Mittwoch, 25. August 2010

Über mich



Ich wurde inmitten der wilden Sechziger als Tochter einer Opernsängerin und eines Diplomingenieurs für Umwelttechnik in der DDR geboren. Allerdings sind die Begriffe wild und DDR schon ein Widerspruch in sich. Auch ich machte nicht den Anschein, ein Rebell zu werden. Jedenfalls lag ich, so erzählte man mir später, mit zum Gebet gefalteten Händchen in der Wiege, woraufhin die Hebamme orakelte, dass ich mal eine ganz Fromme werden würde. Es soll mal einer sagen, Neugeborene bekommen nichts mit. Ich muss jedenfalls über diese Voraussage so entsetzt gewesen sein, dass ich mich bis heute äusserst erfolgreich jeglicher Frömmigkeit widersetzte.
Meine Kindheit verbrachte ich zwischen der Operngarderobe meiner Mutter und Pioniernachmittagen an der Politechnischen Oberschule, an denen man uns das Kommunistische Manifest einzuhämmern versuchte. Schon damals hatte ich mehr für die Künste übrig, als für den Arbeiter- und Bauernstaat. Deshalb entschloss ich mich schon früh dazu, Sängerin und Klassenfeind zu werden. Arbeiter und Bauer jedenfalls waren für mich keine Berufs-Alternativen. Von meinen Eltern hatte ich all das geerbt, was für ein erfolgreiches Weiterkommen eher hinderlich war. Was meinen Körperbau betraf, so schlugen die Gene väterlicherseits unerbittlich zu, eine Tatsache, die meine Grossmutter mit dem Satz "Hauptsache, das Kind ist gesund" zu entschärfen versuchte. Dummerweise hatten die Gene der anderen Familienhälfte dafür gesorgt, dass ich ausreichend mit den Gebrechen meiner Mutter ausgestattet wurde, sodass ich nicht nur moppelig, sondern auch noch kränklich war. Daran sollte sich bis heute nichts ändern. Erschwerend kam hinzu, dass meine Eltern als Künstler und Ingenieur zur so genannten Intelligenzia zählten, deren Kindern der Weg zu Abitur und Studium von der Partei verbaut werden sollte.
Ich wäre aber keine echte Klossek, wenn ich mich nicht durchgebissen hätte. Jedenfalls legte ich, unter grossem Widerstand der Staatsmacht, Zuhilfenahme von ein paar Jungs und jeder Menge Alkohol, einen ausgezeichneten Abiturabschluss hin. Danach wollte ich Musik studieren, wurde aber nach der Aufnahmeprüfung für immer aus den heiligen Hallen der Leipziger Musikhochschule verbannt. Zu Recht. Auch meine Bewerbung an der Kunstakademie scheiterte. Mein Germanistikstudium dauerte zweieinhalb Jahre, dann wurde ich wegen "mit dem sozialistischen Staat nicht zu vereinbarenden politischen Ansichten" unehrenhaft entlassen. Mein Vater wollte keine gescheiterten Existenzen um sich haben und das Vaterland weigerte sich, mir eine zweite Chance zu geben. Ich hatte keinen Abschluss, keinen Job und mein Freund sass unterdessen wegen Republikflucht im Knast. Irgendwann war er auf mysteriöse Weise verschwunden, wie die zweite Socke in der Waschmaschine. Erst Jahre später ist er als Stripper in einer Hamburger Tabledancebar wieder aufgetaucht.
Um nicht komplett durchzudrehen, und weil es in der DDR keine Drogen gab, fing ich an zu schreiben und fasste den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Dass es dann doch bloss bis zum Journalisten reichte, zeigt, dass ich zur Selbstüberschätzung neige und ein Weichei bin.
Doch zuerst einmal wurde ich Produktionsplaner im Volkseigenen Betrieb und plante nicht nur den Plan Plus zwei, sondern auch den Fünfjahresproduktionsplan und erfüllte beide auch gleich selbst. Dass die klassenlose Gesellschaft eine nicht durchführbare Utopie war, wusste jeder und konnte die Welt 1989 miterleben.
Da ich nun nicht mehr mit einem Heissluftballon nach Westberlin abhauen musste, wanderte ich 1990 ganz offiziell in die Schweiz aus. Ein neues Leben sollte beginnen. Doch in jedem Anfang steckt auch ein Ende. Was mich betraf, war es das Ende einer behüteten Jugend, das Ende der Leichtigkeit und eines wie von Geisterhand gefüllten Kühlschranks. Stattdessen musste ich Rohöldestillationsanlagen nach Russland verkaufen und mich mit der Russenmafia herumschlagen und verstand kein Wort von dem, was der gemeine Schweizer tollkühn als Sprache bezeichnet. Zu allem Unglück depressierte ich ein wenig und geriet kurzzeitig versehentlich in die Fänge von Scientology. Hier zeigte sich allerdings, dass alles im Leben einen Sinn macht: Mit Marx schlug ich die Sektenheinis ein für alle mal in die Flucht. Ich kaufte mir ein Saxophon und ging in den Wald. Wie mit dem Klavier, der Gitarre, dem Banjo, der Flöte und der Mundharmonika wurde es mir auch bald mit dem Saxophon langweilig. Also hielt ich mich wieder ans Schreiben.
Da das Geschäftemachen mit den Russen vor allem meiner Leber nicht sehr zuträglich war, schmiss ich den Job, mietete mir ein Atelier und wurde Maler. Ich malte wie eine Besessene, glaubte, meine Bestimmung gefunden zu haben, ich stellte aus und verkaufte auch. Allerdings nicht genug, um mir dauerhaft einen festen Wohnsitz leisten zu können. Schliesslich ging ich in die Medienbranche, in der ich seit nunmehr 12 Jahren mein Dasein friste. Ich wählte den Journalismus, weil ich an gewisse Dinge glaubte. Deshalb wäre es vielleicht an der Zeit, jetzt damit wieder aufzuhören. Ich kenne Viele, die gern Journalist sein wollten und als sie es dann waren, lieber tot gewesen wären. Ganz so schlecht geht es mir nicht, denn zumindest kann ich das tun, was ich liebe: schreiben. Und das ist mehr, als man erwarten kann. Nur die Leute stören irgendwie. Aber auch das überwinde ich noch.