Freitag, 16. November 2018

Varanasi


Im Openhand gerate ich an den Tisch von Saranam, Bolko und Suryia. Sie haben ihre bürgerlichen Namen abgelegt und praktizieren in North Dakota und Stockholm als Tantra-Lehrer das rote Tantra.

Das rote sei das erotischste aller Tantra-Richtungen, bei dem es am Ende zwischen Shakti und Shiva zur sexuellen Vereinigung kommt, erklärt Saranam, lässt dabei seine Hakennase zittern und wedelt mir mit seinen schwarz gefärbten, schütteren Locken vorm Gesicht herum. Die drei sind hier an einem Workshop bei irgendeinem indischen Tantra-Meister zugange, um ihren Horizont zu erweitern und ihre Schüler künftig noch inniger zu beglücken.

Yoga – ja. Meditation – ja. Tantra – von mir aus. Kopulation mit dem Meister – nein. 

Suryia hat schönes, haselnussbraunes langes Haar und ein hübsches Babyface mit einem bezaubernden Lächeln. 


«Beim Tantra fallen alle Masken», sagt sie, «wir begegnen uns auf göttlicher Ebene.»


Da kann ich für sie nur hoffen, dass Saranam und Bolko unter ihren Masken besser aussehen. Sie sind wirklich hässlich und ich könnte gar nicht so sehr in Trance geraten, um diese Gesichter auszublenden.

Ich bin aufgeschlossen gegenüber Tantra und halte viel von körperlicher Ekstase auf höherer Bewusstseinsebene. Die Leute stören halt einfach dabei. Bolko bleckt verzückt sein Pferdegebiss und balzt Suryia unverblümt an. 

«Komm doch auch», sagt Suryia und zum ersten Mal bin ich froh darüber, direkt am Fluss zu wohnen.

«Ich darf nicht», sage ich, «ich wohne am Assi Ghat. Sex ist da strengstens untersagt. Ich befinde mich quasi in einem Entsagungs-Retreat.»

«Ohhhh», sagt sie, «das tut mir aber leid», und ich bin drauf und dran, dieses Bedauern auch für sie auszudrücken. Doch dann denke ich mir, wenn sie freiwillig mit Pferd und Zwergnase vögeln will, wer bin ich, sie davon abzuhalten? 

Ausschnitt aus Varanasi - Endstation Ganges; das Buch erscheint 2019 im freiraum.verlag

Erste Lesung mit Sound am 20. November 2018 um 20 Uhr im Kultbau in St. Gallen http://www.kultbau.org/?p=1561 - mit von der Partie der grossartige Benedikt Maria Kramer (Augsburg) und der wunderbare Andreas Miedermann (Wien). Kommet, kommet.


Keine Kommentare:

Kommentar posten