Samstag, 29. August 2020

NOTIZEN AUS DEM EXIL - PART VI

 

DER DREH

Im Exil ist die Kaffeemaschine defekt

ich bin also froh, mal rauszukommen

das Café von Schwulen hatte vor 9 noch zu

gut, dass jenes für Schwule offen war

ich war lange nicht im good old Odeon

und bestellte einen Kaffee creme

die serbokroatische Servicekraft

bereits zur frühen Morgenstunde

ausgesprochen «guter» Laune

brachte ein Tässchen

mit einer Pfütze von Kaffee

die einem Ristretto ähnelte

dazu ein Minikännchen Wasser

dessen Inhalt sie auf die Pfütze kippte

die zu einer laschen Plörre mutierte

wie ich dieses Konzept zu verstehen habe

fragte ich leicht ratlos

«Das ist ein Verlängerter»

«Ach was! Sind wir hier in Wien?»

«Nein, aber wir pflegen die Wiener Kaffeehaustradition»

war mir neu, aber von mir aus

«Und warum steht dann in der Karte Kaffee creme und nicht Verlängerter?»

«Weil keiner weiss, was das ist»

«Was ein Kaffee creme ist, weiss hier aber jeder

und der Verlängerte ist es nicht,

dann hätt’ ich einen grossen Braunen bestellt»

«Bei uns sind alle Kaffees Espresso»

Schaas di ned, sagt ihr Blick

just als mein 4-Minuten-Ei in meinem Schoss landet

Gelbes rinnt meine Schenkel entlang

wenn der Tag schon so anfängt

ist nicht mehr viel zu erwarten

 

Der Werbedreh für die SUVA

ist ein Unfall an sich

der Hauptdarsteller hat nie den gewünschten Gesichtsausdruck

sein Kopf wackelt immer einen Zentimeter zu weit nach links

oder rechts

oder wackelt falsch

der Regisseur ein Meister in Inkonsequenz

der Filmhund kann alles

ausser Befehle ausführen

er bellt, wenn er nicht soll und

schwänzelt, wenn er bellen soll

bald hat er in «In aller Freundschaft»

eine Hauptrolle

vermutlich ist er gedanklich schon in Hollywood

sein Frauchen steht kurz vorm Schlaganfall

unerbittlich brennt die Sonne

die Corona-Massnahmen werden rigoros umschifft

das Fitting fällt aus

und das Steak ist verbrannt

dafür ist der Grillkäse versalzen

dabei ist das Catering im Grunde das A und O

wenn ein Dreh gelingen soll

dürstend warten die Extras in der Statistenecke

aber kaum einer kommt dran

Rolf erzählt von 60 Einsätzen

und ein junger Türke wie Grossdeutschland entstand

er schreibt Geschichte beängstigend neu

und meint, wir merken’s nicht

ich schmore im eigenen Saft

eine Maske gibt es auch nur bedingt

aber ich bin im Grunde froh

nicht unter den Pinsel für alle zu müssen

die Kaffeemaschine streikt

und das Wasser ist alle

dabei ist das Catering das A ...

wie gesagt, so kann das nur ein Scheissfilm werden

ich hoffe, ich bin nicht zu erkennen

auf dem Rasen vom FC Gossau

laufen sich Multikulti-Fussballstatisten einen Wolf

sie wälzen sich im Gras

für authentisch verdreckte Trikots

aber der Rasen ist furztrocken

wie unsere Kehlen

und mein Humor

der mir aber bald abhandenkommen wird

ich kratze Eigelb vom Schuh

ob man das noch essen …

gegen Abend stehle ich ein Sandwich

vom Catering der Crew

denn am Set ist das Catering das …

 

Auf dem Feld DAS FOUL

um dass sich alles dreht

Sanitäterdarsteller in orangenen Westen

«Schau, die Bahre», sagt Urs

und ich hoffe, dass es eine Trage bleibt

obwohl mir langsam auch nach Abgang ist

die Zeit schleicht

eine Trulla mit lächerlichem Hütchen

sagt Stephen Hawkings Theorien

seien alle haltlos

es gibt keine schwarzen Löcher

und ich hoffe doch

dass sich gleich hier eins auftut

und sie verschluckt

 

Silence please, wir drehen!

Attention, Uuuund Action! Und Bääm!

selten so dämliche Anweisungen erhalten

Bääm, was soll das sein? 

der Tag zieht sich

und der Typ mit dem Cowboyhut sitzt seit 7 Stunden bewegungslos auf der Bank in der Sonne

das Schweizerkreuz auf seinem Shirt

brennt sich in seine Brust

er kam noch nicht zum Einsatz

und wird es auch nicht kommen

und zu Hause wartet sein verhaltensgestörter Hund

der hätte sicher zur rechten Zeit gebellt

aber ich sage besser nichts

der Cowboy hat schon leicht Schaum vorm Mund

das Geld, das für solche Spots verbraten wird

wird dann einem Verunfallten abgesprochen

so siegt am Ende mal wieder das Grosskapital

ist die SUVA eigentlich an der Börse?

 

 


NOTIZEN AUS DEM EXIL - PART V


 

DAS STRANDBAD

Das Seebad lässt keine Wünsche offen

für jeden was dabei

für Vegetarianer gleichsam geeignet wie für Wurstfetischisten

Hiltl und Sprüngli und Olma-Wurscht

das Brünnlein plätschert

die Kastanien sind noch grün

noch ist der Sommer nicht verloren

man könne sich hier

ganz einfach einen Sugardaddy angeln

trug man mir zu

das Problem: ich bin selbst schon rezent

gegenwärtig (noch) lebend

aber damit hat sich’s auch schon

 

Dienstag, 25. August 2020

NOTIZEN AUS DEM EXIL - PART IV

 

DER ABEND

Ich komme mir vor wie auf einer dieser Pauschalurlaubsinseln

am Ende der Saison

wenn die meisten Gäste schon abgereist sind

und die Kellner müde vom Sommer

ich sitze im Biergarten

der hier natürlich nicht so heisst

weil die Speisen dann nicht doppelt so teuer sein könnten als anderswo

ich sitze allein an einem Zweiertisch

unter raschelnden Kastanien

starre auf den See

in dem sich bunte Lämpchen spiegeln

und der satt und seiden im Abendlicht liegt

romantischer könnte die Szenerie nicht sein

Kichern auf zwei Uhr

Gläser klirren aneinander

ein Hoch auf das Leben

und den Sommer

Stimmengemurmel unter Corona-Regeln

auf Facebook reissen die Freundschaftsanfragen nicht ab

was wollen die alle von mir?

wenn's drauf an kommt

ist ja doch keiner da

später laufe ich die lange Uferstrasse entlang

die unendlich scheint

der Verkehr rast anonym an mir vorbei

ich haste von Laterne zu Laterne

es wird wieder früher dunkel

und zu kühl ohne Jacke

die Sehnsucht nach schwülen Hitzenächten kommt auf

obwohl wir die vor fünf Tagen noch verflucht haben

das Gebälk im Haus knarrt

die Holzwurmbrigade hat ganze Arbeit geleistet

der einzige Gast

der in meinem Bett auf mich wartet

ist eine Spinne unbestimmten Geschlechts

Montag, 24. August 2020

NOTIZEN AUS DEM EXIL PART III

 

DIE BEWOHNER

Mein Bürostuhl

dieses ergonomische Ding

als wäre man

mit einer Spreizwindel ausgestattet

dabei ist mein Gestell weit entfernt

von der unreifen Säuglingshüfte

drei Stunden auf dem Foltergerät

und das Gelenk rastete aus

kein Aufstehen

kein Auftreten

zwei Rebellentätigkeiten, denen ich sonst gerne fröne

durch Mark und Bein im Praxistest

wie Rumpelstilzchen auf einem Bein

schaffte ich den Parforceritt aufs Bett

und rastete wieder ein

nicht auszudenken hätte ein

professioneller Entspreizer

Hand und Gerät anlegen müssen

 

dieses Haus hat seltsame Bewohner

Haus der Spinnen und der Spinner

die wie Geister durchs alte Gebälk schweben

nur anhand der benutzten Dinge

kann man Anwesenheiten ausmachen

das WLAN ist schwach auf der Brust

ganz im Gegensatz zur Chefin

ich frage mich

wie eine junge Ukrainerin

an so ein Haus gekommen ist

eine Schelmin, die in Klischees denkt

 

unten wohnt der graue Walter

ein lascher Schweizer mit Halbglatze

was er hier will und tut

bleibt unklar

und es interessiert auch keinen

mein direkter Nachbar poltert nachts

im Bad stehen seine Utensilien

Wässerchen für jedes Haut- und Haarproblem

genug für eine ganze Cheerleader-Truppe

ein Muskelprotz mit Tattoos

und metrosexuell gestutzten Brauen

sein Schweizerdeutsch hat einen Akzent

schwer zu eruieren welchen

es mangelt an Vokabular

 

und schliesslich noch die Mafiafresse

im schwarzen Adidas-Trainingsanzug

erwidert er meinen Gruss mit Schweigen

und einem scharfen Blick

bevor er sich in einen Raum

hinter Milchglas verfügt

was wird in dieser Waschmaschine gewaschen?

im Erdgeschoss leises Wimmern und Quietschen

wie von einem Welpen oder Kleinkind

oder einer Geisel

vermutlich ein Gast

der die Zeche prellen wollte

Sonntag, 23. August 2020

NOTIZEN AUS DEM EXIL - PART II

 

DER ORT

 

Reiche Russen haben das Nest im Griff

Riesenvillen mit Teepavillons

und Bananenstauden im Garten

und Ranch Rovern vor der Hütte

in Südspanischtönen

irgendwas zwischen Sand- und Savannengelb

ragen die Häuser in den wölkchenbestückten Himmel

Kaskaden plätschern den Abend ein

und Implenia baut Prachtgärten

die Bank Zimmerberg ist im Boot

wenn es eine Yacht ist

Dekadenz hat einen Namen: Kilchberg

hinter hohen Photinia-Hecken hör ich’s lachen

auf dem Grill zischt das Steak

und die Gäste sprechen viele Sprachen

ein Kind will seinen Brokkoli nicht

und wird auf Portugiesisch abgemahnt

da hat sich Papi wohl eine Brasilianerin mitgebracht

vom letzten Amazonas-Trip

 

Der Bahnhof hat kein Klo

auch kein Büfett

der Taxistand ist verwaist

und der Kiosk verrammelt

der Selecta-Automat ist abmontiert

und die Uhr kaputt

die Bauarbeiten (4.2 Millionen Franken)

dauern bis November

so lange kann ich beim besten Willen nicht warten

zwei Teenager rollen auf Boards durch leere Strassen

keine Beiz

nicht mal ‘ne Tanke

golden glänzt Lindt & Sprüngli in der Abendsonne

und reflektiert der Goldküste Schein

aber von Schokolade wird man ja auch nicht satt

 

Das Seeufer ist verprivatisiert

Auf einem Schild: Geniessen Sie die Pärke Kilchbergs

wer sich den halben Ort leisten kann

braucht kein korrektes Deutsch

ein indisches Pärchen turtelt

und zwei Chinesen diskutieren hinter Hello-Kitty-Masken

vier blonde dänische Kleinkinder

jagen quietschend über den Anlegesteg

auf dem ein einzelner Angler verzweifelt die Rute

ins wabernde Nass peitscht

vielleicht weil Flinte und Korn nicht verfügbar sind

ein durchtrainierter Schwarzer mit Hut

führt seine in die Jahre gekommene Althippi-Trulla Gassi

gedankenversunken blicken beide einem Kleinflugzeug hinterher

als könnte es sie aus irgendetwas rausholen

 

In einem schwarzen E 220 d 4Matic

mit Avantgarde Exterieur

und exklusivem Interieur

Multibeam LED-Scheinwerfern

dem Park-Paket mit 360-Grad-Kamera

und Spiegel-, Night-, Premium, Technologie- und Spur-Paket

Klimatisierungsautomatik Thermotronic

beheizter Scheibenwaschanlage

Ambientebeleuchtung

19 Zoll-Alufelgen

Velours-Fussmatten

und beleuchteten Einstiegsleisten

mit Mercedes-Benz-Schriftzug

weichen Ledersitzen

und adaptivem Tempomat (75'800 CHF)

tätigt einer Geschäfte

der Motor schnurrt

immer bereit zur Flucht

 

Ein Schiff wird kommen

ich sehe es von weitem

aber es wird mich nicht mitnehmen

was egal ist

denn in Rapperswil wäre eh Schluss

der Untergang der Titanic

wäre auf dem Zürisee vermutlich

weniger dramatisch verlaufen

aber man kann sich die Gewässer nicht immer aussuchen

ich schlendere am Next Level Hair Salon vorbei

die Frisuren will ich mir gar nicht vorstellen 

der Abend ist kühl

es herbstelt

der September steht schon vor der Tür

ich bin braungebrannt

und in einigermassen good shape

aber keine Sau sieht’s

und im Marccain Showroom gibt’s auch nichts zu fressen

Sprinkleranlagen surren in herrschaftlichen Gärten

ein Dackel scheisst unprätentiös ins Mandevillabeet

wie Quecksilber leuchtet das andere Ufer

Tina packt die letzte Perücke weg

es ist wie das Paradies

zu dem ich nur bedingt Zutritt habe

 

 

NOTIZEN AUS DEM EXIL - PART I

 

DAS ZIMMER 

Morgen hacken sie meine Wohnung zu Kleinholz

Ich – Vagabund wider Willen

Wegelagerer

Ausquartierte

Ausrangierte

ich sitze in meinem Airbnb

unterm Dach mit Blick auf den See

5,3 Kilometer Luftlinie entfernt

und trotzdem fühle ich mich

wie im fernen Exil

das WLAN ist vorhanden

doch ich kann mich nicht überwinden

das 12-stellige Hieroglyphen-Passwort einzugeben

der angekündigte Fernseher fehlt

nicht, dass man den bräuchte

mit diesem Verblödungsprogramm

und Sommerloch-Wiederholungs-Marathon

aber die Abende werden wie in Varanasi sein

keusch, asketisch und etwas einsam

so in einem Haus mit Gemeinschaftsbad

und lauter seltsamen Fremden unter einem Dach

unten gleiten Stand-up-Paddler vorbei

immerhin keine Leichenteile

wie mitunter im Ganges

zwei Enten scheinen sich zu fragen

was der Scheiss soll

sie lachen

bevor der Enterich auf die… na wenigstens die

draussen lärmender Verkehr

in mir Stille

früher war das andersrum

sollte ich den Ort erkunden

von dem es heisst

da sei NICHTS?

das wäre mehr als man erwarten kann

das Nichts ist das Sein

das Gelände ist abschüssig

der Stuhl, auf dem ich throne

rollt beängstigend rückwärts

ich hoffe mal schwer

keine Metapher für mein Leben!

 

 

Donnerstag, 6. August 2020

SWISS ART EXPO ZURICH


SWISS ART EXPO - ARTBOX PROJECT ZÜRICH 2.0

20.-24. August 2020 in der grossen Halle Hauptbahnhof Zürich

https://www.swissartexpo.com/

Am Samstag, 22.8.2020 bin ich von 17 - 19 Uhr (begrenzte, vorab registrierte Zeit-Slots wegen Corona) vor Ort an der Artparty. Falls jemand vorbeischauen mag.