Montag, 25. April 2011

Ein konspiratives Treffen

"I am just a patsy" (Oswald gegenüber der Presse nach dem Kennedy-Attentat; ein Tag vor seiner eigenen Ermordung)


Es war die Nacht vom 19. auf den 20. März 2011, als ich vier Uhr morgens barfuss ins Nebenzimmer tappte, die Balkontür öffnete und wie in Trance den unglaublich riesigen Vollmond fotografierte. Er war grösser als sonst, schien es mir, und leuchtete grell und speckig wie ein fetter Käse aus dem schwarzen Nichts ins Zimmer. Die Nacht war schlaflos, aber das lag nicht am Mond. Am Abend zuvor waren ein Freund und ich zu einem geheimen Treffen, an einem geheimen Ort, mit einer geheimnisumwobenen Frau verabredet: Judyth Vary Baker, die ehemalige Geliebte von Lee Harvey Oswald, dem angeblichen Mörder von John F. Kennedy. 

Aus Sicherheitsgründen - auch heute noch muss Judyth um ihr Leben bangen - hatte das Treffen offiziell nie stattgefunden. Ich hätte allerdings auch nicht gewusst, wem ich davon hätte erzählen können. Hätte man mir überhaupt geglaubt oder mich einfach für verrückt erklärt? Ich selbst konnte es kaum fassen, dass ich vier Stunden mit einer der letzten und wichtigsten Zeuginnen zum grössten und unergründlichsten Attentat des 20. Jahrhunderts am selben Tisch sass. Dass ich von ihrer Coca Cola mit Schokoladensirup kostete, Originaldokumente und Fotos aus den 1960er Jahren untersuchte und mit ansah, wie sie unter Tränen das ins A4-Format vergrösserte, vergilbte Passfoto ihres geliebten Lees küsste. Auch mein Freund, dem ich diese Begegnung zu verdanken hatte und der sich seit Jahren darum bemühte, die letzten Geheimnisse um das Kennedy-Mordkomplott zu lüften, geriet in Anwesenheit dieser aussergewöhnlichen Frau ein wenig aus der Bahn.
Auf dem Stuhl neben mir lag mein Exemplar ihres kürzlich in Englisch erschienenen Buches «Me & Lee: How I came to know, love and lose Lee Harvey Oswald». Ich hatte in Vorbereitung auf das Abendessen sieben Stunden in diesem 672 Seiten dicken Werk gelesen und befand mich schon vor dem Zusammentreffen mit Judyth in einer Art Zwischenwelt: Im New Orleans der 1960er Jahre, in Zeiten des kalten Krieges mit Spionen und Doppelagenten, Mafiabossen, Geheimnisträgern, Nachtclubs mit leichten Mädchen, der über allem schwebenden Gefahr eines dritten Weltkrieges und der Hoffnung in einen Präsidenten, der die Geschicke der Welt in die richtige Bahn lenken würde.
Judyth Vary Baker war 1963 gerade 20 Jahre alt, als sie «zufällig» im Postoffice von New Orleans auf Lee H. Oswald traf. Eine Begegnung, die ihr Leben für immer verändern und in einen Albtraum verwandeln sollte. Etwa ein halbes Jahr lang hatte die hochbegabte Studentin eine aussereheliche Love Affair mit dem ebenfalls verheirateten, und scheinbar ausgesprochen charmanten CIA-Agenten. Sie arbeitete zusammen mit den Krebsforschern Dr. Alton Ochsner und Dr. Mary Sherman an der Züchtung eines Virus, der Lungenkrebs auslösen und schliesslich Fidel Castro beseitigen sollte. Zwischen Mai und September 1963 ging sie nicht nur mit Lee Harvey Oswald ins Bett, sondern traf durch ihn auch auf mysteriöse Gestalten wie den bizarren, homosexuellen Privatdetektiv David Ferrie, Mafiaboss Carlos Marcello, den fanatischen Ex-FBI-Agenten und Detektiv Guy Banister, der Anti-Castro-Aktionen leitete, und den Nachtclubbesitzer Jack Ruby, den Oswald für einen Freund hielt und der ihn später vor laufenden Fernsehkameras erschoss. Judyth sass zu dieser Zeit in Florida vor dem Fernseher und musste live mit ansehen, wie ihr Leben innerhalb von wenigen Sekunden zerstört wurde.
Im Gespräch mit uns wirkt sie gefasst und klar, hat Wissen ganzer Enzyklopädie-Ausgaben im Kopf und eine Erinnerung, die ein fotografisches Gedächtnis vermuten lässt. Auch wenn sie noch immer unter den Geschehnissen von 1963 leidet, hat sie doch ihren Humor wiedergefunden: Als der Kellner einen Scherz macht, dass die Nacht noch jung sei, antwortet sie trocken «Ich wünschte, ich wäre so jung wie die Nacht.» Dann beisst sie in ihr Lammfilet, das sie ausdrücklich «bleu», also fast roh, bestellt hatte. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht zimperlich ist. Ein Charakterzug, der ihr vermutlich erst ermöglicht hat, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.
Als die Warren-Kommission, die das Kennedy-Attentat vom 22. November 1963 untersuchte, am 21. Juli 1964 mit ihren Vernehmungen in New Orleans begann, wurde Dr. Mary Sherman bestialisch in ihrer Wohnung ermordet. Bevor sie vor der Kommission aussagen konnte. FBI-Agent Guy Banister starb im Juni 64 angeblich an einem Herzinfarkt. Das FBI «säuberte» sein Büro, seine Ermittlungsergebnisse wurden konfisziert. David Ferrie, Hauptzeuge bei den Ermittlungen gegen den Geschäftsmann Clay Shaw, der später als einziger wegen des Attentats auf JFK angeklagt wurde und 1974 an metastatischem Lungenkrebs starb, erlag bereits drei Monate vor seiner Freundin Sherman an einem fingierten Selbstmord. Ebenfalls kurz bevor er seine Aussage machen konnte. Einen Tag nach Ferries Ermordung wurde auch der mit ihm eng befreundete Exilkubaner Eladio de Valle mit eingeschlagenem Schädel und Schuss ins Herz tot aufgefunden. Alle waren irgendwie in den Fall Kennedy verwickelt. Eine Unzahl mysteriöser Todesfälle sollte folgen. Viele hatten seltsame Unfälle, an deren Folgen sie starben oder erlagen einer «galoppierenden» Krebserkrankung. Auch Jack Ruby starb nach einer Injektion eines Gefängnisarztes innerhalb von ein paar Wochen im Januar 1967 an Lungenkrebs. Zwischen 1963 und 1982 sterben mindestens 110 (Zeit)zeugen, Familienmitglieder und Freunde involvierter Personen, Ermittler und Journalisten an Krebs, Vergiftungen, Herzattacken, bei Unfällen, durch angeblichen Selbstmord oder werden ermordet. Auch Judyth widerfahren zwei seltsame Autounfälle, denen eine telefonische Warnung mit der Frage folgt, ob sie einen weiteren Unfall haben wolle.
Ferrie hatte Judyth Vary Baker einen Tag nach dem Kennedy-Attentat bereits mit folgendem Satz gewarnt: «Wenn du am Leben bleiben möchtest, dann ist es an der Zeit, dass du dich in die Katakomben zurückziehst. Versprich mir, dass du deinen Mund halten wirst!». Judyth Vary Baker hatte ihre eben erst begonnene, erfolgsversprechende wissenschaftliche Karriere an den Nagel hängen müssen, weil sie wegen ethischen Bedenken in Ochsners Ungnade gefallen war. Nun verschwand sie für immer in der Versenkung. Anstatt ihren grössten Traum zu verwirklichen, ein Mittel gegen Krebs zu finden, zog sie fünf Kinder gross und musste sich später sogar ins Exil nach Skandinavien zurückziehen. Drei ihrer fünf Kinder wollen heute nichts mehr von ihr wissen. Den Verlust von Lee Harvey Oswald hat Judyth nie verwunden. Noch heute kämpft sie um die Rehabilitierung ihres Geliebten, koste es, was es wolle. Und wenn es das eigene Leben ist.
Spätestens nach diesem Treffen und der Lektüre ihres Buches war klar, was jeder vernunftbegabte Mensch zumindest in Betracht ziehen sollte und ich im tiefsten Inneren meines Herzens schon immer wusste: Oswald war nicht nur kein Einzeltäter, er war überhaupt kein Täter. Er musste als Sündenbock herhalten. Sicherlich war er kein unbeschriebenes Blatt und hat als Agent spioniert, gelogen, Menschen benutzt und schreckte auch nicht davor zurück, den gezüchteten Krebs an gesunden Menschen zu testen. Aber ein Präsidentenmörder war er nicht. Im Gegenteil, bis zuletzt versuchte er die Bluttat noch irgendwie zu verhindern. Vielleicht erliege ich einem grossen Irrtum. Aber Judyth ist so gebildet und smart, so intelligent und überzeugend, dass es schwer ist, irgendetwas, was sie erzählt, anzuzweifeln. Zu perfekt passen ihre Aufzeichnungen und Dokumente ins grosse Verschwörungspuzzle um die Ermordung Kennedys. Zu klar ist ihr Verstand, zu detailliert ihre Erinnerungen, zu akribisch und analytisch ihre Tagebucheinträge, zu logisch ihre Argumente, als dass es sich dabei um Fiktion oder Lügen handeln könnte. Die Fotos und Unterlagen sprechen für sich. Zudem ergäbe es keinen Sinn, sich eine derartige Geschichte auszudenken und das eigene Leben zu gefährden. Sicher mag die eine oder andere Seite im Buch, die eine oder andere Erinnerung an Oswald aus der Sicht einer zwanzigjährigen, verliebten jungen Frau etwas verklärt und schöngefärbt anmuten. Im Grossen und Ganzen sind Judyths Buch und ihre Darstellung der Ereignisse von 1963 stimmig und logisch und bestätigen viele der bisher veröffentlichten Ermittlungsergebnisse unabhängiger Investigatoren.
Zum Abschied schrieb sie mir folgende Widmung in ihr Buch: To Susann: For a lovely lady with a sweet smile, who, I hope, will be inspiried to keep the truth alive for her generation ("the truth will set you free"). Sincerely, Judyth Vary Baker, March 19, 2011
In Anbetracht des unglaublichen Vertuschungstalents der amerikanischen Regierung, allem voran der CIA, ist es fraglich, ob Lee Harvey Oswald zu Judyths Lebzeiten rehabilitiert wird oder ob die ganze Wahrheit über die Ermordung John F. Kennedys, die die Weltgeschichte ins Wanken brachte, überhaupt je ans Tageslicht gelangt. Zu wünschen wäre es ihr von ganzem Herzen.

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