Dienstag, 17. Oktober 2017

Dienstag, 10. Oktober 2017

Freitag, 6. Oktober 2017

Der 30. DreckSack ist da!

LIEBE LESER, FREUNDE UND KRITIKER:

Es ist vollbracht: Der 30. DreckSack ist da!

Diesmal mit Fotografien von Siebrand Rehberg und Texten von: Gerd Adloff, Eric Ahrens, Gisbert Amm, Michael Arenz, Dennis Bähringer, Marvin Chlada, Florian Günther, Matthias Hering, Susann Klossek, Michael Langer, Matthias Merkelbach, Thomas Meyer-Falk, Andreas Niedermann, Matthias Penzel, Markus Prem, Thomas Seuberling, Erik Steffen, Ulrike Steglich, Wenske/Hyde, Heyne Winterfeldt, Erik Wunderlic...h.

Anläßlich unserer 30. Ausgabe und als kleinen Dank an unsere treue Leserschaft liegt jeder Bestellung ein soeben im gONZoverlag erschienenes Heft aus der Reihe „Verstreute Gedichte“ mit Gedichten von Florian Günther bei.

Die diesmal etwas andere Release-Lesung findet am 14. Oktober im Goldenen Hahn (Kreuzberg) statt. Uhrzeit und beteiligte Autoren werden rechtzeitig mitgeteilt.

Erhältlich ist die Ausgabe ab sofort hier: www.edition-luekk-noesens.de/shop/drecksack

Das Inhaltsverzeichnis findet ihr hier: www.edition-luekk-noesens.de/drecksack/aktuelle-ausgabe

Mittwoch, 20. September 2017

Ahnen





Bei
den Mayas war es eine Ehre
wenn sie dir bei lebendigem Leib
das Herz herausgerissen
 und den Göttern geopfert haben
im Grunde ist ihre Spezies
zurecht untergegangen

(Foto: Guatemala, 2017)


Mittwoch, 13. September 2017

Monotonie in der Tropenhütte


Der
Deckenventilator eiert
störrisch seine Runden
er erinnert mich ein bisschen an mich
aufgeben is’ nicht
eines Tages wird er
an den Kanten der Realität zerschellen

(Foto: Guatemala, 2017)

Montag, 11. September 2017

Bourbon Sins

Meine neue Rezension im Migros Magazin, heute: Bourbon Sins, aus der Reihe Bücher für angehende Alkoholiker.


Donnerstag, 7. September 2017

Theater im Theater

An alle Liebhaber unkonventionellen Theaters:

Am 16. und 17.9. (20:30 und 19:30) spielen wir im Rahmen des Theaterfestivals

ONSTAGE - Theaterstadt

in der Roten Fabrik unsere sogenannten

Improvisation 9 + 10

Es wird irrwitzig und abstrus und nicht nur fürs Publikum eine Überraschung. Ein paar Texte von mir sind auch dabei - und ich natürlich - in voller Pracht. Kommt vorbei.

www.rotefabrik.ch

Ticketreservierung wird dringend empfohlen mit Datum, Zeit und Titel der Aufführung E-Mail an: fabriktheater@rotefabrik.ch / Tel. 044 485 58 28 Reservierte Tickets bitte 30 Minuten vor der Vorstellung an der Festival-Kasse abholen (nur Barzahlung, 10 Franken pro Vorstellung, Tagespass: 20 Franken).

Montag, 4. September 2017

On the road


Manchmal
steht einer
in Cowboyhut und Gummistiefeln
mit ner Machete in der Hand
mitten in der Prärie am Straßenrand
und du kannst nie ganz sicher sein
ob er mit seinem Bauernsäbel
gleich Mais oder dir ein Körperteil
abhauen wird
am Ende steht er dann meistens
nur so da
und wartet wohl darauf
dass sein Gaul
von der Mittagspause zurückkehrt

(Foto: Guatemala, 2017)



Samstag, 19. August 2017

Into the water - Bücher zum Abtauchen


Aus der Reihe Bücher, die die Welt nicht braucht, eine neue Rezension fürs Migros-Magazin:

https://www.migrosmagazin.ch/tiefgruendig-ist-nur-der-fluss

Ich kann aber versprechen, dass auch das eine oder andere Schmäckerchen wieder dabei sein wird...

Donnerstag, 17. August 2017

Muftis, Machos, Mörderhitze



Wer denkt, deutsche oder Schweizer Behörden seien pedantisch, kleinkariert, bürokratisch und arbeiten langsam und ineffizient, der hat noch nicht neun Stunden bei 39 Grad auf dem Immigrationsbüro in Delhi im eigenen Saft geschmort.



Das Unheil nahm seinen Anfang, als ich am 27. März um genau 23:53 Uhr, wie ich später auf einem Formular las, im Hotel in Delhi eincheckte. Nachdem Kreditkarte und Pass mehrfach überprüft worden waren, entdeckte die Dame an der Rezeption eine kleine visatechnische Unstimmigkeit. Das eine Visum war seit zwei Tagen abgelaufen, das andere hatte keinen Einreisestempel, da ich bereits mit Visa 1 eingereist war und das Land seither nicht mehr verlassen hatte. 

Hätte ich nur, und zwar auf immer!, dachte ich noch, als die Schnepfe mich kurzerhand für visalos erklärte, meinte, ich würde mich illegal im Lande aufhalten und ihren Kollegen an den Tisch rief. Dass ich den Fall bereits mit der indischen Botschaft in Bern und zwei Personen der Immigrationsstelle des Flughafens Delhi abgeklärt hatte und alle die Angelegenheit für problemlos erklärten, ließen die beiden Hotelhoschis nicht gelten. Sie brieften unverzüglich den Manager über mein Vergehen. Auch dieser erwies sich als renitent, entließ mich aber wenigstens auf mein Zimmer. Vorerst. Denn er informierte umgehend den Security Officer des Hotels und dieser wiederum die lokale Polizeibehörde und The Government, da die Sache keinen Aufschub dulde. 

Wer genau mit der Regierung gemeint war, kann ich nicht sagen, vielleicht Modi persönlich. Nachdem ich zweimal per Telefon zur Rezeption beordert wurde es war inzwischen gegen zwei Uhr morgens teilte man mir mit, dass ich sofort nach dem Frühstück ins FRRO (foreigner regional registration office) müsse, um die Angelegenheit zu klären und meine Strafe zu zahlen. Wofür die Strafe sein sollte, war mir nicht ganz klar, ich hatte nur die Anweisungen der indischen Behörden befolgt, aber man würde es mir sicherlich erklären. 

Das alles habe ihm die Person befohlen, die das zweite Visum erteilt hatte und die er angerufen habe. Klar, um halb Zwei in der Nacht! Der übereifrige Manager, der sich nur selbst Ärger vom Hals halten wollte, meinte mit einem Bedauern ausdrückenden, entglittenem Lächeln, er wolle mir doch nur helfen, da ich a single woman, travelling alone sei, die nicht wisse, was sie tue. Und irgendwie hatte er Recht, denn ich verlor für zwei Minuten die Contenance, schrie das Personal in einem Anflug von Hysterie zusammen und drohte mit I am a journalist!, über die leidige Angelegenheit eine Story zu verfassen, die dem Hotel nicht bekommen werde. 

Diese Nacht dürfe ich im Hotel bleiben, versuchte man mich zu beschwichtigen, würde ich am Morgen jedoch nicht aufs erwähnte Amt gehen, müsse ich leider das Etablissement verlassen. Man hätte meinen können, ich habe Hochverrat begangen.



Punkt 9 stand ich im FRRO, East Block – VIII, Level-2, Sector -1, R.K. Puram, New Delhi.

Die mit grünem Plastik überdachte Wartehalle, in deren Licht man aussieht wie eine Wasserleiche und für Stunden im eigenen Saft (zur späteren auch in jenem anderer Anwärter) schmort, war in zwei Sitz- und Anmeldeblöcke unterteilt: Die rechte Seite war ausschließlich Afghanen vorbehalten (ob es die Hunderasse mit einschließt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen), die linke Seite für den Rest der Welt. Dort hockten dicht gedrängt die spanisch-indische Großfamilie mit vier antiautoritär (un)erzogenen Gören, neben dem kasachischen Riesen mit Rumpelstielzchenbart, dicke, schwarze Mamas aus Nigeria, Kenia und Mosambique neben dem blässlichen, älteren, englischen Ehepaar, dem verwirrten, dürren Franzosen, der Amerikanerin, die ein indisches Mädchen adoptiert hatte, die Araberin, deren Mutter hier im Krankenhaus liegt neben der im Libanon lebenden Französin, der in Varanasi Kreditkarten, Geld und der Pass samt Visa abhandengekommen waren. Letztere war sich übrigens sicher, dass sie bestohlen wurde, auf der Polizei in Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus, notierte man dann allerdings, sie habe alles verloren, das sei besser für die Statistik. Viele Leute verlieren in Indien irgendwelche Sachen. Ich zum Beispiel um ein Haar meine Nerven.



Wir alle warteten also bei 39 Grad im Schatten unter diesem Sonnendeck, um dem Beamten am linken Tisch unser Anliegen vorzutragen. Mir wurde eine Stunde später mitgeteilt, dass ich eine Passkopie, eine Kopie des neuen Visas und das sogenannte "C"-Formular vom Hotel der letzten Nacht besorgen und dann zu den zwei Heinis an den Laptops in der hinteren rechten Ecke gehen und mir dort das Exit-Formular erstellen lassen müsse. Die Kopien ließen sich im angeschlossenen Coffeeshop gegen ein paar Rupien relativ schnell erbringen. Das Hotel, das 20 Minuten lang das Telefon nicht abnahm und bei dem ich per Mail um die C-Form bitten musste natürlich alles mit dem Schweizer Handy, weil das Amt über kein WLAN verfügt brauchte für eine Mail geschlagene 1,5 Stunden. 

Unterdessen stellte ich mich in der Reihe für die Laptop-Jungs an, die meinen Pass auf einen Haufen warfen, der in der nächsten Stunde zu einem Berg aus grünen Afghanen- und Muftipässen anwuchs, deren Fälle alle vor meinem behandelt wurden. Offensichtlich ging es bei ihnen um Leben oder Tod, bei mir ja nur um einen Stempel. Man hielt mich an zu warten. Etwas, dass ich mittlerweile seit mehr als dreieinhalb Stunden übte. Als ich neben müffelnden Albanern und einem sehr finster dreinschauenden Tadschiken vor mich hintriefte, kollabierte eine Immigrationsbüroangestellte und wurde diskret entfernt und meldete mir mein Provider Sunrise seit dem letzten Telefonat seien Kosten von 204 Franken angefallen, bei 300 werde mein Handy gesperrt. Akkustand: 38%



Ich fragte mich, was ich eigentlich im Bureau of Immigration sollte, ich wollte doch nur raus hier. Doch dann wurde mein Name aufgerufen, der Student am Laptop füllte mein Exit-Formular vergleichsweise zügig aus, nachdem ich selbst Details wie Größe, den Namen meines Vaters, meine Nicht-Religion und sämtliche Details meiner vorangegangenen Reise angegeben hatte. Ich wollte fragen, ob sie auch noch mein Gewicht wissen müssen, verkniff mir das aber lieber. Ein Foto wurde auch noch verlangt. In weiser Voraussicht hatte ich eins dabei. Anderenfalls hätte ich mich in der Schlange vor dem Stuhl, in der hinteren rechten Ecke anstellen müssen, auf dem die Leute von einem Hobbyfotografen notfallmäßig abgelichtet wurden.



Das Glück, jetzt alle nötigen Papiere für den Mann am Tisch links vorn zu haben, wurde nur durch dessen Abwesenheit zum Lunch getrübt. Es war 13:10 Uhr. Punkt Zwei war er schon wieder da. Während des Wartens glotze der Araber zu meiner Linken permanent auf mein Formular und meinen Pass. Halt jetzt bloß die Fresse, dachte ich. Tat er leider nicht: Switzerland, beautiful country, sagte er und fuchtelte mit seiner Gebetskette vor meinem Gesicht herum. Und gleich würde er fragen von welchem Teil der Schweiz ich käme und dass er dort Freunde habe oder einen Schwippschwager oder gar selbst schon vor Ort war und ob ich Langenthal oder Aefligen kenne und so kams dann auch. Aber ich stand freundlich Rede und Antwort. Schließlich saßen wir im selben Boot. Oder unterm gleichen grünen Plastikdach und ihm kochte sicher genau wie mir das Wasser im Arsch. 

Als ich endlich wieder vorm Tischmann stand, blätterte dieser widerwillig meine Unterlagen durch und schmiss mir diese mit den Worten Und wo sind die Kopien des abgelaufenen Visums und des Flugtickets?! und angewiderten Blickes vor die Füße. Das war keine gute Frage, denn bis dahin wusste ich gar nicht, dass ich diese Kopien ebenfalls erbringen müsse. Zurück zum Coffeeshop, sich gegen eine junge vordrängelnde Afrikanerin, der die Beine weh taten, weil sie schon seit 9 hier sei (so what, ich auch und meine Beine sind dicker, tun also viel mehr weh) und zwei Bärtige im Kaftan wehren, die mich mit dem Argument Du bist bloß eine Frau, was willst du? einfach beiseiteschoben. Hier konnte man vom Glauben abfallen, wenn man einen hätte.



Als ich wieder beim Tischmann vorstellig wurde, es war 15:10, eröffnete er mir, dass ich morgen 10:30 wiederkommen solle. Erst auf die hysterisch-aggressive gefolgt von der verzweifelt-weinerlichen Tour schaffte ich es schließlich, mich in ein fettes Buch eintragen und die heiligen, akklimatisierten Hallen des Bureau of Immigration betreten zu dürfen. Man war bei Nummer 40, ich hatte die 70. Drinnen traf ich die Französin mit ihrem von der französischen Botschaft ausgestellten grünen, provisorischen, nicht biometrischen Pass wieder, den die Beamtenidioten soeben als Fälschung deklariert hatten. Das persönliche Schreiben des französischen Botschafters sollte ihr später gerade nochmal den Arsch retten. 

Apropos Botschaft. Da ich kurz zuvor den Schweizer Botschafter für Indien und Buthan und seine Entourage persönlich in Varanasi kennengelernt hatte und man mich einlud, sie in der Botschaft zu besuchen oder bei Problemen um Hilfe zu bitten, hatte ich genau das am Morgen gegen 9 gemacht. Man versicherte mir, mich spätestens gegen halb 12 zurückzurufen. Mittlerweile war es 16 Uhr, man war bis Nummer 48 vorgedrungen, von der Botschaft habe ich nie wieder etwas gehört. Vermutlich musste man sich auf ein Bankett vorbereiten.



Die Zeit verging, immer wieder traten bezahlte Inder für ihre problemhabenden Ausländer ohne offizielle Nummer ans Registrierungspult, dessen Mitarbeiter zudem Teepausen einlegten oder im Falle der in Ohnmacht gefallenen alle über den Ausgang ihres morgendlichen Kollapses unterrichteten. 17:30, ich hatte weder etwas gegessen, noch getrunken, noch das Klo aufgesucht (warum auch, ich hatte ja weder etwas gegessen noch getrunken) und die Hoffnung schon fast aufgegeben, leuchtete endlich in roten Blinkelämpchen die Nummer 70 auf. 

Meine Papiere wurden erneut überprüft, ich durfte den Grund meines abgelaufenen Visums zum fünften Mal erläutern und weil‘s so schön ist, auch noch in einem einseitigen Englischaufsatz handschriftlich festhalten. Meinen Kugelschreiber nahm der Beamte lächelnd entgegen und verstaute ihn in seiner Hemdtasche, danach ging er mit mir mein Schreiben Satz für Satz durch und notierte alles nochmal persönlich auf der Rückseite. Das zweite Visum sei sinnlos und ungültig, das brauche er nicht, schnauzte er mich an. Trotzdem wollte er davon zehn Minuten später eine Kopie. Da hatte ich es aber schon weggeworfen. Nach langer Beratung mit einem Kollegen tackerte er Köpfchen wackelnd alle Dokumente zusammen und schickte mich in die Signaturen-Abteilung.



Dort saßen ein weiterer Beamter, der sich anschickte, mein gesamtes Dossier nochmals akribisch zu studieren, sowie ein Fußballer aus dem Senegal, der in Richtung des Beamten gerade stumm die Wortfolge Fuck you formulierte. Nachdem der Beamte alles gelesen und seinerseits mit unzähligen Randnotizen versehen hatte, setzte er schließlich seine Unterschrift unter meinen Fall. Er erhob sich lächelnd und ich wollte schon zugreifen, aber er ging mit meiner Mappe in den durch Glasscheiben getrennten Nebenraum zu seinem Chef, der genau dieselbe Prozedur noch einmal vollzog. Der Fußballer war kurz vorm Ausrasten und musste von zwei seiner indischen Helfer beruhigt werden. Seine Minirastazöpfchen zitterten beängstigend wie kleine Elektroantennen auf seinem Kopf. 

Der Chef übergab mir mein Dossier und fragte mich, wieso ich eigentlich hier sei. Ich dachte, ich hätte einen Hörschaden, doch er wollte genau das wissen. Ob da jemand im Hotel vielleicht übereifrig gewesen sei, next time at the airport just go!, sagte er lächelnd und fragte mich, ob ich Verbesserungsvorschläge für den Ablauf der ganzen Prozedur hätte. Mir wurde für ein paar Sekunden schwummerig, dann verließ ich die Unterschriften-Fuzzis und ging wie mir geheißen zum Mann, der dort steht. Der Mann, der dort stand blätterte in meiner Akte und verwies mich mit den Dokumenten zurück zum Registration desk. Dort glotze einer kurz auf ein, zwei Seiten des Dossiers und schickte mich an Schalter 2. Da war keiner, nach einer für indische Verhältnisse kurzen Teepause kam dann aber der dazugehörige Mitarbeiter gemütlich angeschlendert und tippte alles in den Computer. 

Dann ging‘s zum Kassierer. Auch dieser studierte die Akte noch einmal ausgiebig, notierte dieses und unterstrich jenes und knüpfte mir 4200 Rupien ab. Dann musste ich die inzwischen zu einem fetten Etwas angewachsene Mappe zurück zum Computertypen an Schalter 2 bringen, der schon mit den Hufen scharrte, denn seit 3 Minuten hatte er Feierabend. Er druckte ein Blatt aus und ich dachte, das sei es, aber ich musste mir erst meine handgeschriebene Quittung für meine Strafzahlung beim Chef der Unterschriftenabteilung abholen. Dort stand in Schönschrift die Bestätigung, dass ich only 4200 Rupien gezahlt habe. Nur? Es hätte also offensichtlich auch noch schlimmer werden können. 

Mittlerweile waren ich und das englische Ehepaar die letzten Verbliebenen im Wartesaal, die Frau heulte, der Mann zückte seine Kreditkarte. Dann endlich übergab mir der Computermann mein Blatt Papier, das lang ersehnte Exit-Formular mit dem erforderlichen Stempel. Zum Abschied winkten mir alle zehn verbliebenen Beamten fröhlich hinterher. 

18:11 hielt ein Sikh mit seiner Motor-Rikscha vor dem Gebäude: Na, Exit-Formular im FRRO geholt?, fragte er dummdreist grinsend. How long?, fragte er. Einen Tag. Von 9 bis 6. Neun Stunden!, schrie ich. Ohhh, Glückwunsch Maam, die meisten schaffen das nicht unter drei Tagen!

(Erstveröffentlichung im DreckSack Juni/17)

Mittwoch, 2. August 2017

Verkehrte Welten, heute: Modesünden



Jeden Tag im Zug, Tram und auf der Strasse begegnen mir Leute, die diese Jeans mit Löchern, Schlitzen und Fetzen tragen. Aus denen knochige oder dicke Knie ragen oder die weisse, fleischige Schenkel zum Vorschein bringen. Hin und wieder auch ein schönes Bein, aber das macht die Sache nicht besser.

Abgesehen davon, dass das für meinen Geschmack beschissen aussieht Mode hin oder her frage ich mich, ob sich je einmal einer von denen Gedanken darüber gemacht hat, wie die Löcher und Schlitze in die Hose kommen. Ich denke: Nein.

Ich war mal in so einer Fabrik in Vietnam (es könnte auch eine in Bangladesch, Kambodscha, Laos, Indien, Nepal … sein). Da sitzen junge Frauen und Männer in schlecht beleuchteten, miefigen, heissen Fabrikhallen und schneiden und ritzen mit Rasierklingen oder teppichmesserähnlichem Schneidewerkzeug 12 Stunden am Stück die Schlitze per Hand höchstpersönlich in die Hosen, die andere Arbeiter/innen vorher zusammengenäht haben.

Ich habe auch junge Wanderarbeiter gesehen, die an lauten, gefährlichen Maschinen stehen (und auch gleich daneben schlafen, weil der Arbeitsweg zu weit ist oder sie gar keine andere Bleibe haben), die sogenannte stonewashed-Hosen mit dem Sandstrahlverfahren produzieren, was längst verboten ist, aber trotzdem noch praktiziert wird, obwohl es höchst gesundheitsschädigend ist.

Sie alle machen das für einen Hungerlohn. Für die Käufer solcher Ware haben sie nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrig. Weil sie nicht begreifen, wieso es Menschen gibt, die Kleidungsstücke tragen wollen, die defekt oder ausgewaschen sind, nur damit sie alt und gebraucht aussehen. Während sie, die Textilarbeiter, zu Hause die Hosen ihrer Kinder so lange flicken, bis die ihnen von selbst vom Körper fallen.

Den Bekleidungskonzernen beizubringen, dass sie ihre Mitarbeiter in Asien oder anderswo ordentlich bezahlen, mit Sozialleistungen und allem, was dazugehört, wie menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Sicherheitskontrollen, erwies sich in der Vergangenheit als schwierig. Ich will nicht sagen unmöglich, aber doch eher kompliziert. 

Ich kann auch verstehen, wenn in unseren Breitengraden Familien mit Kindern, bei denen die Eltern oder ein Elternteil arbeitslos ist oder geringverdienend, Sozialhilfeempfänger oder alte Menschen mit mickriger Rente auf günstige Kleidung angewiesen sind. Das sind Umstände, die es zu ändern gilt, die wohl aber nie ganz auszumerzen sind.

Aber: Nachfrage bestimmt das Angebot. Und auf derartige Hosen und auf eine Pseudo-Coolness zu verzichten, wäre ein kleiner Anfang. Oder ritzt Euch doch einfach Eure Schlitze fortan selbst in Eure neuen Jeans, wenn Ihr unbedingt Modesünden aus den 80-ern wieder neu beleben wollt. Allerdings: Besonders ist nur der, der nicht jeden bekloppten Trend, der angesagt ist, mitmacht. Danke.