zwischen die Fronten. Im August ging nun auch Eliot Alberto Radillo, genannt "El Pancho", den Fahndern bei einer Razzia in Zapopan im Staat Jalisco ins Netz. Er galt als einer der Drahtzieher des so genannten New Generation Jalisco-Kartells. Viel nützen wird seine Festnahme nicht, eine neuer Pancho steht sicher schon in den Startlöchern.
Knapp vier Stunden von Medellín, der zweitgrössten Stadt Kolumbiens und ehemaliger Sitz des von Pablo Escobar (El Doctor, El Patrón, Don Pablo) geführten Medellín-Kartells, geht es über staubige, langweilige Strassen auf die Farm von Juan Camilo. Ihr Name La Esperanza - die Hoffnung - mutet fast ein wenig höhnisch an. Hoffnung braucht es hier fürwahr und selbige kann man hier auch schnell verlieren. Das Gut ist eine Furie, die aus dem Hinterhalt angreift. Gerade mit der Sense bearbeitetes Gestrüpp, stellt sich, hat man ihm den Rücken gekehrt, höhnisch lachend wieder auf. Bewohner und Schlangen führen einen erbitterten Kampf, den nicht selten die Schlange gewinnt. Es geht um die Frage, wer zuerst den Kopf verliert. Auf Maultieren durchrütteln wir mehr als dass wir reiten das ungestüme Land und bieten dabei ein Bild des Jammers. Glücklicherweise wissen wenigstens die schlauen Viecher was sie tun. Ohne die genügsamen Tiere wären wir restlos aufgeschmissen. Ein Maultier zu reiten ist übrigens bedeutend bequemer als sich auf einem Elefanten oder einem Kamel fortzubewegen. Immer wieder muss ich die bedauernswerten Touristen belächeln, die sich voller Tatendrang das erste Mal auf einen grauen Koloss oder ein Wüstenschiff setzen. Jeder Beduine verkneift sich tunlichst auf einem Dromedar oder Trampeltier zu reisen. Nicht umsonst sieht man sie neben den Tieren herlaufen. Der Arsch wird gehörig in Mitleidenschaft gezogen und man muss sich krampfhaft festhalten, um nicht bei der kleinsten Steigung oder beim darauffolgenden Abhang vorn oder hinten überzukippen. Nichts für Leute, die zur Seekrankheit neigen. Bequem ist anders. Ein Maultier hingegen trottet genügsam durch die Ödnis und umläuft von selbst unwegsames Gelände. Allerdings habe ich auch ein bisschen schlechtes Gewissen, wenn ich bedenke, was die arme Kreatur mit meiner Wenigkeit da durch die Gegend schleppen muss. "No problem!", sagt es und grinst mich an.

Das Gut selbst ist gut in Schuss. Jedenfalls erscheint es uns so nach diversen Gläsern selbstgebrannten Fusels, den uns der Gutsverwalter einflösst. Kann aber auch sein, dass wir schon erste Anzeichen von schleichender Blindheit vorweisen. Sie nennen mich Patrona, was mir gewissen Respekt und Wichtigkeit vorgaukelt. Das Problem, neben der unwirtlichen Gegend, sind die Bewohner von La Esperanza. Sie vermehren sich wie die Eintagsfliegen, nur dass sie länger leben. Irgendwie scheinen alle miteinander verwandt zu sein. Hier und da zeichnet sich in einem Gesicht auch das eine oder andere Maultiergen ab. Später erfahre ich, dass ich mir auf die Anrede Patrona nichts einbilden musste. So hat doch das schlaue Bauernpack, der Tross aus Vettern, Cousins und Brüdern selbst einen Patron, dem das Land gehört und den sie, mafiös organisiert, übers Ohr hauen, so gut es geht. Und es geht gut. Alles, wofür er zahlt, gehört im Grunde ihnen. Als Lohn dafür, dass sie sein Gut bis zum letzten Tropfen aussaugen und zugrunde wirtschaften. Mit Bauernschläue leben sie wie die Maden im Speck, den ihnen der Patron jeden Monat aus Medellín zukommen lässt. In Kolumbien bedient man sich übrigens, wenn man einen Feind loswerden will, der Hexerei eines Zauberers, der dem potentiellen Kandidaten Wasser, Kaffee oder Bier kredenzt, in dem die Eier eines Käfers sind, die dann im Magen des Feindes wachsen. Dieser bekommt Kopfschmerzen, ein fieses Krabbeln am ganzen Körper und in drei Monaten ist er hinüber. Rettung gibt's nur durch einen anderen Zauberer, der ein Gegenmittel braut. Glaub es oder glaub es nicht. Wir jedenfalls verlassen, noch unter dem Einfluss des feuerbrünstigen Branntweines, La Esperanza im gestreckten Galopp, bevor wir noch auf der Inventarliste landen oder Kaffee mit Einlage serviert bekommen.

Um nochmal zu Escobar zurückzukommen: Später, zu Hause in der Schweiz, lerne ich Balázs, einen vor 31 Jahren nach Helvetien ausgewanderten Ungarn kennen, der Escobars Errungenschaften für das gemeine Volk in den höchsten Tönen lobt. Leider hätten die Amis alles versaut. Aber ein Escobar wachse glücklicherweise immer wieder nach, sagt er in väterlichem Ton. Er selbst sei im Ruhestand, mit 1500 Franken Rente im Monat sei allerdings ans sich-zur-Ruhe-setzen nicht zu denken. "Deutscher Fleischer müsste man sein, die schaffen es überall", sagt Balázs und beginnt von deutscher Wurst- und Fleischware zu schwärmen. Lange schwelgen wir in Gedanken über die Kunst der alemannischen Metzgerszunft: Leberwurst, fein und grob, mit Kräutern, mit Zwiebel, mit Apfel, Thüringer Rostbratwurst, Blutwurst, Mettwurst, Weisswurst, Zungenwurst, Leberkäse, Zervelatwurst, Presskopf, Landjäger, Saumagen, Hühnchen in Aspik, Schnitzel, Rippchen, Lende... Vielfalt und Tradition. Wurst für die Welt. Fleischwirtschaft im Dialog. Ich warte auf die nächste Postwurstsendung. Wir haben beide die Schnauze voll von Trutenbrust, Bündnerfleisch, Mostbrökkli und Rohschinken. Balázs will nach Paraguay auswandern. Da hätte es genug Deutsche, dass für ihn ein bisschen Wurst abfalle. Dann sag ich nur Heil dir mein Metzgermeister. Aber ich schweife ab.

Bogotá kann einem auf Dauer eine kleine Depression bescheren. Bevor es soweit ist, buchen wir ein Ticket nach Quito, Ecuador, und schauen, dass wir Land gewinnen. Als ich mein Gepäck aus dem 4. Stock die gewendelte Hühnerleiter herunterbugsiere, schauen mir drei blutjunge Polizisten dabei zu und grinsen. Alles, was ihnen dazu einfällt: "Multa muscolusa!" Das hat man nun von der Scheiss Gleichberechtigung! Auf dem Weg zum Flughafen zeigt uns Bogotá doch noch seine grossstädtische Grimasse: Die Umgehungsstrasse ist gesperrt und der gesamte Verkehr quetscht sich durch die Innenstadt. Da die Farben der Verkehrsampeln und die Zeichen der hilflos auf den Kreuzungen herumhampelnden Polizisten lediglich als Empfehlung betrachtet, allerdings überhaupt nicht beachtet werden, steht der gesamte Verkehr einfach still und hupt fröhlich vor sich hin. Der Kolumbianer hat Zeit. Ich habe auf der ganzen Reise keinen einzigen Einwohner rennen oder hetzen gesehen. Mit gemächlich federnden Schritten bewegen sie sich fort und erwecken den Eindruck, als würden sie von der Mittagspause direkt in den Feierabend schlendern. Da der Taxifahrer Benzin sparen will, stellt er die Klimaanlage ab und lässt stattdessen die Fenster sperrangelweit auf, sodass uns der Exitus durch Abgase droht. Katalysator - ein Begriff, der im kolumbianischen Sprachgebrauch nicht existiert. In letzter Sekunde erreichen wir den Flughafen.

Das Flugzeug der Linie AeroGal (Galapagos Airline) erreichte seinerseits dann fast nicht das Ziel. Als wir auf Höhe der Häuser sind und ich schon die kurze, sehr kurze, Landebahn sehe, ja fast anfassen kann, denke ich noch: 'Meine Fresse hat der aber Speed drauf, das wird jetzt aber 'ne harte Landung'. Just in diesem Moment scheint das auch dem Piloten aufgefallen zu sein. Jedenfalls zieht er die alte Schüttel hoch, startet wie ein Bekloppter durch, schrammt in einer scharfen Linkskurve knapp an den Bergen vorbei und fliegt nochmal 'ne Runde über die Anden. Klingt jetzt wahrscheinlich dramatischer, als es war. Wenn man aber drin sitzt, in der allerletzten Reihe, eingequetscht zwischen einem dicken Kolumbianer, der das ganze Desaster nonstop fotografiert, und einem noch dickeren, Nase bohrenden, Fingernägel kauenden blassen (ja! auch das gibt es) Brasilianer, gerät man schon mal in den Panikmodus und der Arsch geht einem auf Grundeis. Apropos Speed: Zwei der Stuarts haben blutunterlaufene Augen, als hätten sie drei Tage lang durchgekokst. Auch nicht gerade vertrauensfördernd die Burschen. Jedenfalls wollte ich nicht in den Anden zerschellen. Womöglich gäbe es Überlebende, die dann zuerst mich fressen würden, weil an mir für alle was dran ist. Kennt man ja aus der Geschichte von 1972. Gut, ich bin kein Rugby-Spieler. Auch wenn es in der Breite hinkommt. Aber ich bin dann trotzdem froh, als ich ecuadorianischen Boden betrete.

Fortsetzung folgt am Donnerstag, 14.3.2013

Mittwoch, 6. März 2013

Central Park




„Sind Sie glücklich?“
Der Mensch der neben Pia
Auf der Bank im Central Park sass
Und ihr dummdreist in der Sonne hockte
Starrte auf seine Füsse
Was für eine ketzerische Frage
Du Wichser dachte sie
Und versuchte sich an einem Ansatz von
Lächeln
 
Der Typ war von bemerkenswerter Hässlichkeit
Und sie? Sie hätte gern auf Tischen getanzt
Doch meistens stand sie neben sich
Irgendeine Unpässlichkeit pflegend
 
Dann drehte sie sich langsam
Zu ihm rüber und sagte
„Ja“
Weil sie froh war
Nicht seine Frau zu sein

Dienstag, 5. März 2013

Gesehen



Man beachte den gelben Zettel:
 
SUBVERSION DER SUBVERSION
 
(Und wer hat eigentlich den Baum gefragt?)

Montag, 4. März 2013

Spruch für den Montag



UNSERE TATEN HABEN FOLGEN ÜBER
DEN MOMENT HINAUS.
 
ALSO BITTE AUCH SCHON MONTAGS DAS HIRN ANSCHALTEN. DANKE.

Freitag, 1. März 2013

Badewannen-Lyrik

 
 
Heute mal das gesprochene Wort: 

Zitat des Tages, von: карл лагерфельд


 
"ICH HABE KEIN VERLANGEN NACH NORMALITÄT"
 
Karl Lagerfeld
 
"Da geht es mir nicht anders"
 
Susann Klossek
 
/Foto im Web gefunden und kopiert, Karl wird's mir nicht übelnehmen/

Donnerstag, 28. Februar 2013

Auf Escobars Spuren, Teil IV



Fortsetzung vom 21.2.2013
Bogotá bei Nacht ist fast so finster wie Havanna, was zeigt, wie unterentwickelt es im Grunde ist. Nachts brennen, ausser ein paar mickriger Funzeln, kaum Lichter. Es muss gespart werden, viele haben gar keinen Strom. Leuchtreklamen gibt es nur wenige, das wiederum muss nicht zwangsläufig antifortschrittlich sein. Eher unbeabsichtigter Umweltschutz. Gegen Acht sitzen wir im Restaurant, der Körper ist im Schlafmodus, zu Hause ist es jetzt 3 Uhr morgens. Nach dem ersten Bier der Marke Club Colombia Rojo muss ich aufpassen, dass mein Kopf nicht in die überbackenen Champignons fällt. Während ich wenig später mit meinem Bisteka del Corilla (nicht Gorilla!) kämpfe, wird vom jungen Pärchen am Nebentisch gerade eine Versöhnungsszene performed, die jede dämliche Soap in den Schatten stellt. Er kniet dabei vor ihr auf dem Boden und macht mit grossem Schmollmündchen und dramatisch zusammengezogenen Augenbrauen ein theatralisch gequältes und schuldbewusstes Gesicht. Sie scheint zu überlegen, ob sie ihm, was auch immer, nochmal verzeihen soll. Sie straft ihn damit ab, dass er den Rest des Abends wie ein Hund vor ihr hocken und um Essen betteln muss. Hin und wieder steckt sie ein Minikartoffelchen in seinen Mund oder lässt ihn grosszügig an ihrem Strohhalm saugen. Unterdessen fallen unten auf der Strasse zwei Schüsse. Was die anwesenden Gäste aber nicht einmal dazu veranlasst, auch nur von ihren Tellern hochzuschauen. Waren wir gerade in einer Vorstellung von Krieg und Frieden oder tatsächlich nur ganz normal zum Abendessen? Auf dem Rückweg in Massimos Kaschemme falle ich mal wieder einem dieser als Schmuckverkäufer getarnten Drogendealer zum Opfer. Ehe ich mich versehe habe ich ein Freundschaftsband - "just a present" - in den Farben der kolumbianischen Flagge am Handgelenk. Bei Wolfgang Petri hat's wahrscheinlich auch mal so angefangen. Geendet hat's ja bekanntlich in der Hölle. Ich drücke Dimi (Russenmafia?), wie er sich nennt, 5000 Peso (2 Euro 50) in die Hand, denn geschenkt ist ja nix im Leben, wie wir wissen.
Das Gramm Koks kostet 30'000 Peso, knapp 12 Euro, also ein Schnäppchen. Wenn wir nach der Einnahme allerdings so aussehen wie Dimi und sein Cousin, der sich jetzt zu uns gesellt hat, die ihre Ware augenscheinlich permanent vortesten, sollten wir wohl gescheiter die Finger davon lassen. Andererseits geht Dimi vielleicht bald der Vorrat aus. Erst kürzlich wurde nämlich die berüchtigte Drogenbaronin Griselda Blanco erschossen, als sie gerade in Medellín eine Metzgerei verliess. Fleisch fressen kann tödlich sein. Der Name Griselda setzt sich übrigens aus dem  altfranzösischen gris, also grau und dem althochdeutschen hiltja, der Kampf zusammen. Dazu der Nachname Blanco, der passende Name für eine Koks-Baronin. Die Zeiten für Kolumbiens Drogenbarone stehen offensichtlich schlecht. Erst Anfang Juni ist Soldaten in Venezuela nämlich Südamerikas meistgesuchter Kriminelle ins Netz gegangen. Diego Perez Henao tarnte sich als Vorarbeiter auf einer Reisfarm und soll tonnenweise Kokain in die USA geschmuggelt haben. Vor seiner Drogenhändlerkarriere als Führer eines Ablegers des Norte-del-Valle-Kartells, war der Kolumbianer Mitglied der F.A.R.C. Und schon schliesst sich wieder ein Kreis. Vom linken Terroristen zum Koksdealer, Erpresser und Mörder. Der Schritt vom Weltverbesserer zum Weltzerstörer ist mitunter klein. Am Strassenrand neben Dimi sitzt übrigens ein junger Typ, der schon einen Trip ins Nirvana gebucht zu haben scheint. Jedenfalls zeigt er mit grossen, glasigen Augen und einem perfidem Grinsen auf nichtexistente Lichterscheinungen am Nachthimmel. Gerade im rechten Augenblick kommt eine Polizeipatrouille vorbeigefahren. Wir nutzen die Gunst der Sekunde und machen uns aus dem Staub. Im März dieses Jahres hat die gesetzgebende Gewalt in Kolumbien die Entkriminalisierung des Anbaus von Coca-und Marihuana-Pflanzen und eine kontrollierte Freigabe von Drogen vorgeschlagen. Doch bis es soweit ist, sollte man sich besser nicht mit Koks im Handtäschchen erwischen lassen. Es drohen hohe Gefängnisstrafen und, wie es heisst, schwierige Haftbedingungen. Besser also, man probiert das nicht aus. Als wir zurück in unserer Kate sind, ist mein Genick total steif und schmerzt. Erste Zeichen einer Meningitis oder dreh ich langsam durch?
Massimo muss, um sich in der Karibik (mit seinen vier Hunden "They are like my kids") niederlassen zu können, seine zwei Apartment-Häuschen in Bogotás Altstadt losschlagen. 500'000 Dollar will er für beide zusammen. Er zeigt uns neben dem Chorro de Quevedo, wo wir wohnen, zwanzig Meter weiter die Casa Guadelupe, die Luxusversion für den anspruchsvolleren Gast. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, soeben in ein Verkaufsgespräch geraten zu sein. Zugegeben sind beide Häuser innen wunderschön ausgestattet, mit Farben, die einen an Frühling, Sommer, Lust, Laune, freie Liebe und LSD denken lassen. Allerdings hat der Gute wohl den Blick für die Realität verloren. Der "wundervolle Panoramablick" von der Terrasse weist nämlich direkt auf eine Müllhalde zur Linken, das Elektrizitätswerk zur Rechten und auf das verfallene Wellblechdach gegenüber, wo verlauste Hunde unter buntbestückten Wäscheleinen hocken, die mindestens schon fünf Regengänge hinter sich haben (nicht die Hunde!). Auch die Tatsache, dass seine Nachbarn Kriminelle und Drogensüchtige sind, würde ich an seiner Stelle besser verschweigen. Verkaufsfördernd erscheint es mir jedenfalls nicht. Da Massimo als einer der Wenigen weit und breit Wassertanks sowie Gas- und Elektroanschluss hat, sind die Schnorrer nicht weit. Ich glaube zudem, dass er sich seine Sicherheit teuer erkaufen muss. Ausserdem hocken, neben den angestellten Studenten wie Andres, der Psychologie studiert und bald auf ein Semester nach München kommen will (woher hat man das Geld?), auch ständig irgendwelche jungen Knilche mit Uniformen mit der Aufschrift Policia oder Securidad Privado in seiner Hütte. Sie saufen seinen Kaffee weg, wärmen sich auf und surfen auf seinen Laptops auf irgendwelchen Schmuddelseiten rum. Ich wünsche Massimo wirklich, dass sich sein Traum vom Lebensabend in der Karibik erfüllt, aber ich bezweifle stark, dass er einen Käufer findet, der freiwillig bereit ist, eine halbe Million Dollar abzudrücken und sich womöglich noch mit dem Drogenkartell oder korrupten Beamten und künstlich erzeugten, extraterrestrischen Energiefeldern herumschlagen will.

Auf dem Land, zumindest im Norden der Hauptstadt, ist alles weniger heruntergekommen und ärmlich, sauberer und adretter. Es gibt Dörfer mit hübschen weissen Häuschen mit Vorgärten, die durchaus 1:1 von Andalusien nach Kolumbien hätten verfrachtet worden sein können. Dieser Satz ist grammatikalisch ein Desaster, aber egal. Eines der Dörfer, das vor 50 Jahren einem Stausee zum Opfer fiel und komplett neu aufgebaut werden musste, wurde tatsächlich von einem spanischen Architekten nach andalusischem Vorbild errichtet. Sogar eine Stierkampfarena gibt es. Der Stierkampf in Kolumbien ist allerdings, im Gegensatz zu Spanien, für den Torero oft gefährlicher als für den Stier, weil der kolumbianische Hobbymatador gern mal volltrunken zum Zweikampf antritt. Durchschnittlich fordert das riskante Spiel pro Jahr zwanzig Todesopfer. Dieses Dorf hier mutet allerdings etwas wie eine verlassene Filmkulisse an, der die Schauspieler bereits abhanden gekommen sind. Ausser dem Dorfdeppen, der unser Auto bewacht, und zwei alten Cowboys ist kein Leben auszumachen. Die Landschaft ist saftig, dunkelgrün, vielfältig und auch auf 3000 Metern Höhe noch üppig, während in solcher Höhe in der Schweiz die letzten Krüppelkiefern schon längst den Geist aufgegeben haben. Subtropische Bäume, kleine Blümchen, Nadelgewächse wie frisch aus Japan importiert, grüne Wiesen, riesige Erdbeer- und Kaffeeplantagen, Kartoffeläcker und Lagunen. Und immer wieder Rosen, Rosen, Rosen. Kolumbiens Exportgut Nummer drei neben Kokain und Kaffee. Selbst der ständige Regen, unterbrochen von ein paar Sonnenminuten, kann einem die gute Laune nicht verderben. Alle, die einem begegnen, grüssen freundlich. Niemand belästigt einen, kaum einer bettelt oder will einem irgendeinen Mist andrehen. Diese Einschätzung werde ich später allerdings revidieren müssen. Trotzdem: Der Kolumbianer an sich ist ein wirklich angenehmer Zeitgenosse.
Boris unser Fahrer (wieso haben die alle russische Vornamen?) ist ebenfalls zurückhaltend und freundlich. Er hat vier Kinder, lebt in einer 3,5-Zimmer-Eigentumswohnung im Norden Bogotás, mit zwei Bädern und einem Parkplatz. Da hat er mehr vorzuweisen als wir. Die Wohnung hat 140'000 Dollar gekostet. Ein guter Preis. Wir fahren auch an sehr hässlichen Apartmenthäusern vorbei, die zwischen einer und zwei Millionen Dollar kosten und wegen der schweren Regenfälle der letzten Monate bald vom Hang, an den sie gebaut wurden, wegzubrechen drohen. Shakira habe da eine Wohnung, erzählt uns Boris, aber blicken lasse sie sich in Kolumbien nie, die Schnepfe. Sie ziehe es vor, sich mit ihrem neuen Freund Gerard Piqué, Fussballer beim FC Barcelona, in Spanien zu verlustieren. Wahrscheinlich würde sie erst Monate später bemerken, dass ihr Haus weg ist. Nach dem Mittagessen, typisch kolumbianisch mit viel Kartoffel in 56 Zubereitungsarten und Mais und fetter Wurst und zähem Fleisch und noch mehr Allerlei aus Kartoffel und Mais, gehen wir ins Bergwerk. Irgendwie muss man sich die Kalorien ja wieder abarbeiten. Genaugenommen ist es ein stillgelegtes Salzbergwerk, in dem sich Kolumbiens Touristenattraktion (wenn es denn Touristen gäbe) Numero uno befindet: die Catedral de Sal in Zipaquirá. Unter anderem muss man, um in die eigentliche "Kirche", 150 Meter unter der Erde, zu gelangen, zuerst die 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu absolvieren, der entlang der ehemaligen Lagerschächte für das Salz errichtet wurde. Noch nie habe ich so viele, sehr grosse und erleuchtete Kreuze gesehen und fotografiert. Ich war froh, als wir endlich an der Endstation "Jesus ist gekreuzigt" angekommen sind. Auch ich fühlte mich schon halb gekreuzigt.
Die unterirdische Salzkathedrale gehört zu den grössten religiösen Bauwerken der Welt: Sie ist dreischiffig, 120 Meter lang und über rund 8500 Quadratmetern Fläche wölben sich ihre in den salzhaltigen Felsen gesprengten Kuppeln. Beeindruckend. Selbst für einen alten Heiden wie mich. Neben der Kathedrale wird einem unter der Erde noch allerlei Spektakel geboten, vom unterirdischen Café, über Souvenirshops, einem 3D-Filmstudio, einer Lichtshow bis zu einer Unter-Tage-Begehung. Bei letzterer stolpern wir mit Helm und Grubenlampe durchs finstere Nichts und lichten uns mit Dynamitstange und Spitzhacke bewaffnet gegenseitig ab. Ich bin sicher, wir geben eine lächerliche Figur ab. Über die katastrophalen Arbeitsbedingungen der bedauernswerten Minenarbeiter wurde ebenfalls vorsorglich Stillschweigen bewahrt. Gewisse Gruben- und Sprengtechnik ist übrigens made in Germany, da weiss man, was man hat. Zumindest die relative Sicherheit, dass man unverschüttet das Tageslicht wiedersehen wird. Diese Unterwelt ist schon beachtlich, aber auch irgendwie bedrückend. Zum Schluss ist man jedenfalls froh, das Licht am Ende des Tunnels zu erblicken.
Auf dem Rückweg preist Boris die Milchprodukte der Marke Alpina und zeigt uns stolz die riesige Fabrik - in Schweizer Hand. Gegen Sechs schaltet er das Radio an und setzt einen andächtigen Gesichtsausdruck auf. Jeden Tag 6 Uhr morgens und 6 Uhr abends ertönt da die kolumbianische Nationalhymne. Soll wohl den Nationalstolz des Kolumbianers fördern, damit nicht wieder ein Grosskolumbien bestehend aus Kolumbien, Ecuador, Panama, Venezuela und Teilen Perus und Guyana entsteht, wie es zwischen 1819 und 1830 unter Simón Bolívar existierte und wie es Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez gern wieder hätte. Letzterer wird allerdings wenig Erfolg damit haben. In Kolumbien hassen ihn alle und kooperieren doch lieber mit den USA, zumindest was die Kokainlieferungen und das Schwarzgeld an die CIA betrifft, und neuerdings auch immer häufiger mit China.
Fortsetzung folgt am Donnerstag, 7.3.2013

Mittwoch, 27. Februar 2013

LUST


(Bild:www.stern.de)
 
Alles lieben und sich darin suhlen
Flüsternde Stimmen
Dicke Zigarren
Im Mund und anderswo
Das Leben riechen ablecken
Wild wild wild
Sein
Kühles Gras auf der Haut
Alles sagen
Wind und Wasser und Bäume
Und Schaum
Das Leben reiten
Wabernde Hitze legt sich über den Tag
Klebt sich an deine Fersen
Nicht wegrennen
Zulassen
Alles reinlassen
Öffnen und versprühen
Den Samen verschenken
Bis nichts mehr geht

Dienstag, 26. Februar 2013

Auf dem Drachenthron, Teil IV


Fortsetzung vom 19.2.2013
 
An der Tsinghua-Universität in Peking wird unterdessen im Auftrag der chinesischen Regierung am Internet der Zukunft geforscht. Dem Volk jedoch geht es mitunter wie zu Kaisers Zeiten: Wie damals zur Verbotenen Stadt wird ihm heute der Zutritt ins Web mehrheitlich verwehrt. Professor Chong Li, der für das Forschungszentrum der Uni zuständig ist, kommuniziert auf Chinesisch mit uns. Er hat eine auffallend sonore, nahezu erotische Stimme. Seine Übersetzerin hingegen ist aussprachetechnisch eher schlecht zu verstehen. Wie sich später herausstellen wird, spricht Li ein ausgezeichnetes Englisch, will wohl aber, im Falle eines Fehlers nicht sein Gesicht verlieren. Vielleicht wurde er auch angehalten, uns Schweizer Journalisten zu verwirren oder man hatte gehofft, dass mit der Übersetzung ein paar Brocken im Nirvana verschwinden. Jedenfalls sind Li's Ausführungen meist doppelt so lang wie die darauf folgende Übersetzung. Die Universität sei die beliebteste und berühmteste Science- & Technology-Universität Chinas, heisst es und gilt als die erste Adresse wenn es um die Erforschung des China Next Generation Internets geht. So steht beispielsweise das IPV4-Netz CERNET (China Education and Research Network), was landesweit über 2000 Universitäten und Schulen vernetzt, unter Tsinghuas operativer Leitung. Es ist von der chinesischen Regierung finanziert und soll das grösste akademische Forschungsnetzwerk überhaupt sein. Mit dem 30'000 Kilometer langen Glasfaser-Backbone werde hier Internetforschung auf höchstem Niveau betrieben, prahlt Li. Angesichts der Tatsache, dass in China das Internet für die breite Masse mehr oder weniger gesperrt ist, Versuche, sich in internationale soziale Netzwerke einzuloggen ins Nichts führen und das Projekt von der Regierung vorgegeben, also vermutlich auch kontrolliert wird, mutet diese Aussage schon fast ein wenig zynisch an. Als Antwort auf unser Anliegen ihn fotografieren zu dürfen sagt er lächelnd "No, thank you", dreht sich um und verschwindet grusslos auf Nimmerwiedersehen. In Peking beginnt unterdessen die Rush Hour: 20 Millionen Einwohner versuchen in 5 Millionen Autos ihren Weg von A nach B zu finden. Vor zehn Jahren wuselten noch ein paar Millionen Fahrradfahrer durch die Stadt. Doch auch Peking entwickelt sich zur Weltmetropole unter vielen, die sich eines Tages wie ein Ei dem anderen gleichen werden. Und wir werden auch heute wieder geduldig, ohne zu murren im Stau stehen und direkt vom Tagewerk zum Abendprogramm übergehen, ohne einen Zwischenstopp im Hotel, der den Zeitplan für Stunden verzögern würde. Aber wie lautet gemäss unserem für Peking zugeteilten Reiseführer David - ein bekennender Markenfetischist und Kommunist, ob freiwillig, sei dahingestellt - das Motto der Tsinghua-Studenten: Selbstdisziplin. Er selbst muss da noch etwas üben. Die meiste Zeit schläft er nämlich. Was ihm bei uns anstrengenden Journalisten allerdings nicht zu verdenken ist.
Für jeden Pekingbesucher ist eine Stippvisite auf der grossen Mauer Pflicht. Als ehemaliger DDR-Bürger sollte man meinen, für dieses Leben habe ich genug Mauer vor der Fresse gehabt, doch die chinesische Mauer bricht alle Rekorde. In China wird besagte Mauer 'Wanli Changcheng' (10'000 Li-lange Mauer) oder 'Zhongguo Changcheng' (lange chinesische Mauer) genannt. 10'000 Li sind ein altes chinesisches Längenmass. Auf Kilometer umgerechnet kommt man auf rund 5755 km. Die Zahl 10'000 steht auch für Unendlichkeit. Laut einer Messung von 2009 ist die Grosse Mauer total 8851 km lang. Da war die Berliner Mauer ein Mäuerchen dagegen. Auch was die Mauertoten betrifft, kann Berlin nicht mithalten. Zudem haben sich in Berlin wilde Mongolen eher selten blicken lassen. Zwar streiten sich Experten, wie viele Menschen beim Bau der Grossen Mauer ums Leben kamen, doch 250'000 sollen es mindestens gewesen sein. Andere sprechen von bis zu einer Millionen. Auch das Gerücht, dass die Leichen einfach in die Mauer eingebaut wurden, hält sich hartnäckig. Deshalb wird die Mauer angeblich auch langer Friedhof genannt. Allerdings will mir keiner weder das eine noch das andere bestätigen. Die Hinfahrt ähnelt einem gemütlichen Sonntagsausflug in die Sommerfrische. Kurz hinter Peking sind die Strassen leer, als existierten hierzulande gar keine Autos. Auch Menschen sind kaum auszumachen. Wir fahren durch lindgrüne Birkenhaine und kleine, adrette Orte, in denen es nichts gibt, nichts zu sehen ist und scheinbar nichts passiert. Nie. Auf der Fahrt stellt man uns vor die Wahl später die Mauer per Seilbahn oder zu Fuss zu erklimmen. Da die junge Generation sich wie aus der Kanone geschossen für die perpedes-Variante entscheidet, wollen der olle Ösi und ich, der Ossi, nicht nachstehen und entscheiden uns ebenfalls für den Fussweg. Ein böser Fehler, wie sich später herausstellen soll. Beide sind wir viel älter als der Rest der Gruppe. Und vor allem schwerer. Unser Pausenclown David, auch seine Kleider sind bunt wie die eines Hipster-Clowns, versichert uns, dass wir nur am letzten, kurzen Stück des Aufstiegs mit Treppen zu rechnen hätten und der Rest ein mittelschwerer Spaziergang sei. David lügt. Der komplette Weg besteht ausschliesslich aus Stufen, genau 960 (laut Davids späteren Ausführungen: 1000, laut irgendeinem Reiseführer: 2000). Egal wie viele genau, auf jeden Fall zu viele. Ösi und Ossi kommen jedenfalls ganz schön ins Schnaufen. Aber auch David schwächelt, tut aber so, als laufe er nur so langsam, weil er auf uns unsportliche Oldies warte. Die Mauer selbst und die Aussicht ins weite Land sind atemberaubend. Auch hier haben die Chinesen Grosses geleistet. Aber das ist auch schon 15 Jahrhunderte her.

Später, nach dem Absolvieren unzähliger Sicherheitsposten, spazieren wir über den Platz des Himmlischen Friedens - der flächenmässig grösste Platz der mir je unterkam. Inmitten des Platzes steht ein riesiges Monument zum Gedenken an Chinas Helden. Ich frage David, ob da auch die niedergewalzten Studenten von 1989 inbegriffen seien. Zur Erinnerung: Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 mobilisierte die chinesische Regierung die Volksbefreiungsarmee, um die friedlichen Demonstrationen Zehntausender Studenten niederzuschlagen, die mehr Freiheit und Demokratie forderten. Am Platz des Himmlischen Friedens richteten sie ein Massaker an, das die Welt schockierte. Wie viele Menschen die Panzer niederrollten, wie viele Studenten von Soldaten erschossen oder zu Tode geprügelt wurden, gab die chinesische Regierung nie bekannt. "Ich weiss nicht, wovon Du sprichst", sagt David schnippisch und hüpft davon. Ich hake nach, er bleibt renitent: "Dafür bin ich zu jung, um davon etwas zu wissen", zischt er süsslich lächelnd. Madame pour la press verdreht die Augen. "Glaubst Du an den Kommunismus?", versuche ich es mal anders. "Natürlich, jeder tut das!", sagt David, der eigentlich Lian heisst, ein Name, der ganz sicher nicht mit David zu übersetzen ist. "Na ich nicht", antworte ich. "Warum nicht?", fragt David. "Weil ich inzwischen gemerkt habe, dass das nicht funktioniert. Warum glaubst Du denn dran?", stelle ich die Gegenfrage. Die Antwort bleibt aus. Stattdessen weist David uns auf das überdimensionale Konterfei von Mao hin, dass an der Wand des im Volkmund "Roasthouse" genannten Gebäudes prangt und uns dummdreist angrinst. Warum es Roasthouse genannt wird, kann er ebenfalls nicht beantworten, hinterfragen ist wohl nicht sein Hobby. Ich hätte da auf der Stelle ein paar Erklärungen auf Lager. Menschenverachtender Natur versteht sich. Um einen Chicken-Grill handelt es sich jedenfalls nicht.

Vor der Verbotenen Stadt machen ein paar Soldaten und Wachmänner gerade ein paar Leibesübungen. Turnvater Jahn wäre stolz auf sie. Das Gelände des ehemaligen Staates im Staat übertrifft, was die Grösse betrifft (Grundfläche 720'000 m², bebaute Fläche 150'000 m²) sämtliche Erwartungen. Hinter diesen Mauern in dieser weitläufigen, wunderschönen, perfekt konstruierten Stadt, umgeben von Eunuchen, treuen Soldaten, Ministern und tausenden von Konkubinen und deren unzähligen Kindern, die in 9999,5 Räumen lebten, ist es klar, dass ein Kaiser nicht wirklich etwas davon mitbekam, wie es dem gemeinen Volk draussen erging. Was das betrifft hat sich in der chinesischen Regierung bis heute nicht viel getan. Auch wenn Xi Jinping heute nicht mehr auf dem goldenen Drachenthron sitzt.

E N D E

Fotos: Susann Klossek, China, 2012