Montag, 9. Juli 2012

action painting failed

 
Picture "Jackson Pollock" by Jacques Moitoret


Es war Samstagabend kurz vor leckt mich doch und ich befand mich auf der Flucht aus der Hölle. Zuvor hatte sich am Treffpunkt um 19 Uhr fürs "Aektschinpeinting" genau eine Person eingefunden: Ja, ICH. Der Initiator, nennen wir ihn Meister, kam nach zehn Minuten angeschlendert. Der Rest der Teilnehmer trudelte so bis gegen Irgendwas nach Irgendwann ein. Ob der Zwangs-Wartepause flöste ich mir in der Zwischenzeit drei Bier ein, sodass ich schon schwächelte, bevor die Aktion überhaupt startete. Ich kannte niemanden der Anwesenden, die mich alle erfolgreich ignorierten. Der Gatte kam ebenfalls 45 Minuten zu spät und war von seiner Runde auf dem Calientefest (unglaublich, wie viele Latinos diese Stadt hervorbrachte!) bereits leicht neben sich. Im Schlepptau hatte er eine Französin, die mir schon immer auf die nichtexistenten Eier ging, und ein brasilianisches Frettchen, das er wahrscheinlich zu beglücken gedachte. Letzterer entpuppte sich dann allerdings als begabter Maler (wohl der Einzige unter den Anwesenden) der schon weltweit ausgestellt hatte und in Zürich jetzt eine Galerie suchte. Weise vorausschauend verzichtete er von vornherein auf die geplante Veranstaltung und suchte das Weite. Die Französin und der Gemahl taten es ihm gleich und verschwanden. Ich für meinen Teil war zu sehr Weichei, um der ganzen Sache fern zu bleiben. Ein böser Fehler, wie sich später rausstellen sollte.

Das in der Einladung angekündigte grosse Haus entpuppte sich als Schulhaus. Fürwahr, gross war es. Mehr aber auch nicht. Im Papierkorb neben dem Eingang lag unter Dreck und Bananenschalen ein Teddy - wahrscheinlich hatte er sich beim letzten action painting event das Leben genommen. Wollte ich auch so enden?

Im Haus müffelte es nach Angstschweiss, verkackten Klassenarbeiten und verklemmten Lehrern, die auf ihre auf Lolita machenden Schülerinnen standen. Der geheimnisumwobene, tolle Raum, in dem das aussergewöhnliche Event stattfinden sollte, hatte die Metamorphose zum verdreckten, verstaubten, heissen, stickigen, dunklen, von Vogelscheisse zugekackten Dachboden, der gefühlte 200 Jahre lang nicht mehr betreten wurde, erfolgreich abgeschlossen. Der Malgrund bestand aus einer langen Bahn Papier auf dem noch versiffteren Fussboden.

Inzwischen war es Neun und kein Start in Sicht. Der Meister choreografierte vor sich hin, kurz: alle mussten ihren Namen auf einen Zettel schreiben und sich dann liegend auf der Papierbahn plazieren. Für das Foto und das Video. Ach du Scheisse, dachte ich, auch das noch! Es dauerte zwanzig Minuten, bis alle fotogerecht drapiert waren. Am Ende legte sich der Meister, der viel Zeit darauf verwendete, sich publikumswirksam aus- und wieder anzuziehen, auf die Gruppe oben drauf. Meine Inspiration lag im Minusbereich.
Irgendwann begann der Meister mit einem Stöckchen in einem Topf schwarzer Farbe herumzustochern und ungelenkt ein paar Tropfen davon auf das Papier zu klatschen. Es sah aus wie Scheisse überdimensionaler Vögel, die gerade viel Spinat zu sich genommen hatten. Eins wars klar: Ich musste hier raus. Und zwar schnell.

Absurderweise sollte die ganze Scheisse nicht nur auf Video aufgenommen, sondern auch noch auf Youtube gestellt werden. Schon Ende der 70er hat sich kein Mensch für das ERGEBNIS von Action Painting interessiert. Meinen Auftritt auf Youtube wusste ich zu verhindern: Nachdem ich mich wiederwillig umgezogen hatte, zog ich mich 5 Minuten später wieder um und zurück. Grusslos und endgültig. Sowas hatte ich bis dato noch NIE getan. Abgesehen von meinen spontanen Abgängen bei meinen früheren one night stands. Aber selbst da hinterliess ich in der Regel kleine Abschiedsnachrichten.

Mit meiner neuen Staublunge machte ich mich aus selbigem und drehte noch eine Caliente-Runde. Glücklicherweise fand ich weder den Gatten und seine Begleitungen, noch verspürte ich den geringsten Drang, auf die Jagd zu gehen. Selbst willige Kubaner liessen mich kalt. Mein neuer Hengst hatte also ganze Arbeit geleistet!

Ein bisschen betrauerte ich diese Sommernacht des Jahres 2012, die unwiederruflich verloren galt. Nicht, dass ich erwartet hatte, dass ein klassisches Meisterwerk des 21. Jahrhunderts entstünde (meine Erwartungen wurden fulminant unterboten), die Tatsache jedoch, dass ich mich stattdessen mit meinem Liebhaber nach dem Balkonstuhl und dem Bettlattenrost der Zerstörung des nächsten Möbelstückes hätte widmen können, stimmte mich schon ein wenig traurig.

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