Montag, 23. Mai 2016

Zur Besetzung der Roten Fabrik



Letzten Samstag erlebte ich mit dem „Die Schutzbefohlenen-Marathon“ durch sechs Zürcher Spielstätten einen Theaterabend, der nicht so schnell in Vergessenheit gerät. Eigentlich sollte an dieser Stelle eine Kritik zu den jeweiligen Inszenierungen kommen. Da aber manche Dinge unvorhersehbar sind, gibt es stattdessen eine kleine Abrechnung. 

Denn als wir an der Roten Fabrik, der letzten Station des Parcours, ankamen, war ebendiese von einem Trupp Autonomer besetzt worden. Der Caravan against the Camp System hatte sich mal eben spontan im Clubraum der Fabrik eingenistet und den dort geplanten Poetry-Slam boykottiert und vertrieben. 


Zu Fuss liefen offenbar rund 20-30 Autonome inklusive Kleinkinder (die genaue Anzahl war nicht eruierbar, da kaum unterscheidbar von einigen Mitgliedern der Rote-Fabrik-Crew und Besuchern) von Kemptthal im Kanton Zürich von Lager zu Lager, von Bunker zu Bunker, in denen Geflüchtete, wie es heisst „interniert“ sind, um sich mit eben diesen solidarisch zu zeigen und deren Isolation zu durchbrechen (vorläufige Endstation die Rote Fabrik). So weit so gut. 


Statt über, mit Flüchtlingen reden, so die Parole (das Pamphlet ein A4-Text auf Englisch, der irgendwo unbemerkt auf einem Tisch herumlag.) Schön. Nur wollte dann weder einer der Autonomen, noch einer der Handvoll Flüchtlinge (ausschliesslich junge Männer), die Erstere vor- und mitführten, mit uns reden. Stattdessen wurden wir viele von uns sind selbst in der Roten Fabrik kreativ tätig (meist ziemlich brotlos) als dekadentes Bildungsbürgertum beschimpft (und weiter, O-Ton einer ziemlich aggressiven Autonomen: mit solchen wie Euch rede ich doch nicht; wie Du schon aussiehst, ist ja alles klar; du hast mich doch angefickt; ich gebe dir doch nicht meinen Namen und wer du bist, interessiert mich nicht usw.). Kurz: Ein Dialog kam nicht zustande. Stattdessen schmissen besagte Geflüchtete die mitgeführten Boxen an und sich schon mal subtil an junge Theaterbesucherinnen ran, während sich das Autonomen-Bataillon gemütlich am Boden sitzend eine Tüte reinzog.


Es stellte sich die Frage: Warum ausgerechnet die Rote Fabrik? Wo man nur auf tendenziell Gleichgesinnte (Alternative, Linke, Kunstschaffende) trifft, die die Besetzer ohne Widerstand freundlich empfingen und aufnahmen (als Gegenleistung wurden gleich mal die Zigaretten- und Kaugummiapparate demoliert), grosszügig den Clubraum räumten, das Kulturprogramm spontan umschmissen und alle Besetzer mit gratis Essen versorgte? In der Roten Fabrik wurde in den letzten Wochen übrigens, vornehmlich mit Menschen aus Syrien, sogar gekocht, Oud und Saz gespielt, getanzt und über Olivenanbau debattiert.


Ist man in der autonomen Szene zu feige oder zu faul? Womöglich beides? Geht man jeglicher Konfrontation aus dem Wege, also den Weg des geringsten Widerstands? Wenn man böse wäre, könnte man sagen, im Grunde wäre es aus ihrer Sicht nachhaltiger gewesen, das Bundeshaus zu besetzen oder zumindest den Pfauen, um, wie sie schreiben, ein Zeichen, zu setzen. Ja, wenn man einen Plan gehabt hätte und wirklich ein Sendungsbewusstsein. War wohl aber eher nicht der Fall. Stattdessen schien man sich innerhalb der Gruppe sogar nicht mal einig über ein weiteres Vorgehen. Selbiges blieb dann auch komplett aus. „Wir haben einen Platz gebraucht und den haben wir ja jetzt“, hiess es lapidar. Da ich aber eine Bundeshaus-Besetzung nicht ernsthaft vorschlagen will oder gutheisse, schlage ich stattdessen vor zur Abwechslung mal arbeiten zu gehen.


Auch auf das Angebot der Roten Fabrik im Zuge der geforderten Integration und Mitredemöglichkeit für die Geflüchteten allen einen freien Zutritt zu allen Veranstaltungen (die sich übrigens alle kontrovers und zum Teil sehr kreativ mit dem Flüchtlingsthema auseinandersetzten) zu gewähren, wurde abgelehnt. Man lümmelte lieber auf dem Platz herum, liess sich das Gratisessen schmecken und die Leere im Kopf wachsen.

Hier hatten die Flüchtlinge die Chance mit uns zu sprechen, teilzuhaben. Sie zogen es aber vor auf ihrer Tour de Kanton, junge Künstler bei ihren Wortmeldungen zu behindern und ein bisschen dummdreist herumzukaspern. Die Autonomen ihrerseits erwiesen sich teilweise als dialog-verweigernd, desinteressiert und vorurteilsbehaftet. 


In ihrem Pamphlet, obwohl der Begriff Pamphlet eigentlich zu weit gegriffen ist, heisst es: often these events are dominated by white, male, academics and city experts.


Dann schauen wir mal bei einigen Events des Abends nach:

Texte, die allen Stücken Zugrunde liegen: Elfride Jelinek
eine Frau, die über Missstände im öffentlichen und politischen Leben der Gesellschaft schreibt


Stück im Pfauen; Regie: Barbara Frey, eine Frau
Dramaturgie: Amely Joana Haag, eine Frau

Auf der Bühne immerhin 4 Frauen, darunter eine Chinesin



Stück Gessnerallee: von und mit Alireza Bayram (aus dem Iran) und Timo Krstin, ok, ein weisser, männlicher Akademiker, kann passieren



Texte u.a. Lhatso Dotosang, Pasang Sanashika, Giang Cao, Yangchen Dolma, Junlong Li, Malek Awsi, Schadi Omar, Okyoe Chibunna Conalius, Hussein Mohammadi, Khalid Ahmed usw.usf. die Namen sprechen für sich.



Theater Winkelwiese: von Ivna Žic (eine Frau, in Zagreb geboren) und Peter Waterhouse (britisch-österreichischer Schriftsteller) plus das Refugee Protest Camp Vienna (vorwiegend aus dem Grenzgebiet Pakistan/Afghanistan stammende, protestierende Flüchtlinge). Na da schau her!
inkl. 20 ÜbersetzerInnen in 12 Sprachen, total Beteiligte aus 36 Ländern



Theater Neumarkt: Pär Thörn, elektronischer Musiker/Autor aus Schweden. Ein Bleichgesicht, ein Mann! Uff, wenigstens kein Akademiker



3 Konzerte Rote Fabrik: Hauptakteure alles Frauen, Emigrantinnen aus Slowenien, Bulgarien, Bosnien, Serbien



Exodus: die Hälfte des Duos eine Frau (aus Dänemark). Allerdings sehr blond. Könnte gegen sie verwendet werden.



Installation: Claudia Gali, Miranda Kahlert (Frauen)


Konzeptbüro Rote Fabrik: Kyros Kikos, gut, ein Mann, jaaa weiß, Akademiker jo. Immerhin Grieche. Das gleicht es aus.



Poetry Slam, der der autonomen Versammlung weichen musste:


Simon Chen (Fribourg/China)
Amina Abdulkadir (Somalia)



Im Pamphlet heisst es auch noch: Rote Fabrik are often worthwile, they must listen more and talk less. Ja aber wenn Ihr doch nichts zu sagen habt?

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