Mittwoch, 27. Februar 2019

DAS LOS DES KÜNSTLERS




Wenn man kreativ tätig ist, ob nun als Autor, Drehbuchschreiber, Maler, Musiker, Schauspieler, Fotograf, Illustrator, Theatermensch und was es sonst so alles gibt, wird man von den anderen, ausserhalb dieser Branchen, manchmal ein bisschen beneidet. Das kommt in der Regel aber eher selten vor, zumindest so lange man nicht den grossen Durchbruch geschafft hat, der nur Wenigen zuteilwird. Meist wird man allerdings belächelt und nicht wirklich ernst genommen.

Oft wird jedoch vergessen, dass es sich eben nicht, wie gerne behauptet, um ein Hobby handelt, sondern um den Beruf, mit dem man sein Geld verdient, ja meist gar um die Berufung, weil man nicht anders kann. Weil es das Einzige ist, was für einen selbst Sinn ergibt.

Wer nicht kreativ tätig ist meint in der Regel, das alles sei keine richtige Arbeit und das macht sich so nebenbei. Oft sogar mit der unverschämten Annahme, das müsse auch nicht entlohnt werden.

«Sei doch froh, dass Du bei uns auftreten darfst, das ist doch gratis Werbung für Dich.»

«Kannst Du nicht mal schnell einen Text liefern, das ist für Dich doch kein Problem. Ach so, zahlen können wir leider nichts. Danke für Deine Mitwirkung.»

«Wir suchen für einen Film Darsteller, leider lässt unser Budget keine Gage zu, aber es gibt Verköstigung und eine Umarmung.»

Jeder, der aber schon einmal unter Schweiss, Herzblut und Tränen ein Buch geschrieben, auf eine Vernissage hingearbeitet oder sich auf eine Rolle vorbereitet hat oder darauf, eine Rolle zu ergattern, weiss, das ist harte Knochenarbeit, die viel Zeit, Energie, Disziplin, Geduld und Selbstvertrauen benötigt. Es bedeutet viel Vorfinanzierung, Monate, in denen man sich abrackert für das jeweilige Projekt, das dann irgendwann einmal, wenn es zustande kommt und Erfolg hat, Geld einspielt. Oft ist selbst das nicht einmal der Fall. Es bedeutet Mut und den Willen, Risiken einzugehen. Wer vielleicht noch Verantwortung für Kinder hat, wagt sich noch weiter vor.

Und: Auch wenn man gerade keine Rolle hat oder kein Buch draussen ist, keine Ausstellung ansteht usw. man ARBEITET. Immer. Jeden Tag. Klinkenputzen ist zeitaufwendig und anstrengend. Das läuft nebenher zur eigentlichen künstlerischen Tätigkeit. Oft laufen verschiedene Projekte parallel, man schreibt an verschiedenen Büchern, muss dort einen Text bis zu einer bestimmten Deadline abgeben, da an einem Drehbuch schreiben, zwischendurch ein paar Bilder malen, bezahlbare Räume suchen, Termine koordinieren, Lesereisen organisieren, Messen oder Workshops besuchen, sich mit administrativer Scheisse herumschlagen. Überall muss man sich vorstellen, sich erniedrigen und anbiedern, im Gespräch bleiben, Vorschläge machen, nachhaken und Absagen am laufenden Band einstecken. Dort dann diplomatisch zu bleiben, ist nicht immer einfach.

Und meist ist man mit all dem allein, im stillen Kämmerlein. Manchmal hat man tagelang keine Sozialkontakte, zumindest nicht persönlich. Zuspruch erhält man, wenn man Glück hat, von einigen wenigen Freunden oder der Familie, wenn die einem wohlgesinnt ist. Manchmal spricht man mit sich selbst, um überhaupt mal mit jemandem geredet zu haben. Kunst machen bedeutet oft auch Einsamkeit und Verzicht.

Und zwischendurch muss man immer schauen, dass Geld für die Miete, die Krankenkasse, die Versicherungen, das Fressen aufn Tisch usw. reinkommt. Ganz zu schweigen von der Altersvorsorge. Man muss sich also auch noch um sogenannte Brotjobs kümmern, die bekanntlich nicht auf der Strasse liegen und auch nicht von selbst zum Fenster reingeflogen kommen. Um dann zwischendurch zu hören: "Mach doch mal was richtiges." Man zweifelt an seinem Talent und Können. Das ist Gift. Natürlich darf man der Realität nicht blind gegenüberstehen. Manches Talent reicht vielleicht nicht. Manches Talent ist vielleicht nur Naivität. Trotzdem, wer ein Künstler ist und wer nicht daran festzumachen, wer davon leben kann, ist falsch. Die Mehrheit muss mehrgleisig fahren, um Leerlauf zu überbrücken und über die Runden zu kommen.

Ja, wir haben uns das so ausgesucht, oder ES hat uns ausgesucht, ja wir haben das so gewollt. Das ist auch gut so. Wir wollen uns nicht beklagen. Und nein, es ist nicht nur Spass, es ist echte Arbeit. Immer mit der Angst im Nacken, dass es diesen Monat nicht reicht. Das geht natürlich allen Freischaffenden/Selbstständigen so. Man muss sich täglich selbst motivieren und aufraffen. Auf der Suche nach Perfektion geisselt man sich mitunter selbst. Man versucht sich zu verbessern, weiterzuentwickeln und sich gleichzeitig treu zu bleiben.

Kunst zu machen, welche Art auch immer, ist kein Hobby und kein Seich, es ist nicht etwas Unanständiges oder Falsches. Künstlerisch und kreativ tätig zu sein benötigt unglaublich viel Kraft und Biss. Denn vor allem heisst es mit ständiger Ablehnung oder im schlimmeren Falle Ignoranz umzugehen. Man strampelt sich ab, man bewirbt sich, man spricht vor, man schreibt Texte für Wettbewerbe, man bewirbt sich für Stipendien... Am Ende bekommt aber immer nur einer oder eine den Zuschlag. Und auch wenn man knapp vorbeischrammt, knapp vorbei ist eben auch daneben. Man muss es schlucken und weitermachen.

Oft kommen, wie im Literatur-, Bildende-Kunst- oder Filmbusiness der Fall, erschwerend noch mafiöse Strukturen und Vetternwirtschaft zum Zug, was die Sache nicht einfacher macht. Wer nicht mehr jung und frisch und unverbraucht ist oder sich selbst treu bleibt und keinem dämlichen Trend hinterherjagt, unangepasst ist und sich nicht für das, was gerade angesagt ist, verbiegt, hat meist schon verloren. Die Arroganz von Literaturkritikern oder Kunst-Kuratoren beispielsweise ist meist kaum zu überbieten. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden. Oft wird Geschmack aber auch von den sogenannten Experten gemacht und das Publikum folgt. Leider folgen auch immer mehr Leute sogenannten Influencern, die in der Regel (mit Ausnahmen) als einzige Argumente Schönheit und Jugend vorweisen können. Zu influencen ist sicherlich auch mit Arbeit verbunden, ein Beruf ist es deshalb noch lange nicht. 

Es gibt Millionen von uns und nur ganz wenige kommen zum Zug. Das heisst aber nicht, dass mindestens die Hälfte jener, die immer knapp vorbeirauschen, nicht talentiert, nicht gut, nicht spannend sind und wert veröffentlicht, verfilmt, auf die Bühne oder vor die Kamera gelassen zu werden. Sie passen vielleicht gerade nicht zu diesem Projekt. Sie entsprechen möglicherweise nicht den Befindlichkeiten der jeweiligen Jury oder dem jeweiligen Hype um eine Kunstrichtung. Auch, weil viele Lektoren, Produzenten, Juroren selbst nicht mutig sind und lieber auf Nummer sicher gehen. Was natürlich letztlich immer mit Geld zu tun hat. Doch wer Mut zur Nische hat, wird mitunter auch mit phänomenalem Erfolg im Mainstream belohnt. 

Mit all diesen Ablehnungen, Selbstzweifeln und Enttäuschungen umzugehen, das alles nicht immer persönlich zu nehmen, aufzustehen und weiterzumachen, weiterhin an sich und das, was man tut zu glauben, bedarf eines starken Charakters. Viele geben auf, viele kommen unter die Räder. Ich will hiermit eine Lanze für alle Kreativen brechen und dafür, dass sie in Zukunft mit mehr Respekt behandelt, ernst genommen und weniger belächelt werden. 

AUFGEBEN IST KEINE OPTION!





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