Donnerstag, 23. April 2015

Vernissage



Waren Sie schon einmal auf einer Vernissage? Ich meine auf Ihrer eigenen, als Künstler? Ich rate Ihnen dringend davon ab, es bringt nichts. Nichts als Ärger. 

Definieren wir zuerst einmal das Wort Vernissage: Eine Vernissage ist eine Zusammenkunft von Menschen, die möglichst viele schwarze Mäntel mit schwarzen Rollkragenpullovern und Designerbrillen kombinieren. 
Mindestens jeder Zweite wedelt zudem mit einem roten Schal herum. 

Beim Betrachten der Kunstwerke wird dann darüber diskutiert, was im Künstler während seines Kokaingenusses vor sich ging. "Was hat sich die Künstlerin wohl dabei gedacht?" Ich löse das Rätsel gern: Nichts habe ich gedacht. 

Würde ich denken wollen, wäre ich Philosoph geworden.
Über Kunst zu reden ist genauso sinnlos, wie über Quantenphysik zu tanzen. Trotzdem tun es alle. Sie reden, um wichtiger zu erscheinen. Doch in dem Augenblick, wo ihre Worte zu Sprache werden, haben sie sich schon von der Wahrheit abgespalten wie ein fertiger Schmetterling von seinem Kokon. 

Für die Kunst empfindet ja sowieso jeder etwas anderes. Die meisten nichts. Und für sowas stand man sich sechs Monate lang im Atelier die Beine in den Bauch und hat sich von Dosenfutter und Instantkaffee ernährt. Und Farbdämpfen, wegen der Inspiration. Oder hat sich im schlimmsten Fall ein Ohr abgeschnitten. Perlen vor die Säue!

Und warum wird auf Vernissagen eigentlich immer gegessen und getrunken? Die Leute sollen Bilder gucken. Und kaufen. Dafür hat man sie schliesslich eingeladen. Stattdessen fressen sie einem die Haare vom Kopf, führen mit dem Cüpli in der Hand ihre neuesten Modekreationen aus und interpretieren ihre eigenen Psychosen in die Kunstwerke hinein:

"Nun? Und dieses Bild? Was sagt es Ihnen?
"Hm, ... es scheint... na ja, ich verstehe nicht viel davon, aber es scheint ein wenig ... monoton. Nur eine Linie ... "
"Ja, aber was für eine! Hier zeigt sich deutlich ein Komplex. Ganz deutlich! Schauen Sie, wie die Linie hängt. Da spürt man klar den Penisneid der Künstlerin." 

Natürlich! Als Malerin hat man ja auch nichts anderes zu tun, als sich Sorgen darüber zu machen, dass einem da etwas fehlt, wo der Mann was hat. Aber gut, solange ich einen roten Punkt neben das Bild kleben kann, können mich die Damen und Herren Kunstliebhaber von mir aus auch für unmündig erklären. Dummerweise will aber heutzutage keiner mehr etwas kaufen. Man ist neuarm, man spart. Im besten Fall wird ein Bild geleast. Oder auf Zeit ausgeliehen. 

Vor einer weissen, unbenutzten Leinwand mit einem klitzekleinen schwarzen Punkt, den ein Fliegenschiss hinterlassen hat, fragen sich zwei Kunstexperten, was uns dieses aussergewöhnliche minimalistische Kunstwerk wohl mitteilen möchte. Als ich das Missverständnis aufklären will, lässt meine Galeristin gerade ein Schildchen mit dem Titel "Mann im Schnee" anbringen. Meine Galeristin ist clever. Und geschäftstüchtig.

Am Ende der Ausstellung hat sich zwar keines meiner Bilder verkauft, dafür aber der Glaskasten mit dem Feuerlöscher. 

Es lebe die Kunst!
  
(Erstveröffentlichung in "Seesicht" - www.seesichtmagazin.ch)

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