Mittwoch, 12. August 2015

Gedanken zum Nachmittag




Manchmal
hievt man sich
morgens aus dem Bett
und weiβ genau
dass man etwas tun muss
etwas Wichtiges, dringend
das keinen Aufschub duldet
man spürt es in den Eingeweiden
doch kann mit der Erkenntnis nichts anfangen
und während man mit einem Gefühl
innerer Aufmüpfigkeit
absurde Pläne schmiedet
befindet man sich schon auf demselben
ausgelatschten Pfad wie jeden Tag
wir fressen Staub
und kratzen uns am Kopf
wie ahnungslose Idioten
selbst Ekel zu empfinden
ist furchtbar anstrengend
hilflos verrichtet man seine Tätigkeiten
ohne Scham, das ist vorbei
und in einem unbedachten Moment
wird man plötzlich alt
am Abend öffnet man sein erstes Bier
während sie Bilder von ertrunkenen Flüchtlingen zeigen
ein schwacher Trost
nicht einer von denen zu sein
man sollte etwas tun
denkt man noch
bevor man sich auf die Seite rollt und hofft
dass sich am nächsten Tag
nicht Gleiches wiederholt

Dienstag, 11. August 2015

Schlaflied



Heute werde ich zu den Fingern
die dein Haar durchwühlen
den Nacken hinab
deine Wirbelsäule absteigend
wie eine Treppe in den Weinkeller
ich bin das Hemd
das deinen Körper zart umhüllt
ich bin dein Absatz
der dir den Rhythmus vorgibt
kühles Tuch für deine heiβe Stirn
und deine schwitzige Scham
ich werde zur Hand
die deinen Gürtel löst
zum Schwamm, der dich aufsaugt
Füllhorn voller Schätze
ich werde vor dir kniefällig
zur gamsig-zarten Decke
auf die du dich bettest
und auf der ich dich
 in den Schlaf säusle

Montag, 10. August 2015

Der letzte König von Ungarn




Schloss Féhérvar
du brennst in der Hitze der Mittagsstunde
hinter glänzenden Fassaden
Mattscheiben des Treibhauses
hinter denen sich düstere Dramen
und entsetzliche Orgien abspielen
im Vestibül eine Adelheit ohne Alter
sentimental schleicht sie durch die Gänge
die Luft mit verräterischem Duft gefüllt
Spionageduft
der letzte König von Ungarn
wabert einem langsamen Tod entgegen