Montag, 4. Mai 2015

Das Ende der Fahnenstange






Das Ende der Fahnenstange

Je schlechter heute ein Blatt, desto grösser sein Abonnentenkreis. Einst war die Presse wirklich der Vorkämpfer für die geistigen Interessen in Politik, Kunst und Wissenschaft. Der Bildner, Lehrer und geistige Erzieher des grossen Publikums. Sie stritt für Ideen und versuchte die grosse Menge zu diesen Ideen emporzuheben. Allmählich aber begann die Gewohnheit der bezahlten Anzeigen....

Bei dieser Einleitung handelt es sich nicht, wie man annehmen könnte, um den Anfang eines soeben entstandenen Textes aus heutiger Sicht auf die Presse, sondern um den Anfang eines Leitartikels aus der ­Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst "Die Aktion" vom 29. Januar 1913, herausgegeben von Franz Pfemfert. Dass es mit dem Journalismus bergab geht, ist also keine Neuerscheinung des 21. Jahrhunderts. Spätestens dann nämlich, als sich Verlage und Redakteure in den schnöden Dienst des abonnierenden Publikums und dessen Geschmack und somit auch in jenen der Anzeigenkunden begaben, wurde das Zeitungmachen zu einem gewöhnlichen und durch und durch heuchlerischen Geldgeschäft. 

 Wer heute behauptet, einzig und allein der Wahrheit verpflichtet zu sein, hat damit schon seine erste Lüge vom Stapel gelassen.
Ein Journalist von Ehre, so sollte man meinen, würde sich lieber eine Hand abhacken lassen, als das Gegenteil von dem zu sagen, was er denkt oder sogar nicht auszusprechen, was er denkt. Das Geschäft mit abgehackten Händen läuft schlecht, soviel ist klar. 

 Arschkriechen hingegen ist schwer in Mode gekommen. Dem hatte sich Hunter S. Thompson, der "Begründer" des Gonzo-Journalismus, bis zu seinem spektakulären Abgang im Februar 2005 immer erfolgreich widersetzt. Auch wenn er mehr aus subjektiver, anstatt objektiver Sicht über die Welt berichtete und mitunter übers Ziel hinausschoss, so steckte in seinen Artikeln mehr Wahrheit und Stil als in den meisten gottverdammten Ergüssen heutiger Vertreter der gemeinen Journaille. Journalist eine ungeschützte Berufsbezeichnung übrigens, mit der sich jeder Möchtegernschreiber und Hobbyrechercheur schmücken kann, selbst der Blogger von nebenan, der keinen gerade Satz zustande bringt und dessen Content aus schlecht zusammengefügten Copy-Paste-Fragmenten besteht.

 Zwar entspricht die Arbeitsweise des Gonzo-Journalismus nicht den Anforderungen an Journalisten, wie sie zum Beispiel der deutsche Pressekodex vorgibt, doch ist eine Vermischung realer, autobiographischer und wenn's sein muss auch fiktiver Erlebnisse immer noch besser als der gleichgeschaltete Einheitsbrei der heutigen Medien. Lieber ein paar Thompson-Stilelemente wie Sarkasmus, Polemik, Schimpfwörter und Humor als ein lieblos hingerotztes Gesülze, das dem Inserenten Honig ums Maul schmiert und den Leser fehlleitet oder zu Tode langweilt.

 Bei gewissen Magazinen und Zeitungen ziehen heute nur noch Parteien im Hintergrund die Fäden, wie beispielsweise bei der Schweizer "Weltwoche", die man mittlerweile gut und gern den verlängerten Arm der nationalkonservativen SVP nennen kann. In anderen Ländern wie Italien oder Russland kontrollieren gleich ein einzelner Typ, der mehrheitlich mit dem Geschlechtsteil denkt oder ein grössenwahnsinniger Freund der Raubtierjagd ganze Medienlandschaften. Beide geblendet durch Allmächtigkeitsphantasien. 

 Ganz zu schweigen von irgendwelchen volksverdummenden Propagandablättchen von Zentralkomitees der Kommunistischen Partei wie etwa die "Granma" in Kuba, die "Rodong Sinmun" in Nordkorea und praktisch die gesamte Presse in China, im Iran, im Sudan und Saudi Arabien oder gewisse Schmierblätter US-amerikanischer Puritaner und konservativer Populisten, um nur einige Bespiele zu nennen. 

 Und ja, auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist nichts so begrenzt wie die eigene Presse: Jede Menge in den amerikanischen Medien angestellten Redakteure waren oder sind Mitarbeiter der CIA auch in sogenannten renommierten Blättern wie der "Times" oder der "Newsweek", schrieb Pulitzer-Prize-Gewinner und Reporter der "Washington Post" Carl Bernstein bereits Ende der 1970-er Jahre im "Rolling Stone". Zusammen mit Bob Woodward deckte er die Hintergründe der Watergate-Affäre auf. Und Ex-CIA-Direktor William Egan Colby sagte vor seinem Tod: "The CIA controlled every major media asset in the USA." Er kam übrigens unter mysteriösen Umständen bei einem Bootsunfall ums Leben. Im Zuge dessen, was mit der NSA-Affäre ans Tageslicht geschwappt ist, ist nicht davon auszugehen, dass es heute um die Unabhängigkeit der Presse viel besser bestellt ist.

 Die Zeiten von Watergate sind eindeutig vorbei. Heute wird die Wahrheit zugunsten von Vertuschungs- und Kriegsszenarien, Shareholdern, Wirtschaftsbossen, Parteien, Interessenvertretern und im Namen des Wettbewerbs bis zur Unkenntlichkeit gedehnt. Inhalt und Sprache bleiben dabei auf der Strecke. Eine freie Presse sieht anders aus und Gonzo ist schon lange tot. Hätte er seine Asche nicht mit einer Rakete in den Himmel von Colorado katapultieren lassen, Thompson würde sich im Grabe umdrehen.



FLEDERMAUSLAND
Diverse Wahrheiten über Wasserstände, Paranoia, Journalismus und Hunter S. Thompson
Erste Auflage /gONZoverlag 2014
http://www.gonzoverlag-shop.de/
 

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