Freitag, 15. Juni 2018

Dead End


In David Signers Buch Dead End, führt, wie der Titel schon sagt, alles immer in eine Sackgasse. Eine Sackgasse, die mitunter auch im Tod enden kann. Kann, nicht muss, denn das Ende jeder der acht Stories bleibt meist offen, der Phantasie des Lesers überlassen.

In den Geschichten, in denen zweifelsohne auch ein grosses Stück Signer steckt, treffen die Protagonisten Entscheidungen, die sich meist als falsch entpuppen. Alles läuft immer irgendwie anders als geplant und meistens schief: Eine Erbschaft in Valencia, ein Sex & Drugs-Wochenende in Berlin, die Suche nach einem alten Freund in Ägypten oder eine Dienstreise in den Senegal. Am Ende läuft alles aus dem Ruder. Ob im le Terrasse in Zürich oder im Café Aum im indischen Varanasi.

Signers Antihelden, weisse Männer vor oder in der Midlife Crisis, sind aber vor allem auf der Suche nach einem: Der grossen Liebe. Dass sie damit praktisch alle überfordert sind und ins Verderbern laufen, macht diesen schwarzhumorigen Erzählband so fesselnd und lesenswert.

Signer, der als NZZ-Korrespondent im Senegal lebt, bedient sich einer knappen, klaren, unromantischen Sprache mit ironischen Zügen, die mitunter ins Sarkastische kippt. Im sonst eher braven, politisch korrekten Schweizer Literaturangebot eine wahrhafte Perle.

Dienstag, 22. Mai 2018

Lesbar - Lesung auf der Dachterrasse

lesbar

Nicht vergessen: Diesen Freitag, 25.5.2018, Lesung im Kulturraum Thalwil auf der Dachterrasse. Start 20:15 Uhr.

Es lesen:

Susann Klossek
Emanuel Bundi
Sabine Meisel
Dorothe Zürcher

Eintritt 10 Franken, Bar ab 19:30 Uhr

Wir freuen uns auf Euch.





Mittwoch, 9. Mai 2018

lesbar - Lesung Kulturraum Thalwil



lesbar 

Der spezielle Literaturabend auf dem Dach:

3 bis 5 etablierte und unbekannte Autoren und Schriftsteller lesen aus bisher unveröffentlichten Texten.

Nach der Literatur Diskussion zwischen Autoren und Publikum. 

Freitag, 25. Mai 2018

20:15 Uhr

Kulturraum Thalwil

10 Franken

Bar ab 19:30 Uhr


Sonntag, 6. Mai 2018

Mittwoch, 25. April 2018

Journaille und andere Blindgänger

Kürzlich in der Apotheke fragte ich nach Tropfen für trockenen Reizhusten und nach einem Prä-Biotika. Zu beidem hatte ich vorher recherchiert, für die Tropfen auch noch meine Ärztin befragt. Die Tropfen kannte ich bereits, sie sind bekannt für ihre gute Wirkung bei Entzündung der Bronchien und Reizhusten. Der Mann in der Apotheke wollte sie mir nicht geben, da sie für verschleimten Husten seien. Das ist klar falsch, aber er lieẞ sich nicht eines Besseren belehren. Ich musste sie ihm fast aus den Händen reiẞen.
Bezüglich Prä-Biotika meinte er schlau dreinschauend: «Das heiẞt Pro-Biotika!» «Ja», antwortete ich, «es gibt Pro-Biotika, aber ich hätte trotzdem gerne ein Prä-Biotika.» Das sei dasselbe, lieẞ er mich dann wissen, was es nicht ist. Ich musste ihm seinen Job und den Unterschied zwischen Pro- und Prä-Biotika erklären. Er schien mir nicht zu glauben, kam aber schlieẞlich mit einem Produkt an, dass er als Prä-Biotika vorstellte. «Lassen Sie sich nicht davon verwirren, dass auf der Packung Pro steht, es handelt sich trotzdem um Prä», sagte er selbstsicher und tippte schon den Betrag von über 50 Franken ein. Ich las mal kurz den Beipacktzettel: Es war ein Pro-Biotika, speziell gegen Blähungen. Hatte ich bis dato noch keine, bei so viel heiẞer Luft, kann man schnell welche bekommen. Ich zahlte die Tropfen und lieẞ den Traumtänzer mit seinen PropräBläh-Kapseln stehen.
Danach ging ich in die Migros und fragte nach Saft aus normalen, gelben Grapefruits. «Frisch oder pasteurisiert?», fragte der Verkäufer. «Egal, Hauptsache keinen aus pink Grapefruit», antwortete ich. Er rannte eifrig durch die Gänge und brachte mir verschiedene Pink Grapefruit Säfte.  Ich fühlte mich ein wenig missverstanden, um nicht zu sagen verkackeiert. Als er endlich kapierte, welche Art von Saft ich meinte, sagte er: «Ach so, das gibt’s nicht.» Auf meinen verständnislosen Blick hin erklärte er mir warum: «Das ist wie bei Bananen, man kann auch keinen Bananensaft herstellen, beide würden braun werden und eklig aussehen, deshalb gibt’s das nicht.» Ich zeigte auf die Regale und die Säfte MIT Bananen. Ja, gemischt sei das kein Problem. Ich ging in den Coop und kaufte einen Saft aus gelben Grapefruits.
Auf einem Werbeplakat stand, dass das Angebot bis am 5.3. gültig sei. Mich ereilte ein kurzer innerer Tobsuchtsanfall. Wie oft muss ich noch erwähnen, dass es bis ZUM 5.3. oder schlicht bis 5.3. heiẞt, aber sicher nicht bis AM. Selbst Tages-Anzeiger und NZZ bedienen sich regelmäẞig dieses Deutschfehlers.
Im Postfach hatte ich eine Mail von einer Ärztin, die mir schrieb, sie könne die 10%-ige Hormoncreme nicht verantworten, ich hätte bisher immer nur die 5%-ige gehabt. Ich machte ein Foto von der 10%-igen und schickte es ihr. Lange kam keine Antwort, sie musste wohl überlegen, wem sie die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Schlieẞlich entschied sie sich für die Apotheke, die die Creme herstellt. Was zu bezweifeln ist. Gut, bei einer falsch konzentrierten Hormoncreme springt man nicht gleich über den Jordan, was aber, wenn einer nur ein halb so hoch dosiertes Krebsmittel oder ein doppelt so hoch konzentriertes Herzmedikament bekommt? Man mag es sich nicht vorstellen.
Im deutschen Fernsehen zeigten sie in einer Rankingshow einen niedlichen Spot mit kleinen Kobolden. Das sei ein Filmchen einer Hilfsorganisation. Kurz erwog ich beim Fernsehen anzurufen und sie darüber aufzuklären, dass es sich um einen Werbespot der Migros handele.  In der deutschen Tagesschau ging es dann auch um die damals bevorstehende Abstimmung zu den Radio- und Fernsehgebühren. Sie nannten einen völlig falschen Betrag der Gebühren. Ist es so schwierig, eine simple Zahl korrekt zu recherchieren? Ist es, denn auch die Schweizer Online-Zeitung Republik veröffentlichte in einem ihrer ersten groẞen Artikel den falschen Billag-Betrag.  In einem Artikel, in dem es explizit um diese Gebühren ging! Genervt kontrollierte ich ein paar Abrechnungen, drei von fünf davon waren fehlerhaft, natürlich zu meinen Ungunsten.
Gerne wird sich über Fake News, Unwissen und Inkompetenz aufgeregt, schaut man aber mal genau hin, wird einem Tag für Tag überall Schmarrn erzählt, in der Hoffnung, man selbst habe noch weniger Ahnung von der Materie. Die Leute erzählen einem irgendwelchen Mist, um ihre Ruhe zu haben oder einem ein teures Produkt anzudrehen. Redakteure recherchieren schlampig, schreiben über Dinge, von denen sie nichts verstehen und der Konsument glaubt, was einem vorgesetzt wird. Ich sage: Zweifelt und lasst Euch kein U für ein X vormachen, seid auf der Hxt!

Mittwoch, 18. April 2018

Donnerstag, 12. April 2018

Mittwoch, 11. April 2018

Die Kunst des ...


Die Kunst des … ach leck mich doch am Arsch!

  
Die Kunst des Lebens, die Kunst des guten Lebens, die Kunst des Denkens, die Kunst des klaren Denkens, die Kunst des Nichtdenkens, die Kunst des logischen Denkens, die Kunst des negativen Denkens…


Die Kunst des …


Liebens
Verliebens
Krieges
Verlierens
Selbst
Kochens
Dessertschmiedens
klugen Essens
bewussten Essens
Abnehmens
Annehmens
Punchens
Möglichen
Arbeitens
Violinspiels
Orgelspiels
Dirigierens
Bauens
Seins
Glücklichseins
Ausführens
Müssiggangs
Gedankenlesens
Handlesens
Sehens
Schreibens
Erzählens
Romans
Sonetts
klugen Fragens
Smalltalks
Heilens
Gehens
Wissens
Elternenttäuschens
Wandels
Friedens
Führens
Wirtschaftens
Managements
Alleinseins
Erfolgreichen Tradens
Erfolges
Siegens
Sanften Siegens
Vorurteilslosen Beratens
Unglücklichen Lehrens
Pirschens
Hackings
Human Hackings
Zeichnens
Malens
Dekorierens
Lichtdrucks
Papierfaltens
Rahmens
Gestaltens
Game Designs
Wanderns
Pilgerns
Fälschens
entspannten Gärtners
Feuermachens
Tees
Ausklangs
Freiseins
Selbstrasierens
Raku
Klauens
Streitens
Diskutierens
Reitens
Schnurrens
Sprechens
Besprechens
Verstehens
Zuhörens
Würzens
Hoffens
Weglassens
Richtigen Weglassens
Loslassens
Alterns
Stilvoll Älterwerdens
Achtsamen Putzens
Verschiebens
Klangs
Fermentierens
Beginnens
Vertrauens
Ehebruchs
Staunens
Besenspiels
Reisens
Pendelns
Fechtens
Feldspiels
Angriffsfussballs
Torwartspiels
Skifahrens
Unterrichts
Wolkenschnitts
Lügens
Scheiterns
Spielerischen Scheiterns
Nichtscheiterns
Stilvollen Verarmens
Handelns
Klugen Handelns
Kooperativen Handelns
Erwachens
Anfangs
Innehaltens
Küssens
Geniessens
Schönen
Levitierens
Oralsex
Furzens
Schlafens
Überlebens
Verschwindens
Verrats
Mordens
Magischen Tötens
Schweigens
Sterbens


…52 Wege, sich garantiert nichts beizubringen und sein Leben gepflegt an die zu Wand fahren. Ratschläge fürs Leben von Semi- und Pseudoexperten für Menschen, die noch weniger Ahnung von der jeweiligen Materie haben, als sie selbst. 

Grosser Gott, warum?! Warum werden diese Bücher geschrieben? Warum verlegt? Und warum gelesen und ernst genommen? Die Menschheit ist noch blöder, als ich bisher angenommen hatte. Kunst, Kunst, Kunst, Kunst, Kunst! Hier nicht komplett durchzudrehen, DAS ist die KUNST!


Als Faktoren, die unser gutes Leben gefährden, werden unter anderem Alkohol, Drogen, Stress, Selbsthass, Opferhaltung, Zorn und Depression genannt. Man könnte auch sagen all diese Dinge sind das Ergebnis der Lektüre solcher Scheiss Lebenshilfebücher.


Bezahle zuerst, konsumiere danach, empfiehlt da einer. Er nennt das die Spielform der mentalen Buchhaltung. Jeder Obdachlose oder Sozialhilfeempfänger ist sicher unglaublich dankbar für diesen Tipp. 


Gegen die Entscheidungsmüdigkeit und die daraus resultierende Konsequenz, sich immer für die bequemste Variante zu entscheiden, solle man sich an selbst auferlegte Gelübde halten. Wer ein Gelübde abgelegt habe, müsse nicht immer Vor- und Nachteile abwägen. Das ist nur so eine Sache mit den Gelübden: Der Mensch hat Schwierigkeiten, sich daran zu halten. Fragen Sie mal einen katholischen Priester!


An anderer Stelle ist zu lesen, Menschen, die an Gewicht zunehmen, verschieben nach und nach ihren Fokus hin zu Dingen, wo das Gewicht eine weniger wichtige Rolle spielt. Zum Beispiel auf ihren Job. Weil es eben einfacher sei, den Fokus zu verlegen, als abzunehmen. Was soll ich tun? Ich habe keinen Job! Ich werde in Kürze platzen, und zumindest nie wieder einen Job finden. Meine mentale Buchhaltung wird aus der Balance geraten. Ich bin am Arsch.


Akzeptieren Sie die Realität – akzeptieren Sie sie radikal!, ruft uns noch einer zu. Das hat er sicher von einem Hindi-Guru geklaut. Es ist alles Karma, jeder ist seines Glückes Schmied, selbst schuld, wärst du im vorherigen Leben nicht so ein Arschloch gewesen, müsstest du jetzt nicht dein hart verdientes Geld für solche beknackten Bücher ausgeben.


Und dann sagt Dobelli, der derzeit beliebteste Ratgeber-Guru, noch den Satz, für den er den Nobelpreis in Philosophie verdient hätte, wenn es ihn gäbe: Das Leben ist keine einfache Sache. Wow! Darauf einen frisch fermentierten Furz.

Sonntag, 8. April 2018

Flashback to the Eighties


Ich war auf einer Party
auf der sie 80-er-Jahre-Musik spielten
und nach dem vierten Glas Schampus
war ich zu allem bereit
Falco, Kraftwerk und Depeche Mode ermunterten mich
ich fühlte mich jung und willig
obwohl ich Letzteres eigentlich immer bin
die DJane war blond und süß
und lächelte unter ihrem Hütchen hervor
eine Kreuzung aus Lolita, Ingrid Steeger und Blondi
ich hätte sie so gern geküsst
doch der Schöne zu meiner Linken
rieb seinen Schenkel an meinen
was dem Alkohol geschuldigt war
denn er spielte in der liga of men
ich hoffte darauf
dass irgendwer ein bisschen bi sei
aber selbst der kurzatmige Mops
drehte mir sein fettes Hinterteil zu
und wackelte mit der Rosette
hätte ich keine Hundeallergie
ich wär draufeingegangen

Mittwoch, 4. April 2018

Warum ich diesen Film mache


Auf die Frage, warum ich ausgerechnet dieses Drehbuch schreibe, kann ich nur eines antworten: Ich weiß, dass ich da eine ganz aktuelle, heiße Story habe, die unbedingt verfilmt werden muss. Natürlich denkt das jeder Drehbuchschreiber von seinem Werk, sonst könnte er es ja gleich bleibenlassen. Aber auf mich und mein Buch trifft es auch zu. Die Geschichte ist am Puls der Zeit, und da, wo in deutschen Landen momentan die größte Wunde klafft. Und genau dort stecke ich meinen Finger rein. Ach was sage ich Finger, die Faust! Die große Fisting-Faust, nicht so ein ängstlich zusammengeballtes Che-Guevara-Revolutionsfäustchen, wie es die Salonlinken hochhalten, wenn sie mal wieder ihr schlechtes Gewissen totdemonstrieren müssen. Zwischen Bio-Wein und Chinoa-Wirsinggemüse auf Geissenkäse von glücklich besamten Ziegen, die der türkische Präsident höchstpersönlich bestiegen hat. Es bleibt spannend, Leute!


Freitag, 30. März 2018

KLARTEXT


Tanz sei Scheiße
und käme gleich nach Operngesang, sagte er
und ich dachte: wie schnell doch
meine Faszination für jemanden
flöten gehen kann

wenn sich jeder so ehrlich, klar und undifferenziert
ausdrücken würde
müsste man weniger Zeit damit verplempern
zu überlegen
wie man bei jemandem landen könnte

Mittwoch, 28. März 2018

Wo bitte gehts zum Fuji?

Pünktlich zu Ostern ist der neue DreckSack da. 
Die beteiligten Autoren sind diesmal:
Gerd Adloff, Enno Ahrens, Eric Ahrens, Michael Arenz, Ronald Galenza, Florian Günther, Katja Horn, Johannes Hülstrung, Susann Klossek, Angelika Leitzke, Bas Lindgaard, Danny Lummert, Matthias Merkelbach, Thomas Meyer-Falk, Rüdiger Saß, Erik Steffen, Ulrike Steglich, Silke Vogten, Daniela Maria Ziegler.Fotografin dieser Ausgabe: Birgit Buchholz
Der DreckSack ist ab sofort hier bestellbar:
www.edition-luekk-noesens.de/shop/drecksack

Und ausnahmsweise gibt es meine Geschichte - von einer Japanreise vor vielen Jahren - heute mal online gleich zu lesen:

Wo bitte gehts zum Fuji?
Ashi-See, Japan
Japaner meinen, jeder Mensch sollte einmal im Leben den Fuji, das Wahrzeichen Japans, besteigen. In erster Linie ist damit natürlich jeder Japaner gemeint. Aber auch einem Gajin (Außer-Mensch) kann ein Aufstieg nicht schaden. Der Fuji-San, nicht Fujiyama, wie er fälschlicherweise von ausländischen Kretins bezeichnet wird, ist mit 3776 Metern der höchste Berg Japans. Und auch einer der schönsten Vulkane der Welt. Zumindest aus der Ferne. Deshalb beschließe ich, dem heiligen Berg einen Besuch abzustatten. Eine Besteigung ist nur zwischen 1. Juli und 31. August möglich. Sie dauert im Schnitt zwischen sechs und acht Stunden. Glücklicherweise haben wir April, ich kann also nicht, selbst wenn ich wollte. Was ich natürlich nicht tue. Tim hat bereits letzte Nacht zwei spitze Hügel in Form der Arschbacken eines strammen Japaners bestiegen. Er erholt sich jetzt von seinem Vorstoß ins Tal der Glückseligkeit. So muss ich mich allein auf meinen Abenteuertrip aufmachen.
Wie es in Japan bei Ausländern gute, alte Tradition ist, mache ich von Anfang an alles falsch. Ich kaufe mir ein sehr teures Ticket für den Superexpress Shinkansen nach Odawara. Aus Angst keinen Sitzplatz zu bekommen, erstehe ich zusätzlich eine Platzreservierung. Wer ahnt auch schon, dass die Platzkarten doppelt so teuer sind wie die eigentliche Fahrkarte! Mein Tagesbudget ist bereits jetzt fast ausgereizt. Auf dem Perron ist genau angezeichnet, welcher Waggon an welcher Stelle hält, wo sich die Türen befinden, wo reservierte Wagen, wo Raucher- oder Nichtraucherabteile sind. Der Shinkansen hält zentimetergenau an den markierten Stellen. Der Zug ist halb leer. Alle Fahrgäste schlafen. Oder lesen pornografische Comics. Nach dreißig Minuten bin ich in Odawara. Gemäß Reiseführer sei es jetzt nur noch ein Katzensprung bis zum Ashi-See, von dem man – an guten Tagen – einen atemberaubenden Blick auf den Fuji-San habe. Der Tag ist nicht gut. Die Bergbahn, für die das Ticket, wie nicht anders zu erwarten, ein Vermögen kostet, ist vollgestopft mit japanischen Sonntagsausflüglern. Diese wiederum sind schwer beladen mit Picknickkörben, Wolldecken und Wattejacken, als wären sie auf einer Mount Everest-Expedition. Die Landschaft ist fantastisch.
Die Bergbahn kriecht eine geschlagene Stunde bis Gora, die Endstation auf 800 Metern. Seltsamerweise bin ich die einzige Ausländerin weit und breit und fühle mich leicht verloren. Ein älterer, netter Japaner hat Mitleid und fragt mich auf Japanisch wo ich hinwolle. “Fuji-San“, antworte ich. „Sugureta“, sagt er, was so viel wie exzellent heißt. Er will meinen Namen wissen. „Watashi-wa muzigh Susann des“. Er sieht mich etwas verwirrt an, verbeugt sich mit einem „high“ (ja) und dreht sich weg. Ich habe da wohl etwas durcheinander gebracht und dem armen Mann gesagt, dass ich unschuldig sei. Was ich ja auch bin, in gewisser Weise.
Nach einer ziemlich langen Wartezeit und gegen ein beträchtliches Entgelt geht es mit der Zahnradbahn weiter den Berg hinauf nach Souzan. Doch ein Ende der Reise ist noch lange nicht abzusehen. In Souzan wartet bereits die Seilbahn, die uns über Owakudani, das „Tal des großen Knochens“, zur letzten Stelle bringen soll, an der der Vulkanismus noch dampfend zu Tage tritt. Ich löse für mein letztes Geld ein Ticket nach Togendai, die Endstation am Ashi-See. Es ist die höchste, steilste und längste Seilbahnstrecke, über der ich je in meinem Leben hing. Und ich hing schon über einigen Abgründen! Der Blick ins Tal ist atemberaubend. Wie der Preis, den ich für den Platz in der Gondel berappen musste.
Mit mir in der Gondel hockt eine dreiköpfige japanische Familie. Die Frau sitzt mit geradem Rücken wie eine gehorsame Geisha zwischen ihrem Mann und ihrem etwa vierzehnjährigen Sohn. Sie lächelt mir zuversichtlich zu. Der Sohn hat sich seinen Sonntag offensichtlich anders vorgestellt. Er starrt mit dunklen Rändern unter den Augen leicht bockig in die Tiefe, in der es raucht und dampft und nach Schwefel stinkt. Sein Haar steht wie bei einem Punker dreifarbig von seinem Kopf ab. Der Vater versucht sich in Konversation auf Englisch. Seine Aussprache ist dermaßen verjapanisiert, dass ich kein Wort verstehe. Nur so viel, er fragt, ob ich eine spanische Stewardess sei. Absurder geht es nicht mehr. Vielleicht wollte er auch etwas ganz anderes fragen und hat die Worte verwechselt. Oder ich hatte etwas verstanden, was er gar nicht gefragt hatte. Man weiß es nicht. Ich bejahe, er freut sich und spricht weiter auf Japanisch auf mich ein. Die Frau kichert hinter vorgehaltener Hand. Der Sohn verdreht die Augen und wirft seinem Vater ein paar forsche Wortfetzen an den Kopf. Ich schwitze. Die Seilbahnfahrt ist unendlich. Irgendwie schämen wir uns alle vier. Leider ist an ein Aussteigen in dieser schwindelerregenden Höhe nicht zu denken. Kurz vor der Mittelstation zieht sich Familie Yamaguchi – ich meine diesen Namen verstanden zu haben – ihre dicken Jacken, Mützen und Handschuhe an. Mein Gott wie verweichlicht. Schließlich hatten wir bei der Abreise in Tokyo frühlingshafte 18 Grad. Böser Fehler meinerseits.
Als ich aussteige werde ich von der eisigen, steifen Brise, die einem hier auf der Mittelstation um die Ohren fegt, fast weggeweht. Eigentlich hätte ich mir ja denken können, dass es oben am Berg kalt wird. Doch seit meinem Meditationsabstecher im Tempel von Kyoto habe ich mit Denken nicht mehr so viel am Hut. Irgendwo da drüben im Gegenlicht muss er sein, der schneebedeckte Gipfel des erhabenen Fuji-San. Versteckt hinter der großen Dunstglocke. Zum Glück habe ich ja mein Ticket nach Togendai. Vom Nordufer des Ashi-Sees soll man dann aber wirklich einen tollen Blick auf den Yama (Berg) haben. Ich frage einen Mitvierziger, wie weit es denn bis zur Endstation sei. Mein Zug nach Tokyo, für den ich ebenfalls eine übertrieben teure Platzkarte habe, geht gegen Acht zurück. „Ach, Sie wollen heute noch zurück?“, fragt er verwundert. „Hier übernachtet jeder. Die letzte Seilbahn nach Souzan geht um fünf.“ Davon stand aber nichts im Reiseführer. Da war nur von einem leicht zu arangierenden Tagesausflug die Rede.
“Na da habe ich noch genug Zeit, es ist ja erst halb vier“, antworte ich aufgekratzt. “Das schaffen Sie nicht. Es ist sehr weit nach Togendai“, er wiegt seinen Kopf hin und her. “Was haben ein Koffer und eine Frau gemeinsam?“, fragt er aus dem Zusammenhang gerissen und sieht mich erwartungsvoll an. “Was weiß denn ich!“, antworte ich leicht gereizt und schieße ein Foto in die Richtung, wo in etwa der Fuji sein müsste. “Beide sind mottenai“, er grinst.“Jaaa. Und?“ “Mottenai, verstehen Sie, schwer zu (er)tragen“, er schüttet sich aus vor Lachen. Er ist wirklich lustig anzuschaun. Ich mache auch von ihm ein Foto. Nun, der Japaner an sich und ich haben doch eine unterschiedliche Art von Humor. Als er sich ausgelacht hat, verbeugt er sich ganz leicht, kommt näher an mich heran und fragt leise und eindringlich: „Sekkusu suru?“Wenn mich nicht alles täuscht, hat er mich gerade gefragt, ob ich mit ihm schlafen will. Ich verbeuge mich, bedanke mich mit „arigatoh“ und lass ihn stehen.
Verzweifelt versuche ich mein zur Endstation gelöstes kippu (Ticket) zu tauschen oder zu canceln. Die Frau am Ticketschalter schüttelt nur unentwegt den Kopf und stellt sich verständnislos, während sie aus einer kleinen hellgrünen Schale Tee schlürft. Wir reden etwa eine halbe Stunde aneinander vorbei. Es ist nichts zu machen. Ich habe keinen Yen mehr in der Tasche und kann mir nicht einmal einen Grüntee oder einen Toilettengang leisten. Ich suche relativ lange nach einem geeigneten Busch, um wenigstens ungestört pinkeln zu können. Hier oben ist die Vegetation ziemlich karg. Als ich mir gerade die Hosen wieder hochziehe, kommt mir ein Mann in Eisenbahneruniform aufgeregt, Arme wedelnd entgegen. Er wird doch hoffentlich nicht auch mit mir schlafen wollen?! Nein, die letzte Seilbahn gen Tal hebe jeden Moment ab und ich sei die Letzte hier oben. Tatsächlich fahre ich als einziger Fahrgast der gesamten Seilbahnkette in meiner „Privatgondel“ zurück nach Souzan. Die Zahnradbahn sehe ich nur noch von hinten und die Bergbahn verpasse ich um
zwei Minuten. Somit auch meinen außerordentlich teuren reservierten Sitzplatz im Shinkansen nach Tokyo. Gegen Zehn erreiche ich erfroren, abgebrannt, ausgehungert und völlig erschöpft das Hotel. Tim macht sich gerade für eine neue Frettchen-Expedition zurecht. „Und, wie war der Fuji?“ „Welcher Fuji?“, frag ich und geh ins Bett.

Tropenfieber

Montag, 12. März 2018

Ü50? - LEIDER NEIN


Arbeitsmarkt Schweiz

Die Mär von der Chancengleichheit – ein Experiment

Die Behauptung, auf dem Schweizer Arbeitsmarkt bestünde Gleichheit und alle haben dieselben Chancen, ist eine Lüge. Ab 50 ist man, vor allem als Frau, weg vom Fenster.

Noch vor zehn Jahren war oft mit Mitte 50 Schluss im Job. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute sitzen auch über 60-Jährige noch fest auf dem Bürostuhl. Werden Ältere (45+) aber arbeitslos, haben sie oft grosse Probleme einen neuen Job zu finden. Wer sich neu bewerben muss, wird schnell ernüchtert.

Seit August letzten Jahres bin ich arbeitslos. Oder um es politisch korrekt auszudrücken: arbeitssuchend. Am Tag meiner Rückkehr von einem Stipendienaufenthalt in Indien hat sich mein Arbeitgeber aus wirtschaftlichen Gründen meiner entledigt. Vor etwa zehn Jahren war ich schon einmal in ähnlicher Situation. Mit dem Unterschied, dass ich damals eben zehn Jahre jünger war.

Gut ausgebildet bin ich noch immer. Ja mittlerweile sogar weitergebildet. Und ich habe zehn Jahre an Erfahrung hinzugewonnen und jede Menge Erfolgsbeispiele vorzuweisen. Die Arbeitgeber sollten sich also die Finger nach mir lecken und sich um mich streiten. Theoretisch. In der Praxis sieht das leider ganz anders aus. Da ist Jahrgang 1966 offensichtlich DAS Auslesekriterium. Potenzielle Arbeitgeber haben mir das bei telefonischer Nachfrage nach den Gründen ihrer Absage bestätigt. Wenn auch durch die Blume. Ich weiss aber durchaus zwischen den Zeilen zu lesen. 



100 Bewerbungen – 100 Absagen

Seit dem Tag meiner Entlassung habe ich mich auf 100 offiziell ausgeschriebene Stellen als Journalistin und Produzentin beworben. Blindbewerbungen nicht mit eingerechnet. Beworben habe ich mich praktisch bei allen deutschsprachigen Schweizer Medien: bei Tageszeitungen, Regionalblättern, bei (Fach)magazinen, Zeitschriften und beim Fernsehen. Für Print, für online, Abend- und Wochenenddienste, Voll- und Teilzeit und als freie Mitarbeiterin. Ich bin auch gerne bereit ins gegnerische Lage zu wechseln und als Kommunikationsbeauftragte, Mediensprecherin, PR-, Presse und/oder Social-Media-Beauftrage für ein Unternehmen ausserhalb der Medienbranche zu arbeiten.

Auch bei den Sparten bin ich, aufgrund meiner bisherigen vielseitigen Tätigkeit, mehr als flexibel. IT, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft? Kann ich. People, Kunst, Kultur? Mach ich. Auch die digitale Transformation ist an mir weniger vorbeigegangen als an manchem Schweizer Unternehmen. Und damit sich auch jede suchende Firma persönlich angesprochen fühlt, habe ich meine Bewerbungen jeder Stelle, jedem Unternehmen in Form und Inhalt individuell angepasst.

Das Ergebnis war trotzdem gleich Null: 100 Mal wurde ich nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. (Bei CEOs und Marketingchefs, die mich aufgrund früherer Zusammenarbeit persönlich kennen und bei denen ich mich vor Aufschaltung eines Stelleninserats bewarb, kam ich in die Endrunde.) Vor zehn Jahren sah das alles ganz anders aus: Da durfte ich mich noch bei jeder meiner Bewerbungen persönlich vorstellen, bei jedem zweiten Unternehmen kam ich in die Endrunde. Heute kommen die Absagen prompt als vorgefasstes Schreiben mit immer derselben, einzigen Begründung, dass man Kandidaten bevorzuge, die dem geforderten Profil besser entsprächen. In über der Hälfte der Fälle hielt man es nicht einmal für nötig, eine Absage zu schicken. Respekt sieht anders aus.

Im Telefonat liess man mich nicht selten wissen, dass man Mitarbeiter bevorzuge, die sich weiterentwickeln können oder dass es sich eigentlich um eine JUNIOR-Stelle handele. Wer sagt, dass ich mich mit 51 nicht weiterentwickeln will? Ich bin über 50, nicht geisteskrank oder tot. Zudem ist stark zu bezweifeln, dass ein Einsteiger die unendliche Liste an Anforderungen nur ansatzweise erfüllen kann.  

Mehrfach wurde in der Anzeige direkt schon Tacheles geredet und Kandidaten zwischen 25 und 35 gefordert, als sei danach Schluss mit Arbeitslust und Kompetenz. Wenn sie einen in der Stellenausschreibung schon mit Du anreden und man «Teil eines urbanen Lebensgefühls» sein soll, weiss man, was die Stunde geschlagen hat.



Das Experiment

Ich startete also kurzerhand ein Experiment: Im Selbstversuch bewarb ich mich gleichzeitig neben den offiziellen Bewerbungen auch unter falschem Namen. Als zehn Jahre jüngere Frau mit nahezu demselben, nur dem Alter angepassten Profil, mit abgeändertem Profil und weniger Erfahrung sowie als etwa gleichaltriger und als jüngerer Mann. Ich schickte Bewerbungen an einschlägige Medienunternehmen, an ein grosses Spital, eine Versicherung, einen Industriekonzern und zwei KMU. Die Ergebnisse waren nicht erstaunlich, trotzdem erschreckend.

Praktisch überall wollte man mich kennenlernen oder forderte zumindest weitere Unterlagen an, da ich in meinen Fake-Profilen natürlich weder ein Foto noch Zeugnisse mitgeliefert hatte. Je jünger ich als Frau auftrat, umso interessierter schien man auf der anderen Seite an meiner Person zu sein. Trat ich als Mann auf, lief es noch besser. Einzig als gleichaltriger Mann harzte es ein wenig. Zudem erhielt ich als Vesna Milenković mit serbischem Migrationshintergrund eine Absage.

Natürlich ist meine kleine Testreihe aus Mangel an genügender Anzahl Bewerbungen statistisch nicht wirklich auswertbar und repräsentativ. Eine Tendenz zeigen die Ergebnisse trotzdem auf: Für die Auslese spielen vor allem das Alter, aber auch Geschlecht und Herkunft eine entscheidende Rolle.

Die Annahme, Ältere können mit den Jungen nicht mithalten, ist falsch. Das wissen auch die Unternehmen. Trotzdem ist für viele von ihnen das Alter an sich der Grund für die Absage. Erfahrungsberichte und Studien deuten klar darauf hin, dass ältere Bewerber unter sonst gleichen Bedingungen bedeutend schlechtere Einstellungschancen haben. Grosse Firmen scannen zudem die Bewerbungen nach festen Rastern, Ü50 fällt da automatisch raus. 

Mitarbeitende einzustellen, heisst für Unternehmen natürlich Geld in die Hand zu nehmen. Offensichtlich lohnt es sich mehr in Jüngere als Ältere zu investieren, da diese noch mehr Arbeitsjahre vor sich haben. Fakt ist aber auch, dass Jüngere viel schneller eine Stelle wechseln als ältere Arbeitnehmer. Zum Beispiel wandern sie gerne ab, wenn sie die vom Unternehmen mitfinanzierte Aus- oder Weiterbildung abgeschlossen haben. Unternehmen wollen am liebsten die junge, formbare, eierlegende Wollmilchsau, die wenig kostet aber die Erfahrung von 30 Jahren mitbringt. Diese Mitarbeitergattung existiert aber nicht.  

In Anbetracht der Tatsache, dass das Pensionseintrittsalter mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter nach oben rutschen wird, wäre es an der Zeit, dass Unternehmen umdenken und auch den Ü50-ern wieder reelle Chancen auf dem Arbeitsmarkt zugestehen. Jede Mittdreissigerin in den Schweizer HR-Abteilungen wird einmal zur Mittfünfzigerin. Über die lapidaren, arroganten Ablehnungsfloskeln, die man heute von ihnen mehrheitlich hört, werden sie dann mit Sicherheit not amused sein.