Donnerstag, 16. Juni 2016

Manifesta - ein Zwischenbericht





Letzten Freitagabend lief ich einigermaßen aufgedonnert die Zürcher Künstlergasse hinauf. Ein Straßenname wie für mich gemacht, dachte ich, während ich den Berg zur Uni raufhechelte. Der Weg des Künstlers ist steil und beschwerlich. Ich kann ein Lied davon singen. 

Ich hatte eine VIP-Einladung zur opening party der Manifesta 11, um meinen Hals baumelte der Akkreditierungs-Badge als ARTIST. Ersteres hatte ich Houellebecq zu verdanken, der mit einem Film- und Fotoprojekt mit von der Partie war und durch Abwesenheit glänzte. Auf meine Frage, ob er nach Zürich komme, schrieb er: I don’t know, dear. No performance, no true necessity to be present. 

Für sein „Werk“ ließ sich Houellebecq von einem gewissen Dr. med. Henry Perschak, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin an der Zürcher Klinik Hirslanden, mittels EKG, MRI und Blutanalysen untersuchen. Eigentlich wollte sich Michel auf Herz und Nieren durchchecken lassen und die Diagnosen samt Rechnungen präsentieren, der Mediziner plädierte hingegen für eine ästhetische Aufarbeitung von Ultraschall, EKG & Co. Das Magazin Monopol feiert Houellebecq aber nun trotzdem als bildenden Künstler. Dabei hat er sich im Grunde nur mal gratis von einem teuren Spezialisten durchchecken lassen. Ich sah ihn regelrecht vor mir, wie er misanthropisch, noch immer unter Bewachung der französischen Polizei, in seinem Apartment in Paris hockt, raucht und sich ins Fäustchen lacht.



Das Motto der diesjährigen Manifesta lautet What people do for money. Die unbezahlte Arbeit von Freiwilligen, Praktikanten und Kunststudenten, denen Künstlerkurator Christian Jankowski Chancen und Kontakte versprach, dürfte da nicht gemeint gewesen sein. Zur Eröffnung ließ eine Gruppe von Studenten und Künstlern 50-Franken-Noten auf die Festgäste herabregnen – mit dem Konterfei von Jankowski und einem neuen Logo: Moneyfesta. Vielleicht hätte sich Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen ihren Satz The volunteers are not working, they are doing services besser verkneifen sollen. Mir persönlich wären echte Fünfziger lieber gewesen, ich hätte damit eine Freundin bezahlt, die als freiwillige Helferin zehn Einsätze absolvieren muss, bis sie sich einen Freipass an die Ausstellung erarbeitet hat.

Konkret ging es um Kooperationen von 30 Künstlern mit anderen Berufsgruppen – darunter ein Pastor und eine Sexarbeiterin (oft geht das ja Hand in Hand), ein Meteorologe, eine Hundefriseurin, ein Thai-Box-Weltmeister, ein Analytiker und ein Sterne-Koch. Eine im wahrsten Wortsinn Scheiß-Kollaboration zwischen Künstler und Zürichs Einwohnern zeigte sich später im Kunstwerk von Mike Bouchet, der einfach mal 80 Tonnen Klärschlamm – die Extremente der Zürcher vom 24. März 2016 – zu einer auf 160 Quadratmeter großen Fäkalblock-Skulptur verbaute.
Unglaublich, wie viel Scheiße der Mensch produziert. Das kann auch gern im übertragenen Sinne verstanden werden.



Während sich Stadtpräsidentin Corine Mauch und andere nichtssagende Redner einen Wolf faselten, stand ich an der langen Schlange zur einzigen Tränke, die schon vor Acht offen hatte, auf ein Bier an. Leider gehörte ich nicht zu Dieter Meiers Truppe. Wer vor gefühlten hundert Jahren mal bei Yello mitgespielt hat, bekam natürlich auch an noch geschlossenen Fressbuden sein Bier. Als was war Meier eigentlich vor Ort? Als Konzeptkünstler ohne Konzept? 

Irgendwann am Ende der unsäglichen Reden drängte sich Zürichs sogenannte Hautevolee, teilweise schon von Entzugserscheinungen gezeichnet, in den großen Saal der Universität, in der Hoffnung, endlich gratis saufen zu können. Es waren viele VIPs anwesend, VIPs, die keiner kennt. Wie mich zum Beispiel. Als erstes besorgte ich mir meinen Willkommensdrink. Eine Dame mit viel Unterleib meinte, da sei Gingerale drin. Was auch stimmte. Allerdings gut kombiniert mit Turicum-Gin (41,5%). Macht sich gut auf Ex und nüchternen Magen. Um 20:13 Uhr ließ ich versehentlich ein Stück Kunst (ein Dia) in den Drink fallen. Ich fischte es wieder raus und legte es unauffällig zurück auf das Tischchen, von dem ich es vorher entfernt hatte. 

Kunst wird mit steigendem Alkoholpegel eindeutig abgefahrener oder scheint dann plötzlich einen tieferen Sinn zu beherbergen, der in nüchternem Zustand noch nicht erkennbar war. Auch die Gäste wurden mit der Zeit attraktiver. Turicum sei Dank. Ich fotografierte wild in der Gegend rum und traf zufällig auf Madame Orgasmus. Genauer gesagt auf Maggie Tapert, selbsternannte Sexpertin, bekannt geworden durch das Buch Pleasure – Bekenntnisse einer sexuellen Frau, die den Frauen dieser Welt zu mehr oder besseren Orgasmen verhelfen will, was ja grundsätzlich sehr löblich ist. Na, heute schon einen Orgasmus gehabt?, lallte ich sie von der Seite an und erzählte ihr, dass ich für diese Veranstaltung ein Sexdate abgesagt hätte. Gute Idee?, frage ich. Wohl kaum, sagte sie in ihrem amerikanisch-schweizerdeutschen Akzent und wendete sich einem windigen Typen mit Pferdeschwanz zu. 

Ich brauchte dringend Nachschub. Zum Auftanken ging ich an den Turicum-Promostand. Die Menge, die ich zum degustieren bekam, war allerdings mehr als mickrig. Sie bedeckte kaum den Boden des winzigen Plastikbecherchens. Sehr fein, log ich, während ich an dem Wässerchen nippte, das kaum meine Lippen benetzte. Das Turicum-Frettchen faselte etwas von Zitronenzeste, Orangenblüten, Koreandersamen, Engelwurz, Voatsiperifery-Pfeffer und Süßholz, das es mächtig raspelte. Ich nickte, hörte aber nicht wirklich zu. Follow us auf Twitter oder Facebook, sagte es noch. Ja ja, so lange sie mir nicht folgen würden, war mir alles recht. Ich holte mir einen weiteren Drink, für den ich 12 Franken hinblättern musste.


What meens professional?, fragt ich eine Russin und zeigte auf ihren Badge, der ihr auf den ziemlich luftig verpackten Titten baumelte. Sexgewerbe? Glücklicherweise verstand sie mich nicht.


In einem abgedunkelten Raum konnte man die Installation The sound of science von Hauser Becker Zuber (videoüberwacht!) bewundern. In einer Art Versuchsaufbau in einem fiktiven Laboratorium standen unter anderem ein ausgestopftes Wiesel und ein Frettchen. Ja, jetzt ein Frettchen!, schoss es mir durch den Kopf, aber wieder draußen bändelte nur ein maroder Typ mit Jutesack auf der Schulter mit der Aufschrift Sculpture Projekt Münster 2017 an. Für den war ich einfach nicht betrunken genug.
 

Zürich bekam für einen kurzen Moment so etwas wie einen internationalen Hauch ab, der aber schnell wieder verpuffen wird im zwinglianisch-biederen Mief. Die brennenden Themen dieser Zeit werden dabei gekonnt umschifft. Alles in allem wird viel belangloser Schmarrn ausgestellt, bei dem man sich zwangsläufig fragte, wie zum Teufel gelingt es den Leuten damit so eine Plattform zu kriegen? Der Kunstbetrieb ist eine Mafia, wo Beziehungen, Geld und sexuelle Gefälligkeiten eine tragende Rolle spielen.


Ich ging an die frische Luft und gönnte mir in der Doktor-Faust-Gasse ein Red Thai Curry mit Shrimps. Wie ist das so für all das elitäre Gesocks hier zu arbeiten?, fragte ich einen Mitbürger mit Migrationshintergrund, der gerade leere Plastikbecher von Kunst entfernte. Erschrocken wendete er sich ab. Langsam ließ die Wirkung des Alkohols nach und ich mich auf einen ledernen, weißen Quader fallen. Manche Leute sahen einfach wie Kasper aus. Andere nur beschissen. Viele leider auch verdammt gut. Jung und schön. Denen steht die Welt offen. Egal wie groß der Scheißhaufen ist, den sie uns gerade vor die Nase gesetzt haben.





Mittwoch, 15. Juni 2016

Live-Mitschnitt




Mitschnitt eines Zuschauers an der einstündigen Performance in der Roten Fabrik Zürich zu Pferde wetten nicht auf Menschen in Zusammenarbeit mit Kyros Kikos an der Stalinorgel.

Freitag, 10. Juni 2016

Zürichsee-Zeitung - Interview mit mir

Foto: Manuela Matt

Interview mit mir in der Zürichsee-Zeitung vom 4. Juni 2016. 


Hier gehts zur Online-Version:

http://www.zsz.ch/horgen/onewomanpussyriotband-in-sachen-poesie/story/13597066


Montag, 6. Juni 2016

Glücklichsein ist nichts für Anfänger




Glücklichsein ist was für Anfänger und gleichnamiges Lyrik-Debüt von Benedikt Maria Kramer nichts für Pussys. Wer Kramers Schreibe kennt – zum Beispiel aus seinem hauseigenen Literaturmagazin SUPERBASTARD –, fragte sich sowieso schon seit Jahren, wieso es so lange gedauert hat, bis seine Texte in einem eigenen Buch veröffentlicht wurden.

Nun ist es da, erschienen in Andreas Niedermanns Songdog Verlag Wien (www.songdog.at/blog), und haut dem geschätzten Leser eine geballte Ladung Leben in die Visage. Und dieses Leben ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Kramer verzichtet von Anfang an darauf, dem Leser gefallen zu wollen. Er erzählt die ungeschminkte Wahrheit. Virtuos spinnt er kleine Dramen um Verzweiflung, Angst und Einsamkeit wenn du jetzt umkippst, rettet dich niemand, über Zärtlichkeit und Verlust-Schmerz und in den Sand gesetzte Beziehungen Wo bist du Baby? Dein Äffchen sehnt sich nach deinem blassen Arsch. Und immer bleibt der Traum von der vollkommenen Liebe:

Ich komme
in dir
in Jesus
in allem
in Gott

Kramer ist ein kleines Mädchen in Ballettschuhen, das man umarmen will, weil es mal wieder eine Pirouette versaut hat oder dem man links und rechts eins auf die Backen geben möchte, weil er einen schmerzhaft an die eigenen Unzulänglichkeiten erinnert.

Kramers Geschichten lauern überall. Ein Entziehen ist nicht möglich. Jede Nacht ein Gedicht und nichts zu verlieren, außer Geduld. Dabei ist der Autor manchmal ein Eisberg auf der Suche nach einem Dampfer, viel mehr aber noch ein Dampfer auf der Suche nach dem finalen Eisberg.

Auch wenn die Texte mitunter schwer und auf den ersten Blick deprimierend wirken, schafft es Kramer doch immer wieder, auf den letzten Metern das Ruder nochmal rumzureißen. Nach der Lektüre fühlt man sich zweifelsohne besser. Weil man weiß, da draußen ist einer, dem es ähnlich geht wie einem selbst. Oder noch beschissener. Vor allem aber, weil es verdammt gute Texte sind.

Warum den Tempel anzünden?
Warum nicht?

Samstag, 28. Mai 2016

ANSAGE

Du hast Dir mit meiner Liebe
den Arsch abgewischt
jetzt beschwer Dich nicht
wenn ich die Spülung betätige