Einst im Lincoln Underground, Nebraska veröffentlicht.
Mittwoch, 24. Juni 2020
Montag, 22. Juni 2020
DreckSack Extrablatt zum 100. von Bukowski
Am 16. August dieses Jahres wäre Charles Bukowski 100 Jahre alt geworden. Kaum ein anderer Autor hat junge Dichter/innen im deutschsprachigen Raum so beeinflusst wie er.
Aus gegebenen Anlass erscheint heute mit dem Extrablatt eine Sonder-Ausgabe des DreckSacks. Ich habe ihn in einem Rutsch durchgelesen, denn der Inhalt ist weit entfernt von all dem Schmarrn, der sonst oft über Bukowski veröffentlicht wird. Eine wirklich gute Nummer. Es lohnt sich, sie zu erstehen.
INHALT
Michael Schulte: BUKOWSKI IST SCHULD, DASS ICH IN HAMBURG LEBE (Erzählung)
Frank Schäfer: DAS GEKLAPPER – ÜBER CHARLES BUKOWSKI (Essay)
Gerd Adloff: RENNBAHN (Gedicht)
Florian Günther: NICHT NUR HEISSE LUFT – DER VERLEGER BENNO KÄSMAYR IM GESPRÄCH (Interview)
Jürgen Roth: VERZWEIFELT AM LEBEN (Buchbesprechung)
Roni: BUKOWSKIS FRAUEN (Essay)
Charles Bukowski: AMEISEN KRABBELN ÜBER MEINE BETRUNKENEN ARME (Gedicht)
Todd Moore: IM RING MIT BUKOWSKI (Erzählung)
Silke Vogten: BUKOWSKI VS. FLAUBERT (Gedicht)
Susann Klossek: BUKOWSKI UND DER BEAT (Reisebericht)
Signe Mähler: BESUCH AUS DEUTSCHLAND (Brief)
Thomas Kapielski: EIN INTERVIEW (Brief)
Jan Off: ALTERSWEISHEIT (Glosse)
Axel Klingenberg: EPIGRAMM AN CHARLES BUKOWSKI (Gedicht)
Clint Lukas: MEETING MARINA (Bericht)
Florian Günther: IM SCHATTEN DES MEISTERS (Gedicht)
Franz Dobler: FAKTEN (Gedicht)
Jerk Götterwind: EINS VOM VORFELD (Gedicht)
Katrin Schings: NASSE SCHLAFANZUGHOSE (Gedicht)
Hauke Schrieber: DICHTER UND DRECKSACK – AUF DER SUCHE NACH CHARLES BUKOWSKI (Reportage)
Michael Arenz: JACK, HENRY & BUK (Erinnerung)
Marvin Chlada: MEIN BUKOWSKI (Kritik)
Carl Weissner: DER GROSSE GRAUE MIT DEN GELBEN ZÄHNEN (Reportage)
Frank Schäfer: DAS GEKLAPPER – ÜBER CHARLES BUKOWSKI (Essay)
Gerd Adloff: RENNBAHN (Gedicht)
Florian Günther: NICHT NUR HEISSE LUFT – DER VERLEGER BENNO KÄSMAYR IM GESPRÄCH (Interview)
Jürgen Roth: VERZWEIFELT AM LEBEN (Buchbesprechung)
Roni: BUKOWSKIS FRAUEN (Essay)
Charles Bukowski: AMEISEN KRABBELN ÜBER MEINE BETRUNKENEN ARME (Gedicht)
Todd Moore: IM RING MIT BUKOWSKI (Erzählung)
Silke Vogten: BUKOWSKI VS. FLAUBERT (Gedicht)
Susann Klossek: BUKOWSKI UND DER BEAT (Reisebericht)
Signe Mähler: BESUCH AUS DEUTSCHLAND (Brief)
Thomas Kapielski: EIN INTERVIEW (Brief)
Jan Off: ALTERSWEISHEIT (Glosse)
Axel Klingenberg: EPIGRAMM AN CHARLES BUKOWSKI (Gedicht)
Clint Lukas: MEETING MARINA (Bericht)
Florian Günther: IM SCHATTEN DES MEISTERS (Gedicht)
Franz Dobler: FAKTEN (Gedicht)
Jerk Götterwind: EINS VOM VORFELD (Gedicht)
Katrin Schings: NASSE SCHLAFANZUGHOSE (Gedicht)
Hauke Schrieber: DICHTER UND DRECKSACK – AUF DER SUCHE NACH CHARLES BUKOWSKI (Reportage)
Michael Arenz: JACK, HENRY & BUK (Erinnerung)
Marvin Chlada: MEIN BUKOWSKI (Kritik)
Carl Weissner: DER GROSSE GRAUE MIT DEN GELBEN ZÄHNEN (Reportage)
FOTOGRAFIEN: Michael Dressel, Singe Mähler, Hauke Schrieber
Und hier kann man dat Extrablatt bestellen:
https://www.edition-luekk-noesens.de/shop-1/drecksack/
https://www.edition-luekk-noesens.de/shop-1/drecksack/
Freitag, 19. Juni 2020
Freitag, 5. Juni 2020
Mittwoch, 3. Juni 2020
Sonntag, 31. Mai 2020
Freitag, 29. Mai 2020
Dienstag, 26. Mai 2020
Montag, 25. Mai 2020
Als es noch Live-Lesungen gab ...
Ein kleiner Mitschnitt einer Lesung aus Zeiten, in denen es noch Live-Lesungen mit Publikum gab. Hier: Im Tanzcafe Ilses Erika in Leipzig, organisiert von Fräulein Frank liest.
Man möge die Qualität der Aufnahme (Handy) und der Lesenden (Nuschelnlallen after Biergebrauch) verzeihen.
Neue Veranstaltungen von Fräulein Frank liest: Fräulein Frank streamt. Die nächste am 27.5.20 um 20:00
(Foto: Freddy Köhler)
(Foto: Freddy Köhler)
Freitag, 22. Mai 2020
Montag, 18. Mai 2020
Donnerstag, 14. Mai 2020
Montag, 11. Mai 2020
Freitag, 8. Mai 2020
Antrag abgelehnt
Diesen Juli lebe ich seit 30 Jahren in der Schweiz. Ich habe von
Tag 1 an Steuern gezahlt, ich habe immer gearbeitet und nunmehr seit 30 Jahren
lückenlos in die AHV (Renten)-Kasse eingezahlt. 2017 wurde ich nach einem
Stipendiumsaufenthalt in Indien – wofür ich unbezahlten Urlaub nahm und mir
versichert wurde, dass ich meinen Job danach noch habe – aus sogenannten
ökonomischen Gründen am Tag meiner Rückkehr nach knapp 8 Jahren gefeuert. Meiner
Bitte auf frühzeitigere Freistellung wurde nicht stattgegeben, die Zitrone
wurde noch volle drei Monate ausgequetscht. Von einer Abfindung oder dergleichen
ganz zu schweigen.
Trotz intensivster Bemühungen ist es mir nicht gelungen, als
Redaktorin/Produzentin über 50, als Frau, einen neuen Job in meiner oder
ähnlichen Branchen zu finden. Ich wurde ausgesteuert. Auch als Arbeitslose und
später in der kurzen Zeit als so genannte Erwerbslose habe ich lückenlos AHV
eingezahlt.
Notgedrungen – auch, um dem Staat auf keinen Fall auf der Tasche
zu liegen – habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe Zeit und Geld
investiert, bin dieses Risiko mit 53 eingegangen und habe mich bereits in den
ersten sechs Monaten aus eigener Kraft ganz gut über Wasser gehalten. Dann kam
Corona und sämtliche Projekte, geplante und gebuchte Veranstaltungen usw.
wurden abgesagt, verschoben, auf Eis gelegt oder sind mittlerweile komplett
gestorben. Seit 11. März kam bei mir nichts mehr rein.
Umso mehr hat es mich gefreut, dass der Staat auch Angebote für
Künstler/Kulturschaffende bereitstellen wollte. Ich habe unzählige Stunden,
wenn nicht Tage damit verbracht Formulare auszufüllen, vergangene und künftige
Einkommenseinbussen zu berechnen, Listen über meine Betriebsausgaben und meine
Lebenshaltungskosten aufzustellen. Mehrfach wurde ich aufgefordert Unterlagen
und Dokumente nachzureichen oder schriftliche Erklärungen zu verfassen, warum
mein Vermögen in den letzten zwei Jahren geschrumpft ist.
Ich habe unter anderem bei der SVA drei verschiedene Anträge
gestellt – der Bund hat immer wieder in Sachen Kulturschaffender nachgelegt,
Formulare/Bedingungen geändert. Die Anträge betrafen abgesagte Veranstaltungen
(wie die Buchmesse, Lesungen usw.), geschlossene Lokale (keine Möglichkeit
Kurse zu geben), abgesagte Projekte, also indirektes Betroffensein, da Auftraggeber
in Schieflage geraten sind etc. pp. Alles traf auf mich zu.
Ich habe in akribischer Kleinarbeit all diese Formulare nach
bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt, die Hosen runtergelassen, Einblick in
meine Steuerunterlagen, meine Buchhaltung und mein Sparkonto gewährt. In der
Position des Bittstellers fühlt man sich nicht sonderlich wohl.
Nach über sechs Wochen erhielt ich meinen ersten Bescheid. Die
SVA hat meine Anträge mit der Begründung abgelehnt, ich hätte 2019 nicht
genügend ahv-pflichtiges Einkommen generiert. Jene, die also am wenigsten
verdient haben, gehen leer aus. Paradox. Das Einkommen (nach Abzug meiner Investitionen)
war auch deshalb so gering, da ich erst seit 1.7.19 selbstständig bin und ein Geschäft
erst aufgebaut werden muss und ich im Dezember als erste Amtshandlung gleich
mal AHV für Selbstständige rückwirkend auf 6 Monate abdrücken durfte. Im
Einkassieren sind alle immer ganz schnell. Ganz nebenbei war bisher jede meiner
AHV-Rechnungen fehlerhaft. Zu meinen Ungunsten.
Heute kam nun auch noch die Ablehnung meines Antrages auf
Soforthilfe von Suisseculture Sociale. Ohne Angabe von Gründen und mit dem
Hinweis, dass keine Rekursmöglichkeit bestehe und man auch keine individuellen
Rückfragen beantworte. Peng! Ende der Diskussion.
Ich frage mich, ob Kunst und Kultur so geringen Wert haben, dass
man uns erst wochenlang hinhält und trietzt und am Ende mit Nichts abspeist? In
meinem Falle hätte es sich vermutlich eh nur um eine sehr kleine Summe
gehandelt. Das wäre auch ok gewesen. Eine Summe allerdings, die vielleicht einen
Teil der Miete oder der Krankenkasse in einem Monat getilgt hätte. Meine
Gemeinde Thalwil nehme ich hier aus, die immerhin mit einem Darlehen eingesprungen
ist.
Es ist auch allgemein bekannt, dass Jobs in Kunst und Kultur
oder auch im Freelance-Journalismus sehr schlecht bezahlt werden oder, z.B. im
Falle von Büchern oder Drehbüchern schreiben, erst viel später entlöhnt werden oder
Lesungen und dergleichen auch gerne mal gar nicht bezahlt werden. Schon daher sind
keine grossen Einnahmen zu erwarten. Man fühlt sich leicht verarscht, als sei
das, was wir tun ein Hobby, keine richtige Arbeit. Doch ohne Kultur geht eine
Gesellschaft ein. Und es ist in meinem Falle die Arbeit, mit der ich die
nächsten 9,5 Jahre (oder vielleicht noch länger) bis zu meiner Pensionierung meinen
Lebensunterhalt bestreiten muss. Als Single ist man sowieso besonders finanziell belastet, im Gegensatz zu Paaren, die sich die meisten Kosten teilen, als selbstständiger Single hat man den Volltreffer.
Ich könnte natürlich auch meine hart erarbeiteten Ersparnisse,
die eigentlich fürs Alter gedacht waren, jetzt verprassen und mich dann aufs
Sozialamt begeben. Kommt bekanntlich nicht selten vor. Aber das habe ich nur
über meine Leiche vor.
Ich frage mich einfach, ob hier nicht grundsätzlich mit ungleich
langen Spiessen hantiert wird? Ich weiss z.B. von einem mittelgrossen Unternehmen,
das ein ziemlich grosses Unternehmen im Rücken hat, dass, obwohl es das gar
nicht wirklich nötig hat, Kurzarbeit beantragt hat (O-Ton Chef «Das lassen wir
uns jetzt nicht entgehen») und dessen Mitarbeiter trotzdem weiterhin 100%
arbeiten müssen. Zudem wurden sie noch subtil darauf hingewiesen, dass es, wenn
sie die Massnahme nicht unterschreiben, erfahrungsgemäss Änderungsentlassungen
gäbe. Es wurde ihnen also angedroht, dass sie gefeuert werden, wenn sie das
Spiel nicht mitspielen. Das ist Erpressung und zutiefst unmoralisch. Natürlich
wurde die Kurzarbeit ohne weitere Prüfung innerhalb weniger Tage durchgewunken
und bewilligt. Ich kenne noch andere Beispiele, die mich nur mit dem Kopf
schütteln lassen. Wird hier Geld willkürlich verteilt? Oder nach guter alter
Vetternart? Oder nach dem Motto Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen?
Mir kommen langsam Zweifel.
Ich erwarte nichts mehr und werde mich auch künftig allein und komplett
aus eigener Kraft durchwurschteln und nicht untergehen. Denn ich glaube an mich
und meine Talente und Fähigkeiten. Und natürlich kann ich mich glücklich schätzen,
in dieser Zeit hier zu leben und nicht als Wanderarbeiter in Indien oder Obdachlose
in den USA oder rundumüberwacht in China etc.pp. Es geht vielen hierzulange
vermutlich auch noch viel schlechter als mir, keine Frage. Ich will nicht
undankbar sein und auch nicht auf die Tränendrüse drücken oder rumjammern. Trotzdem bin ich
enttäuscht und wütend und frage mich manchmal, ob ich dieses System weiterhin
unterstützen möchte, in dem so viele Steuergelder für unnötige oder sinnlose Projekte
verbraten werden und man, wenn es drauf an kommt und man wirklich mal eine kleine Hilfe
bräuchte, im Regen stehen gelassen wird.
Ich wünsche allen, dass sie gesundheitlich und finanziell gut
durch diese Krise kommen.
Dienstag, 21. April 2020
Die Stunde des Mosquito
Kuta,
Bali
Hite nippt an seinem Bier. Sein Haar ist verfilzt und von der
Sonne ausgebleicht. Seit zwei Monaten tut er nichts
anderes als surfen.
Surfen ist der Sinn seines
Lebens. Tagelang ist er
mit dem Bus von Sumatra nach Bali gereist,
um hier auf die
perfekte
Welle zu warten. Bis jetzt hat er sie nicht gefunden.
»Und
was jetzt?«, frage ich leicht gelangweilt.
»Jetzt gehn wir zu mir. Ist fünf Minuten
von hier.« Er zahlt
die Drinks und steht auf. Es ist kurz vor Mitternacht.
»Was ist jetzt,
kommst Du?«, fragt er leicht ungehalten. Ich bin noch etwas unschlüssig. Schliesslich trotte ich hinter ihm her.
Seine Unterkunft entpuppt sich
als modriges, stickiges Hinterstübchen
direkt über einer lärmenden Diskothek. Die drei kleinen Zimmer und die Terrasse teilt er sich mit fünf Kumpels, die ebenfalls aus Sumatra oder Java kommen. Sie reden laut
durcheinander, rauchen stinkendes Kraut und spielen Karten. Die kleinen braungebrannten Männer sehen aus wie
eine Gangstergang. Sie machen keinen
besonders seriösen Eindruck. Mit einem jungen,
blonden Engländer wird gerade ein Drogengeschäft abgewickelt. Sein Blick und seine Pupillen verraten, dass er schon etwas genommen hat.
»Hi«, sagt der Engländer und lächelt
unsicher, während
er ein Tütchen
in
seiner Hosentasche verschwinden lässt.
»Hi«, sage ich und setze mich in einen verwitterten Korbsessel.
»Willst
Du was trinken?«, fragt Hite.
»Was
gibt’s denn?»
»Bier
oder Gin.«
»Okay
dann ein Bier.« Eine der kleinen Ratten springt auf und holt mir eine Flasche
aus dem riesigen Kühlschrank. Er ist das grösste
Möbelstück in dieser
eigenartigen WG. Ich gucke auf die Uhr. Es ist zwei nach Zwölf.
»Ich habe heute Geburtstag«, flüstere ich. Die Runde
springt spontan auf und singt mir »Happy Birthday«. Der Engländer
sitzt lethargisch in einer Ecke
und prostet mir unmotiviert zu. Jetzt bin ich 33 und sitze irgendwo
in Bali in einer Absteige
mit sechs fremden Indonesiern und einem zugedröhnten Engländer. Die Jungs sind eigentlich ganz nett, erzählen mir von ihrem Leben als Surfer
und von ihren japanischen Freundinnen, die sie angeblich
alle haben.
»Hast Du auch eine
japanische Freundin?«, will ich von Hite wissen.
»Nein, die sind
mir zu dünn.
Ich hab lieber
was in der
Hand«, antwortet er und grinst. Da war er bei mir ja zweifelsohne an die Richtige geraten.
Er hat grüne, mandelförmige Augen, die im schummrigen
Licht der einzigen Glühlampe regelrecht funkeln. Durch die sonnengegerbte Haut sieht er älter
aus, als er tatsächlich ist. Er ist vier Jahre jünger
als ich. Sein Haar reicht
ihm bis auf die
Schultern. Es duftet herb nach Frangipani und Ozean.
»I show you my room«, sagt er und nimmt
mich an die Hand.
»My room»
heisst in diesem
Fall »unser aller
room«, wer gerade einen room
braucht eben.
Hite beginnt sofort
emsig zu fegen. Es ist köstlich, wie er darum bemüht
ist, den Dreck
von einer in die andere Ecke zu
wedeln.
»Das kannst
Du Dir sparen. Hilft eh nix!«, sage
ich amüsiert und nehme
ihm den Besen aus der Hand. Rings um ein muf- figes grosses
Bett mit einem bunt umrandeten Bettüberwurf häuft sich
allerlei Krimskrams: grüne Plastikbügel, Porzellan- väschen, Klebeband, Fotos von surfenden Freunden, ein Land-
schaftsölbild, ein alter goldener Wecker,
leere Wasserflaschen, ein balinesisch-japanisches Wörterbuch und ein Miniboardunter dem Bett. An der Wand die Flagge
von Japan, ein Poster
von Cindy Crawford und ein Madonnenbild. Das Hab und Gut von mehreren Menschen in einem vier
mal drei Meter grossen Kabuff.
»Wollen wir nicht lieber an den Strand gehen?«, frage
ich vorsichtig.
»Wieso, ist doch gemütlich hier. Die anderen stören uns
schon nicht. Keine Angst.« Er küsst mich. Wir fallen
auf das quietschende Bett. Die Matratze
federt gewaltig nach. Im Raum stehen die Hitze und der Geruch fremder Menschen.
Das Zimmer hat kein Fenster. Als Tür dient ein Vorhang,
der leicht im Wind wedelt.
Ich starre an die Decke, an der ein Ventilator vor sich
hineiert. Ich mach
mir ein bisschen
Sorgen um meine hellen Kleider. Alles hier drinnen ist feucht und schmuddelig.
Hite riecht hingegen sehr gut. Exotisch.
Seine Hände sind etwas rau,
vom Wind und Meer, vom ständigen Surfbrett halten. Sein
Gesicht ist unbeschreiblich schön, etwas herb. Seine Lippen nähern sich meiner Stirn,
küssen Augenlider, Nase, Kinn. Dann verknoten sich unsere Zungen.
Es schmeckt nach Bier
und Salz.
»Ich will mit Dir schlafen«, flüstert Hite und beisst mir zart ins Ohrläppchen. Ein kurzer Schauer der
Lust überkommt mich.
»Ach was? Darauf
wäre ich jetzt
nicht gekommen.« Ich nehme sein Gesicht
in beide Hände
und küsse ihn
innig. Meine Zunge tastet die Innenseiten seiner
Lippen ab, fährt über
die geraden Zähne. Ich sauge seinen
Mund ein, fasse
mit der rechten
Hand seinen Hals an. Ich liebe diese Geste,
ich liebe Hälse.
»Hast
Du Kondome?«, frage ich.
»Shit!
Nein.«, antwortet er und setzt sich auf.
»Tja dann hast
Du Pech!«. Sein steifer
Schwanz zeichnet sich hinter seiner schwarzen Unterhose
ab.
»Hast Du denn keine?«, winselt
er und schiebt
meinen Rock hoch.
»Keine Ahnung,
Du kannst ja mal suchen.« Er knöpft nervös meine Bluse auf. Im BH findet er ein paar Geldscheine.
»Damit
bezahl ich Dich, wenn Du gut bist!«, scherze ich.
»Ich bin gut.
Willst Du meine
Referenzen sehen?» Will
ich nicht, ich will nur noch ihn. Sofort. Ich ziehe das Kondom
aus meinem Slip und stülpe es ihm über.
Sein Schwanz ist mittelgross.
»You are my big mosquito,
suck me!«, flüstert er. Dann sticht
er zu. Was verheissungsvoll anfängt, geht
dann etwas schnell vorbei.
Hite ist so erregt, dass er sich nicht lang genug zu- rückhalten kann und
ziemlich schnell kommt.
Wir entsorgen das Kondom.
Von draussen klingt das laute Gelächter seiner Kumpels ins Zimmer. Schweissgebadet liegen wir Hand in
Hand nebeneinander, starren an die Decke. Eine lästige Fliege surrt mir um den Kopf.
»Das ist besser als surfen!«, flüstert Hite. »Scheiss
auf die Welle!«
»Das
war also mein Geburtstag«, murmele ich.
»This is not the end«, sagt er gedankenversunken. Wenn er sich da mal nicht irrt!
Aus:
TROPENFIEBER - Geschichten aus der Fremde
(Die Story spielt 1999)
ISBN: 978-3833486692
Zuletzt erschienen m DreckSack Berlin, Ausgabe 2, April 2020
Hite nippt an seinem Bier. Sein Haar ist verfilzt und von der Sonne ausgebleicht. Seit zwei Monaten tut er nichts anderes als surfen. Surfen ist der Sinn seines Lebens. Tagelang ist er mit dem Bus von Sumatra nach Bali gereist, um hier auf die
perfekte Welle zu warten. Bis jetzt hat er sie nicht gefunden.
»Und was jetzt?«, frage ich leicht gelangweilt.
»Jetzt gehn wir zu mir. Ist fünf Minuten von hier.« Er zahlt die Drinks und steht auf. Es ist kurz vor Mitternacht.
»Was ist jetzt, kommst Du?«, fragt er leicht ungehalten. Ich bin noch etwas unschlüssig. Schliesslich trotte ich hinter ihm her. Seine Unterkunft entpuppt sich als modriges, stickiges Hinterstübchen direkt über einer lärmenden Diskothek. Die drei kleinen Zimmer und die Terrasse teilt er sich mit fünf Kumpels, die ebenfalls aus Sumatra oder Java kommen. Sie reden laut durcheinander, rauchen stinkendes Kraut und spielen Karten. Die kleinen braungebrannten Männer sehen aus wie eine Gangstergang. Sie machen keinen besonders seriösen Eindruck. Mit einem jungen, blonden Engländer wird gerade ein Drogengeschäft abgewickelt. Sein Blick und seine Pupillen verraten, dass er schon etwas genommen hat.
»Hi«, sagt der Engländer und lächelt unsicher, während er ein Tütchen in seiner Hosentasche verschwinden lässt.
»Hi«, sage ich und setze mich in einen verwitterten Korbsessel.
»Willst Du was trinken?«, fragt Hite.
»Was gibt’s denn?»
»Bier oder Gin.«
»Okay dann ein Bier.« Eine der kleinen Ratten springt auf und holt mir eine Flasche aus dem riesigen Kühlschrank. Er ist das grösste Möbelstück in dieser eigenartigen WG. Ich gucke auf die Uhr. Es ist zwei nach Zwölf.
»Ich habe heute Geburtstag«, flüstere ich. Die Runde springt spontan auf und singt mir »Happy Birthday«. Der Engländer sitzt lethargisch in einer Ecke und prostet mir unmotiviert zu. Jetzt bin ich 33 und sitze irgendwo in Bali in einer Absteige mit sechs fremden Indonesiern und einem zugedröhnten Engländer. Die Jungs sind eigentlich ganz nett, erzählen mir von ihrem Leben als Surfer und von ihren japanischen Freundinnen, die sie angeblich alle haben.
»Hast Du auch eine japanische Freundin?«, will ich von Hite wissen.
Er hat grüne, mandelförmige Augen, die im schummrigen Licht der einzigen Glühlampe regelrecht funkeln. Durch die sonnengegerbte Haut sieht er älter aus, als er tatsächlich ist. Er ist vier Jahre jünger als ich. Sein Haar reicht ihm bis auf die Schultern. Es duftet herb nach Frangipani und Ozean.
»I show you my room«, sagt er und nimmt mich an die Hand.
»My room» heisst in diesem Fall »unser aller room«, wer gerade einen room braucht eben. Hite beginnt sofort emsig zu fegen. Es ist köstlich, wie er darum bemüht ist, den Dreck von einer in die andere Ecke zu wedeln.
»Das kannst Du Dir sparen. Hilft eh nix!«, sage ich amüsiert und nehme ihm den Besen aus der Hand. Rings um ein muf- figes grosses Bett mit einem bunt umrandeten Bettüberwurf häuft sich allerlei Krimskrams: grüne Plastikbügel, Porzellan- väschen, Klebeband, Fotos von surfenden Freunden, ein Land- schaftsölbild, ein alter goldener Wecker, leere Wasserflaschen, ein balinesisch-japanisches Wörterbuch und ein Miniboardunter dem Bett. An der Wand die Flagge von Japan, ein Poster von Cindy Crawford und ein Madonnenbild. Das Hab und Gut von mehreren Menschen in einem vier mal drei Meter grossen Kabuff.
»Wollen wir nicht lieber an den Strand gehen?«, frage ich vorsichtig.
Hite riecht hingegen sehr gut. Exotisch. Seine Hände sind etwas rau, vom Wind und Meer, vom ständigen Surfbrett halten. Sein Gesicht ist unbeschreiblich schön, etwas herb. Seine Lippen nähern sich meiner Stirn, küssen Augenlider, Nase, Kinn. Dann verknoten sich unsere Zungen. Es schmeckt nach Bier und Salz.
»Ich will mit Dir schlafen«, flüstert Hite und beisst mir zart ins Ohrläppchen. Ein kurzer Schauer der Lust überkommt mich.
»Ach was? Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.« Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn innig. Meine Zunge tastet die Innenseiten seiner Lippen ab, fährt über die geraden Zähne. Ich sauge seinen Mund ein, fasse mit der rechten Hand seinen Hals an. Ich liebe diese Geste, ich liebe Hälse.
»Hast Du Kondome?«, frage ich.
»Shit! Nein.«, antwortet er und setzt sich auf.
»Tja dann hast Du Pech!«. Sein steifer Schwanz zeichnet sich hinter seiner schwarzen Unterhose ab.
»Keine Ahnung, Du kannst ja mal suchen.« Er knöpft nervös meine Bluse auf. Im BH findet er ein paar Geldscheine.
»Damit bezahl ich Dich, wenn Du gut bist!«, scherze ich.
»Ich bin gut. Willst Du meine Referenzen sehen?» Will ich nicht, ich will nur noch ihn. Sofort. Ich ziehe das Kondom aus meinem Slip und stülpe es ihm über. Sein Schwanz ist mittelgross.
»You are my big mosquito, suck me!«, flüstert er. Dann sticht er zu. Was verheissungsvoll anfängt, geht dann etwas schnell vorbei. Hite ist so erregt, dass er sich nicht lang genug zu- rückhalten kann und ziemlich schnell kommt. Wir entsorgen das Kondom. Von draussen klingt das laute Gelächter seiner Kumpels ins Zimmer. Schweissgebadet liegen wir Hand in Hand nebeneinander, starren an die Decke. Eine lästige Fliege surrt mir um den Kopf.
»Das ist besser als surfen!«, flüstert Hite. »Scheiss auf die Welle!«
»Das war also mein Geburtstag«, murmele ich.
»This is not the end«, sagt er gedankenversunken. Wenn er sich da mal nicht irrt!
Aus:
TROPENFIEBER - Geschichten aus der Fremde
(Die Story spielt 1999)
ISBN: 978-3833486692
Zuletzt erschienen m DreckSack Berlin, Ausgabe 2, April 2020
Fakten
«Ich
bin der Einzige, der dich veröffentlicht», sagte D. mit einem triumphierenden
Grinsen, was wohl meine Dankbarkeit hervorrufen sollte.
Doch
leider musste ich ihn enttäuschen: «Du bist der Einzige, der mich dafür nicht
bezahlt!» So wurde ein Schuh draus, den er sich jetzt mal anziehen kann.
Mittwoch, 15. April 2020
Corona und die Psyche
Für alle, die zu Hause coronabedingt langsam einen Koller bekommen. Den Artikel habe ich für Gulp Schweiz geschrieben.
Samstag, 4. April 2020
Freitag, 3. April 2020
Der neue DreckSack ist da
Corona hat uns etwas ausgebremst, aber nicht verhindert: Der neue DRECKSACK ist da! Diesmal mit den folgenden Autoren:
Gerd Adloff, Eric Ahrens, Michael Arenz, Florian Günther, Elizabeth Gurley Flynn, Jürgen Heymann, Katja Horn, Jiri Kandeler, Harald Kappel, Susann Klossek, Jochen Knoblauch, Patrick Krause, Alexander Krohn, Clint Lukas, Klaus Märkert, Matthias Merkelbach, Thomas Meyer-Falk, Thowald Proll, Niklas Rokahr, Rüdiger Saß, Frank Schäfer, Katrin Schings, René Seim, Nicola Seitz, Erik Steffen, Silke Vogten.
Fotografien: Birgit Buchholz
Erhältlich ist er hier:
www.edition-luekk-noesens.de/shop-1/drecksack/
www.edition-luekk-noesens.de/shop-1/drecksack/
Das Inhaltsverzeichnis findet ihr hier:
www.edition-luekk-noesens.de/drecksack/aktuelle-ausgabe/
www.edition-luekk-noesens.de/drecksack/aktuelle-ausgabe/
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