Montag, 25. Mai 2020

Als es noch Live-Lesungen gab ...



Ein kleiner Mitschnitt einer Lesung aus Zeiten, in denen es noch Live-Lesungen mit Publikum gab. Hier: Im Tanzcafe Ilses Erika in Leipzig, organisiert von Fräulein Frank liest. 


Man möge die Qualität der Aufnahme (Handy) und der Lesenden (Nuschelnlallen after Biergebrauch) verzeihen. 


Neue Veranstaltungen von Fräulein Frank liest: Fräulein Frank streamt. Die nächste am 27.5.20 um 20:00 

(Foto: Freddy Köhler)

Freitag, 8. Mai 2020

Antrag abgelehnt


Diesen Juli lebe ich seit 30 Jahren in der Schweiz. Ich habe von Tag 1 an Steuern gezahlt, ich habe immer gearbeitet und nunmehr seit 30 Jahren lückenlos in die AHV (Renten)-Kasse eingezahlt. 2017 wurde ich nach einem Stipendiumsaufenthalt in Indien – wofür ich unbezahlten Urlaub nahm und mir versichert wurde, dass ich meinen Job danach noch habe – aus sogenannten ökonomischen Gründen am Tag meiner Rückkehr nach knapp 8 Jahren gefeuert. Meiner Bitte auf frühzeitigere Freistellung wurde nicht stattgegeben, die Zitrone wurde noch volle drei Monate ausgequetscht. Von einer Abfindung oder dergleichen ganz zu schweigen. 

Trotz intensivster Bemühungen ist es mir nicht gelungen, als Redaktorin/Produzentin über 50, als Frau, einen neuen Job in meiner oder ähnlichen Branchen zu finden. Ich wurde ausgesteuert. Auch als Arbeitslose und später in der kurzen Zeit als so genannte Erwerbslose habe ich lückenlos AHV eingezahlt. 

Notgedrungen – auch, um dem Staat auf keinen Fall auf der Tasche zu liegen – habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe Zeit und Geld investiert, bin dieses Risiko mit 53 eingegangen und habe mich bereits in den ersten sechs Monaten aus eigener Kraft ganz gut über Wasser gehalten. Dann kam Corona und sämtliche Projekte, geplante und gebuchte Veranstaltungen usw. wurden abgesagt, verschoben, auf Eis gelegt oder sind mittlerweile komplett gestorben. Seit 11. März kam bei mir nichts mehr rein. 

Umso mehr hat es mich gefreut, dass der Staat auch Angebote für Künstler/Kulturschaffende bereitstellen wollte. Ich habe unzählige Stunden, wenn nicht Tage damit verbracht Formulare auszufüllen, vergangene und künftige Einkommenseinbussen zu berechnen, Listen über meine Betriebsausgaben und meine Lebenshaltungskosten aufzustellen. Mehrfach wurde ich aufgefordert Unterlagen und Dokumente nachzureichen oder schriftliche Erklärungen zu verfassen, warum mein Vermögen in den letzten zwei Jahren geschrumpft ist. 

Ich habe unter anderem bei der SVA drei verschiedene Anträge gestellt – der Bund hat immer wieder in Sachen Kulturschaffender nachgelegt, Formulare/Bedingungen geändert. Die Anträge betrafen abgesagte Veranstaltungen (wie die Buchmesse, Lesungen usw.), geschlossene Lokale (keine Möglichkeit Kurse zu geben), abgesagte Projekte, also indirektes Betroffensein, da Auftraggeber in Schieflage geraten sind etc. pp. Alles traf auf mich zu. 

Ich habe in akribischer Kleinarbeit all diese Formulare nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt, die Hosen runtergelassen, Einblick in meine Steuerunterlagen, meine Buchhaltung und mein Sparkonto gewährt. In der Position des Bittstellers fühlt man sich nicht sonderlich wohl. 

Nach über sechs Wochen erhielt ich meinen ersten Bescheid. Die SVA hat meine Anträge mit der Begründung abgelehnt, ich hätte 2019 nicht genügend ahv-pflichtiges Einkommen generiert. Jene, die also am wenigsten verdient haben, gehen leer aus. Paradox. Das Einkommen (nach Abzug meiner Investitionen) war auch deshalb so gering, da ich erst seit 1.7.19 selbstständig bin und ein Geschäft erst aufgebaut werden muss und ich im Dezember als erste Amtshandlung gleich mal AHV für Selbstständige rückwirkend auf 6 Monate abdrücken durfte. Im Einkassieren sind alle immer ganz schnell. Ganz nebenbei war bisher jede meiner AHV-Rechnungen fehlerhaft. Zu meinen Ungunsten. 

Heute kam nun auch noch die Ablehnung meines Antrages auf Soforthilfe von Suisseculture Sociale. Ohne Angabe von Gründen und mit dem Hinweis, dass keine Rekursmöglichkeit bestehe und man auch keine individuellen Rückfragen beantworte. Peng! Ende der Diskussion.

Ich frage mich, ob Kunst und Kultur so geringen Wert haben, dass man uns erst wochenlang hinhält und trietzt und am Ende mit Nichts abspeist? In meinem Falle hätte es sich vermutlich eh nur um eine sehr kleine Summe gehandelt. Das wäre auch ok gewesen. Eine Summe allerdings, die vielleicht einen Teil der Miete oder der Krankenkasse in einem Monat getilgt hätte. Meine Gemeinde Thalwil nehme ich hier aus, die immerhin mit einem Darlehen eingesprungen ist.  

Es ist auch allgemein bekannt, dass Jobs in Kunst und Kultur oder auch im Freelance-Journalismus sehr schlecht bezahlt werden oder, z.B. im Falle von Büchern oder Drehbüchern schreiben, erst viel später entlöhnt werden oder Lesungen und dergleichen auch gerne mal gar nicht bezahlt werden. Schon daher sind keine grossen Einnahmen zu erwarten. Man fühlt sich leicht verarscht, als sei das, was wir tun ein Hobby, keine richtige Arbeit. Doch ohne Kultur geht eine Gesellschaft ein. Und es ist in meinem Falle die Arbeit, mit der ich die nächsten 9,5 Jahre (oder vielleicht noch länger) bis zu meiner Pensionierung meinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Als Single ist man sowieso besonders finanziell belastet, im Gegensatz zu Paaren, die sich die meisten Kosten teilen, als selbstständiger Single hat man den Volltreffer. 

Ich könnte natürlich auch meine hart erarbeiteten Ersparnisse, die eigentlich fürs Alter gedacht waren, jetzt verprassen und mich dann aufs Sozialamt begeben. Kommt bekanntlich nicht selten vor. Aber das habe ich nur über meine Leiche vor.  

Ich frage mich einfach, ob hier nicht grundsätzlich mit ungleich langen Spiessen hantiert wird? Ich weiss z.B. von einem mittelgrossen Unternehmen, das ein ziemlich grosses Unternehmen im Rücken hat, dass, obwohl es das gar nicht wirklich nötig hat, Kurzarbeit beantragt hat (O-Ton Chef «Das lassen wir uns jetzt nicht entgehen») und dessen Mitarbeiter trotzdem weiterhin 100% arbeiten müssen. Zudem wurden sie noch subtil darauf hingewiesen, dass es, wenn sie die Massnahme nicht unterschreiben, erfahrungsgemäss Änderungsentlassungen gäbe. Es wurde ihnen also angedroht, dass sie gefeuert werden, wenn sie das Spiel nicht mitspielen. Das ist Erpressung und zutiefst unmoralisch. Natürlich wurde die Kurzarbeit ohne weitere Prüfung innerhalb weniger Tage durchgewunken und bewilligt. Ich kenne noch andere Beispiele, die mich nur mit dem Kopf schütteln lassen. Wird hier Geld willkürlich verteilt? Oder nach guter alter Vetternart? Oder nach dem Motto Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen? Mir kommen langsam Zweifel. 

Ich erwarte nichts mehr und werde mich auch künftig allein und komplett aus eigener Kraft durchwurschteln und nicht untergehen. Denn ich glaube an mich und meine Talente und Fähigkeiten. Und natürlich kann ich mich glücklich schätzen, in dieser Zeit hier zu leben und nicht als Wanderarbeiter in Indien oder Obdachlose in den USA oder rundumüberwacht in China etc.pp. Es geht vielen hierzulange vermutlich auch noch viel schlechter als mir, keine Frage. Ich will nicht undankbar sein und auch nicht auf die Tränendrüse drücken oder rumjammern. Trotzdem bin ich enttäuscht und wütend und frage mich manchmal, ob ich dieses System weiterhin unterstützen möchte, in dem so viele Steuergelder für unnötige oder sinnlose Projekte verbraten werden und man, wenn es drauf an kommt und man wirklich mal eine kleine Hilfe bräuchte, im Regen stehen gelassen wird. 

Ich wünsche allen, dass sie gesundheitlich und finanziell gut durch diese Krise kommen.









Dienstag, 21. April 2020

Die Stunde des Mosquito


Kuta, Bali

Hite nippt an seinem Bier. Sein Haar ist verfilzt und von der Sonne ausgebleicht. Seit zwei Monaten tut er nichts anderes als surfen. Surfen ist der Sinn seines Lebens. Tagelang ist er mit dem Bus von Sumatra nach Bali gereist, um hier auf die
perfekte Welle zu warten. Bis jetzt hat er sie nicht gefunden.
»Und was jetzt?«, frage ich leicht gelangweilt.

»Jetzt gehn wir zu mir. Ist fünf Minuten von hier.« Er zahlt die Drinks und steht auf. Es ist kurz vor Mitternacht.
»Was ist jetzt, kommst Du?«, fragt er leicht ungehalten. Ich bin noch etwas unschlüssig. Schliesslich trotte ich hinter ihm her. Seine Unterkunft entpuppt sich als modriges, stickiges Hinterstübchen direkt über einer lärmenden Diskothek. Die drei kleinen Zimmer und die Terrasse teilt er sich mit fünf Kumpels, die ebenfalls aus Sumatra oder Java kommen. Sie reden laut durcheinander, rauchen stinkendes Kraut und spielen Karten. Die kleinen braungebrannten Männer sehen aus wie eine Gangstergang. Sie machen keinen besonders seriösen Eindruck. Mit einem jungen, blonden Engländer wird gerade ein Drogengeschäft abgewickelt. Sein Blick und seine Pupillen verraten, dass er schon etwas genommen hat.

»Hi«, sagt der Engländer und lächelt unsicher, während er ein Tütchen in seiner Hosentasche verschwinden lässt.
»Hi«, sage ich und setze mich in einen verwitterten Korbsessel.
»Willst Du was trinken?«, fragt Hite.
»Was gibt’s denn?»
»Bier oder Gin.«
»Okay dann ein Bier.« Eine der kleinen Ratten springt auf und holt mir eine Flasche aus dem riesigen Kühlschrank. Er ist das grösste Möbelstück in dieser eigenartigen WG. Ich gucke auf die Uhr. Es ist zwei nach Zwölf.

»Ich habe heute Geburtstag«, flüstere ich. Die Runde springt spontan auf und singt mir »Happy Birthday«. Der Engländer sitzt lethargisch in einer Ecke und prostet mir unmotiviert zu. Jetzt bin ich 33 und sitze irgendwo in Bali in einer Absteige mit sechs fremden Indonesiern und einem zugedröhnten Engländer. Die Jungs sind eigentlich ganz nett, erzählen mir von ihrem Leben als Surfer und von ihren japanischen Freundinnen, die sie angeblich alle haben.

»Hast Du auch eine japanische Freundin?«, will ich von Hite wissen.
»Nein, die sind mir zu dünn. Ich hab lieber was in der Hand«, antwortet er und grinst. Da war er bei mir ja zweifelsohne an die Richtige geraten.
Er hat grüne, mandelförmige Augen, die im schummrigen Licht der einzigen Glühlampe regelrecht funkeln. Durch die sonnengegerbte Haut sieht er älter aus, als er tatsächlich ist. Er ist vier Jahre jünger als ich. Sein Haar reicht ihm bis auf die Schultern. Es duftet herb nach Frangipani und Ozean.

»I show you my room«, sagt er und nimmt mich an die Hand.
»My room» heisst in diesem Fall »unser aller room«, wer gerade einen room braucht eben. Hite beginnt sofort emsig zu fegen. Es ist köstlich, wie er darum bemüht ist, den Dreck von einer in die andere Ecke zu wedeln.
»Das kannst Du Dir sparen. Hilft eh nix!«, sage ich amüsiert und nehme ihm den Besen aus der Hand. Rings um ein muf- figes grosses Bett mit einem bunt umrandeten Bettüberwurf häuft sich allerlei Krimskrams: grüne Plastikbügel, Porzellan- väschen, Klebeband, Fotos von surfenden Freunden, ein Land- schaftsölbild, ein alter goldener Wecker, leere Wasserflaschen, ein balinesisch-japanisches Wörterbuch und ein Miniboardunter dem Bett. An der Wand die Flagge von Japan, ein Poster von Cindy Crawford und ein Madonnenbild. Das Hab und Gut von mehreren Menschen in einem vier mal drei Meter grossen Kabuff.

»Wollen wir nicht lieber an den Strand gehen?«, frage ich vorsichtig.
»Wieso, ist doch gemütlich hier. Die anderen stören uns schon nicht. Keine Angst.« Er küsst mich. Wir fallen auf das quietschende Bett. Die Matratze federt gewaltig nach. Im Raum stehen die Hitze und der Geruch fremder Menschen. Das Zimmer hat kein Fenster. Als Tür dient ein Vorhang, der leicht im Wind wedelt. Ich starre an die Decke, an der ein Ventilator vor sich hineiert. Ich mach mir ein bisschen Sorgen um meine hellen Kleider. Alles hier drinnen ist feucht und schmuddelig.
Hite riecht hingegen sehr gut. Exotisch. Seine Hände sind etwas rau, vom Wind und Meer, vom ständigen Surfbrett halten. Sein Gesicht ist unbeschreiblich schön, etwas herb. Seine Lippen nähern sich meiner Stirn, küssen Augenlider, Nase, Kinn. Dann verknoten sich unsere Zungen. Es schmeckt nach Bier und Salz.
»Ich will mit Dir schlafen«, flüstert Hite und beisst mir zart ins Ohrläppchen. Ein kurzer Schauer der Lust überkommt mich.

»Ach was? Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.« Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn innig. Meine Zunge tastet die Innenseiten seiner Lippen ab, fährt über die geraden Zähne. Ich sauge seinen Mund ein, fasse mit der rechten Hand seinen Hals an. Ich liebe diese Geste, ich liebe Hälse.
»Hast Du Kondome?«, frage ich.
»Shit! Nein.«, antwortet er und setzt sich auf.
»Tja dann hast Du Pech!«. Sein steifer Schwanz zeichnet sich hinter seiner schwarzen Unterhose ab.

»Hast Du denn keine?«, winselt er und schiebt meinen Rock hoch.
»Keine Ahnung, Du kannst ja mal suchen.« Er knöpft nervös meine Bluse auf. Im BH findet er ein paar Geldscheine.
»Damit bezahl ich Dich, wenn Du gut bist!«, scherze ich.
»Ich bin gut. Willst Du meine Referenzen sehen?» Will ich nicht, ich will nur noch ihn. Sofort. Ich ziehe das Kondom aus meinem Slip und stülpe es ihm über. Sein Schwanz ist mittelgross.
»You are my big mosquito, suck me!«, flüstert er. Dann sticht er zu. Was verheissungsvoll anfängt, geht dann etwas schnell vorbei. Hite ist so erregt, dass er sich nicht lang genug zu- rückhalten kann und ziemlich schnell kommt. Wir entsorgen das Kondom. Von draussen klingt das laute Gelächter seiner Kumpels ins Zimmer. Schweissgebadet liegen wir Hand in Hand nebeneinander, starren an die Decke. Eine lästige Fliege surrt mir um den Kopf.
»Das ist besser als surfen!«, flüstert Hite. »Scheiss auf die Welle!«
»Das war also mein Geburtstag«, murmele ich.
»This is not the end«, sagt er gedankenversunken. Wenn er sich da mal nicht irrt!


 Aus: 
TROPENFIEBER - Geschichten aus der Fremde
(Die Story spielt 1999)
ISBN: 978-3833486692
Zuletzt erschienen m DreckSack Berlin, Ausgabe 2, April 2020


Fakten





«Ich bin der Einzige, der dich veröffentlicht», sagte D. mit einem triumphierenden Grinsen, was wohl meine Dankbarkeit hervorrufen sollte. 

Doch leider musste ich ihn enttäuschen: «Du bist der Einzige, der mich dafür nicht bezahlt!» So wurde ein Schuh draus, den er sich jetzt mal anziehen kann.

Mittwoch, 15. April 2020

Corona und die Psyche

Für alle, die zu Hause coronabedingt langsam einen Koller bekommen. Den Artikel habe ich für Gulp Schweiz geschrieben. 


Freitag, 3. April 2020

Der neue DreckSack ist da

Corona hat uns etwas ausgebremst, aber nicht verhindert: Der neue DRECKSACK ist da! Diesmal mit den folgenden Autoren:
Gerd Adloff, Eric Ahrens, Michael Arenz, Florian Günther, Elizabeth Gurley Flynn, Jürgen Heymann, Katja Horn, Jiri Kandeler, Harald Kappel, Susann Klossek, Jochen Knoblauch, Patrick Krause, Alexander Krohn, Clint Lukas, Klaus Märkert, Matthias Merkelbach, Thomas Meyer-Falk, Thowald Proll, Niklas Rokahr, Rüdiger Saß, Frank Schäfer, Katrin Schings, René Seim, Nicola Seitz, Erik Steffen, Silke Vogten.
Fotografien: Birgit Buchholz
Das Inhaltsverzeichnis findet ihr hier:
www.edition-luekk-noesens.de/drecksack/aktuelle-ausgabe/

Sonntag, 29. März 2020

COQKUS: Kunst und Kultur in Zeiten von Corona

COQKUS


Der Quarantäne-Kultursender von Thalwil ist online gegangen. Schaut doch mal vorbei oder macht am besten mit. Kauft Bücher, CDs, Kunstwerke von lokalen Künstlern. Bucht sie für Veranstaltungen nach Corona, damit sie 2020 überhaupt oder wenigstens 2021 wieder etwas verdienen. DANKE

Sonntag, 8. März 2020

Internationaler Frauentag 2020


Ich grüße alle Frauen. Schluss mit physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen!

Auf dass uns auch endlich gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit zuteilwird. Steht auf für gleich viele Frauen wie Männer in Geschäftsetagen, Vorständen, Parlamenten usw. Dass Care-Arbeit (Kinder, Kranke, Alte; putzen, einkaufen, kochen) endlich bezahlt und als Arbeit anerkannt wird und gleich aufgeteilt wird zwischen Mann und Frau. Frauen steht genauso viel Freizeit zu wie Männern, damit sie sich gleichberechtigt erholen und verwirklichen können und weniger an Erkrankungen leiden, die aufgrund von Stress und Überbelastung entstehen. 

Ich grüße alle Frauen und fordere sie auf dafür zu kämpfen, dass bei Produktentwicklung und Design endlich die zweite Hälfte der Menschheit mit einbezogen wird. Für weibliche Crashtest Dummies beim Autobau, damit Frauen bei einem Unfall nicht zu 47% häufiger als Männer schwer verletzt werden und zu 17% öfter sterben. Für Autositze und Kopfstützen, die an weibliche Körper (kleinere Größe, weniger Muskelmasse, dünnere Haut) angepasst sind. Für Gurte, die über Brüste und schwangere Bäuche passen und trotzdem noch sicher sind. 

Für Verkehrs/Infrastrukturentwicklung, die an die Bedürfnisse von Frauen angepasst sind (mehr Care-Arbeit, ergo mehr und andere Wege, größere Nutzung von ÖV; sichere, andere Wege als Männer z.B. nachts.)

Für Arbeitsgeräte (ob in der Landwirtschaft, Industrie oder beim Tablet), die in Frauenhände passen, die der Kraft von Frauen angepasst sind und damit zu weniger Arbeitsunfällen und besserer Produktivität führen.

Für sichere Arbeitskleidung und Uniformen, inkl. schusssicherer Westen, die Frauenkörpern angepasst werden und nicht einfach für kleinere Männer konzipiert sind. Für an anders gebaute Frauenfüße (höherer Spann, andere Achillessehne) passendes, sicheres Arbeitsschuhwerk. Frauen haben auch eine kürzere Schrittlänge, können weniger Lasten tragen, verteilen die Last beim Tragen anders als Männer. Selbst beim Marschieren beim Militär gilt die männliche Norm, was zu schwerwiegenden, gesundheitlichen Problemen bei Frauen führt. 

Für Entwicklungshilfe, die die Frauen bei der Entwicklung, z.B. von gesunden Herden, einbezieht und zwar BEVOR etwas designt wird. Nicht die Frau muss sich an die Technik anpassen, sondern die Technik muss an die wirklichen Bedürfnisse der Benutzerin angepasst werden.

Vergessen wir all die Mädchen und Frauen in all den Ländern nicht, in denen Gleichberechtigung noch gar nicht existiert. All die abgetriebenen oder getötenen Mädchen, in Ländern, in denen das weibliche Geschlecht ein Todesurteil bedeuten kann, wo Frauen weniger wert sind als eine Kuh oder ein Kamel, wo aus traditionellen oder religiösen Gründen Mädchen beschnitten, Frauen vergewaltigt, geschlagen, gefoltert und getötet werden. Wo Mädchen keine Rechte und keinen Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung haben. An Länder, wo die Frau unterdrückt wird und dem Mann Untertanin zu sein hat. 

Ich grüße alle Frauen, schließen wir gemeinsam die Jahrtausende alte Datenlücke, die Frauen in Kunst, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, bei Erfindungen usw. kontinuierlich ausgeblendet hat und unter den Tisch fallen ließ. Es gab nicht weniger geniale, kluge, kreative Frauen als Männer, man ließ sie nur nicht zu an Universitäten und Forschungszentren und hat sie nicht ernst genommen. Manche bahnbrechende Erfindung/Entdeckung oder manches Kunstwerk von Frauen rissen sich Männer z.T. unter den Nagel und gaben sie als ihre aus. Die Geschichte ist lückenhaft und muss neu geschrieben werden.

Steht auf für gleichberechtigte Erwähnung und Abbildung von Mädchen und Frauen in Kinder-, Schul- und Lehr- und Geschichtsbüchern. Selbst bei Trickfilmen, Comics usw. kommen weibliche Figuren nur zu einem Bruchteil vor. In Film- und Fernsehen ist der Anteil weiblicher Hauptfiguren viel kleiner als jener an männlichen. Frauen haben immer weniger Text. Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen usw. werden um ein Vielfaches weniger berücksichtigt bei Förderungen. 

Frauen interessieren sich nicht für IT oder die Nutzung moderner Technologie? Falsch. Doch Videospiele z.B. ignorieren die Bedürfnisse von Frauen rigoros. Avatars sind meist männlich. Inhalte immer vom männlichen Blickwinkel aus konzipiert. Zudem sind sie nicht selten sexistisch/frauenfeindlich. Virtual Reality Brillen/Headsets passen Frauen einfach nicht, sie sind zu groß. Frauen nehmen zudem räumliche Tiefe anders als Männer wahr. Männer richten sich nach der Bewegungsparallaxe, Frauen nach der Oberflächenschattierung. Dreimal dürft Ihr raten, auf welche Weiterentwicklung mehr Wert gelegt wird! Frauen leiden daher viel häufiger unter Kinetose (Reisekrankheit). Wir sind nicht weniger interessiert. Wenn es uns aber schlecht wird oder uns die Brille vom Kopf rutscht bei der Nutzung der Technologie, lassen wir’s bleiben. Wer würde das nicht? Dann ist die Technologie für die Tonne - für mindestens die Hälfte der Nutzer. 

Daten, auf denen Künstliche Intelligenz beruht, sind ebenfalls sehr lückenhaft. Frauen sind daher auch bei vielerlei Software benachteiligt. Ein Beispiel von vielen dafür ist die Sprachsteuerung. Die Systeme sind so programmiert, dass sie männliche, tiefe Stimmen viel besser erkennen. Bei der Bestellung von Ware über Siri mag das noch unproblematisch sein, im Straßenverkehr, bei der schnellen Diagnosefindung, bei Notrufen, digitaler medizinischer Behandlung usw. kann das aber durchaus die Entscheidung über Leben und Tod bedeuten. 

Algorithmen entscheiden auch darüber, wer eingestellt wird oder wer nicht, wer einen Forschungszuschuss bekommt oder nicht, wer ein guter Kunde ist oder nicht, wer eine Wohnung bekommt oder nicht. Und wie sind die programmiert?

Während es in der Sprache bei gendergerechter Benennung, z.B. bei der Berufsbezeichnung, noch mächtig hapert, werden einzelne Begriffe aber gerne genderspezifisch ausgelegt: So gilt der Begriff teamfähig bei einem Mann als Führungsqualität, bei der Frau wird er aber gerne so verstanden, dass sie eher Mitläuferin ist. Männliche Universitätsangestellte werden oft mit den Begriffen herausragend, bemerkenswert und genial beurteilt und damit suggeriert, sie seien intelligenter und leistungsfähiger als ihre Kolleginnen. Professorinnen hingegen wurden viel häufiger als böse, grob, unfair, streng und nervig beurteilt. Sind sie das tatsächlich? Sicher nicht. 

Frauen kämpft für genderbezogene Forschung, vor allem in der Medizin. Die Frau ist kein 1,70 großer und 70 kg schwerer Mann. Diesen Durchschnittstypen als Maß aller Dinge bei der Forschung zu nehmen, kann tödliche Folgen haben. Frauen sind nicht die Abweichung von der Norm oder einfach anders. Frauen sind zu gleichem Anteil ebenfalls die Norm und genauso relevant wie jeder Mann. 

Diese Hälfte der Menschheit hat aber einen anderen, komplexeren Hormonhaushalt. Wir haben einen Zyklus und reagieren daher anders und zyklusbedingt auch innerhalb des Monats anders auf Medikamente. Viele Medikamente wirken zu stark, anders oder gar nicht bei Frauen. Die spezifische Wirkung einer riesigen Zahl an Medikamenten auf Frauen ist schlicht unbekannt. Frauen leiden daher viel häufiger unter Nebenwirkungen und deren Folgen als Männer. Auch Narkosemittel und Chemotherapeutika werden geschlechtsneutral verabreicht und bei Frauen daher nicht selten überdosiert.Frauen haben mehr Fettgewebe, weniger Muskeln, andere Enzyme kommen zum Einsatz, der Darm ist schlanker, verdaut länger, der Stoffwechsel ist langsamer. Medikamente bleiben länger im Körper und wirken anders.
 Ein Herzinfarkt bei Frauen geht fast nie mit den typischen, als Norm festgelegten, Symptomen einher und bleibt daher oft unerkannt. Auch, weil es oft nicht interessiert. Die Folge: Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen. Auch Diagnose- und Heilungsverfahren sind auf den Mann abgestimmt. Unsere Symptome sind nicht atypisch. Sie sind geschlechtspezifisch anders.

Wir haben eine kleinere Leber, die Medikamente (oder Alkohol) anders und langsamer abbaut. Wir sind bis in die Zellstruktur anders. Medikamente wurden oder werden noch fast immer an Männern getestet. Geforscht wird fast immer mit männlichen Zellen (oder männlichen Tieren). Führt eine Studie mit diesen Zellen/Tieren zu keinem Ergebnis, wird sie in der Regel eingestellt, obwohl für die Hälfte der Menschheit ein wirksames Medikament das Ergebnis sein könnte.

Die Warteschlage vorm Damen-WC ist deshalb so lang, weil Toiletten für Frauen und Männer die gleichen Quadratmeterzahlen aufweisen. Das sieht nach Gleichberechtigung aus, ist in Wahrheit aber Diskriminierung. Denn auf diesen Platz passen natürlich viel mehr Urinale als abgetrennte Kabinen mit Schüsseln. Selbst was gut gemeint ist, benachteiligt Frauen oft. 

Die durchschnittliche Raumtemperatur in Büroräumlichkeiten ist für Frauen zu niedrig, weil sie dem Stoffwechsel des Durchschnittsmannes angepasst ist. Manche Sachen, wie diese, nerven bloß, andere bedeuten aber mitunter Gefahr für Leib und Leben von Frauen. Das kann nicht länger hingenommen werden!

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten müssen endlich berücksichtigt werden, damit diese riesige Wissenslücke geschlossen wird. Der Mann ist nicht der Prototyp des Menschen. 

«Die Vorstellung der Welt ist, wie die Welt selbst, das Produkt der Männer: Sie beschreiben sie von ihrem Standpunkt aus, den sie mit dem der absoluten Wahrheit 
gleichsetzen.»

Simone de Beauvoir

Liebe Frauen - und Männer - bleibt schwierig und unangepasst! Und: Nicht den Männern ihre Vorteile neiden, sondern den Frauen zu gleichem Recht verhelfen. 

(Quelle: «Unsichtbare Frauen» von Caroline Criado-Perez und die darin zitierten Studien)