Montag, 20. April 2015

DIE FAHRT




Die Sonne hat ihre Schattengrenze gezogen. Sie reicht über's ganze Land bis in den Himmel hinein, aus dem sich Wasser auf die Erde ergiesst, in der Säue bis zur Oberkante Schweinebauch im Morast stehen. Die Nasen knapp über dem Boden, fast als suchten sie Trüffel und finden dann doch nur Kleingetier und Dreck. 

Ich stolpere über meine Gedanken, wenn man überhaupt über Gedanken stolpern kann. Da werden sich jetzt wieder ein paar Krümelkacker zu Wort melden, denen es an Phantasie fehlt, und die die Sprache normgerecht verwendet wissen wollen. Ordnung muss schliesslich sein im deutschsprachigen Schreib-Einzugsgebiet! Wo kämen wir denn hin, wenn jeder denken würde, was er will und ganz zu schweigen von denen, die eben nicht schweigen.

Der Schaum auf dem Kaffee zieht eine Fratze, ich glaube, er stimmt mir zu, was ich wohlwollend zur Kenntnis nehme. Japanische Teenager rennen durch das Zugabteil. Müssen wohl ein bisschen (Atom)-Energie loswerden. "Daas isch doch kei Loufwage!", moniert der Mann auf dem Platz neben mir, der Mann ohne Messer, obwohl seine Frau befunden hat, dass doch jeder Mann ein Messer mit sich zu führen habe, denn andernfalls sei er ein Pinsel. 

Und der Mann sieht das nicht so eng, und zerreisst das Brot mit seinen blossen Händen und nimmt sich das grössere Stück. Zumindest was das betrifft, will er wohl kein Pinsel sein. Nur bei herumrennenden Japanern, da versteht er wirklich keinen Spass. Könnte ja jeder kommen und durchs Abteil fegen, das würde die ganze schöne Ordnung durcheinander bringen. Das müsse man dene Dütsche lassen, in Sachen Ordnung und Pünktlichkeit könne denen keiner was vormachen. Und ich habe lange kein Lob mehr für die Deutschen gehört, aber wenn das alles ist, was uns ausmacht, dann bevorzuge ich fast wieder das chronische Gemecker über uns.

Und ich höre sie sagen: "Ach, ich denk' Du bist jetzt Schweizerin, aber Du sagst immer noch 'uns', wenn Du von den Deutschen sprichst?, und ich verdreh' mal so innerlich die Augen, weil das doch alles sowas von scheissegal ist. Uns betrifft ja immer die Zusammenrottung oder einen Ort, wo man sich gerade befindet und irgendwo muss man ja dazugehören, wenn man nicht gerade ein autonomer Anarchisten-Eremit ist. 

Und auf dem Feld spaziert eine Rotte Wildschweine, die sich vielleicht gerade denken, was für lächerliche Probleme die Menschen doch haben, wenn sie denken könnten, was wir ihnen natürlich komplett absprechen, weil wir uns für die Krönung der Schöpfung halten. Und ich frage mich, wer da eigentlich was woraus geschöpft hat und dass das 'ne ziemliche Drecksbrühe gewesen sein muss, wenn daraus wir entstanden sind.

Und dann fällt mir der Titel für mein neues Buch ein: 'Männer auf Dächern', weil da grad welche im Regen auf einem roten Ziegeldach herumspazieren und ein bisschen unmotiviert-dämlich in die Landschaft starren. Und ihre Lage scheint genauso misslich wie meine, wenn ich jetzt um diesen Titel herum ein Buch schreiben muss. Ich frage mich, wer oder was mich da geritten hat, obwohl ich reiten nicht ausstehen kann, schon allein aufgrund der Tatsache, dass ich eine Pferdeallergie habe. Wer will schon an einem Asthmaanfall , ausgelöst durch einen alten Gaul, krepieren, wenn das auch durch Drogen oder mit einem Herzkasper während der Ausübung exzessiven Geschlechtsverkehrs möglich ist?

Und die Frau vom Mann ohne Messer kommt vom Klo und sagt dort stinke es erbärmlich und ich denke, sag jetzt bloss noch, das können nur die Japaner gewesen sein, aber da hat sie's schon gesagt und was man denn erwarten wolle "eifach kei Aastand, die Uusländer!". Und das mit dem Anstand, das ist so eine Sache, weil, wer sowas denkt und dann auch noch ausspricht...Na, das wäre im Grunde einen Aufstand wert. Aber macht sich ja heute keiner mehr die Mühe. Wir sind anstandslos aufstandslos. 

Und aus dem Prospekt der Deutschen Bahn schaut mich "Der späte Rembrandt" aus einem Selbstbildnis an und sein Blick scheint zu sagen: Nehmt Euch lieber mal ein Beispiel an uns liberalen Holländern. Wir sind entspannt. Und ich schreibe in mein Notizbuch: Montag für die Legalisierung von Cannabis eintreten! Und dann gehe ich auch mal auf das Stinkeklo und stelle fest, dass es gar nicht stinkt und dass die Alte, die die Frau vom Mann ohne Messer ist, den umher rennende Japaner stören, eine Lügnerin ist. Und ich frage mich, wer heutzutage eigentlich nicht lügt. Ich nicht. Zum Beispiel sind in dieser Geschichte ein paar kleine Lügen versteckt, aber ich sage Euch nicht, an welchen Stellen.

Der Schaffner verteilt Waldbeeren Bonbons vom Alpenbauer – bayrische Bonbon-Lutschkultur. Und ich denke mir, was so alles als Kultur durchgeht dieser Tage und was Bauer für ein Scheissjob ist und dass ich doch ganz froh bin, dass ich Schriftsteller bin, auch wenn ich auf fette Subventionen verzichten muss. Aber schon das frühe Aufsteh'n, ach nee, lass ma. Lieber brotlos glücklich, als wohlhabend unglücklich. Obwohl das auch so eine Mär ist, dass Geld nicht glücklich macht. Aber so genau kann ich das auch nicht sagen, weil ich, um das beurteilen zu können, nicht über genügend Kapital verfüge und eigentlich generell nur unglückliche Leute kenne.

Die Bonbons schmecken überhaupt nicht, aber denen von 'Bavarian Sweets' ist das sicher scheissegal, weil Glukose, Zucker, Säurungsmittel, füllen das Konto zu zwei Dritteln. Und dann denk ich mir: Klossek, lass das Reimen mal besser sein, kommt gar nicht gut. Und dann hält der Zug in Buchloe und ich frage mich: Was zum Teufel mach' ich hier?

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