Mittwoch, 17. Juni 2015

Begegnung in Turin - eine Rezension




Meister der Leere oder wie Malorni das Glück auch in Turin nicht fand
 
Hartmuth Malorny, der schreibende Straßenbahnfahrer, Sonderreiniger ohne Motivation, U-Bahn-Bukowski des Ruhrgebiets, hat sich mit "Begegnung in Turin" endgültig aus dem Underground herausgeschrieben. Auf Seite 93 schreibt er …, manchmal muss man runter, um hochzukommen… Malorny scheint die literarische Talsohle durchschritten zu haben und den Paralympics des Literaturbetriebs entkommen zu sein. 

Wer Saufen-, Ficken-, Nutten-Epigonentum im Sinne der zahlreichen Bukowski-Nachahmer erwartet, wird in diesem Buch nicht fündig. Vielmehr wird Malornys Leben oder das seines Protagonisten Malorni (Frauen kamen, nahmen, gingen und hinterliessen nichts.), was fast auf's Selbe hinauslaufen dürfte, vor uns entblättert und in lesbare Literatur umgewandelt. 

Im Roman passiert nicht wirklich etwas Spektakuläres und das ist auch das Schöne daran. Malorny skizziert das alltägliche Leben mit all seinen Unzulänglichkeiten …sie dachte noch an Sex, hatte ihn aber nicht mehr…bei schlechtem Licht sah sie ganz gut aus…, seinen Banalitäten, der Langeweile, streckenweisen Sprachlosigkeit …wenn du nichts Originelles zu sagen weißt, dann sag lieber gar nichts, dachte ich…Und schwieg...und unendliche Leere…die ewige Wiederkehr des Gleichen, dieselbe Hölle der Einsamkeit.

Die Geschichte plätschert dahin, wie das Leben an sich in den meisten Fällen auch. Arthur, …eine unsichtbare Null auf unsichtbarem Hintergrund…der Fachmann für unbedeutende Dinge…, trifft in Turin auf seine E-Mail-Freundin Sabine…kann man jemanden lieben, wenn das Hauptinteresse an ihm darin besteht, wie er sich am besten benutzen lässt? Jeder ist auf seine eigene Art ein schlafloser Eintänzer und zugleich einsam, …was man nicht alles essen könnte, wenn es nur jemand zubereiten würde…, trotzdem oder gerade deshalb versuchen sie es miteinander. Und irgendwie bleibt es meist beim Versuch (Streit ist die letzte Option, um Zeit zu füllen…warum, zum Teufel, konnten wir mit dem Glück nicht umgehen?.

Dass sie trotzdem nicht aufgeben, spendet für einen kurzen Moment Trost. Natürlich, wer auf dem Schlachtfeld der Gefühle immer so weitermacht, wie bisher, wird zwangsläufig scheitern: …Die Logik, mit gleichen Mitteln stets das gleiche Ergebnis zu erzielen, findet in der Welt der Gefühle keine Anwendung… Die Beziehung ist marode, wie die alten Leitungen in der Via Fabrizio. Am Ende bleibt nicht viel: …Wenn bereits ein Satz ausreicht, um einem den Tag zu versauen, was soll daraus werden?

Malornys schonungslose Ehrlichkeit macht den Roman berührend, belustigend und erschreckend zugleich. So wie Arthur Malorni im Buch zu der Erkenntnis gelangt, die schon Sokrates hatte: Ich weiß, dass ich nichts weiß, beschleicht den Leser das untrügliche Gefühl, dass auch sein eigener Horizont begrenzt und das Leben eine Art Warteschleife ist, in der man schläft, isst, das Klo aufsucht und wenn man Glück hat hin und wieder liebt, an dessen Ende aber nichts als der Tod zu erwarten ist.

Malorny, immer wieder mit Charles Bukowski verglichen, hat übrigens mit selbigem so viel zu tun, wie sich Papst Benedikt der XVI. um Empfängnisverhütung scherte: nichts. Allenfalls lassen sich, schaut man genau hin, kleine Parallelen zu Pessoa oder Ansätze houellebecqschen Humors ausmachen. Aber Vergleiche hinken immer. Am Ende ist und bleibt der Roma ein purer Malorny. Und das ist schließlich der Sinn eines literarischen Stils: Dass er klar erkennbar seinem Begründer zuzuordnen ist.

"Begegnung in Turin" ist nicht traurig und auch nicht deprimierend, im Gegenteil: Es ist über weite Strecken durchaus amüsant und erheiternd. Allenfalls melancholisch und ein wenig ernüchternd, weil alles nur halb so aufregend  und wichtig ist, als es uns oft erscheint. Man selbst eingeschlossen. …Oft liegen Glück und Unglück beieinander, gestern der Aristokrat, heute der Depp. Und: Der Mensch sollte dauernd auf dem Sprung zu irgendetwas sein, weil sein Leben nur begrenzt Sprünge erlaubt…Reue im Nachhinein ist zwecklos, das Denken im Konjunktiv ebenfalls, wer die Gegenwart verpasst, ist selber schuld…


"Begegnung in Turin"
Hartmuth Malorny
Wiesenburg Verlag
1. Auflage 2015
248 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-95632-257-0
Preis: 14,90 €

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