Sonntag, 10. April 2011

Warum einfach, wenn es IT gibt?



Irren ist menschlich. Wer etwas richtig Schlimmes anstellen will, braucht schon einen Computer. Er hilft uns, schneller in den Wahnsinn zu kippen. Millionen verzweifelter IT-Nutzer stehen derzeit auf den Hügeln des Silicon Valley, um es meinem Computer gleich zu tun. Kurz: um abzustürzen.

Die Geschichte der IT ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Zum Beispiel zwischen IT- und Finanzabteilung oder zwischen PR-Verantwortlichen und IT-Journalisten, aber vor allem zwischen der IT an sich und dem gemeinen Nutzer, neudeutsch User. In kaum einer Fachrichtung wird so viel fehlinterpretiert und falsch oder nicht verstanden und verbockt wie eben hier. Nicht umsonst lief die Informatik in ihren Anfängen unter dem vielsagenden Kürzel EDV (Ende der Vernunft). Jedenfalls ist es ja schon nahezu unmöglich, Aussenstehenden zu erklären, worüber genau ich denn nun schreibe. Die Antwort meines Gegenübers lautet denn auch in der Regel: «Ach so, irgendwas mit Computer also.» Ja, im Grossen und Ganzen könnte man es in der Tat so umschreiben, denn mit irgendeinem Computer hat ja alles immer irgendwie zu tun. Leider, neigt man zu sagen, denn wer hat schon einmal einen Tag erlebt, an dem mit der IT alles rund lief? Klar, hinter der IT steht immer nur der Mensch, will sagen Mann, der das Problem herbeigeführt hat und dann auch wieder lösen muss und das, wider Erwarten, in seltenen Fällen sogar kann. Gut, in der Regel taucht dann ein anderes Problem auf, aber dafür wird die Informatikabteilung ja schliesslich (über)bezahlt.

Jedenfalls wurde die IT seinerzeit nur erfunden, weil es dem Manne schwerfiel, eine Schreibmaschine zu bedienen und die Frau nicht rechnen kann. So kam es, dass der Computer Einzug hielt, der Beruf des Informatikers erfunden wurde und seither die
psychiatrischen Anstalten mit Programmierern, die am Burn-out-Syndrom leiden und durchgedrehten IT-Endverbrauchern überfüllt sind. Da wundere sich noch einer, dass die Jugend eine Ausbildung zum Informatiker tendenziell eher ablehnt und stattdessen lieber der alten Tradition fröhlicher Gemeinschaftsbesäufnisse frönt. Das haben wir nun davon. Die hypermodernen Maschinen haben das Kommando übernommen. Wir werden (ab)gelenkt von E-Mails, Pop-ups, Blogs, flimmernden Sekunden-Botschaften, Tags, Bits und Tits. Wir stecken bis zum Hals im kulturellen Quantenschaum, wie es ein Blogger kürzlich so passend formulierte. Obwohl sich die Geschichte der Informationstechnik in ihren Anfängen eigentlich um elektronische Rechenanlagen drehte. Dabei ist Be-Rechnen im Grunde Frauensache, doch wir haben ja bekanntlich mit IT nicht so viel am Hut. Schuhe kaufen macht einfach mehr Spass.

Auch die Sprache der IT lässt einige Fragen offen, denn sie bleibt für den Normalsterblichen mit all ­ihren eigenartigen Abkürzungen, bei denen nicht mal die Erfinder noch wissen, was sich hinter den einzelnen Buchstaben verbirgt, in der Regel ein Buch mit sieben Siegeln. Ganz zu schweigen von der eManie und iDiotie. Der Rest ist geklaut: Aus der Bierwerbung (Bit), vom Volkssport australischer und kalifornischer Jungs mit knackigen Körpern und langen Haaren (surfen), aus der Tierwelt (Maus, Wurm), der Medizin (Virus), der Mythologie (Trojaner), der Verkehrstechnik (Bus), der Anwalts-Branche (Client), der Esoterik (Second Life) oder der Sexualforschung (Penetrationstest).

Nach so langem Herumgezeter könnte man an dieser Stelle eine ­Liste der Vorzüge und Erfolge der IT bringen: Doch da es sich hier um ­eine Satire-Kolumne (schön, dass Sie es jetzt auch gemerkt haben) handelt, fühle ich mich quasi dazu verpflichtet, mich mehr den Flops (Floating Point Operations per Second) und Experten-Irrtümern zu widmen. Und derer gab es viele!

Zugegeben, Vorhersagen sind immer schwierig, vor allem über die Zukunft. Doch bei manchen Falschaussagen gewisser berühmter IT-Experten könnte man fast den Eindruck bekommen, sie wären im zweiten Bildungsweg noch Analyst geworden. «Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt», sagte beispielsweise ein ­gewisser Thomas Watson, seines Zeichens Mitgründer von IBM
(In Search Of The Big Money). Ja Herr Watson, denken war dann doch nicht so ganz Ihr Steckenpferd, würde ich mal sagen. Dem Zitat «Es gibt keinen Grund dafür, dass jemand einen Computer zu Hause haben will», das von Ken Olsen von DEC (später von Compaq übernommen, zu Recht) stammt, kann ich hingegen voll und ganz zustimmen. Wieso nun doch jeder so eine Kiste zu Hause stehen hat, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich um den täglichen Querelen einer gescheiterten Ehe zu entfliehen oder im Falle eines Single-Daseins die Einsamkeit zu ­kaschieren. In beiden Fällen kann der Computer einem vorgaukeln, dass man doch so etwas wie ein Leben hat. Und sei es nur im Second-Life. Hat übrigens irgendjemand von diesem Super-Trooper-Ober-Mega-Hype in letzter Zeit etwas gehört? Ich nicht. Doch kommen wir zurück zu den Experten.

Als kompletter Irrtum erwies sich die Voraussage von Bill Gates, dass OS/2 das Betriebssystem der 90er Jahre werde. Wurde es nicht, es scheiterte auf ganzer Linie. Zum Glück gab es die Marketingabteilung, der man die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Kommt übrigens immer gut. Schliesslich irrte sich Bill kurze Zeit später gleich nochmal, als er fröhlich herausposaunte «Das Internet ist nur ein Hype». Was sagt uns das? Auch ohne die geringste Ahnung von der Sache kann man zum reichsten Menschen der Welt werden.

Roger Smith, irgendwann einmal Frontman bei ­General Motors, propagierte, dass wir zur Jahrhundertwende in einer papierlosen Gesellschaft leben. Okay, okay, er hat nicht erwähnt, zu welcher Jahrhundertwende, er hat also im Jahr 2100 noch eine zweite Chance.

«Wer braucht eigentlich diese Silberscheibe?», fragte einst Jan Timmer, Ex-Vorstandsmitglied von Philips
. Gemeint war die CD. Später wurde die Frage leicht abgewandelt erneut gestellt: «Wer braucht eigentlich Jan Timmer?» Damit hatte sich der Fall erledigt. William Orton machte hingegen bereits 1876 eine schlaue Aussage, als er sagte «Das Telefon hat so viele Mängel, dass es nicht ernsthaft als Kommunikationsmittel taugt. Das Ding hat für uns an sich keinen Wert.» Irgendwie hat sich diese Vor­aussage ja bestätigt, wenn man sich die modernen Handys mal anschaut. Man kann mit ihnen zwar das Bügeleisen fernsteuern, schmutzige Videos mit seinen Freunden teilen, die Garagentür des ungeliebten Nachbarn verriegeln oder das Fell seines Pitbulls trimmen, nur herauszufinden, wie man damit telefoniert, ist zunehmend schwieriger geworden.

Und Darryl F. Zanuck, vor Urzeiten Chef von 20th Century Fox, behauptete gar zur Zukunft des Fernsehers befragt: «Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren.» Bekanntermassen hockt mittlerweile die halbe Menschheit derart viel vor dieser Sperrholzkiste, dass der eine oder andere mitunter vom Fernsehsessel direkt in eine andere Sperrholzkiste umgebettet werden muss. Doch das ist Gegenstand meines nächs­ten Referates zum Thema «Macht Fernsehen dumm?» Guten Tag. Ihr COOO (Chief Out Of Office).


(diese Kolumne ist erstmals im IT Reseller erschienen)

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