Montag, 6. Juli 2020

Rezension zu Zurück aufs Eis im Literarischen Monat

Live aus dem Künstlerprekariat

Susann Klossek, Hartmuth Malorny: Zurück aufs Eis. Wie man keinen Roman schreibt.

Nein, es ist keine neue Idee, die die Schweizer Autorin Susann Klossek und ihr deutscher Kollege Hartmuth Malorny hatten. Sie ist nicht einmal besonders originell. Aber ist die Idee von «Krieg und Frieden» originell? Oder die der «Buddenbrooks»?

Susann Klossek und Hartmuth Malorny, getrieben von einer Mischung aus Schaffenswut, Geldknappheit und Entdeckerlust, beschliessen, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Natürlich einen Bestseller, was sonst? Genre: egal.

Nach der Geburt der Idee beginnt ein intensiver Mailverkehr, ihm folgen wir über die 322 Seiten von «Zurück aufs Eis». Es geht, klar, um den Roman und das Für und Wider der in Frage kommenden Genres (Arztroman, Schelmenroman, Kriminalroman usw.), aber (und vor allem) auch um den grandiosen Alltag der beiden Schreibenden: Hier Malorny, ein Social-Beat-Autor, der in Dortmund lebt und sein Geld hauptsächlich damit verdient, dass er die Stadtverschönerungen von Sprayern wieder entfernt, da Klossek, ihres Zeichens Autorin, Managerin, Dichterin und Journalistin in der Nähe von Zürich, vereint im täglichen Struggle als Prekariatskünstler. 

Wir blicken tief in Träumereien und Trinkereien, auch den Sex, der mit Woody Allens Bonmot «Masturbation ist Sex mit einer Person, die ich sehr liebe» fast schon beschrieben ist. (Aber nicht ganz.) 

Und so befördern sie einander abwechselnd ihre Roman-Ideen in die Mailbox, die der/die andere aufnimmt, ausbaut, kommentiert, erweitert, ablehnt und verwirft – oder sich einfach darüber lustig macht. Sie tauschen zärtliche Invektiven, prahlen mit ihrer Weltkenntnis – denn beide sind weit gereist. Dabei sind sie sich in ihrer Vorliebe für Länder, in denen es immer heiss, feucht, überfüllt und lärmig ist, einig.

Das so entstandene Buch, das kein Roman sein soll, ist letztlich auch eine Reise ins Herz von Autor*innen, deren Namen keine grosse Resonanz oder gar ehrfürchtiges Abnicken bei diversen Förderstellen evozieren. Aber was ­immer der Gegenstand ihrer Betrachtungen, Beschreibungen auch ist, nie wird es larmoyant, niederträchtig, ja nicht einmal wirklich polemisch, vielmehr dringt oft Spott durch und immer gut trainierter Humor. Der Sound ist ruhig, konzentriert und elegant.

Als sich die beiden dann doch noch auf ein Romanthema einigen können und sich ihre Manuskriptseiten zuschicken, ist man als Leser doch irgendwie froh, dass dies erst gegen Ende geschieht. Denn der eigentliche, der echte und starke Roman ist der, den Susann Klossek und Hartmuth Malorny nicht geschrieben zu haben glauben. Sie irren.

«Zurück aufs Eis» ist in vielerlei Hinsicht grandios, unterhaltend im besten Sinn, dicht und durchdrungen von persönlicher Erfahrung, eingängig, und ja, verdammt noch mal: lehrreich. 


Susann Klossek, Hartmuth Malorny:Zurück aufs Eis. Wie man keinen Roman schreibt. 

Mainz: Gonzoverlag, 2019.

Andreas Niedermann, geboren in Basel, lebt als Schriftsteller und Verleger in Wien. Zuletzt von ihm erschienen: «Goldene Tage» (Songdog, 2012). 

LINK ZUM LITERARISCHEN MONAT
 

 

SOMMERLOCH



Die aktuelle Ausgabe des Literarischen Monats ist draussen. Dieses Mal zum Thema 

SOMMERLOCH

Die Ausgabe enthält:
  • frische Literatur fürs und rund ums Sommerloch,
  • eine Rückschau mit Macherinnen und Wegbegleitern des «Literarischen Monats»,
  • zahlreiche Kolumnen und Rezensionen neuerschienener Bücher.
Mit Beiträgen von Peter Stamm, Ronja Fankhauser, Daniela Dill u.v.m

Von mir gibt es auch einen Beitrag: 

Leider ist diese Nummer auch die letzte, weil sich Literartur für den Verlag nicht rechnet. Wer Ideen oder Ressourcen hat, ihn in anderer Form weiterleben zu lassen, gerne.

One night in Frankfurt - Part II


 
ONE NIGHT IN FRANKFURT - PART II
 
Die Frau ohne Unterleib war wieder in Frankfurt unterwegs:

Heute bog ich gleich ohne Umwege in die Kaiserstraße ein, ass ein opulentes Mahl beim Inder, dem ich beim Zahlvorgang sagte, dass mich das Essen an meine Zeit in Varanasi erinnert habe. Was gar nicht stimmt, was aber egal war, weil er zweimal nachfragte, was ich da fasele und dann die Unterhaltung mit einem resignierten "kenn isch nisch" beendete. Ich weiss auch nicht, warum ich das sagte, wohl um nett zu sein oder sowas. In der Tat erinnerte mich alles für einen kurzen Moment an Bangkok, weil die Luft so schwülwarm war und auf der Gasse so ein heiteres, knapp bekleidetes Multikulti-Tümmelvolk an mir vorbeiwaberte und ich dachte, dass ich unbedingt mal wieder weg muss. Weit weg. Aber dass ich eigentlich schon fast ein bisschen glücklich bin, jetzt hier unter Hesse z'hocke.

Den Verdauungsspaziergang - zuviel Paneer und Laan und Raita und Mangomus mit Kokoseis - unternahm ich runter zum Main. Stoisch standen die Banken in schwarzen Gewitterwolken. Ein Hinweis auf die nächste Bankenkrise? Wo stehen eigentlich meine Aktien? Sollte ich mir Nestlé zulegen? Eigentlich reicht es ja, wenn ich deren Produkte boykottiere.

Ich schoss Fotos von anarchischem, antifaschistischem und auch manch verqueren Gedankengut. Man wird hier an jeder Ecke fündig.

Drei Burschen mit blond gefärbten Dreadlocks folgten mir mit gebührendem Abstand. Sie kommen aus Äthiopien, wie sie mir alsbald mitteilten und Frankfurt sei die schönste Stadt, die es gäbe, was natürlich Ansichtssache ist und immer eine Frage des Blickwinkels und der Vergleichsmöglichkeiten, und einer wollte mit mir mitkommen. Ich war immer schlecht in Mathe, aber selbst ich schaffte es auszurechnen, dass ich nicht nur seine Mudda, sondern theoretisch sogar seine Großmutter sein könnte. Da hört der Spaß nun wirklich auf. Mein Kontingent für Frettchenverschleiß ist aufgebraucht. Auch wenn er wirklich hübsch und höflich ist und mir die Mär vom Alter, das keine Rolle spiele, vorsäuselte. "Wenn man einen Mann wirklich will..." "Genau!", unterbrach ich ihn. "Mann und wollen, zwei Grundparameter, die hier nicht wirklich zutreffen." Zum Glück verstand er mich nicht.

Zu viert spielten wir schließlich Tischtennis. Bei der steifen Brise ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Ich traf den Ball kein einziges Mal. "Da weißt du, wie es mir mit dir geht", sagte Aman. Ein Punkt für den jugendlichen Verführer.

Zum Abschied reichten wir uns die Hand und zogen sie gleichzeitig reflexartig zurück.
"Corona!" riefen uns seine Kumpel zu. Aber wie so oft, war es da schon zu spät.

Gemütlich schlenderte ich auf Gleis 1 durch den Bahnhof gen Hotel. Die einzigen, die mir begegneten waren der sturzbetrunkene Rotschopf, der vorhin noch auf der Kaiserstraße lag und jetzt an die Tür der Bahnhofsmission hämmerte und eine Maus, die ins nächstgelegene Loch entschlüpfte. Auf der Anzeigetafel stand Limburg. Was mich auf Tebartz-van Elst brachte. Ein Größenwahnsinniger, wie praktisch jeder von Rom gesandte. Gute Nacht.

One night in Frankfurt Part I


ONE NIGHT IN FRANKFURT - PART I

Nach einem anstrengenden Synchronisationskurs schmiss ich mich zwecks Nahrungsaufnahme in das Frankfurter Nachtleben.

Um von meinem Hotel in einigermaßen gemäßigte Gefilde zu gelangen, musste ich das berühmt berüchtigte Bahnhofsviertel durchqueren, vor dem mich meine Mutter in den letzten Tagen mehrfach inständig gewarnt hatte.

Ich war schon mehrmals in der Mainmetropole - einst griff mir ein Reisebuch-Autor ungefragt an den Walküren-Balkon, in Zeiten von metoo würde der heute vermutlich weggesperrt - hatte diese Besuche aber erfolgreich aus meinem Gedächtnis gestrichen.

Mit dem Ziel, die schlimmsten Bereiche zu umschiffen (beim Versuch selbiges zu erreichen hätte ich mich für den Rest meines Lebens mit harten Drogen eindecken können), geriet ich ausgerechnet in jene Gasse, die es tunlichst zu umgehen galt. Und ich meine nicht die Spielhallen, vor denen Säufer und sonstige Gestrandete herumlungern und Damen des horizontalen Gewerbes ihre übergrossen Vorbauten und prallen Gesässe willigen Freiherren zum temporären Erwerb anerbieten. (Zürichs Nutten weinen vermutlich vor Nostalgie in ihre Verrichtungsboxen.)

In erwähnter Seitenstrasse tummelten sich Junkies und Scheintote wie zu besten Zeiten des Zürcher Platzspitzes. Mein Schritt wurde schneller - und das will was heißen - meine Hand klammerte sich ans Täschchen und mit gesenktem Blick murmelte ich das Mantra "Bloss schnell weg hier" vor mich hin.

Eine eher schlecht gelaunte Mitbürgerin undefinierbaren Alters fühlte sich trotzdem irgendwie von einem meiner Blicke getroffen und schnauzte mich aus ihrem zahnlosen Mundwerk an, was ich blöde Fotze so zu glotzen hätte. Mir fiel auf den Schreck nichts Besseres ein als, schon profilaktisch zusammenzuckend, mit "Schnauze! Selber Fotze" zu antworten. Damit hatte sie wohl nicht gerechnet und liess mich mit einer ausladenden Handbewegung passieren. Ich bog rechts ab und stand vor einem Wolkenkratzer der Deutschen Bank. Größer konnte der Kontrast nicht sein. Ein Elend im Schatten des als architektonischen Kontrapunkt hingeschissenen anderen Elends.

Ich kehrte beim nächsten Thai ein und bestellte, nachdem ich einen Zettel mit Name, Adresse und Telefonnummer ausgefüllt hatte - die Stasi hätte Corona mit Handkuss begrüßt - ein Singha Beer und einen Lab Salat. Nach den ersten Bissen rief ich den Kellner.
"Entschuldigung, aber hier fehlt der Koriander."
"Ja."
"Was ja?"
"Koriander ist alle."
"Ein Thai Restaurant, das keinen Koriander hat, das hab ich ja noch nie erlebt."
"Wir haben welchen bestellt, aber er ist nicht gekommen."
"Aber im Oriental Market da drüben hat's jede Menge."
"Ja."
Der Kellner lächelte und entfernte sich rückwärts. Der Salat war auch ohne Koriander gut. Vor allem mit Schalotten und Knoblauch hatten sie nicht gespart. Gut, dass beim Synchronisieren nicht geküsst wird. Und auch der Mindestabstand hat durchaus Vorteile.

Später winkte ich ihn nochmals ran.
"Haben Sie Thai Desserts?"
"Thai Desserts?" er lachte, als hätte ich ihn um Beischlaf gebeten, "Thai Desserts, nein."
"Irgendwelche Desserts?"
"Wir haben keine Desserts."
"Ja dann. In dem Fall die Rechnung."
"Also wir haben gebratene Bananen."
"Nee, lassense mal."
"Wir haben eh auch keine Bananen. Kop khun krab."
"Ja, kop khun kha. Stimmt so."

Zwei Ecken weiter gönnte ich mir eine Kugel Mango Eis. Als ich leckend am Restaurant Der fette Bulle vorbeischlenderte, bat mich ein gutgelaunter Hesse um einen Blowjob, den ich dankend und bestimmt ablehnte, schließlich muss ich morgen Diane Keaton synchronisieren und kann keine Stimmbandüberlastungen riskieren.

Im Hotel zurück legte ich eine koreanische Rich Avocado Mask auf, mit der ich meine Mutter im WhatsApp Chat zu Tode erschreckte, weil sie dachte, ich sei bandagiert, weil man mir die Visage poliert hätte.

Beim Zähneputzen erblickte ich in der Scheibe der Dusche meinen Arsch und versuchte zu twerken. Um ein Haar hätte ich einen Bandscheibenvorfall verursacht.

Zum Tod von Ploog

In der FAZ
Er ruhe so, wie er es sich immer vorgestellt hat.

Montag, 22. Juni 2020

DreckSack Extrablatt zum 100. von Bukowski

Am 16. August dieses Jahres wäre Charles Bukowski 100 Jahre alt geworden. Kaum ein anderer Autor hat junge Dichter/innen im deutschsprachigen Raum so beeinflusst wie er.
Aus gegebenen Anlass erscheint heute mit dem Extrablatt eine Sonder-Ausgabe des DreckSacks. Ich habe ihn in einem Rutsch durchgelesen, denn der Inhalt ist weit entfernt von all dem Schmarrn, der sonst oft über Bukowski veröffentlicht wird. Eine wirklich gute Nummer. Es lohnt sich, sie zu erstehen.
INHALT
Michael Schulte: BUKOWSKI IST SCHULD, DASS ICH IN HAMBURG LEBE (Erzählung)
Frank Schäfer: DAS GEKLAPPER – ÜBER CHARLES BUKOWSKI (Essay)
Gerd Adloff: RENNBAHN (Gedicht)
Florian Günther: NICHT NUR HEISSE LUFT – DER VERLEGER BENNO KÄSMAYR IM GESPRÄCH (Interview)
Jürgen Roth: VERZWEIFELT AM LEBEN (Buchbesprechung)
Roni: BUKOWSKIS FRAUEN (Essay)
Charles Bukowski: AMEISEN KRABBELN ÜBER MEINE BETRUNKENEN ARME (Gedicht)
Todd Moore: IM RING MIT BUKOWSKI (Erzählung)
Silke Vogten: BUKOWSKI VS. FLAUBERT (Gedicht)
Susann Klossek: BUKOWSKI UND DER BEAT (Reisebericht)
Signe Mähler: BESUCH AUS DEUTSCHLAND (Brief)
Thomas Kapielski: EIN INTERVIEW (Brief)
Jan Off: ALTERSWEISHEIT (Glosse)
Axel Klingenberg: EPIGRAMM AN CHARLES BUKOWSKI (Gedicht)
Clint Lukas: MEETING MARINA (Bericht)
Florian Günther: IM SCHATTEN DES MEISTERS (Gedicht)
Franz Dobler: FAKTEN (Gedicht)
Jerk Götterwind: EINS VOM VORFELD (Gedicht)
Katrin Schings: NASSE SCHLAFANZUGHOSE (Gedicht)
Hauke Schrieber: DICHTER UND DRECKSACK – AUF DER SUCHE NACH CHARLES BUKOWSKI (Reportage)
Michael Arenz: JACK, HENRY & BUK (Erinnerung)
Marvin Chlada: MEIN BUKOWSKI (Kritik)
Carl Weissner: DER GROSSE GRAUE MIT DEN GELBEN ZÄHNEN (Reportage)
FOTOGRAFIEN: Michael Dressel, Singe Mähler, Hauke Schrieber
Und hier kann man dat Extrablatt bestellen:
https://www.edition-luekk-noesens.de/shop-1/drecksack/

Freitag, 19. Juni 2020

Montag, 25. Mai 2020

Als es noch Live-Lesungen gab ...



Ein kleiner Mitschnitt einer Lesung aus Zeiten, in denen es noch Live-Lesungen mit Publikum gab. Hier: Im Tanzcafe Ilses Erika in Leipzig, organisiert von Fräulein Frank liest. 


Man möge die Qualität der Aufnahme (Handy) und der Lesenden (Nuschelnlallen after Biergebrauch) verzeihen. 


Neue Veranstaltungen von Fräulein Frank liest: Fräulein Frank streamt. Die nächste am 27.5.20 um 20:00 

(Foto: Freddy Köhler)

Freitag, 8. Mai 2020

Antrag abgelehnt


Diesen Juli lebe ich seit 30 Jahren in der Schweiz. Ich habe von Tag 1 an Steuern gezahlt, ich habe immer gearbeitet und nunmehr seit 30 Jahren lückenlos in die AHV (Renten)-Kasse eingezahlt. 2017 wurde ich nach einem Stipendiumsaufenthalt in Indien – wofür ich unbezahlten Urlaub nahm und mir versichert wurde, dass ich meinen Job danach noch habe – aus sogenannten ökonomischen Gründen am Tag meiner Rückkehr nach knapp 8 Jahren gefeuert. Meiner Bitte auf frühzeitigere Freistellung wurde nicht stattgegeben, die Zitrone wurde noch volle drei Monate ausgequetscht. Von einer Abfindung oder dergleichen ganz zu schweigen. 

Trotz intensivster Bemühungen ist es mir nicht gelungen, als Redaktorin/Produzentin über 50, als Frau, einen neuen Job in meiner oder ähnlichen Branchen zu finden. Ich wurde ausgesteuert. Auch als Arbeitslose und später in der kurzen Zeit als so genannte Erwerbslose habe ich lückenlos AHV eingezahlt. 

Notgedrungen – auch, um dem Staat auf keinen Fall auf der Tasche zu liegen – habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe Zeit und Geld investiert, bin dieses Risiko mit 53 eingegangen und habe mich bereits in den ersten sechs Monaten aus eigener Kraft ganz gut über Wasser gehalten. Dann kam Corona und sämtliche Projekte, geplante und gebuchte Veranstaltungen usw. wurden abgesagt, verschoben, auf Eis gelegt oder sind mittlerweile komplett gestorben. Seit 11. März kam bei mir nichts mehr rein. 

Umso mehr hat es mich gefreut, dass der Staat auch Angebote für Künstler/Kulturschaffende bereitstellen wollte. Ich habe unzählige Stunden, wenn nicht Tage damit verbracht Formulare auszufüllen, vergangene und künftige Einkommenseinbussen zu berechnen, Listen über meine Betriebsausgaben und meine Lebenshaltungskosten aufzustellen. Mehrfach wurde ich aufgefordert Unterlagen und Dokumente nachzureichen oder schriftliche Erklärungen zu verfassen, warum mein Vermögen in den letzten zwei Jahren geschrumpft ist. 

Ich habe unter anderem bei der SVA drei verschiedene Anträge gestellt – der Bund hat immer wieder in Sachen Kulturschaffender nachgelegt, Formulare/Bedingungen geändert. Die Anträge betrafen abgesagte Veranstaltungen (wie die Buchmesse, Lesungen usw.), geschlossene Lokale (keine Möglichkeit Kurse zu geben), abgesagte Projekte, also indirektes Betroffensein, da Auftraggeber in Schieflage geraten sind etc. pp. Alles traf auf mich zu. 

Ich habe in akribischer Kleinarbeit all diese Formulare nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt, die Hosen runtergelassen, Einblick in meine Steuerunterlagen, meine Buchhaltung und mein Sparkonto gewährt. In der Position des Bittstellers fühlt man sich nicht sonderlich wohl. 

Nach über sechs Wochen erhielt ich meinen ersten Bescheid. Die SVA hat meine Anträge mit der Begründung abgelehnt, ich hätte 2019 nicht genügend ahv-pflichtiges Einkommen generiert. Jene, die also am wenigsten verdient haben, gehen leer aus. Paradox. Das Einkommen (nach Abzug meiner Investitionen) war auch deshalb so gering, da ich erst seit 1.7.19 selbstständig bin und ein Geschäft erst aufgebaut werden muss und ich im Dezember als erste Amtshandlung gleich mal AHV für Selbstständige rückwirkend auf 6 Monate abdrücken durfte. Im Einkassieren sind alle immer ganz schnell. Ganz nebenbei war bisher jede meiner AHV-Rechnungen fehlerhaft. Zu meinen Ungunsten. 

Heute kam nun auch noch die Ablehnung meines Antrages auf Soforthilfe von Suisseculture Sociale. Ohne Angabe von Gründen und mit dem Hinweis, dass keine Rekursmöglichkeit bestehe und man auch keine individuellen Rückfragen beantworte. Peng! Ende der Diskussion.

Ich frage mich, ob Kunst und Kultur so geringen Wert haben, dass man uns erst wochenlang hinhält und trietzt und am Ende mit Nichts abspeist? In meinem Falle hätte es sich vermutlich eh nur um eine sehr kleine Summe gehandelt. Das wäre auch ok gewesen. Eine Summe allerdings, die vielleicht einen Teil der Miete oder der Krankenkasse in einem Monat getilgt hätte. Meine Gemeinde Thalwil nehme ich hier aus, die immerhin mit einem Darlehen eingesprungen ist.  

Es ist auch allgemein bekannt, dass Jobs in Kunst und Kultur oder auch im Freelance-Journalismus sehr schlecht bezahlt werden oder, z.B. im Falle von Büchern oder Drehbüchern schreiben, erst viel später entlöhnt werden oder Lesungen und dergleichen auch gerne mal gar nicht bezahlt werden. Schon daher sind keine grossen Einnahmen zu erwarten. Man fühlt sich leicht verarscht, als sei das, was wir tun ein Hobby, keine richtige Arbeit. Doch ohne Kultur geht eine Gesellschaft ein. Und es ist in meinem Falle die Arbeit, mit der ich die nächsten 9,5 Jahre (oder vielleicht noch länger) bis zu meiner Pensionierung meinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Als Single ist man sowieso besonders finanziell belastet, im Gegensatz zu Paaren, die sich die meisten Kosten teilen, als selbstständiger Single hat man den Volltreffer. 

Ich könnte natürlich auch meine hart erarbeiteten Ersparnisse, die eigentlich fürs Alter gedacht waren, jetzt verprassen und mich dann aufs Sozialamt begeben. Kommt bekanntlich nicht selten vor. Aber das habe ich nur über meine Leiche vor.  

Ich frage mich einfach, ob hier nicht grundsätzlich mit ungleich langen Spiessen hantiert wird? Ich weiss z.B. von einem mittelgrossen Unternehmen, das ein ziemlich grosses Unternehmen im Rücken hat, dass, obwohl es das gar nicht wirklich nötig hat, Kurzarbeit beantragt hat (O-Ton Chef «Das lassen wir uns jetzt nicht entgehen») und dessen Mitarbeiter trotzdem weiterhin 100% arbeiten müssen. Zudem wurden sie noch subtil darauf hingewiesen, dass es, wenn sie die Massnahme nicht unterschreiben, erfahrungsgemäss Änderungsentlassungen gäbe. Es wurde ihnen also angedroht, dass sie gefeuert werden, wenn sie das Spiel nicht mitspielen. Das ist Erpressung und zutiefst unmoralisch. Natürlich wurde die Kurzarbeit ohne weitere Prüfung innerhalb weniger Tage durchgewunken und bewilligt. Ich kenne noch andere Beispiele, die mich nur mit dem Kopf schütteln lassen. Wird hier Geld willkürlich verteilt? Oder nach guter alter Vetternart? Oder nach dem Motto Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen? Mir kommen langsam Zweifel. 

Ich erwarte nichts mehr und werde mich auch künftig allein und komplett aus eigener Kraft durchwurschteln und nicht untergehen. Denn ich glaube an mich und meine Talente und Fähigkeiten. Und natürlich kann ich mich glücklich schätzen, in dieser Zeit hier zu leben und nicht als Wanderarbeiter in Indien oder Obdachlose in den USA oder rundumüberwacht in China etc.pp. Es geht vielen hierzulange vermutlich auch noch viel schlechter als mir, keine Frage. Ich will nicht undankbar sein und auch nicht auf die Tränendrüse drücken oder rumjammern. Trotzdem bin ich enttäuscht und wütend und frage mich manchmal, ob ich dieses System weiterhin unterstützen möchte, in dem so viele Steuergelder für unnötige oder sinnlose Projekte verbraten werden und man, wenn es drauf an kommt und man wirklich mal eine kleine Hilfe bräuchte, im Regen stehen gelassen wird. 

Ich wünsche allen, dass sie gesundheitlich und finanziell gut durch diese Krise kommen.









Dienstag, 21. April 2020

Die Stunde des Mosquito


Kuta, Bali

Hite nippt an seinem Bier. Sein Haar ist verfilzt und von der Sonne ausgebleicht. Seit zwei Monaten tut er nichts anderes als surfen. Surfen ist der Sinn seines Lebens. Tagelang ist er mit dem Bus von Sumatra nach Bali gereist, um hier auf die
perfekte Welle zu warten. Bis jetzt hat er sie nicht gefunden.
»Und was jetzt?«, frage ich leicht gelangweilt.

»Jetzt gehn wir zu mir. Ist fünf Minuten von hier.« Er zahlt die Drinks und steht auf. Es ist kurz vor Mitternacht.
»Was ist jetzt, kommst Du?«, fragt er leicht ungehalten. Ich bin noch etwas unschlüssig. Schliesslich trotte ich hinter ihm her. Seine Unterkunft entpuppt sich als modriges, stickiges Hinterstübchen direkt über einer lärmenden Diskothek. Die drei kleinen Zimmer und die Terrasse teilt er sich mit fünf Kumpels, die ebenfalls aus Sumatra oder Java kommen. Sie reden laut durcheinander, rauchen stinkendes Kraut und spielen Karten. Die kleinen braungebrannten Männer sehen aus wie eine Gangstergang. Sie machen keinen besonders seriösen Eindruck. Mit einem jungen, blonden Engländer wird gerade ein Drogengeschäft abgewickelt. Sein Blick und seine Pupillen verraten, dass er schon etwas genommen hat.

»Hi«, sagt der Engländer und lächelt unsicher, während er ein Tütchen in seiner Hosentasche verschwinden lässt.
»Hi«, sage ich und setze mich in einen verwitterten Korbsessel.
»Willst Du was trinken?«, fragt Hite.
»Was gibt’s denn?»
»Bier oder Gin.«
»Okay dann ein Bier.« Eine der kleinen Ratten springt auf und holt mir eine Flasche aus dem riesigen Kühlschrank. Er ist das grösste Möbelstück in dieser eigenartigen WG. Ich gucke auf die Uhr. Es ist zwei nach Zwölf.

»Ich habe heute Geburtstag«, flüstere ich. Die Runde springt spontan auf und singt mir »Happy Birthday«. Der Engländer sitzt lethargisch in einer Ecke und prostet mir unmotiviert zu. Jetzt bin ich 33 und sitze irgendwo in Bali in einer Absteige mit sechs fremden Indonesiern und einem zugedröhnten Engländer. Die Jungs sind eigentlich ganz nett, erzählen mir von ihrem Leben als Surfer und von ihren japanischen Freundinnen, die sie angeblich alle haben.

»Hast Du auch eine japanische Freundin?«, will ich von Hite wissen.
»Nein, die sind mir zu dünn. Ich hab lieber was in der Hand«, antwortet er und grinst. Da war er bei mir ja zweifelsohne an die Richtige geraten.
Er hat grüne, mandelförmige Augen, die im schummrigen Licht der einzigen Glühlampe regelrecht funkeln. Durch die sonnengegerbte Haut sieht er älter aus, als er tatsächlich ist. Er ist vier Jahre jünger als ich. Sein Haar reicht ihm bis auf die Schultern. Es duftet herb nach Frangipani und Ozean.

»I show you my room«, sagt er und nimmt mich an die Hand.
»My room» heisst in diesem Fall »unser aller room«, wer gerade einen room braucht eben. Hite beginnt sofort emsig zu fegen. Es ist köstlich, wie er darum bemüht ist, den Dreck von einer in die andere Ecke zu wedeln.
»Das kannst Du Dir sparen. Hilft eh nix!«, sage ich amüsiert und nehme ihm den Besen aus der Hand. Rings um ein muf- figes grosses Bett mit einem bunt umrandeten Bettüberwurf häuft sich allerlei Krimskrams: grüne Plastikbügel, Porzellan- väschen, Klebeband, Fotos von surfenden Freunden, ein Land- schaftsölbild, ein alter goldener Wecker, leere Wasserflaschen, ein balinesisch-japanisches Wörterbuch und ein Miniboardunter dem Bett. An der Wand die Flagge von Japan, ein Poster von Cindy Crawford und ein Madonnenbild. Das Hab und Gut von mehreren Menschen in einem vier mal drei Meter grossen Kabuff.

»Wollen wir nicht lieber an den Strand gehen?«, frage ich vorsichtig.
»Wieso, ist doch gemütlich hier. Die anderen stören uns schon nicht. Keine Angst.« Er küsst mich. Wir fallen auf das quietschende Bett. Die Matratze federt gewaltig nach. Im Raum stehen die Hitze und der Geruch fremder Menschen. Das Zimmer hat kein Fenster. Als Tür dient ein Vorhang, der leicht im Wind wedelt. Ich starre an die Decke, an der ein Ventilator vor sich hineiert. Ich mach mir ein bisschen Sorgen um meine hellen Kleider. Alles hier drinnen ist feucht und schmuddelig.
Hite riecht hingegen sehr gut. Exotisch. Seine Hände sind etwas rau, vom Wind und Meer, vom ständigen Surfbrett halten. Sein Gesicht ist unbeschreiblich schön, etwas herb. Seine Lippen nähern sich meiner Stirn, küssen Augenlider, Nase, Kinn. Dann verknoten sich unsere Zungen. Es schmeckt nach Bier und Salz.
»Ich will mit Dir schlafen«, flüstert Hite und beisst mir zart ins Ohrläppchen. Ein kurzer Schauer der Lust überkommt mich.

»Ach was? Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.« Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn innig. Meine Zunge tastet die Innenseiten seiner Lippen ab, fährt über die geraden Zähne. Ich sauge seinen Mund ein, fasse mit der rechten Hand seinen Hals an. Ich liebe diese Geste, ich liebe Hälse.
»Hast Du Kondome?«, frage ich.
»Shit! Nein.«, antwortet er und setzt sich auf.
»Tja dann hast Du Pech!«. Sein steifer Schwanz zeichnet sich hinter seiner schwarzen Unterhose ab.

»Hast Du denn keine?«, winselt er und schiebt meinen Rock hoch.
»Keine Ahnung, Du kannst ja mal suchen.« Er knöpft nervös meine Bluse auf. Im BH findet er ein paar Geldscheine.
»Damit bezahl ich Dich, wenn Du gut bist!«, scherze ich.
»Ich bin gut. Willst Du meine Referenzen sehen?» Will ich nicht, ich will nur noch ihn. Sofort. Ich ziehe das Kondom aus meinem Slip und stülpe es ihm über. Sein Schwanz ist mittelgross.
»You are my big mosquito, suck me!«, flüstert er. Dann sticht er zu. Was verheissungsvoll anfängt, geht dann etwas schnell vorbei. Hite ist so erregt, dass er sich nicht lang genug zu- rückhalten kann und ziemlich schnell kommt. Wir entsorgen das Kondom. Von draussen klingt das laute Gelächter seiner Kumpels ins Zimmer. Schweissgebadet liegen wir Hand in Hand nebeneinander, starren an die Decke. Eine lästige Fliege surrt mir um den Kopf.
»Das ist besser als surfen!«, flüstert Hite. »Scheiss auf die Welle!«
»Das war also mein Geburtstag«, murmele ich.
»This is not the end«, sagt er gedankenversunken. Wenn er sich da mal nicht irrt!


 Aus: 
TROPENFIEBER - Geschichten aus der Fremde
(Die Story spielt 1999)
ISBN: 978-3833486692
Zuletzt erschienen m DreckSack Berlin, Ausgabe 2, April 2020