Waren Sie schon
einmal auf einer Vernissage? Ich meine auf Ihrer eigenen, als Künstler? Ich
rate Ihnen dringend davon ab, es bringt nichts. Nichts als Ärger.
Definieren wir zuerst
einmal das Wort Vernissage: Eine Vernissage ist eine
Zusammenkunft von Menschen, die möglichst viele schwarze Mäntel mit schwarzen
Rollkragenpullovern und Designerbrillen kombinieren.
Mindestens jeder Zweite
wedelt zudem mit einem roten Schal herum.
Beim Betrachten der Kunstwerke wird
dann darüber diskutiert, was im Künstler während seines Kokaingenusses vor sich
ging. "Was hat sich die Künstlerin wohl dabei gedacht?" Ich löse das
Rätsel gern: Nichts habe ich gedacht.
Würde ich denken wollen, wäre ich
Philosoph geworden.
Über
Kunst zu reden ist genauso sinnlos, wie über Quantenphysik zu tanzen. Trotzdem
tun es alle. Sie reden, um wichtiger zu erscheinen. Doch in dem Augenblick, wo
ihre Worte zu Sprache werden, haben sie sich schon von der Wahrheit abgespalten
wie ein fertiger Schmetterling von seinem Kokon.
Für die Kunst empfindet ja
sowieso jeder etwas anderes. Die meisten nichts. Und für sowas stand man sich
sechs Monate lang im Atelier die Beine in den Bauch und hat sich von
Dosenfutter und Instantkaffee ernährt. Und Farbdämpfen, wegen der Inspiration.
Oder hat sich im schlimmsten Fall ein Ohr abgeschnitten. Perlen vor die Säue!
Und warum wird auf
Vernissagen eigentlich immer gegessen und getrunken? Die Leute sollen Bilder
gucken. Und kaufen. Dafür hat man sie schliesslich eingeladen. Stattdessen
fressen sie einem die Haare vom Kopf, führen mit dem Cüpli in der Hand ihre
neuesten Modekreationen aus und interpretieren ihre eigenen Psychosen in die
Kunstwerke hinein:
"Nun? Und dieses
Bild? Was sagt es Ihnen?
"Hm, ... es
scheint... na ja, ich verstehe nicht viel davon, aber es scheint ein wenig ...
monoton. Nur eine Linie ... "
"Ja, aber was
für eine! Hier zeigt sich deutlich ein Komplex. Ganz deutlich! Schauen Sie, wie
die Linie hängt. Da spürt man klar den Penisneid der Künstlerin."
Natürlich! Als
Malerin hat man ja auch nichts anderes zu tun, als sich Sorgen darüber zu
machen, dass einem da etwas fehlt, wo der Mann was hat. Aber gut, solange ich
einen roten Punkt neben das Bild kleben kann, können mich die Damen und Herren
Kunstliebhaber von mir aus auch für unmündig erklären. Dummerweise will aber
heutzutage keiner mehr etwas kaufen. Man ist neuarm, man spart. Im besten Fall
wird ein Bild geleast. Oder auf Zeit ausgeliehen.
Vor einer weissen,
unbenutzten Leinwand mit einem klitzekleinen schwarzen Punkt, den ein
Fliegenschiss hinterlassen hat, fragen sich zwei Kunstexperten, was uns dieses
aussergewöhnliche minimalistische Kunstwerk wohl mitteilen möchte. Als ich das
Missverständnis aufklären will, lässt meine Galeristin gerade ein Schildchen
mit dem Titel "Mann im Schnee" anbringen. Meine Galeristin ist
clever. Und geschäftstüchtig.
Am Ende der Ausstellung hat sich zwar keines
meiner Bilder verkauft, dafür aber der Glaskasten mit dem Feuerlöscher.
Es lebe
die Kunst!
(Erstveröffentlichung in
"Seesicht" - www.seesichtmagazin.ch)
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