Freitag, 19. Mai 2017

Shiva wird's schon richten


Ich war gerade 5 Tage ohne Internet, trotz blinkendem Modem und obwohl mein Laptop eine Wlan-Verbindung geortet hatte. Das ist generell nicht weiter tragisch, hätte ich nicht arbeiten und eine Präsentation fertigstellen müssen.
Bevor der Leser jetzt grübelt, an welchem Provider das gelegen haben könnte. Ich kann Sie beruhigen, an keinem aus der Schweiz. Ich befinde mich derzeit nämlich in Varanasi, Indien. Quasi die Aussenstelle meiner helvetischen Redaktorenstelle. Die Ganz-weit-aussen-Stelle. Derartige IT-Probleme zu lösen wird hier allerdings ganz anders erledigt als bei uns.

Phase 1 – Anfragen ignorieren: Es macht keinerlei Sinn, in den ersten 24 Stunden überhaupt auf irgendwelche Hilfe zu hoffen. Nach dieser Karenzzeit könnten Sie das Problem ein, zwei Mal beiläufig erwähnen. Der Inder wird dann so tun, als habe er zugehört und lächelt Sie freundlich an, um Sie in Sicherheit zu wiegen.

Phase 2 – Nachfragen ignorieren: Nach etwa zwei Tagen, während Sie schon 30 Mal verzweifelt versucht haben, die Sache selbst zu regeln, indem Sie sinnlose Tätigkeiten wie Strom/Modem/Laptop an- und ausschalten sowie runterfahren und neustarten, Kabel und Stecker kontrollieren, Netzwerk zurücksetzen etc. durchgeführt haben, können Sie nochmal vorsichtig nachfragen.
Wenn Sie das per Mail zu tun gedenken, wird Ihnen das wenig nutzen. In Indien gilt die einfache Regel: Willst du auf eine Mail nicht antworten, dann antworte nicht. Im Falle eines Internetausfalls mach eine Anfrage per Mail sowieso keinen Sinn.
Wenn Sie meinen, einen potenziell Verantwortlichen erkannt zu haben, sprechen Sie ihn persönlich an. Er wird Sie vermutlich mit den beschwichtigenden Worten «Yes mam, wir arbeiten dran» anlügen und hoffen, dass einer der 330 Millionen Hindu-Götter das Problem schon irgendwann lösen wird. Sollte allerdings Shiva seine Hand im Spiel haben, ist die Sache gegessen. Wo der Gott der Zerstörung einmal tätig war, bleibt kein Stein auf dem anderen. Und von neumodischem Kram wie Internet hält er gar nichts.

Phase 3 – Hoffnung schüren: Irgendwann wird Ihnen jemand vorübergehend Hoffnung machen, indem er sich, warum auch immer, nach Ihrem Betriebssystem erkundigt. Wenn Sie jetzt mit Mac antworten müssen, weil Sie einen Mac haben, war's das. Denn freundlich aber bestimmt wird man Ihnen mitteilen, dass man im Falle von Windows in ein, zwei Tagen eventuell einen Techniker hätte aufbieten können, aber Apple, nein, das sei schwierig. Also unmöglich.
Inzwischen fand ich in den Strassen von Varanasi ein Schild mit der Aufschrift IT VIEW – a door to get all IT Solutions. «Hat schon drei Jahre geschlossen», sagt einer, als ich gerade durchs verdreckte Fenster eine Fachkraft versuche zu erspähen. Die sind wahrscheinlich alle in der Schweiz und programmieren was das Zeug hält.

Phase 4 – Wunder geschehen: Wenn Sie schon erwogen haben, aufzugeben und sich in den Ganges zu stürzen (eine giftige Kloake, Mekka für jeden suizidbereiten Pilger), wird ein Ihnen bisher unbekannter Mann kommen, mit dem Köpfchen wackeln und einfach das Modem austauschen, denn: «Yes mam, wir wissen, dass das Modem einen Wackelkontakt hat, aber wir wollten mal abwarten, ob sich das von selber wieder gibt.»
Während der internetlosen Zeit habe ich übrigens einen Roman geschrieben und Gandhis gesammelte Werke aus dem Hinduistischen übersetzt. Draussen fliegt Shiva auf einem Schwein vorbei und zeigt mir den Mittelfinger.
Namaste.
(Erstveröffentlichung: Computerworld Nr. 6/17)

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