Sonntag, 6. November 2011

DUCE UND ICH




Samstag, 5. November, 21.32 Uhr
Ich gehe mit meinem Hund spazieren
Ich habe gar keinen Hund
Wenn ich einen hätte würde ich jetzt mit Mussolini
(so hiesse der Mops)
Um den Block gehen
"Ich geh mal mit dem Duce Gassi!"

Als ich so übers Kopfsteinpflaster strauchle
Steht am Strassenrand ein blonder Engel
Keine Flügel aber schöne Locken
Er lächelt zuversichtlich
Lichtdurchflute mich lichtdurchflute mich, denk ich
Der Engel nickt erst
Dann verzerrt er das Gesicht zu einer Grimasse
Der Duce hat sich gerade in seiner rechten Wade festgebissen
Das weisse Gewand des Engels tränkt sich mit Blut
Er öffnet ein Red Bull und fliegt davon

Ich muss ihn loswerden den verdammten Köter, denk ich
"Guck ma da oben", sag ich
Und während Duce dummdreist ins dunkle Nichts starrt
Renne ich und renne und renne
Irgendwas winselt
Ich glaube meine Lunge
Dann ist Ruhe
Im Schaufenster von Radio/TV Meyer laufen Flachbildfernseher
Auf Arte penetriert Marcel Reich-Ranicki den Intendanten des ZDF
Mit seinem Fernsehpreis
Der Intendant lächelt verklärt
Um sein Haupt das Ambilight der Fernsehgeräte
Einem Heiligenschein gleich

"Ich will für Amerika etwas Grosses schaffen"
Sagt Joe the plummer und setzt zwischen zwei Bier
Einen Riesenhaufen in Pyramidenform
Der selbst die Ratten in Ehrfurcht erstarren lässt
Der Psychoanalytiker von Woody Allen
(indianischer Name: ‚Der mit der Adoptivtochter vögelt‘)
Schüttelt resigniert den Kopf
Auf der Couch liegt Obama und blättert in der Bibel
Aus der Ben Becker am anderen Ende der Welt theatralisch rezitiert
Während Mittvierzigerinnen in der ersten Reihe multiple Orgasmen vortäuschen

Die Katzen tragen nachts nicht mehr grau
Sie haben die Schnauze voll vom Einheitsbrei der Pelzindustrie
"Back to black" tönt es aus der Katzenpension am Züriberg
Eine Siamkatze zieht sich gerade eine Line ins zu kurz geratene Näschen
Das Zeug hängt ihr überall im Fell
Ein Subaru Baujahr 82 überfährt in Japan einen deutschen Passanten
Und verschwindet im Nebel von Tokyo
"Andre Länder andre Sitten", röchelt der Passant und tritt ins Licht
Eine Geisha schminkt sich ab und lächelt
Sie hat ihrem Gast heute Fugo serviert
(unsachgemäss zubereitet)
Auch der Gast tritt ins Licht
Der Passant und der Gast tauschen auf der anderen Seite Visitenkarten aus

In Berlin Mitte fällt gerade ein Herzinfarktpatient
Vom Licht in ein finsteres Land
Er fällt ins beschissene Dasein zurück
Wenn man seine Ruhe haben will
Darf man vor allem nicht aus dem Rahmen fallen
Manche Schicksalsübungen übersteht man
Allerdings anders als erwartet
Er jedenfalls hat es gründlich vermasselt
Tränenüberströmt sinkt seine Gattin
Auf den grünen Plastikstuhl im Warteraum der Intensivstation
Und die Nachtschwester kann sich endlich wieder ihrem Azubi widmen
Sie verstehen sich ohne Worte
Er will mal Gynäkologe werden

Ich komme an eine Tankstellte
Da sitzt er wieder
"Mensch! Duce altes Haus", sage ich
"Das heisst Hund! Altes Haus", sagt Duce
"Und wie oft soll ich dir noch sagen, mein Name ist Dutschke!"
"Ja, ja Rudi, April 68, alles klar“, sag ich
Der Duce hebt das Beinchen zum Gruss
Und markiert den Reifen eines tiefergelegten 4er BMWs
"Nimscht Töle weg da oder eins in Fresse"
Ich denke noch meint der jetzt mich oder den Duce
Dieser nette Mitbürger mit Migrationshintergrund
Aber eine Faust in meinem Gesicht beantwortet die Frage bereits

Der Duce wedelt fröhlich mit dem Schwanz
In der Bar neben der Tanke sitzt mein Freund am Tresen
Manchmal fühlen wir uns noch voneinander angezogen
Selten allerdings im selben Augenblick
Unsere Beziehung ist wie die Titanic
Nicht mehr zu retten
Trotzdem steuern wir mal fröhlich auf den Eisberg zu
Wir ham ja nichts zu verlier‘n
Die Unschuld is weg
Die Jugend is weg
Das Geld is weg
Duce is
Is leider nicht weg
Duce hat die Schnauze im weissen Pulver
Und steckt in der siamesischen Muschi
Mein Gott was für ne Sau, denk ich
Hat wohl zu viel Oswald Kolle geguckt
Einfach kein Anstand die modernen Tölen

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