Dienstag, 21. November 2017

Arbeitslosenode


Morgens stehe ich auf
was mir nicht mal sonderlich schwerfällt
obwohl ich im Grunde liegenbleiben könnte
denn ich habe nichts zu tun
ich habe keinen Job
was mich aufregen, deprimieren oder in Panik versetzen sollte
aber es ist mir egal
im Gegenteil: ich bin froh, aus allem raus zu sein
ab und an schreibe ich IT-Artikel oder Rezensionen zu Büchern
die ich freiwillig nie lesen würde
nicht, weils mich interessiert
sondern weil ichs kann
ich warte auf meine Tage
die überfällig sind
Wechseljahre
dämlicher Begriff
ich wechsle nichts
weder Geld noch die Wäsche und auch nicht meine Identität
allenfalls die Hautfarbe
wäre ich Michael Jackson
im Vergleich zu dem gehts mir blendend
manchmal formuliere ich im Kopf ein Gedicht
aber bis ich mich aufraffe
es aufzuschreiben
ist's mir meistens entfallen
ich müsste an meinem aktuellen Buch schreiben
aber wenn das nicht rauskommt
kräht auch kein Hahn danach
um 5 nach 3 gucke ich Bares für Rares
für gewöhnlich der Höhepunkt des Tages
unfassbar, was die Leute alles in ihren Kellern und Schränken horten
das meiste würde ich nie kaufen
aber vieles bringt gutes Geld ein
und die Händler sind Gentleman alter Schule
sie begrüßen die Frauen mit gnädige Frau
und verabschieden sie mit auf Wiedersehen die Dame
simple Anstandsformeln, die ich vermisse
ich überlege, was ich veräussern könnte
und was Kunst und Krempel aus aller Herren Länder so wert wären
aber ich kann mich von nichts trennen
und müsste für die Sendung nach Köln fahren
also lass ich's bleiben
auch wenn dort mein erster Freund lebt
und ich mir denke, dass es schön wäre
ihn mal wiederzutreffen
aber er hat eine Frau und keine Haare mehr
also kann ich mir das auch sparen
gegen halb 5 mache ich einen späten Nachmittagsschlaf
ich bin immer müde
das liegt wohl an der Lungenentzündung
die ich mir in Guatemala zuzog
vielleicht bin ich aber auch nur einfach so träge
weil ich alt werde
oder endlich mal Zeit habe
und dreißig Jahre Schlafmangel kompensieren muss
morgen muss ich aufs RAV*
wenn man das laut ausspricht
klingt das wie eine Terrorgruppe aus den 70-ern
und irgendwie trifft das auch zu
ich mag keinen sehen
und nirgendwo hingehn
oder Rechenschaft ablegen
alle zwei Tage kaufe ich Lebensmittel ein
damit ich mal rauskomme
oder nicht verhungere
obwohl Letzteres vermutlich Monate dauern würde
ich gieße regelmäßig die Pflanzen
und wasche mir die Haare
manchmal rasiere ich mich auch
obwohl nicht davon auszugehen ist
dass sich ein Beischläfer bei mir verirrt
im Internet könnte ich nach einem Partner suchen oder einem schnellen Fick
beides entspricht aber nicht wirklich meinen Bedürfnissen
ich gucke dann doch lieber einen Porno
den kann man jederzeit abschalten
und reden muss man mit dem auch nicht
da weiß man, was man hat
jetzt habe ich Gefragt - Gejagt verpasst
und Wer weiß denn sowas? ist auch schon fast rum
da kann man echt was lernen
um dann alles wieder zu vergessen
ich halte mich zwischen
Tagesschau, Two and a half men und
Medical Detectives nur schwer wach
aber die Hintergrundberieselung gefällt mir
es ist fast so, als wäre man nicht alleine
es erfüllt mich mit Freude und Erleichterung
dass ich morgen nicht uns Büro muss
die Kasse zahlt
wenn auch nicht Ewigkeiten
aber die liegen noch weit hin
nicht zu müssen ist ein bisschen langweilig
aber ungemein befreiend
für die Jobs, für die ich mich bewerbe
passe ich immer knapp nicht ins Profil
obwohl ich die Qualifikationsanforderungen - neudeutsch: Skills - mehr als erfülle
ich vermute, das liegt am Alter
wenn sie einen in der Anzeige schon mit Du ansprechen 
ein Du, dass unter 35 
und Teil eines urbanen Lebensgefühls ist
könnte man sich die Mühe im Grunde sparen
ich frage mich, ob die wissen
was sie für einen Schwachsinn faseln
und mit Journalismus gegen Wasserstoffbomben von Kim Jong-un ankämpfen
ist eh ein bisschen lächerlich
bei jeder Absage atme ich erleichtert auf
wegen der political correctness 
nennt man Unsereinen heute Arbeitssuchende
dabei suche ich gar nicht
oder nur in den seltensten Fällen
seit ich nicht mehr rumstressen muss
hab ich weder Migräne noch Probleme mit dem Stuhlgang
ich öffne meine Agenda
und die ist fast leer
ist das etwa das Glück
von dem immer alle reden
das dir aber kaum jemand erklären kann?
in der Migros haben sie Ovomaltine-Proben verteilt
aber es ist eine Lüge
dass man damit länger kann
ich bin schlapp wie immer
und das erste Mal im Leben
tue ich nichts gegen diesen Zustand
das Recht auf Schlappheit
sollte in der Verfassung verankert sein
ich simuliere ein bisschen das Leben
wie Tänzer kurz vor der Premiere
um ihre Kräfte zu sparen
und sich nicht für eine Hauptprobe ohne Zuschauer zu verausgaben
der August ist komplett an mir vorbeigegangen
und schon wird es Zeit
sich auf den Winterschlaf vorzubereiten
das Einzige, worauf ich warte
ist die neue Staffel von House of Cards**

* für Nichtschweizer: RAV= Regionale Arbeitsvermittlung
** das Gedicht wurde vor dem Skandal um Kevin Spacey geschrieben, ich habe mir aber trotzdem die 5. Staffel noch schnell bestellt, bevor auch die aus dem Verkehr gezogen wird. Ich bitte von Shitstorms abzusehen. 

Keine Kommentare:

Kommentar posten