Donnerstag, 23. Juni 2011

Wetter, Wetter, Wetter


Wie beginnt man eine Kolumne zum Thema Sommerfeeling, wenn man Mitte Juni bei Dauerregen und acht Grad Celsius mit klappernden Zähnen auf dem Sofa sitzt und sich mit einem heissen Yogitee versucht warme Gedanken zu machen? Um ehrlich zu sein, ich weiss es nicht. Ich weiss nur eines: früher war alles besser. Zumindest das Wetter. Ich erinnere mich schwach, dass ich als Kind ab 1. Mai immer Kniestrümpfe tragen durfte und mir im Juni bereits den ersten Sonnenbrand im Freibad geholt hatte.

Freibad nannte sich im letzten Jahrhundert eine öffentliche Einrichtung, bei der man im Sommer (siehe unter Sommer) unter freiem Himmel Vergnügungen wie Schwimmen, Picknick, Ballspielen, Sonnen etc. nachgehen konnte. Nur als Anmerkung für die Leser, die sich nicht mehr erinnern mögen oder zu jung sind, um zu wissen, was es früher so alles neckisches gab. Aber Kniestrümpfe lassen meine Waden mittlerweile sowieso äusserst unattraktiv erscheinen und die Sonne ist höchstgradig tödlich, wie wir wissen. Bademeister lasst Euch umschulen. Zum Beispiel zum Wasserski-Lehrer oder Gondoliere.

Eine weitere Option für eine Kolumne wäre das Thema Garten. Aber denselben betritt man während der Monsunzeit auch eher ungern. Der Rasen müsste zwar dringend gemäht werden. Doch auf dem überschwemmten Grün haben sich zwei Wasservögel bereits ein Nest gebaut. Im Übrigen aus den Zweigen des extra aus Kyoto eingeflogenen, überteuerten japanischen Zierbambus. Aber die Viecher stehen ja unter Naturschutz. Man fragt sich, wozu jeder Schweizer eigentlich eine Waffe im Schrank stehen hat, wenn man im eigenen Garten eh nicht jagen darf. Da wundert es nicht, wenn der eine oder andere alternativ seine Gemahlin abschiesst! Schön wäre es gewesen: Die "Ente Orange" im Schatten des leise im Winde raschelnden Bäumchens zu verspeisen. Soll aber wohl nicht sein. Stattdessen wird mir die kleine Entenbagage in Kürze die frisch getäfelte Marmorterrasse fröhlich vollkacken, während der Erpel seine Gattin durchs Unterholz jagt.

Man könnte sich statt der Wiese einen kleinen Zierteich anlegen, in dem man dann ein, zwei Koifische unter zartlila Lotosblüten herumschwimmen lässt. So als kleine Kapitalanlage, falls der Aktienmarkt mal wieder zusammenbricht. Das Wasser wäre ja schonmal da. Doch dafür müsste man erst einmal vor die Tür. Bei dem Wetter eine Unternehmung, die man sich zweimal überlegt und dann doch bleiben lässt. Ich frage mich, wer denn nun eigentlich an dem Mistwetter Schuld trägt? Die drei Eisheiligen, die Schafkälte oder doch wieder der Ami? Der verbockt ja bekanntlich alles, wie Viele meinen.

Wie auch immer: Ich habe mir sagen lassen, dass der diesjährige Frühling übergangslos in den Winter münden soll. Sommer und Herbst fallen aus. Werden künftig eventuell aus Spargründen gänzlich abgeschafft. Das hat auch Vorteile: Man müsste die Yacht nicht mehr fahrtüchtig machen und könnte sie gleich winterfest am Liegeplatz belassen. Teuer genug ist der ja und die meisten Bootsbesitzer machen sowieso eine bessere Figur, wenn sie nicht fahren. Auch der alljährlich gefürchtete Kampf um die Bikinifigur hätte endlich ein Ende. Wir könnten uns das ganze Jahr hemmungslos vollstopfen und zwölf Monate nonstop Fondue essen. Ohne schlechtes Gewissen. Das gilt natürlich nur für Diejenigen, die ein Gewissen besitzen. Also nicht für mich.

Wir müssten uns auch nicht mehr aufregen, dass die Gelatikugeln zwar immer kleiner, dafür von Jahr zu Jahr immer teurer werden. Während die Eisverkäufer reziprok dazu immer hässlicher aus der Wäsche gucken. Auch die Heinis in ihren Cabrios, die einen im Café an der Ecke zweiundvierzigmal schmierig grinsend umkreisen, blieben einem in Zukunft erspart. Und Songs wie "Wann wird mal wieder richtig Sommer?" würden ein für allemal in den Radioarchiven verschwinden. Wir könnten wieder anfangen zu rauchen, denn der Hautkrebs durch die Sonne fiele dann schonmal weg. Man soll es mit der gesunden Lebensweise ja auch nicht übertreiben.

Ich glaube, ich werde eine Bürgerinitiative für die langfristige Abschaffung des Sommers lancieren und auf Psychologie umsatteln. Gar nicht auszudenken, was ich an den vielen Patienten verdienen könnte, die von der Winterschlappe über die Frühjahrsmüdigkeit nahtlos in die Herbstdepression rutschen! Ich würde reich werden und könnte mir meinen gesamten Garten überdachen und verglasen lassen. Ich würde mir eine künstliche Sonne installieren, ein paar Palmen und einen Riesengrill aufstellen, rassige Kellner aus Lateinamerika anheuern und exklusive, heisse Sommerparties veranstalten. Da dürften sogar Amerikaner mitmachen. Nur Meteorologen, die bräuchte es dann nicht mehr. Denn wen interessiert dann noch das Wetter?


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